Posted tagged ‘Wolfgang Herrndorf’

Aus dem Bauch gedacht (Kleine Hasen)

20. Dezember 2011

Too much of Glühwein tonight (Dancing with de Sade)

Karneval in Absurdistan. Das Herz der Lustigkeit liegt in NRW. Hier werden wir seit irgendwann nur noch von starken Frauen regiert, das heißt von Hühnern, statt von Gockeln. Ist jetzt alles besser? Gewiss, schon irgendwie. Kuschliger, spontaner, vor allem aber noch mal 25% brunzdussliger. Ich weiß gar nicht, wen ich bezaubernder finde, die Ministerpräsidentin, die Bildungsministerin? Oder doch die Gesundheitsministerin? Die will jetzt die Nikotin-Kartuschen für E-Zigaretten verbieten. Oder nee, jetzt nicht gerade verbieten, vielleicht, eventuell, sondern apothekenpflichtig machen wie Nikotin-Pflaster. – Dann gibt es nur am Büdchen noch schädliche Zigaretten. Oder führt man die künftig auch in der Apotheke? „Ich hätte gern eine Dosis Aspirin-Brause und ein Päckchen HB, und, ach, vielleicht bisschen Hustensaft noch…“? Die Volksgesundheit jubelt und tanzt auf dem Ladentisch. Was Frauen evtl. tatsächlich besser können: Symbolischen Politaktivismus, der praktisch nichts kostet. – Apropos Hühner: Die kriegen weiter ihre Antibiotika. Scheiß auf Gesundheit!

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Der ulkige Schurke, der uns jahrelang mit seinem Besichtigungsfimmel begeisterte („Kim Jong Il is looking at things“): not longer available. Looking at grass roots now.  Falls im Kim-kommunistischen Kaiserreich von Nordlummerland denn überhaupt noch Gras wächst. Es ist wie in Serienkiller-Filmen: Kaum ist ein Unhold beseitigt, steht der nächste Irre schon hinterm Vorhang: Kim Jong Un, das neue Un-Wort des Jahres, der mopsgesichtige Mondprinz aus Nirgendstan. Man stelle sich vor, es hätte damals die Alliierten nicht gegeben: Wir würden heute von Adolfs Enkel Gernot-Kevin Hitler beherrscht!

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Wir müssen schon wissen, was wir wollen. Ein Bundespräsident hat die politische Wohlfühlfunktion, mit gütig-verständigem Gesicht Kindergärten zu besuchen, Weihnachtsansprachen zu halten und Staatsgäste zu empfangen. Wie soll er diesen hochbezahlten Job machen, wenn er ständig von der Medien-Meute wie der letzte Lump durchs Dorf getrieben wird? Dass das Politiker-Dasein eine gewisse soziale Devianz mit sich bringt, ist unumgänglicher Effekt der Rolle. Und was denn jetzt? Ich möchte bitte nicht, dass unser Land von einem asketischen Moral-Jakobiner repräsentiert wird! Das wäre dem Durchschnitt der Bevölkerung auch kaum angemessen. Wenn Herr Wulff lieber bei seinem reichen Schrotthändler-Freund in Florida Urlaub macht als in einer ökologisch betriebenen Jugendherberge auf Amrum – was schert mich das? Und wenn er gute, väterliche Freunde hat, die ihm nach der teuren Scheidung Geld leihen, freut mich das für ihn. Nicht, dass mir der Mann sonderlich sympathisch ist, aber im Amt ehren wir ja auch nicht die Person, sondern unsere Verfassung und damit uns selber. Ich muss gestehen, dass mich das allenthalben populär herumschwappende, hysterische Moralgetue ein bisschen langweilt. Schon grad, wenn die SPDler, die Komplizen des ollen Gazproll-Mannes Schröder, dabei die Trommel rühren.

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Ich bin einerseits so demütig, zuzugeben, von Politik nichts zu verstehen, andererseits arrogant genug, zu glauben, dass dies bei Politikern nicht anders ist. Selbstgewissheit ist, um sinngemäß ein Wort von Wolfgang Herrndorf zu zitieren, „das, was in kleinen Hasen wächst, wenn sie nachts allein durch den Wald hoppeln“.

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Heute letzter Seminar-Abend. Irgendwie schlittern wir unbeabsichtigt in die Apokalypse. Man überbietet sich in sinistren Prognosen über kommende Krisen und Katastrophen. Vergebens versuche ich, die Zukunft ins Heitere zu ziehen, aber letztlich ist es Klaus, der uns rettet: „Immerhin“, strahlt er Ruhe aus, „wir werden das alles nicht mehr erleben!“ – Entspannt gehen wir in den Weihnachtsurlaub. – Ah! zwei Wochen nichts denken!

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Apropos Seminar: Klamm hocken wir im abgeranzten, überheizten, dennoch zugigen, trist neon-befunzelten Zumutungsambiente (i. e.VHS-Raum) auf rachitischen 70er-Jahre-Möbeln und genießen die schmucklose Atmosphäre, die irgendwo zwischen nordkoreanischen Verhör-Zimmern und Kafkaeskem Albtraum changiert, und Heike flötet ansteckend fröhlich: „Also, ich weiß nicht, irgendwie find ich das hier schon wieder fast gut!“ Jetzt wussten wir aber einen Moment nicht, ist sie bloß die abgebrühteste Positiv-Denkerin der hiesigen Philosophen-Elite – oder aber schon dermaßen snobistisch, dass wir mit unserem Alltagssarkasmus hoffnungslos hinterher humpeln? Ein Engel durchflog den Raum.

