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Voll schwul (Romantik)

5. Juli 2011

Romantisches Essen, ohne Mutti

Freitag, Fragestunde. Mein serbo-deutscher Nachhilfe-Schüler Milan darf mir wieder Fragen stellen. Meistens sind sie ziemlich persönlich. Lieblingstier, Lieblingsreligion, Lieblingsfarbe, Lieblingsgetränk. „Wein“ sage ich. „Aber neulich, bei uns, da hast du aber BIER getrunken, Lährärr!“ – „Ja“, repliziere ich herzlos, „weil es nichts anderes gab – aber ich hasse Bier!“„Aber Wein?“ – „Ja, den trinke ich gerne. Wenn ich mit der Gattin koche und wir essen, dann gibt es Wein.“ Milan, mit acht Jahren schon immens weltläufig, nickt verständig: „Und mit Kerzen, ne? Und denn Sonnenuntergang! Und nachher geht ihr ins Kino…“ Ehe ich nachfragen kann, fügt er träumerisch hinzu: „Dassis dann … ROMANTISCH, ne?“ Was „romantisch“ ist, weiß er aus dem Fernsehen. Amerikanische Filme. Soviel zum Weltwissen achtjähriger Migrantenkinder. Obwohl er die Grammatik des Geschlechtlichen noch nicht so drauf hat. Was nach dem Kino evtl. noch passieren könnte, bleibt vorerst im Dunklen.

Dass er, wie ich ihm prophezeie, dereinst ein hübsches Mädchen heiraten wird, empfindet er indes als Beleidigung. Ein Mädchen? Das ist ja wohl voll eklig! Ich verzichte darauf, ihm zu erklären, die Alternative wäre, schwul zu werden, weil schwul ist nämlich noch schlimmer als sich mit Mädchen abzugeben. Oder, präziser, strikt nach Schulhoflogik: Sich mit Mädchen zusammenzutun ist „voll schwul“! Sobald Papa tot ist, heiratet Milan deshalb seine Mutter. (Er hat ein beunruhigendes Interesse am Thema „Erben“.) Und fremde Frauen möchte er zuhause nicht haben. Da mich gelegentlich der Hafer sticht, sage ich ihm vorher, dass er in ein paar Jahren verrückt nach Mädchen sein wird. Darüber kann er nicht lachen. „Lährerr“, sagt er ernst, „du machst mich schon wieder Scherz! Hab ich genau gemerkt!

Immer denselben schlechten Scherz machen die öffentlich-rechtlichen Medien mit mir, indem sie zu meiner nie erlahmenden Fassungslosigkeit stundenlang sog. Fürstenhochzeiten übertragen. Das Rätsel, wer zur Hölle so etwas guckt, ist gelöst: Ich! Wenn auch nur drei Minuten, und bestimmt nicht, weil ich das „romantisch“ finde. Kürzlich las ich den Kindermundspruch: „Wenn man Kinder haben will, muss man Sex machen oder heiraten.“ Oder, wenn man aussieht wie ein pummeliger Busfahrer aus Leverkusen, aber ein voll schwuler Operettenprinz und schwer betuchter Spielbanker ist, kauft man sich halt eine schöne Frau und heiratet die öffentlich. Kinder kann sie ja dann vom Bademeister kriegen. Die bildschöne Frau hat ein bisschen geweint, was auch in den Nachrichten kam. Sie hatte wahrscheinlich zu spät geschnallt, wozu Candle-Light-Dinner und Kino-Besuche führen können. Ihr Prinz Albern I. sah übrigens aus, als hätte er lieber Mutti geheiratet, das war deutlich zu sehen.

Abschließend stecke ich mir eine fremde Feder an den Hut. Unsere BILD-Zeitung – ist sie nicht unschlagbar? „In aller Offenheit kann unsere Nationaltorhüterin Nadine Angerer erklären, dass sie mit einer Frau lebe. Undenkbar im Männerfußball.“ – Der ist nämlich voll schwul.

