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Sparbuchführung

18. September 2012

 

Sparbuch geschrieben: Schmähmeister PS

Sparbuchdenker. „Man hätte eine Sonne werden sollen, und ist ein Sparbuch geworden“, schreibt Peter Sloterdijk in eines seiner Notizbücher, die er jüngst zu veröffentlichen für nötig hielt. Ob das „man“ eigentlich „ich“ heißen wollte, bleibt offen. Soll man in diesen Notizbüchern schmökern? Doch, doch, warum nicht? Der sympathische Zausel denkt ja wie gedruckt. Freilich, zu den üblichen hübschen Sprachspielereien, gelegentlichen Luziditäten und den unvermeidlichen hirnschwurbeligen Verstiegenheiten tritt jetzt schon ein wenig intellektuelle Altersarmut hinzu. Ich wüsste jedenfalls zum Beispiel nicht, was mir die Mitteilung eintragen sollte, dass der rastlose Fernsehphilosoph zu Hubert Burdas 70. Geburtstag ins Schloss Bellevue eingeladen war. Aber zugegeben, Sloterdijks Eitelkeiten sind immer noch hundert Mal erträglicher, als wenn Kasper David Precht im TV pantomimisch Nachdenklichkeit simulieren will, was eine so überanstrengte Vergeblichkeitsmühsal darstellt, dass einem schon beim Zuschauen der Schweiß ausbricht.

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Lustvoll. Darüber zu maulen, dass einem ständig Sachen mitgeteilt werden, die man überhaupt nicht wissen will, gehört zu den eher flauen Abgedroschenheiten feuilletonistischer Kulturmäkelei, ich weiß, aber dennoch, zuweilen schrickt selbst der abgebrühte Apokalyptiker zusammen: Auf einer frühherbstlich besonnten Fahrradtour durch die Stadt tritt mir aus einer Plakatwand eine etwa 72 Jahre (wie Hubert Burda!) alte Dame entgegen, die ein bisschen aussieht wie eine ältere Schwester der Schauspielerin Jutta Speidel, und brüllt mich in ca. 22,5cm hoch erigierten Lettern an: „Ich will’s lustvoll.“ Dazu schenkt die Dame im grauen Wollkleid mir einen Blick von einer Verschwiemeltheit, die tief blicken lassen möchte. Im Kleingedruckten befiehlt sie ferner knapp militärisch: „Mach’s. Aber mach’s mit.“ Leider besitze ich nicht die mentale Disziplin, darauf zu verzichten, darüber nachzudenken, was die Dame mit diesem dreifachen „’s“ meinen könnte und worauf ihre elliptische Andeutung letztlich hinausläuft. Immerhin gelingt es mir, mein visuelles Vorstellungsvermögen zu zügeln, bzw. zurückzupfeifen. Die Schamfreiheit mancher Mitmenschen imponiert mir. Ich würde für so eine Plakatkampagne nicht zur Verfügung stehen, weil ich mir vorstelle, wie ich an der Lidl-Kasse stehe und hinter mir tuschelt es andauernd: Hey – ist das nicht der alte Sack, der’s lustvoll will?

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Drittkleinster Satan. Ein Foto, das durch die Weltmedien ging, erheitert mich seit Tagen aufs Ungebührlichste; es stammt aus einer Kultur, in der es für Männer zu den angestammten Üblichkeiten gehört, lange Hemden und wild gesträubte Bärte zu tragen, wie angestochen mit den Armen fuchtelnd auf die Straße herum zu traben und dort lauthals, mit geschwollenen Halsadern Mord- und Hassparolen brüllend, fremder Leute Häuser anzuzünden sowie, nach Möglichkeit, Unschuldige zu massakrieren. Man muss das verstehen: Damit wollen sie legitimer Weise zum Ausdruck bringen, dass jeder, der ihre Religion dumm, hasserfüllt und gewalttätig nennt, den Tod verdient. Politiker in unserem Riesenzwergstaat äußern dafür vorsichtiges Verständnis. Aber jetzt zum Foto. Da steht einer jener Kulturträger vor der brennenden deutschen Botschaft im Sudan oder wo und versucht, mit einem Bic-Feuerzeug eine deutsche Flagge anzünden. So weit so na ja, gut. Da aber die muslimische Empörungsindustrie derzeit Lieferengpässe hat und Deutschland, nach den USA und Israel, bloß ein drittkleinster Satan ist, hat der Randalen-Vandale bloß so ein winziges schwarz-rot-goldenes Zipfelchen aufgetrieben, das in der DDR einst „Winkelement“ hieß und außerdem, wie es die deutschen Verbraucherschutz-Richtlinien wollen, auch noch äußerst schwer entflammt. Ich finde, das ist eine wundervolle Metapher, wofür darf sich jeder selbst aussuchen.

