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Wie Immanuel Kant einmal in den Krautsalat fiel

4. April 2012

Kant-Salat

Also das kam so: Der Tag hatte schon „saublöd“ (Karl Valentin) angefangen, mit einem Halbalbtraum nämlich, in dem ich auf die zweifelhafte Idee gekommen war, eine Fahrradtour nach Teheran (!) zu machen. Am Abend wollte ich zurück in Dortmund (?) sein, obwohl ich da gar nicht wohne, und dann hatte ich kein Geld, keinen Pass, sprach kein Farsi, konnte die Schilder nicht lesen und kam aus der gottverdammten Mullahmetropole nicht wieder heraus; überdies war die Stadt auf der 9x7cm großen Weltkarte in meinem Notizbuch irgendwie verrutscht und lag plötzlich am Meer, anstatt im Gebirge, was mich zwang, endlos durch den Teheraner Container-Hafen zu gondeln, kurz, es wurde Nachmittag, die Sonne stand schrägtief, die Muezzine begannen schon von den Minaretten zu quengeln und ich war noch immer nicht aus dem Weichbild der Stadt hinaus – und dann ging auch noch das Licht an meinem Fahrrad kaputt! Wahrscheinlich waren Allahs Ajatollahs mir schon auf den Fersen bzw. Felgen, meine Stimmung entsprechend beinahe weinerlich. – So fängt kein guter Tag an. Und dann als nächstes der Müllschock!

Ich hatte nämlich am Montagmorgen Müll-Dienst und musste die geleerten Tonnen in den Hof verfrachten, eine im Sechs-Wochen-Rhythmus zu absolvierende Pflicht, die ich sehr ernst nehme. Also den Albtraum notdürftig weggeduscht, rasiert, geföhnt, in den legeren Straßenanzug geschlüpft, ohne Krawatte, aber gepflegt, die Stiege herunter auf den Bürgersteig und – Schock! Ein anderer Hausbewohner hatte meine Arbeit schon getan! So etwas kann ich auf den Tod nicht ausstehen! Ich bin eine Art Autist, ich habe praktisch Asperger, ich brauche verlässliche Strukturen und werde verdammt nervös, wenn mir einer in die Ordnung pfuscht. Zitternd hockte ich eine bange Stunde in der Stube, brutal um den geplanten Tagesanfang gebracht. Eine Weile überlegte ich, ob es nicht besser wäre, die Mülltonnen wieder hinauszubefördern, um sie dann ordnungs- und turnusgemäß eigenhändig wieder einzuholen, aber das kam mir dann selbst blöd vor.

Trotzdem, der Tag drohte im Chaos zu versinken. Außerdem waren Ferien, ich hätte die Zeit gehabt, online Solitaire-Mikado zu spielen, meine Weinkorken-Sammlung zu sortieren oder mir strunzdumme Sendungen im Plapperkasten anzuschauen – stattdessen knabberte ich Fingernägel, ventilierte zaghaft halbgare Pläne und beging zahllose, hier nicht darstellbare Übersprungshandlungen, deren Folgen ich dann zu beseitigen hatte. Bloß gut, dass die Gattin nicht da ist, um Zeugin zu werden, was ich anstelle, wenn sie nicht da ist! Ich bin derzeit nämlich nervlich besonders gefährdet, weil ich Strohwitwer bin. Sagt man das eigentlich noch? Strohwitwer? Jedenfalls die Gattin hat derzeit ihre Gesundheitswochen und ist in ein Wellness-Hotel gezogen, wo sie für viel Geld nichts zu essen bekommt, stattdessen aber vietnamesische Gesichtsreflexzonenmassage, Leberwickel und Glaubersalz. Ihr kulinarischer Tageshöhepunkt besteht in der Verabreichung eines Glases Sauerkrautsaft. Mich macht das ganz krank, ehrlich, obwohl sie das freiwillig tut; ohne das gemeinsame Kochen fehlt mir aber der Lebensmittelpunkt und die Tagesstruktur.

Aus Solidarität beschloss ich, wenigstens vegetarisch zu leben und bereitete mir nach Anweisungen aus dem Internet einen Krautsalat mit Tofu-Würstchen zu, um mal zu sehen, wie das ist, wenn man nichts Gescheites isst. Strohwitwerschaftssbedingt schon etwas verwahrlost übernahm ich mich indessen; ich wollte mangels menschlichem Gegenüber an meinem High-Tec-Schreibtisch speisen, guckte also dabei, linker Bildschirn, Fernsehen, beobachtete (rechter Bildschirm) das Internet, strich mit der einen Hand Senf auf die Tofu-Kringel, wollte aber zugleich was nachschauen und hielt deshalb in der Linken zusätzlich noch ein Büchlein von Immanuel Kant. Als aber dann auch noch das Telefon klingelte, begann ich unkontrolliert zu zittern, unvermutet trat Zerebralkrampf ein, die Motorik verschmorte und … Kant fiel in den Salat. – Es handelte sich übrigens um die „Kritik der praktischen Vernunft“.

