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Esstischnippes. Aufsatz über das Marx-Haus

7. September 2011

Keine Ode an den Pfirsichmond: Eingangstür zum Karl-Marx-Haus in Trier

Lange Zeit bin ich in die Irre gefahren, von allzu schüchternen Schildchen missleitet. Dabei hätte ich bloß den Chinesen folgen müssen. Der Chineser findet sich ja überall zurecht. Schwarmintelligenz halt. Ihm wird es freundlicher Weise in seiner Landessprache untersagt, Eis zu lutschen oder Zigarettchen zu rauchen. Darüber lächelt er großzügig. Das aus der Heimat vertraute Auf-den-Boden-Spucken unterlässt er unaufgefordert. Ich kannte einmal eine blonde Bonnerin, die sich „Rauchen verboten“ in chinesischen Schriftzeichen auf den Nacken tätowieren ließ, in der verzeihlichen Meinung, es handele sich um ein romantisches Gedicht an den zarten Pfirsichmond.

Den zierlichen Fern-Ossis nachspürend fand ich es jedenfalls schließlich: das Karl-Marx-Haus in Trier.

Es heißt so, weil darinnen Karl Marx geboren wurde. Marx war also eine Hausgeburt. Das wusste ich gar nicht. Aber wahrscheinlich ist das der Lauf der Geschichte: Jesus war ja noch Stallgeburt, ich hingegen schon ein Entbindungsheimkind. Im Entbindungsheim, das hieß wirklich so, bin ich wahrscheinlich vertauscht worden. Ich bin Generation Tauschkind! Kinder wurden damals in rauen Mengen verwechselt, vertauscht oder gebraucht verkauft, weswegen große Unzufriedenheit mit denen herrschte, die sich dann als unsere Eltern ausgaben. Man nannte uns deshalb summarisch „die Kinder von Marx und Coca Cola“. 

Eine besondere Aura hat das Marx-Haus eigentlich nicht. Weil die SPD es gekauft hat? Auch, sicher, vor allem aber, weil der kleine Kerl Karl hier nur als bettlägriger Säugling tätig wurde. Bevor er laufen konnte, zog man schon weg. Anders als in der Berggasse in Wien, wo der spießige Mief von Sigmund Freuds psychoanalytischen Quacksalberkuren noch immer irgendwie in den Möbeln hängt und Atmosphäre verbreitet, spürt man hier keinerlei marxistischen Brausewind, sondern nur den stickigen Mulm der sozialbürokratischen Partei. An einer Wand hängen „Intellektuelle“, die „vom Marxismus beeinflusst“ waren. Gut, dass man mich nicht auch da hingehängt hat!

Ich habe am Ausgang noch den Gipskopf von Marx in klein gekauft, weil ich so etwas nämlich passioniert sammele. In Weimar erstand ich einst sogar Goethe und Schiller als Salzstreuer. So etwas dient mir zur Mahnung, mich jeder Ruhmsucht zu enthalten. Nachruhm in Form idiotischen Esstischnippes kann mir ganz gut gestohlen bleiben. Auch wäre mir die Vorstellung unangenehm, dass täglich hundert rauchende Chinesen Eis schlürfend durch den Schuhkarton stoffeln, in dem ich einst verzweifelt versuchte aufzuwachsen, nur um sich dann grinsend vor meinem in Mandarin-Schrift erläuterten Gitterbettchen photographieren zu lassen.

St. Marxsche Entschwörung

21. Juni 2009
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Die drei Reiter der Apokalypse sind wieder on tour: "Dialektik!", "Entfremdung!", "Historischer Materialismus!"...

Die zweineinhalb Meter der preußisch-blauen MEW-(„Marx-Engels-Werke“)-Bände führen in meiner Bibliothek eher ein Schattendasein. Zur Lösung etwelcher Welträtsel habe ich sie seit langem nicht mehr zurate gezogen; nicht, daß ich inzwischen staatsfromm geworden wäre oder ein glühender Verfechter des Kapitalismus, aber mir stecken die „Kapital“-Seminare der frühen 70er Jahre („Das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate und der Streik bei Ford“) noch immer in den Knochen. Seitdem ich dem Fünf-Götter-Glauben (Marx-Engels-Lenin-Stalin-Mao) abschwor, ist Karl Marx für mich nur noch ein achtbarer Ökonom und Gelehrter, aber auch ein alter, starrsinniger Grimmbart und herrischer Miesepeter. In den Termini der Psychoanalyse: Marx ist der Vater, den ich töten mußte, um zu leben.

Mit einem gewissen Mulm in der bei mir äußerst sensiblen Gegend zwischen Herz und Magen registriere ich nun in der Wiener Josefstadt, daß er wieder da ist: St. Marx! Und damit meine ich nicht den nach einem Siechenhaus, das dem Hl. Markus gewidmet war, benannten Teil des 3. Wiener Bezirks, sondern den kommunistischen Propheten. Er feiert sein Comeback, seitdem die Finanzkrise erwies, daß Börsen-Gurus, Fondsmanager und Finanzmagnaten genauso wenig Ahnung vom Wirtschaften haben wie wir, nur daß sie damit halt mehr Schaden anrichten. Verständlich, der Rückgriff auf Marx, er hats ja immer schon gesagt, daß das mit dem Profitwahnsinn nicht gut geht. Aber freilich hat er auch die Vereinigung der Proletarier aller Länder und ihre diktatorische Machtergreifung ersehnt.

Inzwischen ist uns das klassische Industrieproletariat weitgehend abhanden gekommen – im Zuge der Automatisierung wegrationalisiert. Zu meiner heute großen Erleichterung sind meine früheren Freunde und ich an dem Vorhaben gescheitert, die „Diktatur des Proletariats“ in Deutschland zu errichten. Mich hat das zu einem großen Verehrer des Scheiterns gemacht.

Zum Glück scheinen auch die Wiener insgesamt nicht mehr so stark dem Extremismus zuzuneigen, sondern den Ausgleich zu suchen. So fand sich unmittelbar neben der Marx-Seminar-Anzeige denn auchvorsichtshalber gleich ein prophylaktisches Gegenmittel gegen einen etwaig ausbrechenden neuen Marxismus angekündigt:

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Mich hat das beruhigt…