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Tiere in der Stadt

11. Juli 2013
Alopochen-aegyptiacus

Verflogen?

Eben vorweg: Auf dem Rad zum Salatladen begegnete mir ein kleinerer Schwarm Postboten. Eifernd schnoben sie an mir vorbei und stießen aus ihren Nüstern weißen Qualm direkt in den vorne oben vor ihnen befindlichen Himmel, denn es war noch bitterer Wintermittag und in der Kantine gab es gute Suppe, bestimmt mit ordentlich Wursteinlage. Ich finde es schön, wenn Vorkommnisse erklärlich sind. Mögen Kausalitäten sich stets wohlig aneinander schmiegen, ohne hässliche Lücken zu lassen, in denen dann Schmuddel-Kommissare mit Ehe- oder Alkoholproblemen übermüdet und lustlos herumstöbern müssen!

Momentan übe ich fleißig das Affirmieren und Schönfinden, denn im Grunde ist mir nach Mieseln und Maulen, aber das nervt ja und macht alt. Schön zum Beispiel ist es ja wohl, was das ZDF mir neulich über den Papst mitteilte: „Der Papst ist nicht nur Südamerikaner, sondern auch Argentinier“. Wie es scheint, kehrt die Zeit der Doppelbegabungen zurück! – Doch nun endlich zur urbanen Fauna. Ausdrücklich begrüße ich im Stadtbild zurück den Eichelhäher, das mausgraue Moppeltaubenhudelhuhn und vor allem den stattlichen Königspudel. Letzteren hielt ich für leider ausgestorben, aber jetzt sieht man ihn hier und da wieder elegant federnd durchs Viertel traben, wobei er seine bescheuerte Frisur, für die er ja nichts kann, mit denkbar schnippischer Würde zur Schau trägt. Deutlich kühler begrüße ich indes den feinen Herren Marder, der uns den Kühlschlauch zerbissen hat. Lasse Er das inskünftig, Mistvieh!

Erlebnisse mit Tierbezug sind für den Städter generell eine willkommene Abwechslung vom Bad im Häusermeer. Gewiss, der meinungsfreudige Landmann, die hart arbeitende Landfrau, sie denken anders, sensibler, orientiert mehr an Nutzen und Frommen. Sie perhorreszieren den Schädling, den Wühler, den Beißer, das Bierschneckerl. Als metropolnisch-urbaner Tierfreund finde ich indes: Auch Bizarrem begegne man doch bitte mit höflichem Wohlwollen. So las ich mit solchem kürzlich, weil irgendwo bei uns eine Population possierlicher Biber nach erfolgter Auswilderung mittlerweile auf die stolze Zahl von fünfhundert Exemplaren angewachsen sei, hätte man sich behördlicherseits jetzt notgedrungen durchgerungen, Biberberater einzustellen. Dieser Beruf war mir neu, aber ohne Beratung geht ja heute nichts mehr; worin aber der spezielle Beratungsbedarf des Bibertums bestehen mag? Ich weiß es nicht. Wird vermutlich was mit Integration zu tun haben.

Stundenlang trug ich mich mit dem Plan, einen Song mit dem Titel „Ach, ich bin nur ein biblisch biederer Biberberater aus Biberach“ zu komponieren. Passend würde ich es von einer aus beleibten älteren Bandscheiben-Herren bestehenden Reggae-Truppe aufführen lassen, welche Biberkostüme mit enormen Überbiss-Schneidezahnprothesen trüge, wodurch der Text auf charmante Art vernuschelt und verlispelt heraus und herüber käme. Die feiste Landjugend würde höflich zum Mitsingen und -klatschen eingeladen sein, falls sie das gleichzeitig kann.

Im Übrigen ist mir klar, dass solche Projekte unter starkem Vergeblichkeitsverdacht stehen. Blütenreich duften die Wiesen und Weiden im Ideenhimmel und wem danach ist, der darf dort nach Herzenslust naschen und pflücken; leider erweist sich die mitgebrachte Ernte im Lichte morgendlicher Realität bzw. wiedererlangter Nüchternheit allzu oft als bereits hoffnungslos, d. h. irreversibel verwelkt. Dann heißt es, auf Lesefrüchte zurückgreifen: Über eine Gegend am Niederrhein las ich entzückt in der Rheinischen Post, bemerkenswert sei dort nicht zuletzt das Vorkommen des „nächtlich rufenden Weinhähnchens“. Darüber klatschte ich innerlich vergnügt in die Hände – wie innerliches Händeklatschen geht, erkläre ich ein andermal –, denn so ein nächtens rufendes, ja zuweilen sogar lauthals singendes Weinhähnchen war ja auch ich einmal; ein klein wenig enttäuscht erfuhr ich dann allerdings, das nachtaktive coq au vin sei streng genommen nichts als eine kleine Heuschreckenart, nämlich eine Blütengrille. Was Tiere sich immer für Namen zulegen!

