Zu meiner Zeit reichten Knicks und Diener


Verfluchte Küsserei! (Quelle: Bundesarchiv/Wikipedia) – Zu meiner Zeit küssten sich nur Liebende...

Keine Frage, sobald man beginnt, immer häufiger Sätze mit „Zu meiner Zeit…“ anzufangen, offenbart man, definitiv vom Laufband jugendlichen Up-to-date-Seins gefallen zu sein. Ich krieg nur nie mit, wann die Zeit eigentlich aufgehört hat, die meinige zu sein. Zum Beispiel: Wann hat das angefangen und welcher Benimm-Papst hat das eingeführt, dass man auf Parties oder sonst wo praktisch wildfremde Menschen gleich welchen Geschlechts, die vielleicht gerade mal Cousinen von Kollegen einer Freundes-Freundin sind, mit angedeuteter Umarmung sowie links und rechts der Wangen in die Luft gespitzten Küsschen zu begrüßen hat? Ich möchte das nicht! Ich bin nordisch-protestantisch erzogen! „Zu meiner Zeit“ taten es Knicks oder Diener, und bei der Tanzstunde seiner latein-amerikanischen Standardtanz-Partnerin auf den spitzbeschuhten Fuß zu treten, galt schon als Gipfel körperlicher Intimität. Schweißausbrüche bekam ich schon von solchen körperlichen Zunahetretungen! Und jetzt immer dieses Vollkontakt-Bussibussi.

In Großbritannien hält man wenigstens noch an sich: Prinz Willi und seine Käthe küssten sich bei der Hochzeit (!) laut Pressemeldung gerade mal 0,7 Sekunden– und die kennen sich schon zehn Jahre! Käme vielleicht jemand auf die Idee, die Queen bei der Schulter zu packen, ihr die komische quietschgelbe Hutkreation vom Kopf zu reißen und die alte Dame mit Boden-Luftkuss-Raketen zu beschießen? Eins, zwei, drei wäre man lebenslang von der royalen Gästeliste gestrichen! Mich aber schleift man auf Geburtstagsfeten, wo ich eh niemanden kenne, und ehe ich mich versehe, habe ich eine Vroni, eine Heidrun, „den Klaus“ und „Ali, ihr müsstet euch eigentlich kennen“, hüftsteif halb-umarmt und links, rechts luftgeküsst. – Moment mal Ruhe, jetzt singt gerade der Chor: „Da-ha-has gi-hibt ja nun würklich wei-heiß Go-hott schlümmeres!“ Ja klar gibt es schlimmeres, immer.

Vor allem für ungesellige Grizzleys wie mich, die ohnehin schwer aus ihrer Höhle zu locken sind, und sich plötzlich im Zentrum eines brachialen Höllenlärms wieder finden, der heute Party heißt. Aus viel zu mickrigen Boxen dröhnt, schrillt und scheppert überwiegend schlechte Musik, die von Gruppen exaltierter Menschen, die sich unmotiviert um Stehtische drängen, versuchsweise überschrieen wird; übertönt wird die Kakaphonie lediglich von Damen in den Mittvierzigern, die gekleidet sind wie 20-, sich aber benehmen wie 14-Jährige und mit Hilfe kreischenden Gelächters unsagbare Spontaneität und ziellose Begeisterung abstrahlen. Eigentlich hülfe jetzt nur die zügig eingeleitete Narkotisierung durch einen zuverlässig zünftigen Vollrausch, was sich aber leider verbietet, weil die Gattin auch da ist und ein Auge auf mich hat, meine hilfesuchenden Verzweiflungsblicke aber zunächst streng ignoriert. Dabei hasst sie solche Events mehr als ich, sie lässt es sich nur nicht so anmerken.

„Zu meiner Zeit“ waren Parties natürlich auch doof, aber man konnte sich wenigstens in der Küche absentieren, mit einigen verständigeren Menschen ein Konventikel bilden und bei geistigen Getränken geistvolle Bemerkungen austauschen. Aber es gibt keine Küchen mehr! Man steht oder, wenn Gott einem gnädig ist, hockt in einer Ein-Raum-Galerie oder Avantgarde-Kiez-Bude mit abstrakt-expressionistischen Bildern an der Wand, nirgends Nischen, Höhlen oder Verstecke, man kennt niemanden, auf den man einbrüllen könnte oder möchte, und aus den Schepperboxen kommt Elektro-Pop der späten 90er. Keiner kümmert sich um wen anders als um die Mitglieder der ur-eigenen Brüll-Gruppe, und trotzdem hab ich das Gefühl, einen schlechten Eindruck zu machen. Mit krampfigem, fest in die Backen gedübeltem Grinsen sitze ich da und beschaue konsterniert den Vorhof zur Hölle. Bei anderen Gelegenheiten exkulpiert mich die Gattin schon mal mit der mitleidigen Bemerkung: „Mein Mann ist Philosoph“, als sei das kein Beruf, sondern eine Diagnose wie Diabetiker oder Tourette-Syndrom.

