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Traumkritik

4. März 2014
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Man wird nicht ernstgenommen!

Auch bei Träumen gibt es mehr oder minder erfolgreiche Remakes. Solange das nicht ins zwanghaft Redundante ausartet, ist da gegen ja nichts einzuwenden, auch wenn man sich fragt, was das denn nun wieder soll. – Vor Jahren musste ich, im Traum, als Sechsjähriger, noch im flanellenen Bärchenschlafanzug, in meinem Kinderzimmer eine Doktorarbeit bei Theodor W. Adorno schreiben – mit abgebrochenen Buntstiften auf zweilagigem Toilettenpapier, als Schreibunterlage nur ein grober Sisalteppich zur Verfügung, während Adorno unten mit meinen Eltern am Nierentisch Liqueurwein trank und ungeduldig mit den Fingern auf die Lehnen des 50er-Jahre-Sesselchens trommelte. Er war übrigens taubengrau mit lila Punkten, – der Sessel, nicht Adorno.

Zwei Jahrzehnte später sitze ich in einer altmodischen Druckerei, die eher einem osttürkischen Basar gleicht, und zwar einem, in dem gerade ein Selbstmordattentat stattgefunden hat, und soll, weil es sich um eine Art Workshop handelt, vielleicht aber auch um eine Fortbildung, eine Geschichte schreiben, wobei in der gesamten Druckerei nicht ein einziges Fetzchen unbedrucktes Papier aufzutreiben ist; Schreibgerät gibt es auch keines. Nachdem ich ein furchtbar weinerliches Gezeter angestimmt hatte, des Tenors, ohne Material und Gerät könne ich nicht arbeiten, reichte man mir endlich, höhnisch grinsend, ein Stück Frischhaltefolie und einen lichthellgrau schreibenden, hauchfeinen Drehbleistift: Ich konnte selbst kaum lesen, was ich damit niederschrieb!

Zudem hatte ich meine Lesebrille nicht dabei. Wer setzt denn schon zum Träumen seine Brille auf? Es zog sich dann, dergestalt, dass man mir immer absurdere Surrrogate anbot; in einer Episode sollte ich mit einem komplett ausgelaufenen Filzstift um eine Krankenkassenreklame mit lauter lebensfröhlichen Menschen herum feinziselierte, hochartifizielle Literaturprodukte fabrizieren! Schließlich bestieg ich, entnervt, erschöpft und, wäre ich eine Comicfigur gewesen, gewiß mit lauter Blitzen und Totenköpfen um meinen Kopf herumschwirrend gezeichnet, einen Schusterschemel und hielt eine flamboyante Beschwerderede, in der ich die prekären Verhältnisse scharf verurteilte und vor weiteren Eskalationen warnte.

Das einzige Resultat war, dass man mir mit einer ans Putineske grenzenden Kaltschnäuzigkeit beschied, ich solle nun mal zu jammern aufhören und gefälligst etwas mehr Kreativität an den Tag legen. Kann es mir als Schwäche ausgelegt werden, dass ich unter diesen widrigen, ja niederträchtigen Umständen von meiner Geschichte nur ein einziges Wort ins Wachleben davon- und hinübertrug? Hier bitte dieses Wort. Es hieß: Nopil.

„Was soll das denn heißen?“ fragte die Gattin, der ich zum Frühstückskaffee den ganzen Quatsch brühwarm auftischte. „Ich habe keinen Schimmer“, antwortete ich, „es handelt sich um einen Namen, glaube ich, den Namen eines irgendwie unglücklichen, vom Schicksal hartherzig und mit tiefgefrorener Stiefmütterlichkeit behandelten Menschen…“„Du Armer“, murmelte die Mütterliche und bedachte mich mit einer Serie rascher, rhythmischer Schulterklopfer, die sie als „eben selbst erfundene Therapie gegen Verspannungen“ apostrophierte. – Kein Zweifel: Traum und Realität konkurrierten darin, mich nicht ernst zu nehmen!