Oder naive Navis. Gestern hatte ich am Rheinufer (im Geddo!) eine intensive Begegnung mit einem großen bunten Vogel. Es handelte sich um eine schnieke Nilgans, die nervös herumtrippelte, einigermaßen skeptisch, wenn nicht schon verstört über den Strom schaute und dabei insgesamt eine große Verlorenheit, ja geradezu Verflogenheit ausstrahlte bzw. verdeutlichte. Ihr Köpfchen mit dem eindrucksvollen Augen-MakeUp ruckte zweifelnd hin und her – und für einen einzigartigen Moment des Weltlaufes konnte ich genau verstehen, was sie dachte, und zwar dies: „Afrika, Afrika? Nie und nimmer ist das hier Afrika!“

 

Bubikopf, Einschlafbier, demokratischer Fisch-in-Tomatensauce (Ein Gespräch über Madonnas Achselhaare)

10. Juli 2009
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Stilikone Madonna in der Neigungsnische (Foto: Lee Friedlaender, PLAYBOY 1985)

Innerfamiliär schätzen wir das bekannte Gute Gespräch. Neulich beim Abendbrot haben wir uns in der Runde z. B. lange über Madonnas Achselhaare unterhalten. Einig war man sich insofern, daß Madonnas Style heute – also dieser Typ abgemagert-hager-sado-sehnige Fitness-Tucke – uns ja nun überhaupt nicht anmacht. Die Frau sieht aus wie eine sm-hardcore-lederlesbische Turnlehrerin im Stadium fortgeschrittener Unterleibsverbitterung! Dassisdonnich schön! flöteten wir unisono.

Ich gab dann damit an, daß ich mal das PLAYBOY-Heft von 1985 besessen habe, worin nachträglich Aktfotos der 17-jährigen Karriere-Beginnerin abgedruckt waren, die da noch  Madonna Louise Veronica Ciccone hieß und ein reizendes italienisches Pummelchen-Frollein war, dazu südländisch-mediterran, also ungemein großzügig körperbehaart. Auf den künstlerischen (ha!) Schwarzweißfotos, ich erinnere mich erschauernd noch heute, stach ihr flamboyantes, lockig-buschiges, pechschwarzes Achselhaar einigermaßen provokant ins Auge. Unvorsichtigerweise gestand ich, dies damals „irgendwie auch sexy“ gefunden zu haben, worauf die 21-jährige Tochter des Hauses pantomimisch einen Kotzwürganfall andeutete und mich mit weit aufgerissen-überquellenden Augen puren Ekelentsetzens anstarrte, als hätte ich gerade zugegeben, von Sex mit Königspudeln zu träumen. So kamen wir auf das Thema Haare.

Nebenbei, Schwarzweißfotos und Haare: Frau Gülcan Kamps (26, Abitur in Lübeck) hat nicht nur im Fernsehen ihren Brötchen-Prinz geheiratet, sondern auch an der Quizsendung „Was denkt Deutschland?“ teilgenommen. Ausweislich eines Radiomitschnitts ist herausgekommen, was die VIVA-Moderatorin selber denkt. Sie denkt, auf Schwarzweißfotos sind weiße Haare schwarz und schwarze Haare weiß abgebildet. „Du meinst Negative“ hält man ihr daraufhin vor. „Nee, überhaupt nicht“, antwortet sie da, „ich mein das gar nicht negativ…!“

Haare gehören zu den evolutionär eigentlich längst überholten Sachen, um die Menschen ein dennoch riesiges Gewese machen. Es wird unentwegt gestylt, gelockt, getönt, gesträhnt, geföhnt, gegelt, gescheitelt, wachsen gelassen, abgeschnitten (stufig!) oder wegrasiert, aufgetürmt, verfilzt (dreadlox), kunstverstrubbelt (Schlingensief), geflochten und noch weißderteufelwas. Manche, wie der Internet-Prominente Sascha Lobo, gelen sich das Haupthaar zu einem feuerroten Irokesen und können ganz gut davon leben. Andere fühlen sich morgens suizidal, weil „einfach die Haare nicht sitzen“. Der aus haarigen Verhältnissen herausgewachsene Herrenfrisör Udo Waltz ist zur Kanzler-Beraterin und gefragten Society-Tucke aufgestiegen, weil er sich gut mit Ministerinnenfrisuren auskennt.