Hier und heute ist es für solche Feinheiten zu laut. Im Übrigen, falls es jemanden interessiert, das einzige, woran ich kranke, ist ein angeborener Mangel an aufgesetzter Begeisterung. Und vielleicht noch eine gleichfalls hereditäre Überempfindlichkeit der Nah-und Fernsinne. – Drei Stunden später, ich hab die Stadien Tinnitus, Trigeminus-Neuralgie und Trisomie 21 schon durch, kenne ich noch immer niemanden. Das liegt an meiner altersbedingten Unpässlichkeit. „Zu meiner Zeit“ hatte ich noch Kraft zum Übermut. Ich wäre aufgestanden, schnurstracks auf irgendeine Bärbel, Ines oder Irmtraud zugegangen, hätte sie gepackt, ihrer Gruppe entrissen und sie mit fröhlich brüllendem „Hi! Ich bin der Kraska!“ gnadenlos abgeküsst, umarmt und so meinem Freundeskreis einverleibt. Dazu fehlt mir inzwischen Chuzpe, Dreistigkeit und Lust an dadaistischer Provokation.

Ich kann von Glück sagen, wenn es morgen heißt: „Wer war denn eigentlich dieser dicke alte Mann in Schwarz mit dem schmerzverzerrten Gesicht?“ – „Ach, das war bloß der Mann von der X* (*Name geändert, i. e. Gattin), der soll ja Philosoph sein oder jedenfalls so Psycho, irgendwie“. Aber, bitte: Was tut man in solchen sich hinziehenden Stunden quälender Lebenszeitverschwendung? Ich habe einen Freund, der memoriert dann im Stillen Logarithmen-Tafeln. Kann ich leider nicht. Ich meditierte – immer noch nach allen Seiten grinsend  – den berühmten, zweieinhalbtausend Jahre alten Satz des Anaximander: „Woraus aber für das Seiende das Entstehen ist, dahinein erfolgt auch ihr Vergehen gemäß der Notwendigkeit; denn sie schaffen einander Ausgleich und zahlen Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit.“ – Das will heißen: Wenn du als notgedrungen nun mal „Seiender“ schon da bist, Platz wegnimmst und auf Parties Kanapees verdrückst und sauren Wein trinkst, dann zahl halt auch den Preis dafür! Existieren ist nun mal nicht kostenlos!

Später, in eine stille Kneipe retiriert, starren die Gattin und ich in je ein wohlverdient großes Glas Absacker-Gutedel; wie Karpfen öffnen wir ab und zu den Mund – und schließen ihn dann wieder, in resigniertem Einverständnis. Kein Grund, noch Lärm zu machen. Wir sind Party-Spoiler. Ein Wunder, dass man uns immer noch einlädt. Unsere Zeit ist nämlich vorbei. Na ja, der Mai ist dann trotzdem gekommen…

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10 Kommentare - “Zu meiner Zeit reichten Knicks und Diener”

  1. ottogang Says:

    Verzieh Dich doch einfach in Deine Philosophen Höhle und laß die Gemahlin allein hinstiefeln.
    Aber das willste auch nicht, schließlich bist Du ja viel zu neugierig, evtl. kommt noch so Einer wie Du daher und dann kannste ja schon mit dem Karpfenschnappen spielen.

  2. 6kraska6 Says:

    Ich seh schon, Otto, Du begreifst das Dilemma…

  3. oachkatz Says:

    Du bist schon ein Erzgrantler, lieber Herr Magister, und als solcher vermutlich auch den anderen Partygästen erschienen…wenn sogar der Wein sauer war: warum um Himmels Willen bleibst Du dann so lange dort?

  4. Uffnik Says:

    Es hat lange gebraucht. Aber immerhin ist es mir gelungen solch ungeliebten Festivitäten mit Abwesenheit meiner Person zu bereichern. Das setzt langjährige Planung und unbeirrte Zielverfolgung voraus. Als Themenschwerpunkt habe ich Tinnitus gewählt. Durch das Durcheinandergequassel von mehr als zwei, oder gar noch mehr Personen, ergibt sich ein Stimmenwirrwarr. So kann man unbesorgt unpassende Antworten injizieren. Oder man antwortet A auf die Frage von B. Köstlich, wenn man sich im Griff hat und das Lachen unterdrücken kann. All dies erfordert eiserne Disziplin und Durchhaltevermögen. Hat sich das in den Kreisen erst einmal verbreitet, kommt man wahlweise mit oder ohne Mitleid zu erregen um vermeidbare Empfänge ganz glimpflich herum.
    Du sagst zwar, daß Deine Tinnitus-Zeit schon vorbei sei. Vielleicht hat es dabei nur an der konsquenten Umsetzung gemangelt.

  5. Lakritze Says:

    Die gepflegte schlechte Laune scheint mir eine annehmbarere Alternative zur Partydepression. Wenn ich mich aufraffen könnte, würde ich sie bei Gelegenheit glatt mal ausprobieren.

  6. 6kraska6 Says:

    Vielleicht sollte ich mal wieder erwähnen, dass meine Aufsätzchen im weitesten Sinne literarische Texte sind. Ähnlichkeiten mit meinem eigenen Leben sind zwar nicht unbedingt zufällig, aber manchmal auch weit hergeholt und ein bisschen zugespitzt. Der Magister K. mag ein Erz-Grantler sein, sein Autor hingegen ist ein sanfter, liebenswürdiger älterer Herr, der keiner Fliege ein böses Wort sagt.


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