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Die Reise nach Paderborn (III)

14. August 2013
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Reiseleiter Raymond Roussel. Von ihm lernen, heißt reisen lernen

Weißt du was – ich glaub, ich werd allmählich spirituell frigide“, teilte ich der Gattin mit, nach dem wir den Dom sowohl umrundet als auch durchquert hatten, „dieser katholische Prunkpunk lässt mich heute total kalt … und überhaupt … jetzt sind wir schon zehn Minuten in Paderborn und…“ – „…und dir will’s nicht fromm werden?“ So in etwa. Eine Weile Schweigen. Da unsere Gehirne vernetzt laufen, konnten wir einander denken hören. „Erinnerst du dich an Raymond Roussell?“ fragte ich beiläufig. – „War das nicht dieser ulkige Schriftsteller und fanatische Schachspieler, der praktisch das Wohnmobil erfunden hat?“ – „Genau, und das er auch fast nie verlassen hat, auf Reisen, höchstens mal, um irgendwo ein Foto von sich machen zu lassen. Aber ich meine jetzt die Sache mit Afrika…“ Die Sache mit Afrika war nämlich folgendermaßen. Der sensible Dandy Roussell hatte einst ein Buch über den dunklen Kontinent in Planung und sich zu diesem Zweck Richtung Marokko oder so eingeschifft. Vor der afrikanischen Küste ließ er den Dampfer aber dann ankern, verkroch sich in seine Salonkabine und schrieb dort seine berühmten „Impressions d’Afrique“, ein Buch, dessen Farbigkeit keineswegs dadurch beeinträchtigt wurde, dass sein Autor den schwarzen Erdteil nie betreten hat. Im Gegenteil.

Willst du damit andeuten, für dich wäre es ein akzeptabel cooler Ausflug, zweihundert Kilometer nach Paderborn zu fahren, dort vergeblich einen Parkplatz zu suchen, einen scheelen Blick auf die Passanten zu werfen – nur um dann unverzüglich die Rückfahrt anzutreten?“ Dem Ton konnte ich nicht entnehmen, ob dies eine Fangfrage war; ich blies erstmal betont neutral die Backen auf und machte etwas, das ich für ein Pokergesicht hielt. Das erwies sich als überflüssig. Die Gattin hat zwar den Schwarzen Gürtel in Pragmatismus, ist aber gelegentlich auch dem Wahnsinn auf gesunde Weise aufgeschlossen. „Aber lass uns wenigstens einen Ausstellungskatalog kaufen, damit wir eine schöne Erinnerung an Paderborn heimbringen!“ Abgemacht, gemacht und abgehauen. Schon bald tauchte Paderborn dort auf, wo man es am liebsten sieht, im Rückspiegel. Haha.

Kurz hinter Paderborn fanden wir eine anheimelnde Einöde resp. Gewerbewüstenei mit einem Autohof drin, wo ein Sternenbanner-Schild uns mit den Worten „Welcome to America“ in die Arme schloss, uns die Hände schüttelte und auf beide Wangen küsste. Ein fast original amerikanisches Diner machte auf diese weltmännische und herzliche Weise auf sich aufmerksam. Freie Parkplätze gab es zu hunderten, da konnte sich Paderborn mal eine Scheibe abschneiden! Wir ließen uns also nicht lange bitten, sind da schnurstracks hinein und haben, ohne zu fremdeln oder anti-amerikanischen Gefühlsumtrieben Platz zu geben, nach Herzenslust Cheeseburger mit Riesenhaufen French Fries gespachtelt, mit Mayo und Ketchup, das volle brutale Programm, herrlich, weil Reisen macht hungrig. Unsere Laune hob sich und erreichte Höchstwerte. Zwar hatten wir ca. vierzig Kilo zugenommen, aber das war nur wegen dem zweibändigen, hundsgroßen Katalog, den wir mitschleppten. Am Abend haben wir den Doppeltrumm gemeinsam beim Wein durchgeblättert und uns gleich noch mal gefreut, denn hätten wir all die ausgestellten Dingelchen und Sächelchen zu Fuß abklappern müssen, wäre das eine kaum zumutbare Strapaze gewesen. Dergleichen müssen ältere Menschen nicht mehr durchmachen müssen! So aber hatten wir genügend Energie übrig, gar nicht müde zu werden, einander zu versichern, was für ein schöner Ausflug die Reise nach Paderborn gewesen war.