Von nun an bergab

3. Mai 2010

VON NUN AN BERGAB

Neulich auf Patrouille im Viertel. Früher Abend, Vorfrühling. Sonnenuntergang hinter den Hochöfen. Ruhrromantik satt. Näh, watt is datt schön bei uns innen Westen! – Ein glamourös goldfarbener Daimler (!) mit Herner Kennzeichen schwebt neben mir ein, landet an Gate Bürgersteig, das nachtblau getönte Fenster senkt sich lautlos. Drinnen dröhnt türkische Arabesk-Musik mit extra viel Bass und Jefühl. Ein schnieke gegelter junger Smoking-Träger schaut zu mir hoch und brüllt, um die Musik zu übertönen:

„Efendim, Ağabey, nerede ya düğün solonu Aad’lenn’sch’e-trasse?“

Ich schaute, obwohl als Wahl-Niederrheiner jederzeit fest entschlossen, ratsuchenden Fremden jedweden Weg zu erklären, selbst wenn er mir selber absolut unbekannt wäre, hier doch etwas ratlos: Zwar verstand ich als Ehrentürke, daß der Kapitän der Goldenen Fregatte nach einer Spezialgroßgaststätte zum Zweck türkischer Hochzeitsabfeierung suchte, aber obwohl ich mein Geddo kenne wie ein bulgarischer Taxi-Fahrer, hatte ich keinen Schimmer, wo wohl diese „Aad’lenn’sch’e-trasse“ liegen möge. Aufs Geratewohl schickte ich den Goldenen Reiter und seine Festkumpane in eine falsche Richtung. Unabsichtlich aber, ich schwör, Alda!

Erst Tage später wurde es mir, Wunder des Gehirns, aus heiterem Himmel plötzlich schlagartig klar, daß man die Adelenstraße (sprich also: Adéeehlen-Straße) gesucht hatte, eine der ödesten, tristesten Industriestraßen auf dem Hinterhof alter Hüttenwerke in Hochfeld, auf der sich jedoch ein Pracht-Saal für das ethnologisch reizvolle Ritual befindet, das wir als „Türkenhochzeit“ kennen.

Das Etablissement ist eine Art real gewordener feuchter Mädchen- bzw. Märchen-Traum aller Schwiegermütter und altjüngferlichen Nenntanten zwischen Izmir und Van, eine innenarchitektonische Rauschgold-Schoko-Buttercremetorteneisbombe mit Doppelrahmschlag-sahne, Krokant und Nougat-Applikationen, ein seiden-damast-gold-rosa-weiß gestaltete Honigkuchen-Deko-Orgie der perfekten Illusion, eingedeckt, geleckt und steifgebügelt für die große Opern-Ouvertüre vor dem finalen Absturz ins brunznormale Scheißleben: Aah, Hochzeit! Vetter Murat und Cousine Selma (Frisch-Import aus der Heimat) werden hier in Marzipan gegossen, mit Tüll umwickelt und mit Geldscheinen beschmissen. Der Efendi düğün salonu sorgt für das Komplett-Rundum-Sorglos-Paket: Musike (Pop, Arabesk, Folk), Video, Choreographie, Conference etc. Das Schicksal kann ungestört seinen katastrophalen Lauf nehmen.

Wer hätte, erst recht als fremder, deutscher, ungläubiger vulgo aufgeklärter und vom postmodernen Schicksal desillusionierter Gast, das Herz oder die Stirn, Selma über ihre Zukunft aufzuklären? Lieber Volkstanz und Verbrüderungstralala. Aber Deutsche werden eh auch nicht mehr oft eingeladen. Die rund achthundert Leute aus dem Heimatdorf füllen den Saal gut genug.

Als bekennend mieselsüchtiger Bedenkenträger, mache ich mir ja, offen gesagt, je größer, teurer, aufgebauschter der Hochzeits-Trubel-Prunk, um so mehr Sorgen um die dann nachfolgende Ehe. Das gilt übrigens ohne Ansehen der jeweiligen ethnischen Kultur und ist nicht auf Türken beschränkt. Auch bei deutschen Event-Hochzeiten (mit Feuerwerk, Performance und Fallschirmspringen) denke ich meist: Oha! Wenn das werte Mitmenschenpärchen mal die überirdische Aufladung der Hochzeits-Inszenierung im Alltagsleben bloß ratifizieren kann!

Kann es natürlich nie: Was mit dem „schönsten Tag im Leben“ (so glaubt wenigstens Braut Selma, Serab, Aynur, Dilara und Emine!) beginnt, kann danach logischerweise ja nur noch schlechter werden. Wird’s ja dann auch in aller Regel. Mich gruseln Feste, bei denen man sich die Seele aus dem Leib tanzt und euphorisiert, weil man genau weiß: Von nun an geht es nur noch bergab.

