Über den rechten Umgang mit Ärzten (Maus-Modell)


Ärzte unter sich: Abklärung der Werte

Oh, so ein Arztgespräch ist, neben Abiturprüfung und Fahrschule, eine der schwersten zwischenmenschlichen Herausforderungen! Man kniet in der Audienz-Ambulanz nackt auf der Auslegeware: „Herr Doktor, bitte, ich möchte ein Rezept!“„So, so“, schmunzelt der machthabende Arzt, sich gemütvoll zurücklehnend, „so, so, ein Rezept will Er! Schaun wir mal…“ Er wiegt milde den Kopf und begrübelt mit professioneller Nachdenklichkeit meine Akte. Ich scheine zu Bedenklichkeiten Anlass zu geben, denn „meine Werte“ sprechen eine andere Sprache als ich, und vor allem sprechen sie gegen mich. „Und wie steht es bei Ihnen mit Alkohol?“„Ja, klar, gern“, höre ich mich vorschnell jubeln, „aber gibt es den denn überhaupt  auf Rezept?“ Die Koryphäe betrachtet mich wie ein Insekt. Hab ich was Falsches gesagt? Dr. Herrenarzt scheint Insekten zu verabscheuen. Er verscheucht mit Mühe ein drastisches Stirnrunzeln und sagt dann: „Nun ja … das ist ja jetzt auch nicht thematisch…“ Puh, noch mal Glück gehabt! Arztgespräch ist ja immer auch ein Moralexamen. Bewegt der Wurm Woyzek sich genug? Frisst er ordentlich Gemüse? Lässt er die Finger von Drogen? Hat er nicht im Grunde selber Schuld? Na?

Arschloch“, denke ich herzlos, aber so etwas denke ich zwar ziemlich oft in mitmenschlichen Begegnissen, spreche es aber fast nie aus. Muttis Erziehung! – Bin gespannt, ob ich noch so alt werde, dass mir selbst meine guten Manieren mal egal werden und ich einfach sage, was ich denke. Könnte ja sein! Bei Ärzten natürlich riskant, denn sie sind schließlich die Herren des Befundes und der Rezeptausstellung. Und zwar aufgrund ihrer unbezweifelbar fundamentalen Diagnose-Kompotenz!  Famos ist die Durchblickfähigkeit der Ärzte! Dr. Quack ist zumeist überzeugt, „Arzt“ sei kein Beruf, sondern ein ontologischer Zustand metaphysischer Begnadung.

Deshalb drei Tipps für den Umgang mit Ärzten: 1. Lasse nie durchblicken, dass auch du Latein und Griechisch kannst – so etwas halten Ärzte nämlich immer noch für völlig undenkbar; sie glauben, du simulierst das nur! 2. Was Ärzte hassen wie die malefiziöse Pestilenz, sind Patienten, die an der Wikipedia-Universität Medizin studiert haben; verrate also nie, aber wirklich NIE, dass du evtl. selber schon weißt, was du hast, und das  womöglich noch aus Internetrecherchen! Viele Menschen verstarben schon unnötig, weil sie dem Internet vertrauten! 3. Man spiele im Patientenverhör grundsätzlich den komplett blickdichten Einfaltsinsel – anderes irritiert Mediziner nämlich. Also sage besser: „Ach?!! Gemüse? Und das wirkt? Hör ich ja zum ersten Mal!“ – Aber, Vorsicht: Den Idioten auch wieder nicht zu gut spielen – dann fühlen sich Ärzte nicht ernst genommen, und nichts hassen sie mehr als ihre eigene, selber dumpf beargwöhnte Lächerlichkeit.

Mit anderen Worten: Gutes Patiententum ist eine Kunstform. Takt, Sensibilität für die Existenzzwänge des Arztes und viel Rücksichtnahme für einen kognitiv prekären Berufsstand sind von Nöten! Die Labilität und Verunsicherung der Ärzte ist zu berücksichtigen. Auch ihre zunächst schlechte, später dann aber doch ganz gute Bezahlung. Am besten ist es, nur berühmte Chefärzte aufzusuchen, denn die kann man vorher googeln und weißt dann schon, was ihr Spezialgebiet ist – folglich kann man seine Beschwerden so modellieren, dass der Chef sie auch wiedererkennt. Man leide überhaupt grundsätzlich nur an Symptomen, welche die behandelnden Ärzte schon kennen, weil, sonst hat man wenig Aussicht, zu überleben.

Ob man ein Rezept bekommt, ist gar nicht mal sicher; oft wird man sogar ohne Gemüse fort geschickt; was man aber zuverlässig bei jedem Arztbesuch bekommt, ist die Überweisung zu einem anderen Arzt, zur „weiteren Abklärung der Werte“. Dank der Fortschritte in der Humanmedizin ist der heutige Mensch zu kompliziert geworden, um einfach so der gewünschten Genesung zugeführt zu werden; an deren Stelle ist die unbeendbare Untersuchung getreten, aus anderer Perspektive auch Ärzte-Odyssee genannt. Olli („Dittsche“) Dittrichs Kunstfigur „Herr Karger“ hat noch Glück: Das Krankenhaus kam angeblich zu dem Schluss, er leide unter „schwerer Diagnose“. Dann weiß man wenigstens, es geht irgendwann zu Ende.

Zum Schluss etwas zum Nachdenken: „Das Problem“, grübelt im Fernsehen ein Alzheimer-Forscher, zärtlich seine schusseligen Labormäuse streichelnd, „das Problem ist, der Mensch funktioniert nicht immer nach dem Maus-Modell.“

 

 

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5 Kommentare - “Über den rechten Umgang mit Ärzten (Maus-Modell)”

  1. erinnye Says:

    Gleich morgen werde ich sämtliche noch im Haus befindlichen Andachts-Objekte zusammensuchen und eine neuntägige Novene zugunsten von St. Äskulap abhalten, mit der flehenden Bitte, Dr. Quack et al. mögen diesen Artikel lesen.

  2. 6kraska6 Says:

    Oh! Lieber nicht! Wenn Dr. Quack das liest, krieg ich einen Querulanten-Vermerk in der Akte – dann ist Schluss mit Rezept.

  3. Philipp Elph Says:

    Gut wäre es, wenn ich mir bei Wikipedia nach Dialog mit Selbigem direkt ein Rezept ausstellen lassen könnte. Geht das schon? Und wenn ja, wie? Gut, dann könnte ich nicht jedes Mal im Wartezimmer drei Stunden die Regenbogenpresse studieren. Eins geht wohl nur.

    • 6kraska6 Says:

      Man könnte natürlich mal eine völlig neue Art von „Doktor-Spiel“ entwickeln: Man kauft sich einfach am Kiosk einen Stapel Regenbogenblätter, setzt sich damit gemütlich zu Hause hin, schlürft ein Gläschen Merlot und wartet stillvergnügt. Worauf? Egal, auf Dr. Godot vielleicht…

  4. Uffnik Says:

    Deine Gebrauchsanleitung kam gerade noch zur rechten Zeit.


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