Die Gattin wurde trotz Schluckauf sogar übermütig, hob das Glas und verkündete: „Das nächste Mal will ich nach Lourdes!“ – „Es sei denn“, gab ich mäßigend zu bedenken, „man könnte sich den Segen und das Heilige Wasser auch im Internet bestellen..“

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Die Reise nach Paderborn (I)

6. August 2013
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Der Erzbischof mit einem Grand Flush (Foto: nw-news.de)

Da hatten wir das Malheur: Stickum wuselnde Unrastratten hatten meinen festen Vorsatz zernagt, nie wieder im Leben eine Reise, eine Ausfahrt oder Pilgertour zu unternehmen, jedenfalls nicht in der heißen, stickigen, hirnverbrannten Realität. Pah, Vorsatz! Nur noch Brösel übrig. „In Gottes Namen, Frau“, stöhnte ich, „mir geht das enuyierende Gezeter der Islamerer hier auf den Nerv, ich muss kontrasthalber und als Remedium mal etwas derb-katholischen Bauernschweiß schnuppern!“ So ward der Plan geboren, eine Fahrt nach Paderborn zu wagen, ins Herz der Finsternis, wo Ministrant und Monsignore sich herzensfroh Gute Nacht sagen und außerdem derzeit eine „epochale Ausstellung“ (FAZ) zur Christianisierung Europas („Credo“) lockt bzw. auf gläubige Kundschaft lauert.

Von unserer Seniorenresidenz aus ist Paderborn weit weg, fast wie Afrika. Man muss ganz nach Westfalen hin, über Westostwestfalen, Südostwestfalen und dann noch ganz durch nach Nordostwestfalen. Es zieht sich. Um Reiseunterhaltung bemüht, zog ich die Gattin in ein Gespräch: „Sag, hast du früher eigentlich…geschnörkelt?“ Sie ist nicht prüde, zog aber  vorsichtshalber ein Indignationsgesicht. „Ich meine, so beim Telefonieren oder im Unterricht?“ setzte ich nach, „hast du da auch so Schnörkel gekritzelt? Spiralen? Sterne? Blumenranken? Herzchen? Keine Fangfrage jetzt, ehrlich!“ – „Schon…“, gab sie schließlich gedehnt zu, „…Herzchen aber nicht!“ – „Und teilst du meinen Eindruck, dass die Kulturtechnik des Schnörkelns im Untergang begriffen ist?“ Sie teilte. – „Ich habe eine Theorie, weshalb!“ verkündete ich. „Klar, wegen der Kabel“, kam sie mir zuvor, „die waren immer so spiralig verknotet und zwangen einen, am Resopalküchentisch zu sitzen beim Telefonat, und während Mutti erzählte, hatte man eine beschäftigungslose Hand, die sich langweilte und kritzelte. Bzw. dann eben schnörkelte...“ So ist es! Mobile kills the Schnörkel-Art! Man stellte im weiteren fest, dass die Kunst des sinnfreien Schnörkelns mittlerweile immerhin noch in den Händen von Spezialisten bewahrt wird, der Tatoo-Studio-Mogule nämlich, die in letzter Zeit vollschlanke Damen und anabolische Herren dermaßen methodisch und buchstäblich flächendeckend mit Ranken, Sternen, Runen und Rauten vollschnörkeln, dass es aussieht, als hätte der Schöpfer bei der Herstellung der menschlichen Schmierzettel eine Menge zu telefonieren gehabt.