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Ehrendoktor für zu Guttenberg!

18. Februar 2011

Der Doktor, dem die Frauen vertrauen

Die nationale Erregungsgemeinschaft treibt ein neues Ferkelchen durchs Dorf: Karl Theodor zu Guttenberg, amtierender Baron Münchhausen von Berlin und zu Kunduz, soll seine Dissertation mit Fremdmaterial aufgefüttert haben. Ach, Herrjeh! Was für ein Aufreger! Hatten wir doch bisher gedacht, unsere führenden Politiker seien allesamt Geistesfürsten, Brillanzexzellenzen und Intelligenzquotienzpotentaten, wandelnde Kompetenzcenter und akademische Ordinariatsorakel! Und nun das! Der Haarölprinz hat „geschummelt“. „Plagiat, Plagiat“, schreien alle, die gar nicht wissen, wie man das Wort „Dissertatation“ überhaupt schreibt. Sonst haben wir keine Sorgen. Unser oberster Heerführer stolpert über fehlende Fußnoten!

Leute, darf ich höflich anfragen, wie naiv ihr seid? Glaubt ihr ernsthaft, ein Berufspolitiker, der zwölf Stunden am Nachmittag im Heli von Termin zu Termin fliegt, kann ständig überprüfen, was ihm seine Referenten für Textbausteine zusammenklauben? Denkt ihr, der Mann hätte die Zeit, 450 sturzbrunzlangweilige Laberseiten mit zwölfhundert Fußnoten selber zu lesen? Bloß weil es sich um seine eigene Diss handelt? Dafür hat man Assistenten! (Die gehören jetzt natürlich zeitnah entlassen.) Wer jemals an einer geisteswissenschaftlichen Dissertation gesessen hat, weiß, daneben noch einen Vollzeitjob durchzustehen, ist völlig unmöglich. Wer glaubt, Dr. Helmut Kohl, Dr. Guido Westerwelle etc. hätten ihre Doktorarbeit mühselig selber zusammengeforscht, der glaubt auch, dass der alte Mann im roten Mantel im Dezember Geschenke bringt.

Außerdem leben wir in der Post-, wenn nicht sogar in der Postpostmoderne: Die Ära der Zitate, Samples und Collagen. Sollen jetzt vielleicht alle DJs, Rapper und HipHopper jeden ihrer Samples mit Fußnoten versehen? Wie soll man die denn singen? Originalität heißt heute, geschickt und kreativ zusammenzubasteln, was es schon gibt. Wenn das schon für Hits gilt, warum dann nicht für sehr viel weniger groovende Wälzer über Verfassungsrecht?

Ob sich der alert-aalglatte Freiherr jetzt Professor, Lügenbaron oder König Ohneland nennt, ist mir doch egal! Dass der Sproß einer uralten Dynastie notorischer Rosstäuscher, Bauernauspresser und Parasiten ein Blender und cremeschnittiger Windbeutel ist, wurde von Fachleuten schon lange vermutet. Ja und? Was für Politikerdarsteller wollt ihr denn? Vielleicht Rainer „Prost“ Brüderle? Das knopfjackige Merkelmuttchen? Den Weißschopf-Steinbeißer? Den umtriebigen Triebschwätzer Siegsam Gabriel? Haben die vielleicht attraktive Blondinen an ihrer Seite? Können die mehrere Sätze mit Inhalt auswendig geradeaus aufsagen? Sind die in der Lage, hier, dings, Kompotenz von und zu vermitteln? Na bitte!

Ich stehe zu Karl Theodor und seinen Referenten. Und wenn die Uni Bayreuth ihm jetzt womöglich seine Collage vermasseln will und das „summa cum lausig“ zurücknimmt, dann wünsche ich ihm als Trostpreis einen echten Ehrendoktor. Auf den Bahamas gibt es so etwas schon für ein paar Tausender.