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Ich weiß, ich bin bestimmt der Einzige, der sich diese Frage stellt, weil sie ihn quält, und zwar, weil gerade der „Nussknacker“ auf arte tanzt, ob es eventuell sein könnte, dass Tschaikowski ein unfassbarer Kitsch-Beutel war? Jedenfalls stelle ich hilfsweise die Behauptung in den Raum, dass er der erste Komponist war, dessen Musik man anhören kann, dass ihr Urheber schwul war. Wobei letzteres für mich kein Werturteil darstellt. Ich tanzte auch zu Sarabanden des Marquis de Sade!

Dringender Aufruf

6. Dezember 2011

Was Robert Walser kaum für möglich hielt: Ein Zarter, Großer! Eine Art Genie...

Demnächst, habe ich mir vorgenommen, werde ich eine krachende Eloge schreiben. Das kann ich zwar nicht so gut wie Verrisse, aber ich werde mir alle Mühe geben. Gott, wann LOBE ich denn schon mal? „Loben“ passt auch gar nicht – wer bin ich denn?! Hier ist pur rückhaltlose Bewunderung angesagt! In die Rubrik „Meine Idole“ passt er zwar nicht, weil er noch (mit knapper Not und ohne große Perspektiven) gerade so noch lebt und ich eigentlich nur bereits gut abgehangene und mindestens lange verstorbene Literaten idolatriesiere, – aber Leute, wahrlich, ich sage Euch: Wer in der tristen, sturzöden und strunzdoofen sog. Gegenwartsliteratur nach lichtvollen, ja erleuchteten Perlen sucht, der lese: Wolfgang Herrndorf, lese seine Bücher („In Plüschgewittern“, „Jenseits des Van-Allen-Gürtels“, „Tschik“ und „Sand“) sowie unbedingt wie seinen Blog „Arbeit und Struktur“!

Wäre er mein Sohn, was altersmäßig gerade so hinkäme, meine Todesart wäre gebucht: Platzen vor Stolz! Wer Herrndorfs Sachen liest, ist hingerissen, verliebt und berauscht, hin und weg, ein bisschen neidisch –  oder aber hoffnungslos blöd. Schon wer bloß sein Blog studiert, und sich nicht an der tragischen Situation dieses gottvollen Mannes festsaugt (Glioblastom, geringe Lebenserwartung usw.), der lernt (fast) alles übers Schreiben, nämlich vor allem mal wieder, dass das ungemein viel Arbeit macht und die hohe, aber auch quälerische Kunst des Weglassens und Wegstreichens voraussetzt. Oder dass man, um komische Sachen zu schreiben, ein verflucht trauriger und ein bisschen autistischer Weltfremdling sein muss.

Ich übe mich – stümperhaft freilich – in der Kunst des Weglassens, indem ich hier auf jegliche Begründung verzichte. Ein Mann, der über meine Heimat Sätze schreibt wie: „Hinter Schleswig wird der Himmel hoch und strahlend wie eine renovierte Altbauwohnung“, der muss schon allein deshalb Beachtung finden. Darüber hinaus ist Wolfgang Herrndorf ein ungemein komischer Tragiker, trauriger Humorist und ein Stilist, der einfach schreiben kann wie eine gesenkte Sau. Seit Salinger (entschuldige, Herr Herrndorf, ich weiß, wie sehr Sie dieser Vergleich nervt), hat niemand derart präzise, einfühlsam, klug und witzig über die Psyche heranwachsender männlicher Jugendlicher von 13 bis 33 geschrieben; beim Lesen kommen mir manchmal echte Tränen: dass es so etwas noch gibt! – jemand, der Herzenstakt und Bildung, Jugendwut, Energie und Elan mit geradezu frappantem Sprachgefühl und weltweiser Einsicht verbindet, das hätte ich von besagter Gegenwartsliteratur nie nicht mehr erwartet. Wie er heißt? Ich sagte es vielleicht schon: Wolfgang Herrndorf.  Wer stirbt, ohne ihn gelesen zu haben, hat, zumindest ab jetzt, selber Schuld!

Lebende Idole? Nun ja, ich schätze Eckhard Henscheid, Max Goldt und Eugen Egner, aber Wolfgang Herrndorf … würde ich gern SEIN! Ach ja? Auch mit Hirntumor? Verflucht, Scheiße, ja, zur Not sogar das! Ich kenne ihn nicht, ich bin nicht mit ihm befreundet, aber, um noch mal Salinger zu bemühen, er gehörte wohl zu der Klasse der Schriftsteller, die man nachts, in schlimmen Stunden, gern mal anrufen würde. Was ich mich natürlich nie trauen würde.

Einem todkranken Genie Blumen ins Krankenhaus schicken, wär ja wohl eher so ein Mädchending. Meins dann wenigstens dies: Der Aufruf an meine ca. 45 LeserInnen, Follower und virtuellen Freunde: Besorgt Euch Bücher von Wolfgang Herrndorf! Er ist, und das sage ich jetzt mit dem vollem Gewicht meines literaturwissenschaftlichen Magistertums: ein Großer! Ein Guter! Einer von uns!