Solchermaßen in kulturell wertvolle Plaudereien vertieft, näherten wir uns dem Weichbild der erzbischöflichen Residenz, was man umso erstaunlicher finden darf, als ich eigentlich gar nicht weiß, was ein Weichbild genau ist. „Früher war es kein Makel, etwas nicht zu wissen“, bemerkte die telepathische Gattin dazu, „heute heißt das nur, man ist zu faul zum googeln.“ – „Apropos! Hast du mal gegoogelt, wieviel Dome es in Paderborn gibt?“ – „Wieso?“ – „Weil wir schon zum fünften Mal an einem vorbeifahren!“ – Es handelte sich bei näherem Hinsehen allerdings immer um den selben, wofür es einen einleuchtenden Grund gab: Paderborn ist eine Stadt ohne freie Parkplätze. Ich meine, ich habe viele schlimme Dinge gesehen im Leben, ich war in verfluchten, verwahrlosten und komplett heillosen Metropolen wie Köln und Düsseldorf, wo die Leute aus purer Verzweiflung vor der grünen Ampel in der zweiten Reihe parken, aber das war nichts gegen Paderborn. Fortwährend kam es zu blutigen Massenkarambolagen, weil dreizehn, vierzehn, ja fünfzehn Limousinen zugleich in eine Lücke rammten. Verdammt, verdammt! „Und der feine Herr Erzbischof hockt derweil schön im eisgekühlten Diözesanpalast und spielt Poker mit seinem Chauffeur!“ stieß die Gattin, deren Vorstellungswelt gelegentlich windungsreich und voller Überraschungen ist, hervor. „Oder er telefoniert auf seinem goldenen Fernsprecher mit dem Papst, auf Latein!“ – „Und kritzelt dabei Schnörkel!“„Was Erzbischöfe wohl so schnörkeln?“„Natürlich Kreuze“, schlug ich vor, „mit so perspektivisch schrägen Kantendingern, damit sie dreidimensional wirken…“ – „Wenn er gut ist, malt der vielleicht Gésulini…“ spann die Gattin versonnen ihr Garn. „Wie? Nudeln?“ – „Nee, so kleine Jesusse…“ Jesusse! Die Hitze und die Parknot begannen uns zu schaffen zu machen…

Noch etwas später stieg die Gattin urplötzlich fast selbstmörderisch heftig in die Bremsen, um eine verirrte Paderborner Oma über die Straße zu lassen. Ich wischte mir das Blut von der Stirn und fragte: „Manno! Solln das?“„Meine gute Tat für heute“, hieß es da stoisch, „vielleicht dass…“ –„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Du glaubst, Gott jobt als Parkplatzwächter in Paderborn?!“ Die Gattin schenkte mir ein agnostisches Achselzucken und murmelte: “Was wissen wir schon….“ Ich beschloss, meinen Vortrag über Blasphemie stecken zu lassen – mit Ehepartnern über Glaubensfragen zu streiten, gilt zu Recht als untunlich, also lenkte ich ein: „Na gut, EINE Chance soll er haben!“ In der nächsten Stunde hatte ich Muße, darüber zu meditieren, was der Erzbischof zu Ostern gesagt hatte, nämlich der menschliche Geist möge hübsch aufpassen, dass er nicht aufgehe in sich selbst: in der Orientierung am Konsum, der Fixierung auf das Eigentum, dem Versinken in Banalität“

Und wir waren an letzterem schon verdammt nah dran… 

Albtraumatlanten

4. Februar 2012

Weiße Flecken in Schwarzafrika

Ich besitze als Erbstück einen gediegenen, sommernachtsblauen Atlanten von 1905, in dem die Welt noch weiße Flecken der Unerschlossenheit enthält, vor allem in Schwarzafrika. Es handelt sich, obwohl er bescheiden unter dem Titel „Handatlas“ firmiert, um einen fast hundsgroßen, mit Goldprägung versehenen 40-Pfünder, über dem zu träumen einen massiven Ohrensessel und sehr starke Knie erfordert. Manchmal weiß man bei einem weißen Fleck auf der Karte nicht auf Anhieb, ob die entsprechende Gegend noch nicht erforscht oder bloß unbewohnt ist. Mich würde dies speziell für das Land Oklahoma interessieren, denn dorthin wanderten die Gebrüder Reinhold und Christoph H., meine Ur-Ur-Großonkel väterlicherseits, aus, und zwar aus Birnbaum, woher sie gebirtich; heute liegt das verträumte Örtchen an der Warthe-Schleife, um Juden und Deutsche sorgsam bereinigt, in der Woiwodschaft Wielkopolskie, Rzeczpospolita Polska, und heißt nun Międzychód. Damit aber genug der geographischen Pedanterien!