Ajatollah Schollah-Tour

16. Juni 2009
psl

Ein Bild aus jungen Jahren: Der Haudegen des Verhüllungsjournalismus

KRASKA SCHIESST GRANATEN AUF DEN SPATZ VON PARIS

Einen verwirrrten alten Mann, der nicht mehr weiß, daß ER es selber ist, dem seine eigenen Erlebnisse widerfahren, nennt man einen Alzheimerpatienten. Demenz ist bitter, aber immerhin lernt man jeden Tag im Heim neue Leute kennen. Einen vom Alzheimer-Syndrom bedrohten alten Lebensveteranen und Stammtischler, der seit Jahrzehnten den gleichen unreflektierten Quatsch verzapft, weil er nicht mitgeschnitten kriegt, daß sich die Welt ständig ändert und komplizierter wird, nennt man – mit dem wunderbaren Cartoonisten Walter Moers –  knapp den „alten Sack“; als Comic-Figur handelt es sich um einen greisen, grüngesichtigen, im Rollstuhl sitzenden, fies-miesen Mistkerl, der definitiv den Schuß nicht gehört hat und der, den herannahenden Tod spürend, bloß noch sarkastisch-nonsensikalische Sprüche ablässt und seine Mitmenschen quält. –

Bon, mes amis, aber wie nennt man einen definitiv vor langer  Zeit bereits unwiderruflich hingeschiedenen Zombie-Sack, eine gespenstisch seelenlose und zu hundert Prozent totaldepperte Trockenpflaume und Kardinalerzkatastrophe, deren innere Spieldose schon vor Jahren in die Werkstatt mußte und dort hoffnungslos verkramt wurde, einen tausendmal reanimierten TV-Revenant und traumverloren vor sich hin bramabarisierenden Ghost-Rider, der ausschließlich unter Kamera-Licht aus dem dumpfesten Koma innerer Ausgestorbenheit, ja, Ausgestopftheit für Sekunden erwacht, um, wie das morsche Zirkuspferd, das die Blasmusik vernimmt, noch einmal sich aufzubäumen und den Blender zu geben,  den Zwerg Allwissend und Klassenprimus, den Dr. Weltgeist und Großen Diktierer, den Dr. Best & Besserwisser, kurz, den fulminantesten Knallchargen aller televisionären Expertendarsteller? Den nennt man nicht den weisen Schlomo, nicht Peter Schlehmihl, nein, den nennt man Dr. Peter Scholl-Latour.

Unter den grausen Schnarchsäcken, grimmen Zauseln und greisen Wichtigtuern der prähistorischen Urgesteinzeit des Fernsehens ist er zweifellos der Unvermeidlichste, Wiedergängerischste und Verholzteste, ein für die Ewigkeit in die Mattscheibe gebranntes Menetekel für die Globalisierung des Ungeistes, eine rechte „haltbare Graugans“ (Brecht) des öffentlich-rechtlich politikasternden Geschnatters, ein auf barocke, ja flamboyante Weise ennuierender und enervierender Wichtigtuer, Berufsauskenner und aufgeblasener Journaille-Popanz, ein Hans Krampf in allen Gossen, überall gelegentlich schon mal gewesen und kurz vorbeigeschaut, und daher Experte für Allesundjedes: Jude, Christ und Muselman, Nahost, Fernost, Vietnam, Tod im Reisfeld usw., egal, Dr. Schlaumann schwadroniert in einer Latour drauf los, wie ihm die Nase gewachsen ist, oder, wie der sarkastische Niederrheiner über sich selber sagt: „Von nix eine Ahnung, weiß aber über alles bescheid!“

Von Nordafrika bis Südostasien gab es im letzten Jahrhundert keinen Krieg, den Zwerg Nase nicht angeblich „mitjemacht“ hätte; ein Wunder, daß er noch alle Beine im Schrank hat und die Tassen im Kopf, sind ihm doch schon in Dien Bien Phu „die Granaten ummen Kopp jeflojen, nich wahr?“ Scholl-Latour ist der Universal Soldier, er könnte Marlene Dietrich und Joan Baez erklären, wo die Blumen geblieben sind, er weiß die Antwort, die sonst nur der Wind kennt.  Und so näselt und quengelt sich die wandelnde Nebenhöhlenentzündung seit gefühlten 60 Jahren durch die TV-Talkshows, er hat Werner Höfer noch als Pimpf gekannt, er war schon Schurnalist, als „auf Sendung“ im Studio noch geraucht werden durfte, er ist der Durchblicker, der Auschecker und Wettervorhersager vom Dienst, nicht zu toppen, nicht zu stoppen. Manchmal denk ich, Peter Scholl-Latour ist vielleicht der geweissagte Anti-Christ.