Ich weiß, noch immer verschulden sich türkische Familien bis ins Aschgraue, ja bis in griechische Dimensionen, um ihren Kindern eine rauschende Hochzeit mit 800 – 1000 Gästen ausrichten zu können. Das Wohl von Vetter und Cousinchen steht dabei nicht im Vordergrund. In der orientalischen Scham-Kultur zählt die Familienehre, und, um einmal als „großer Herrr“, Bey und Efendi dazustehen, verpfändet man gern das letzte Hemd. Hauptsache, die Nachbarn und Dorfkollegen zollen Anerkennung! Deshalb gibt es spezielle Unternehmen wie Efendi düğün salonu, die dafür sorgen, daß sich keiner schämen muß.

Jedenfalls nicht am Tag der Hochzeit. Was danach kommt? Allahbilir…

Verliebt, verlobt, verpeinlicht: Bonner Knutschfleckchen heiratet Zonen-Urschel

5. Oktober 2009

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Direkt nach der Konfirmation hat der kleine Guido seine Mutti geheiratet. Trauzeuge Horst „Ödipussy“ Seemeier macht, was er als Chefdiplomat aus dem Land des Lächelns gelernt hat:  gute Miene zum blöden Spiel. Mutti hätte es ja auch schlimmer treffen können. Immerhin hat der Bub ja gute Anlagen (in Liechtenstein und der Schweiz, glaub ich) und in seinem Alter schon den schwarzgelben Gürtel im Krisen-Weggrinsen. Ein Lausbub, Laumann und Blaumacher von Format wird aus dem frisch verpartnerten Sympath mal werden, comme il faut und cosi fan tutte, Kameraden! Der seit kurzem onanie-abstinent lebende Jungjurist freit keine blonde Barbie mit Atomhupen, der läßt sich von oberflächlichen Sex-Äußerlichkeiten gar nicht erst geil machen, der greift sich lieber die solide abgehangene Maultrommel aus der Uckermark ab, die Kartoffel mit dem Pokergesicht (Royal Flunsch!), von der er mit Recht erhoffen darf, daß sie ihn samstagabends, wenn regierungsfrei ist, auch mal ordentlich stramm übers Knie legt. Erwartungsfroh strahlt das Arschgesicht schon mal über alle Backen. Wie ein kaputtes, notdürftig mit Tesa geflicktes, noch mal kurz „ans Netz“ gehendes Atomkraftwerk.

Hei, das wird bestimmt dann zünftig, scheint auch der Feld- und Wiesn-Freund Seebeißer zu schmunzeln, dem man eigentlich selbst Absichten auf Mutti nachgesagt hatte, nach dem er der ollen Urschel neulich vom Oktoberfest extra ein Lebkuchenherz mitbrachte bzw. ihr vor die Füße legte, wo draufstand, also auf dem Herz, nicht den Füßen, „Angelika du bist unsere Beste“ oder so ähnlich. Aber Horst Seemann lächelt tapfer. Als Diplomat kann er ja auch schlecht zum Juniorpartner und neuen Hausfreund sagen: „Warum grinst du Blödmann denn so verschwiemelt?!“ So etwas sagt ein Brautführer aus der Hauptstadt der Bewegung nicht. Daher kann der bengelhafte Spitzbub und verliebt in seine Zukunft winkende Außen-Ministrant in spe auch nicht antworten: „Ich freu mich so auf die Kohabitationsverhandlungen! Ich schätz, ich steh ganzganz kurz vorm ersten Koitus!“ Mutti pliert dazu wie gerade selbstbefriedigt in die Kamera und deutet mit den Händen an, wie groß die Welle ist, die der Guido machen kann. Ganz schön groß, oder? Und länger als Zonen-Urschels erste Banane im freien Westen!

(Für diesen unreifen Beitrag bitte ich um Entschuldigung. Ich weiß nicht, so kenne ich mich gar nicht. Was ist mit mir los? Warum mir zu diesen Nasen bloß noch Zoten & mühsam unterdrückte Obzönitäten einfallen, ist mir schleierhaft. Ich schätz, für Politik bin ich zu hohl, unernst, albern und oberflächlich…)