Meine beiden Ahnen sind, mangels Wildwesttauglichkeit, leider umgehend, kurz nach ihrer wohlbehaltenen Ankunft, in der Prärie verschollen. Verschollen, das ist übrigens 2. Partizip von „verschallen“, ein Wort, das längst nicht mehr erklingt. Es ist also seinerseits verschollen, das schöne Verb. Ich male mir gern aus, dass die auswanderlustigen Brüder von edelwilden Indianern der Marke Sioux massakriert wurden. Nicht dass ich ihnen das direkt gewünscht haben möchte, aber es wäre irgendwie romantisch und verliehe einem doch ein gewisses Flair, wenn man auf Partys, nachts in der weinseligen Küchenrunde, von einer Familiengeschichte zu erzählen wüsste, in der es von Tragischem und Exotischem wimmelt bzw. strotzt, z. B. von skalpierten Ur-Ur-Großonkeln väterlicherseits. Man wäre berechtigt, kurz und männlich beherrscht aufzuschluchzen, wonach einen möglicherweise Frau Frerkes an den wogenden Busen risse und einem mütterlich tröstend über den Kopf striche!

Wenn ich heute von der Lust überfallen würde, meinem Vaterland den Rücken zu kehren, fände ich Zuflucht auf den Hebriden, wo ich ein Stück Land besitze, einen Quadratmeter Schafsnasengrasnarbe in Küstennähe, eine Parzelle im Nirgendwo, die ich mal als Werbe-Gimmick drauf zu bekam, als ich im Internet eine Flasche sehr teuren schottischen Whiskys erstand. Er schmeckte ungeheuer authentisch nach verbranntem Torf, Salzwasser und Schafsexkrementen – ein Schluck, und man wähnte sich auf den sturmzerzausten Hebriden! Was man trinken muss, um da wieder wegzukommen, ist pauschalschriftlich nirgends erwähnt; man kann sich also ganz individuelle Trinkrouten ersinnen, zum Beispiel mit der MS Verpoorten nach Eierland, von dort den Rumgrogzug nach On-the-Rocks nehmen und dann gemütlich mit dem Riesling-Express wieder nach Hause in den Ohrensessel, wo man traumtrunken erwacht, um sich gnadenreich vage an erlittene Reise-Unbill zu erinnern.

Ein vierzigpfündiger, fast hundsgroßer Atlas eignet sich nicht zum Handgepäck, weswegen ich ohne ihn unlängst eine Traumreise in die Residenz Moers unternahm, um Fleisch und Hemden zu kaufen, ein Marktflecken, der in meinem Traum freilich nicht nur Ausmaße ungeheuerlichster Unübersichtlichkeit angenommen hatte und mit exaltiert Walt-Disney-haften Sakralbauten vollgestellt war, sondern auch einen labyrinthischen Grundriss besaß, so dass ich mein Fahrrad nicht mehr fand und den Weg verlor; unter anderem begegnete mir ein Mensch mit einem grässlichen, rosa-schleimig glitzernden Elefantenfuß, ferner, in einem Kinderwagen, ein Kopf ohne Körper, der jämmerlich vor sich hin greinte, sowie eine Menge durchweg freundlicher Einwohner, die mir den Weg erklärten, nur jeweils immer einen anderen. Wäre ich nicht vom dringlichen Dingdong der Türglocke erwacht, ich würde heute noch, die Hände voll rohem Fleisch und flatternden Hemden, in Moers herumirren.

Als ich jedoch nichtsahnend die Tür öffnete und davor meine beiden in karierte Reise-Plaids gehüllten Ur-Ur-Großonkel standen, mit blutüberströmten Schädeln und einem verlegenen Grinsen im Birnbaumer Bauerngesicht, da schwante mir freilich, der Traum sei noch nicht zu Ende, sondern drohe zum Alb auszuarten.

Abwesenheitsnotiz, mit guten Zitaten

31. August 2011

Hier geht es evtl. rund! Kraska ist moseln...

Es gilt unter Kennern nicht gerade als untrügliches Zeichen geistigen Überfliegertums, sich über das Wetter zu beklagen, ich weiß. Es wäre so, als wollte man über die Gravitation jammern, was ich aus schwergewichtigen Gründen zwar im Stillen auch manchmal tue, aber es ist halt dieses Allerweltslamento doch von so eklatanter Sinnlosigkeit und ein derart plattes Klischee, dass man gute Erziehung und korrekt gebügelte Lebensart eher dadurch unter Beweis stellt, dass man mit einem mild stoischen Lächeln über die unvermeidlichen Unbill des Erden-Daseins hinweg geht. Vielleicht ist es ein Vorurteil, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein britischer Gentleman jemals über das Wetter spricht. – Freilich gibt es zu jedem einer- auch ein andererseits.