Frisuren sind derjenige Teil einer Weltanschauung, den man sehen kann: Glatzen (Skins, Neo-Nazis, Werbe-Fuzzis) und Vokuhilas (Zuhälter, Fußballprofis, Muckibuden-Betreiber) können bei der sozialen Einordnung des Gegenübers helfen; auf Heavy Metal-Konzerten sieht man im Schnitt 35% mehr Haare als bei einem Gig von Placebo oder Jan Delay. Ob Haare als hip oder gar „sexy“ empfunden werden, hängt von der Stelle ab, wo sie wachsen, und auch noch von Mode. Ich wuchs in Zeiten auf, als der Schnauzbart en vogue war, den später nur noch Polizisten trugen, leistete mir dann, weil es mit meiner Nasenlänge harmonierte, einen Bart à la Frank Zappa; noch später erwog ich die Anpflanzung eines Grunge-Ziegenbärtchens, was mir aber meine Frau geschmackvollerweise untersagte.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hielten es die subtilsten Erotiker der Republik für ungemein erregend, wenn eine Dame einen sog. Bubikopf trug. Es gab eigens von irgendeiner Hochkulturzeitschrift eine Umfrage unter Geistesgrößen, was man von so einer neumodischen Kurzhaarfrisur denn zu halten habe. Sogar Thomas Mann hat es sich damals nicht nehmen lassen, einige verschwiemelte Gedanken hierüber ins Schriftdeutsche zu stelzen. Noch Ernest Hemingway, der alte Männlichkeitshaudegen, Entenjäger, Kriegstrinker und Frauensäufer, kriegte sich erotisch gar nicht mehr ein, wenn er davon schrieb/träumte, mit einer Kurzhaarfrisur tragenden Frau zu schlafen. Es kam vermutlich seinen krypto-schwulen Neigungen entgegen; das Irisierende, Oszillierende und Irritierende von Mädchen mit Jungshaaren hat ihn genauso wie Thomas Mann schwer angefackelt.

Heute finden Mädels aller Frisurklassen und Haarkreationen die verdiente erotische Beachtung, vorausgesetzt, sie beherrschen den Umgang mit einem lady shaver. Das allerdings soll ein Muß sein. Die Rasierklingenschmiede und Rasierschaumschläger reiben sich schon seit einiger Zeit die geschäftigen Hände: Die großflächige Epilation haarwuchsverdächtiger Körperregionen wird im 21. Jahrhundert zur zivilisatorischen Selbstverständlichkeit und ästhetischen Hygienepflicht! Eine befreundete Vielbeschäftigte, die sich freimütig gewisse exzentrische Entspannungshobbys leistet, berichtete mir jüngst, im zeitgenössischen europäischen Porno-Film seien mittlerweile auch die meisten Männer bereits Vorreiter glattrasierter Rundumtadellosgepflegtheit, und zwar durchaus auch, wie die Freundin mit hochgezogenen Brauen erläuterte, „unten rum“! Der ethno-anthropologische Beobachter registriert diese Entwicklung mit wohlwollendem Interesse.

Ein anderer Freund überraschte mich mal mit der emphatischen Behauptung, es sei für ihn „Demokratie“, daß er das verbriefte Recht hätte, nachts um drei Uhr noch eine Dose Fisch-in-Tomatensauce zu öffnen und zu seinem Einschlafbier genüsslich auszulöffeln. Als ich einwendete, meines Wissens hätte noch kein Diktator der Welt Fisch-in-Tomatensauce verboten, noch auch den Nachtverzehr desselben reglementiert, patzte er zurück, ich hätte eben einen anderen Freiheitsbegriff. – Für mich ist eher Demokratie, daß in der offenbar strikt geordneten und durchkategorisierten Welt der Internet-Pornographie inzwischen schon wieder auch für passionierte Behaarungsinteressierte eine Nische mit Bildern und Filmchen bereitgehalten wird, die Frauen von der Art der jungen Madonna Ciccone beinhalten. Vorbei die Zeit der genormten Einheitserregung! Laßt hundert Blumen blühen! Bzw. Neigungsnischen locken. Übertrieben finde ich bloß, wenn Männer sich neuerdings nicht nur die Beine rasieren, sondern auch die Brauen in Form zupfen. Solch effeminierten Spleen pflegte man meines Wissens zuletzt in der römischen Spätantike, und was aus dem Imperium dann geworden ist, wissen wir ja.

Den PLAYBOY mit den Madonna-Bildern habe ich irgendwann eingetauscht, gegen eine Mundharmonika. Zum Glück kursieren die Fotos aber noch im Internet.