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Schmähmeister. Übrigens hat Peter Sloterdijk den Precht kürzlich als „den André Rieu der Philosophie“ bezeichnet, für den sich hauptsächlich „spätidealistische Damen über 50“ interessierten. Wo er Precht hat, hat er Recht. Vorerst bleibt der Schmähhans unser Küchenmeister!

Trotzdem. Deprimiert im Paradies

13. März 2011

Manchmal, angesichts gewisser Nachrichtenlagen, schäme ich mich für mein entbehrliches Verbrauchergeschwätz in paradise county. Ich meine, mein Gott! Libyen brennt, der Sudan hungert und in Japan droht der Katastrophen-Overkill – und was mache ich? Mich über die fehlende Aromatisierung eines Kaffees in einem x-beliebigen Frühstückscafé ereifern? Wirke ich nicht wie ein Idiot, ein ignoranter Stoffel? Doch, doch, unvermeidlich. Der Globus fliegt uns gerade um die Ohren, und ich habe nichts Besseres zu tun, als Ciabatta-Beläge zu bewerten! Bin ich noch zu retten? Wahrscheinlich nicht. Ich bin ein Décadent, ein überflüssiger Genussdandy, ein menschenverachtender Zyniker, ein Trivialitäten-Bestauner! Tut mir leid. Nach Menschheitstragödien heißt es immer: Das Leben geht weiter. Und wer ist schuld? Wir Banalitäten-Bastler.

Andererseits hab ich seit früher Kindheit das Gefühl, das Elend der Welt zwänge mich nicht automatisch dazu, alles, was mir widerfährt, gut zu finden, nur weil es allen anderen noch viel schlechter geht. Eine stehende, oft wiederholte Redensart meiner Mutti, wenn ich meine verkochte Spinat-Pampe mal wieder nicht essen wollte, lautete, dass hungernde Kinder in Indien froh wären, wenn sie meinen Spinat essen dürften. Für die Antwort, darüber wäre ich auch froh, bekam ich regelmäßig eine geschallert. Diese nicht restlos gewaltfreie Erziehung hat mich übrigens nicht zu einem besseren Menschen gemacht, ich bin bloß wehleidiger geworden.

Aber mal realistisch: Was genau soll ich machen, um mich nicht wie ein Depp zu fühlen? Ich bin weder Erdbebenhelfer noch TV-„Atom-Experte“, und was eine Kernschmelze ist, musste ich sogar erst googeln. Also geh ich bloß Kaffee trinken, zwänge mir appetitlos ein, zwei Ciabatta rein, puste fassungslos in meinen Milchkaffee und starre auf die Schlagzeilen der ausliegenden Tagespresse. Ich bin deprimiert, aber das ist normal, das kann ich nicht mal auf Erdbeben, Tsunamis und Nuklearkatastrophen schieben. Und auf das Café erst recht nicht, das ist ganz gut. Ich wäre selbst in Xanadu deprimiert oder unter resp. auf 72 Jungfrauen. Apropos: Überfordert bin ich auch. Die Gleichzeitigkeit des Unvergleichbaren macht mich krank. Zehntausende verrecken im Schlamm, Tausende werden vom eigenen Diktator bombardiert, am Nebentisch quatschen eine MILF und drei mittelhohe Töchter über Modekram und ich trink gemütlich Kaffee und überlege, ob ich noch so ein leckeres Ciabatta mit frischem Rührei bestellen soll. It’s a wonderful world. Jetzt bloß nicht larmoyant werden und in die Tasse weinen, denn der Kaffee ist eh schon nicht übermäßig stark. Das Leben geht weiter.

Deswegen ist jetzt auch aus der „Mokka-Bar“ das „Lu-cafe.de“ geworden; die Leitung ist nicht mehr polnisch, sondern italo. Meinetwegen gerne. Es gibt schmackhafte Ciabatta, mittags auch Pasta & Co. Die Karte klingt appetitlich. Die Kaffee-Spezialitäten können mit denen des „Fino“ am Salvatorweg nicht ganz mithalten, sind aber immerhin trinkbar und ziemlich preiswert. Bequeme Sitzgelegenheiten gibt es noch immer keine, aber was zählt das schon angesichts einer halben Million Obdachloser in Japan. Man mahnt sich zu Bescheidenheit. Den neuen Betreibern wünsch ich Glück und Erfolg. Cafés, in denen man ungestört vor sich hin deprimieren darf, kann es nie genug geben.

Oder fast ungestört. Beim Warten am Tresen sagt jemand hinter mir: „Hallo!“ – „Hallo!“ antworte ich reflexhaft. Darauf der Mann hinter mir hochnäselnd: „SIE habe ich nicht gemeint!“ – „Egal“, hör ich mich sagen, „…trotzdem!“ – Ich hoffe, ihm wird das zu denken geben. Den Tag mit einem „trotzdem“ im Frühstückscafé zu beginnen, schien mir im nachhinein eine gute Idee.