In dem Film „Willkommen Mr. Chance“ (im Original: „Being there“), einem meiner zehn Lieblingsstreifen aus den späten  70ern, die ich  einst in Cihcago, Illinois, im Kino sah oder sehen und entziffern durfte (war ohne Untertitel!), spielt der legendäre Peter Sellers in einer seiner letzten Rollen einen tumben Einfaltspinsel von Gärtner, der nur eine Weisheit beherrscht: „Well, first there is spring, then you’ll have summer, which just follows autum, and after that – winter. Then spring again“. Diese Binsenweisheits-Worte spricht er aber mit solchem Ernst und so großer Emphase, dass alle Welt denkt, er meint das bestimmt irgendwie metaphorisch und als sibyllinische politische Anspielung; man hält es für ein Statement über Ökonomie und Marktzyklen, lädt ihn in TV-Talkshows ein und am Ende wird er damit Präsidentschaftskandidat in den USA. Damals eine super Satire, würde der Film heute nicht mehr funktionieren, weil die Behauptung, dem Frühling folge der bzw. ein Sommer, nicht mehr als Binsenweisheit gilt, sondern als heikle, unsichere und höchst umstrittene Prophezeiung.

Das Blöde ist: Ich bin Sternzeichen Salamander, von der Physiologie also wechselwarm, und hatte eine längere sonnig-warme Phase fest eingeplant, um leichtblütig über die bevorstehende Herbst- und Winterdepression zu kommen. Stattdessen regnete es mir monatelang kühl und herzlos ins Hirn. (Wer sich Sorgen um mich machen will, sollte es JETZT tun, bitte. – Vielen Dank, sehr freundlich.) Die Depression erhebt ihr träges Haupt. Bang deklamiere ich für mich den armen Hölderlin: „Weh mir, wo nehm ich, wenn
/ Es Winter ist, die Blumen, und wo
/ Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde?
/ Die Mauern stehn
/ Sprachlos und kalt, im Winde
| Klirren die Fahnen.“ So sieht es doch aus! Vor lauter Fahnenklirren und Blumenvermissen ist mir schon jetzt ganz blümerant zumute.

Erstaunlicherweise war es der große Elisabethanische Unterhaltungsschriftsteller, theatralische Räuberpistolen-Dichter und Prophet William Shakespeare, der meinen Zustand vorausahnte, als er seinen Narren („Was ihr wollt“) folgenden Singsang anstimmen ließ: „Und als der Wein mir steckt’ im Kopf / Hopheisa, bei Regen und Wind! / Da war ich ein armer betrunkener Tropf; / Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.“ – Yes, Sir, so kann man es ausdrücken! Hier im Westen regnet in der Tat der Regen jeglichen Tag. Erst war er warm, der Regen, dann fröstelig kühl, jetzt wird er schon empfindlich kalt. Ich will nicht übertreiben, aber – ist schon mal jemand am Wetter gestorben? Darauf ankommen lassen werde ich’s grad nicht, Freunde – weshalb ich zu einem verzweifelten Mittel greife: Obwohl ich diese Tätigkeit perhorresziere: Ich reise! Und zwar ab!

Bloß an die Mosel zwar nur, und lediglich ein paar Tage, weswegen die Gattin schon ätzt: „Das wird bestimmt mehr so’n Rentnerurlaub!“ – Sicher, doch „immerhin“, repliziere ich schlagfertig, „wandern wir noch nicht durch den Harz, du mit blauem Popeline-Blouson und ich in straff gebügelter beiger Anglerweste!“ Kann nichts schaden, der Gattin schon mal die eheliche Zukunft auszumalen; die stillen Tage im Alzheim.

Wenn also hier einige Tage nichts Neues unter der Sonne (Ha!) erscheint, dann, weil ich moseln gefahren bin. Entweder herrscht dort eitel Sonnenschein, oder ich stecke mir enorme Mengen Wein in den Kopf. Vielleicht, begeisterungshalber, auch beides. Danach habe ich mit Sicherheit SAD („seasonal affective disorder“), wofür zumindest die Klassiker noch angemessenes Verständnis hatten. Wenn ich es irgendwie vermeiden kann, werde ich von dem romantischen Moselort keine Fotos machen, keine Klöster und Burgen beschreiben und auf die Belobigung von Restaurants und Weinprobierstuben strikt verzichten. So viel Noblesse muss sein. Indes, falls ich dort, in der Fremde, dem wahren Leben begegne, dann lass ich es von euch grüßen. 