Scholl-Latour weiß: Wie es in den Wald scholl, schallt es retour, also ist er immer dicke mit den Mächtigen, er hat mit General de Gaulle Nasenschach gespielt, er durfte Ho Chi Minh „Onkel Ho“ nennen, er kennt Gott, seinen Stellvertreter und seine Außendienstler alle persönlich, er hat mit Ajatollah Ruhollah Musavi Chomeini den Bart des Propheten gekrault, und immer, wenn wo was los war, ist er „dabeijewesen, nich wahr?“, vielleicht nicht gerade mittendrin, vielleicht nicht grad am Rande, aber bestimmt draußen am Fernsehempfänger. [Der Kenner stöhnt: Dieser ewig unausrottbare Positivismus des Augenscheins! Als ob ein Reporter, der seine zwei Sätze vor dem Weißen Haus in Washington aufsagt, mehr über die USA weiß, als Dr. Kasper Hauser daheim! Irgendwo mal „jewesen“ zu sein, gilt, seit dem wir an deutschen Unis passable Fakultäten für Orientalistik und Islam-Kunde haben, eigentlich nicht mehr als Ausweis irgendeiner Befähigung, außer der, unfallfrei einen von der Redaktion bezahlten Flieger zu besteigen…]

Weil er dunnemals vor dreissig Jahren dem Oberajatollah bei dessen unseliger Machtergreifung in Teheran die Schleppe gehalten hat – der olle Rheumatiker hatte wegen der ächzenden Knochen gern ein paar Schleimbeutel unter sich – gilt Ehren-Ajatollah Schollah-Tour auch als „Iran-Experte“. Als solcher wurde er gestern wieder fürs „Morgenmagazin“ gebucht. Das ZDF ist da beinhart: Schon Großvater hat auf das Expertenorakel des 86-jährigen Näselschnösels gehört, warum sollen wir da jetzt einen Wissenschaftler einladen! Und so kam, was kommen mußte: Sergeant Nase erklärte die Welt, aber so, daß selbst der Interviewerin Patricia Schäfer, die jeden frühen Morgen viel dummes Zeug hört, die verschlafenen Äuglein aus den Höhlen quollen vor Qual, Scham und Peinlichkeit.

Wer da jetzt im Iran gegen den Wahlbetrug protestiere, das seien allenfalls „Hunderte (!), nich wahr?“, und zwar reiche Städter und dumme Jungs. Als ob Wahlbetrug von Breschnew bis Honnecker je darin bestanden hätte, mit der Hand Millionen Wahlzettel zu „verbessern“, analysierte der Naivling messerscharf, so viele Stimmen, wie Achmadinedschad Vorsprung hätte, könne man doch gar nicht so schnell fälschen, und außerdem, „bißchen jeschummelt“ würde doch auch bei Wahlen in anderen orientalischen Ländern, „nich wahr?“, und weswegen man sich darüber so aufrege. Die Deutschen hätten halt, meint der Rechtsreaktionär und Israelfeind, „einen Iran-Fimmel“. Den leben wir seit dem Schah-Besuch 1968 aus. Benno Ohnesorg ist sogar gestorben am „Iran-Fimmel“. Und überhaupt, der Iran sei eine „Insel der Stabilität“, während „wir“, so immer weiter der Quatschnase nach, mit unheilschwanger über die Tränensäcke geschossenem Strategenblick, „dabei sind, den Krieg in Afghanistan zu verlieren“.

Triple-Agent (Deutsch, Französisch, Erdkunde) Scholl-Latour (Abteilung Gegen-Schwadronage) ist ein Mann ohne Bremsen. Einwände bellt er mit einem militärisch knappen „Ach hörnse auf!“ aus dem Schienenweg seiner Vorurteile; Tatsachen, Fakten und Zahlen perlen an ihm ab wie saurer Rekrutenschweiß, er weiß, was er weiß, es ist nicht eigentlich viel, aber eines ist klarzustellen, Kommissar Triefauge tuts mit schnaufendem Genäsel kund: Drei Fragen, drei Antworten – Wer kennt sich aus? Wer bestimmt, was Sache ist? Wer ist der klügste Geostratege, Polit-Catcher und Global-Latour im Lande? Ich, ich und … genau, ich (moi). Sang nicht der hundertährige Udo Jürgens einst: „Mit 86 Jahren, mit 86 Jahren ist noch lange nicht Schluß!“? Gnade, Allah! Bitte ab mit dem Mann – meinetwegen zusammen mit der nächsten Spendenmillion in den Gaza-Streifen. Und dann, wir Hamaz doch! eine klitzekleine Granate ‚rüber hizbollern? Aber das ist natürlich, wie der Nahost-Experte gern sagt, „wishful thinking“.