Ewig die Mutter (Eine Gespenstergeschichte, glaub ich)


Auf der Couch bei Professor Freuds Zauberlehrling – Notfalltermin! – Tja, Doktor, wie soll ich nur anfangen? Also ich komme nämlich wegen meiner übermäßigen Mutterbindung. Sie werden sagen, im fortgeschrittenen Rentenalter sollte man diese überwunden haben, oder? Ich finde unbedingt auch. Aber das Problem bin ja nicht ich – die Mutter ist’s, die mich nicht lassen will und kann! Seit drei Jahren hat sie mich nun jeden Morgen, teils um 8.00 Uhr, teils, wenn sie mich mal gnädigst ausschlafen ließ, um 8.16 Uhr, aus Übersee auf dem ominösen Funkradiowecker angerufen, den sie mir, ich vermute, mit Hintergedanken, einst unterschoben hatte. Immer nur angerufen – und nie ein Sterbenswort gesagt! Nur täglich ungemein vorwurfsvolles, beleidigtes, verkniffenes Schweigen! So begann jeder meiner Tage mit Beklommenheit und bleischweren Schuldgefühlen.

Die Gattin war es aber jetzt doch leid, das ewige Schwiegermuttergeglucke, und hat deshalb irgendwas mit diesem verdammten Wecker gemacht, dass er nicht mehr fiept und pickt und stichelt, die Anrufe mithin aufhören. Das war heute Morgen. Und dann ist passiert, was Sie mir nicht leicht glauben werden, ich aber hoch und heilig, sozusagen beim Leben meiner Mutter, ha! beschwöre: Ich sitze also vor der Eisdiele Rialto, um einen Eis-Café zu löffeln – eine gewiss unmännliche, infantile Nascherei, zugegeben – und um dabei arglos das ungewöhnliche Naturschauspiel eines sonnigen Sommertages zu genießen. Aufblickend aber  erstarre ich jedoch selber zu Blitzeis: An einem Nebentisch, keine fünf Meter entfernt, sitzt … meine  Frau Mutter! Mutterseelenallein, was natürlich schon wieder einen stummen Vorwurf beinhaltet, sitzt sie kerzengerade am Bistrotischchen und kramt, wie es ihre Art ist, hektisch in der Handtasche, nestelt neurotisch am Blusenkragen, richtet alle paar Sekunden ihre Frisur und ruckt mit dem Kopf wie eine orientierungslose Hühnertaube. Die Frisur, die Brille, das Gesicht, die verbittet herabgezogenen Mundwinkel, der weh einwärts gewandte Blick – hundertprozentig Mutter, wie sie leibte und lebte, als sie noch lebte! Ist das nicht unfassbar? Mir sträuben sich die Haare auf den Unterarmen.

Was? Sie sagen, es sei sicher ein Zufall, aber nun doch nicht geradezu transzendental irrwitzig, seine eigene Mutter unverhofft in einem Café zu treffen? – Da mögen Sie schon Recht haben, Doktor, aber ich finde es doch, nach allem was ich auf diesem Gebiet weiß, entschieden unpassend für Menschen, die seit mehr als fünf Jahren verstorben sind, in einer Eisdiele herumzulümmeln! Wenn das nun alle Verblichenen so hielten! Wie? Sie meinen, dann wäre meine Mutter ja schön blöd, wenn sie es nicht auch täte? Haha. Sie nehmen mich nicht ernst, nicht wahr? Ob ich gelegentlich an Erscheinungen glaube? Ich glaube praktisch nur an Erscheinungen!

Und selbst an die kaum noch – denn nachdem ich minutenlang wie gebannt zur Mutter hinübergestarrt hatte, trat unvermittelt eine dicke, schwitzende Matrone in hässlichen roten Capri-Hosen auf mich zu und patsche mir überschäumend fröhlich auf die Schultern: „Mann, was fürn Zufall!“ krähte sie enthusiastisch. Um meine Contenance war es endgültig geschehen. Fast begann ich in Tränen auszubrechen. Was wollten denn auf einmal alle von mir? Die dickdampfende Madame in Rot, meiner entgleisenden Gesichtszüge ansichtig, trat ein Schritt zurück, fasste mich schärfer ins Auge, patschte sich vor die Stirn und murmelte verlegen: „Oh. Tschulligung. Eine Verwechslung.“ Sehr, sehr seltsam, oder? Und, nein, Mutter war nach diesem Vorfall keineswegs verschwunden. Sie saß noch immer dort, nestelte, ruckte und schaute wehmütig ins Imaginäre, als ich schon fluchtartig das Café verließ, mich aufs Rad schwang und schleunigst, wie von Furien gehetzt, davon eierte.

„Ooch“, sagte die Gattin mit ihrem gewohnt herzlichen Mangel an Mitgefühl, „wahrscheinlich bist du bloß aus Versehen in ein Paralleluniversum getreten. Geh doch mal zum Kosmogonen oder Ornithologen, dich durchchecken lassen…“ Da wäre ich also, Doktor. Ich bin doch normal, oder hab ich was Ernsteres? Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass die Manipulationen am Funkradiowecker gar nichts genützt haben. Nicht nur, dass Mutter weiterhin durchklingelt – jetzt lässt sie sich überdies noch nicht mal mehr abstellen.

 

 

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2 Kommentare - “Ewig die Mutter (Eine Gespenstergeschichte, glaub ich)”

  1. puzzle Says:

    „Ich glaube praktisch nur an Erscheinungen!“ ist ab heute meine Lieblings-Affirmation. Und der Ornithologe mein Lieblingsdoktor 😆


  2. Die Eisdiele an sich, bester Magister, ist ja schon Pralleluniversum genug; da muss einem keine fetthaltige Capriwurst oder eine halbwegs lebendige Mutter erscheinen, um ein fieses Frösteln am eigenen Unterarm erleben zu dürfen. Es reicht diese schlimme Geruchslage (kaffeeähnlich), das abartige Ankleben der Zunge an widerlich geformten Eissilberlöffeln und die Geräuschkulisse. Ein erbarmungsloses Gemisch aus gurgelnden Schäumgeräten, singenden-klingenden Schälchen und krakeligen Kinderstimmen. Wir lehnen das ab!
    Aber weil’s so fein geschrieben ist, gibt’s jetzt erstmal ne Schoko-Vanille-Erdbeer-Schnitte, mit der wir Dir zuprosten!


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