Von Bali bis Bullerbü: Wegsein

2. Juli 2009
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Touristische Traumziele: Bahnhof Unter Purkersdorf

WEGSEIN FÜR FORTGESCHRITTENE: DAS GROSSE JA ZUR ALLGEMEINEN LEBENSBLÖDIGKEIT

Schweinegrippe! Wer redet noch von Schweinegrippe? Vorgestern noch Globalalarm, Stufe 6, keiner verlässt den Erdball, ausschwärmende Impfpimpfe, Quarantänemigräne, die Presse hustet Blut, beim Discounter gibt’s palettenweise Wundermittel (von Mundschutz bis Schutzhund), und dann? Nüschte. Weltweit sterben mehr Mensch an Fischvergiftung als an Schweinegrippe. Die erste allein durch Massenmedien übertragbare Infektion nimmt ein epidämliches Ende: Sie verschwindet nicht durch Medizin, sondern gerät einfach in Vergessenheit. Na, meinetwegen. Eine tausendmal schlimmere Pest ist zweifellos sowieso der Massentourismus. Jetzt wieder besonders pandemisch: Alle müssen andauernd irgendwo hin, um da wenigstens dann mal gewesen zu sein. Die Flughäfen auf dem Planeten sind schwarz vom Menschen, die mal Tapetenwechsel brauchen. Übergewichtig, dumm und ungebildet fliegt man weg, um genau so wieder zu kommen; alles was man evtl. mal verliert, ist das Reisegepäck. Unerhört! Wenigstens hamwa Vollkasko! Mit Reiserückschrittsversicherung!

Ich will aber mal heute nicht schimpfen. Es ist so heiß draußen. Als wär man echt total woanders! Gestern in der abendlichen Juli-Rotglut traf ich Luigi, den dicken Kellner vom „Dolce Vita“. „Buona sera, ciao, amigo, come stai?“ parlierte ich drauf los und hatte einen perfekten Auslandsmoment, obwohl ich bloß mal um die Ecke war, hier. Sonnenuntergänge lassen sich auch zuhause vom Balkon aus fotographieren. Was Touristen im Ausland übrigens am meisten hassen, sind ja andere Touristen. Vor allem Landsleute. Landsleute, da kriegt man die Krätze. „Psst! Da hinten am Tisch an der Klotür, das sind Deutsche!“ Ab sofort heißt es „Cameriere, il conto, per favore“ und „Teşekkür ederim“. Vati spricht ja ein paar Bröckchen einheimisch, der King of Snob. Allahu achtbar!

Straighte Schlauberger, denen beim Umdieeckedenken schwindelig wird, beömmeln sich: „Hä, hä! Dabei sind die Touri-Hasser doch selber Touristen!“ Ja, schon klar, ihr Schnellhefter! Das wissen die schon selber auch. Darum geht’s ja nicht. Das Problem ist, daß die anderen Touris einem das kostbare Gefühl vermiesen, ganz weit weg zu sein. Dieses unbezahlbare Weitwegseinsgefühl, diese existentielle Weggeworfenheit und Be-Fremdung, dafür nimmt man doch alles auf sich, die Affenhitze, die Scheißluft, die miesen Klos, den ungenießbaren Fraß und alles! Sonst könnte man sich die Urlaubsfotos doch gleich aus dem Internet runterladen und sich selbst mit Photoshop am Palmenstrand einkopieren. 

Da logiert man in der letzten Tankstelle am Wüstenrand, auf umtosten Meeresklippen oder bei Tibets exklusiven Geheimmönchen auf der Meditationsterrasse, und dann beschweren sich am Nebentisch Leute aus Wesel, Oberursel oder Geilenkirchen über die Bierpreise. Rumms, fällt man vom fliegenden Teppich esoterischer Exotik auf den harten Bretterboden der Trivialität. It’s the reality, stupid! Man hat den weiten Weg gemacht, ganz von Bullerbü über Bali nach Brahmipur, um das Fremdeln zu lernen, und dann stampft da der Typ an deinen Lotussitz und sagt: „Jestatten, Konopke, ick hab jehört, Sie sinn ooch Deutscher, könnse mir vielleicht sagen, wat auf Kaschmierisch heißt ‚In unseret Ssimmer jeht die Klospülung wieda nich’?“ –  Wer will denn so was? Das stört doch!

