St. Marxsche Entschwörung


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Die drei Reiter der Apokalypse sind wieder on tour: "Dialektik!", "Entfremdung!", "Historischer Materialismus!"...

Die zweineinhalb Meter der preußisch-blauen MEW-(„Marx-Engels-Werke“)-Bände führen in meiner Bibliothek eher ein Schattendasein. Zur Lösung etwelcher Welträtsel habe ich sie seit langem nicht mehr zurate gezogen; nicht, daß ich inzwischen staatsfromm geworden wäre oder ein glühender Verfechter des Kapitalismus, aber mir stecken die „Kapital“-Seminare der frühen 70er Jahre („Das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate und der Streik bei Ford“) noch immer in den Knochen. Seitdem ich dem Fünf-Götter-Glauben (Marx-Engels-Lenin-Stalin-Mao) abschwor, ist Karl Marx für mich nur noch ein achtbarer Ökonom und Gelehrter, aber auch ein alter, starrsinniger Grimmbart und herrischer Miesepeter. In den Termini der Psychoanalyse: Marx ist der Vater, den ich töten mußte, um zu leben.

Mit einem gewissen Mulm in der bei mir äußerst sensiblen Gegend zwischen Herz und Magen registriere ich nun in der Wiener Josefstadt, daß er wieder da ist: St. Marx! Und damit meine ich nicht den nach einem Siechenhaus, das dem Hl. Markus gewidmet war, benannten Teil des 3. Wiener Bezirks, sondern den kommunistischen Propheten. Er feiert sein Comeback, seitdem die Finanzkrise erwies, daß Börsen-Gurus, Fondsmanager und Finanzmagnaten genauso wenig Ahnung vom Wirtschaften haben wie wir, nur daß sie damit halt mehr Schaden anrichten. Verständlich, der Rückgriff auf Marx, er hats ja immer schon gesagt, daß das mit dem Profitwahnsinn nicht gut geht. Aber freilich hat er auch die Vereinigung der Proletarier aller Länder und ihre diktatorische Machtergreifung ersehnt.

Inzwischen ist uns das klassische Industrieproletariat weitgehend abhanden gekommen – im Zuge der Automatisierung wegrationalisiert. Zu meiner heute großen Erleichterung sind meine früheren Freunde und ich an dem Vorhaben gescheitert, die „Diktatur des Proletariats“ in Deutschland zu errichten. Mich hat das zu einem großen Verehrer des Scheiterns gemacht.

Zum Glück scheinen auch die Wiener insgesamt nicht mehr so stark dem Extremismus zuzuneigen, sondern den Ausgleich zu suchen. So fand sich unmittelbar neben der Marx-Seminar-Anzeige denn auchvorsichtshalber gleich ein prophylaktisches Gegenmittel gegen einen etwaig ausbrechenden neuen Marxismus angekündigt:

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Mich hat das beruhigt…

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3 Kommentare - “St. Marxsche Entschwörung”

  1. donqyxote Says:

    Bei der Überschrift dachte ich, dass Du mit Frau Jou eine Friedhofsspaziergang gemacht hast!
    http://www.qype.com/place/52736-Friedhof-St-Marx-Wien

  2. profiprofil Says:

    Verehrter Mitdenker Kraskas:
    Deine Confessio, dem dialektischen Denken gerade jetzt – im Offenbarwerden des katastrophalsen Krisencharakters des von Marx richtig analysierten, wirklich verstandenen und politisch eindrucksvoll kritisierten „Kapitalismus“ – endgültig abgeschworen zu haben, ist eine „Staunmeldung“, deren Motiv in deiner Zukunftsplanung vermutet werden darf?!
    Doch eines mache Dir bewusst: ein Beleg / Zeugnis für „wirkliches Denken“ ist sie nicht, eher ein intellektuelles Armutszeugnis.
    Doch nicht für ungut: ich finde es gut, dass du einer Anschauung, die so weit verbreitet ist, einen – wenn auch leicht überheblich wirkenden – Ausdruck verliehen hast: „ich habe in meiner Jugend geirrt, doch jetzt bin ich einer von euch!“
    Auch ich habe Deine Botschaft vernommen!

    • 6kraska6 Says:

      Ich weiß gar nicht, WAS eigentlich größer ist bei den „Dialektikern“: Ihre Arroganz, ihre Zwanghaftigkeit oder ihr lachhafter Glaube, persönlich den Weltgeist mit Löffeln gegessen zu haben. Exakt die schnöselige Angewohnheit, dreist ad personam zu argumentieren („Motiv in Ihrer Zukunftsplanung?“) gehört zu den Dingen, die ich an Marx nicht ausstehen kann. Das ist der ideologische Totalitarismus in nuce: ICH (Weltgeist, Proletariat, wissenschaftlicher Sozialist etc.) URTEILE über deinen „Klassenstandpunkt“, dein Bewußtsein, mit dem Recht des selbsternannten Durchblickers. Es tut mir leid, Herr W., aber Sie scheinen mir ein enorm Gestriger zu sein. Wenn nicht sogar Vorgestriger.


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