Für Leute, die dringend auf das Wegseingefühl angewiesen sind, periodisch, weil sie sonst panisch-depressiv werden, habe ich einen guten Rat; ich befolge ihn selber seit Jahren, denn er ist ganz einfach: Reist einfach dort hin, wo keine Sau freiwillig hinwill! Man bevorzuge also Plattenbau-Vororte, Industriebrachen, Schlafstädte, man wohne in aufgelassenen Tankstellen, über Hinterhöfen, hinter den Müllcontainern. Man meide strikt jegliche Sehenswürdigkeit, alle spirituellen Kraftorte (Santiago de Compostela, Lourdes, Kevelar), sowie sämtliche einschlägigen Gebäudeantiquitäten und Landschaftsherrlichkeiten sowieso. Ignoriert mit Fleiß die Schilder der Touristinformation, taucht tief unter die Einheimischen, nehmt ihre Farbe an, trinkt selbstgebrannten Schnaps mit ihnen, genießt die derbe, aber reichhaltige Kost der Waldarbeiter, Heizungsmonteure und Fahrdienstleiter, sowie generell den unverstellten Charme tristester Normalität, des Spröden und Öden, freut euch am eleganten Steingrau betonierter Banalbauten, zieht den Duft von Diesel und Machorka ein, ah, herrlich, riecht mal! Die verqualmten Kneipen der Eingeborenen bieten Geborgenheit im Unbehausten, die Hiesigen reden in Zungen und Dialekten, bei denen auch der polyglotteste Linguist passen muß, Güterzüge donnern von Ahaus nach Beheim, es beginnt zu regnen – es fehlt nicht mehr viel, und man kriegt mördermauliges Heimweh! Dermaßen weit weg fühlt man sich!

Vorteile dieses gewissermaßen antizyklische Reiseverhaltens: 1. Kaum andere Touris. 2. Das Leben ist billig. 3. Man fragt sich relativ bald, was das Gereise eigentlich soll, weil das Dasein woanders genauso trivial und unspektakulär ist wie zuhause. Schon ist man wieder klar im Kopf, ruht in sich selbst und findet am Ende auch das große Einverständnis wieder, mit der allobwaltenden Lebensblödigkeit und Existenztristesse. Was will man denn mehr? Mehr gibt es ja gar nicht.

Um mal ein Beispiel zu geben (ist ja kein Geheimtipp): Man steigt, vom Wiener Westbahnhof kommend, im Vorort Hütteldorf in die Bahn (z. B. die S50) Richtung St. Pölten, steigt aber dann in Purkersdorf-Sanatorium, Unter Purkersdorf oder Purkersdorf-Gablitz schon wieder aus; von Ober Purzelbaum geht’s dann mit einem Rad oder gut zu Fuß an der Wienentlang über den Bahndamm in den Wienerwald hinein, bis man vor der „Alten Linde“ steht. Das ist so ein Beisl. Was ein Beisl ist, könnt ihr entweder mal googeln oder euch da angucken. Herinnen verbringen die indigenen Purkerer ihren verdienten, durchaus lautstark feucht-fröhlichen Feierabend. Das Idiom der Wienerwäldner ist rau, aber herzlich, Zum Verstehen ist es leider für Außenstehende und Durchreisende nicht. Zum essen gibt’s aber, und zwar was hier überall auf den Tisch kommt: Blunzngröstl, Wienerschnitzel, Kalbsbuttterschnitzel und Gulasch, Sattmacher mit Sättigungsbeilage, Riesenportionen für Berserker, danach kann man wieder in den Wienerwald, Bäume mit der bloßen Hand fällen. Hier sind die Kalorien noch ihr Geld brennwert, und nix mit „light“! Leicht ist lediglich der fruchtig-schlichte Grüne Veltliner, trocken wie ein linker Haken, und äußerst preiswert. Wie überhaupt alles. Hier kann man sorglos den Abend versacken, bis man dahindämmert; es wird nicht die Welt kosten. Wir habens ausprobiert, weil draußen ein mehrtägiger Platzregen stattfand, der uns an Tisch und Stuhl fesselte. Wir waren dann irgendwann auch mal weg. Ganz weit weg.

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Prassen in Purkersdorf: Einheimisches Riesenschnitzel (0,25 Quadratmeter)