Posted tagged ‘Wirklichkeit’

Zug um Zug: Umzug (Hegel und das Tao 2.0)

3. Juli 2012

Home, sweet home…

Unter den philosophischen Großzauseln des 19. Jahrhunderts steht mir Hegel eigentlich am fernsten; gar zu monströs und abwegig erschien mir immer sein monumentales Weltgeistgebastel, trotz allem Respekt, – den ich aber freilich auch Menschen entgegenbringe, die in lebenslanger Hobby-Fron im Keller den Kölner Dom maßstabgerecht aus Streichhölzern zusammenleimen: eine grandiose Leistung, das ja, das schon, aber doch letzten Endes von geringem Nutzen für die Menschheit. – Was mir den schwäbischen Starkbierdenker trotz seiner bierernsten Humorlosigkeit dennoch ein wenig liebenswert macht, ist seine zutrauliche und freimütige, aber doch dezidierte Ablehnung der Alpen.

Der Anti-Romantiker fand sinn- und vernunftlos aufgehäufte Gebirge schlichtweg banal; bei einem Ausflug in die Berner Alpen notierte er vorbildlich herzenskühl: „Die Vernunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art der Erhabenheit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponiert, das ihr Staunen oder Bewunderung  abnötigte. Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die Vorstellung: es ist so.“ Das nenne ich mal konsequent und furchtlos gegen den Mainstream gedacht! Heilige Indolenz der Vernunft!

An den anti-alpinen Panlogisten  musste ich gerade denken, weil ich derzeit ohne Orientierung und nennenswerten Mundvorrat durch die Schluchten des Kartongebirges klabautere. König Ohneland muss nämlich sein Weltreich, in dem die Schreibtischsonne nicht untergeht, in eine ALDI-Tüte packen, bzw. in die Tüte kommen natürlich nur die Wertsachen, aberhunderte von Umzugskisten aber wollen mit Büchern befüllt werden. (Für unsere Kleinen: sog. „Bücher“ waren einstmals archaische, Gemütlichkeit und Wohnlichkeit stimulierende, Gelehrsamkeit simulierende, aber durchaus auch sperrige und in der Masse bleischwere Speichermedien aus der Goethe-Zeit; „Goethe“ indes nannte man so eine Art Sprachspielprogrammierer aus der Weimarer Puppenkiste; „Weimar“ wiederum ist … ach, ich hab keine Lust, das jetzt alles zu erklären, Mann!) Jedenfalls: totales Buddelschiff-Rätsel-Syndrom – ich frage mich, wie ich den ganzen Kram eigentlich je in mein winzig-karges Wohnbüro-Kloster bekommen und darin beherbergt habe, ohne selbst vor der Tür bleiben zu müssen.

Mein großes Tao-Buch, das wie immer nur allzu Recht hat, empfiehlt Männern meines fortgeschrittenen Alters, allen Besitz bis auf einen Wanderstab und eine Reisschale fort zu geben und in die Berge zu ziehen. Solche guten Ratschläge wurden allerdings zu einer Zeit ertüftelt, als man alles Wissenswerte noch mühelos im Kopf behalten konnte. Natürlich könnte der Wandermönch heute nebst Stab und Schale noch ein Notebook mitnehmen und den ganzen großen Lebensschamott in einer cloud parken – Tao 2.0, sozusagen. Aber dazu bin ich zu old school, und Berge, fällt mir grad ein, sind eh nichts für mich, da bin ich dann doch Hegelianer.

Außerdem stecke ich bis zum Hals in Wirklichkeit, in der Hegels Weltgeist-Dialektik gar nicht vorkommt; dafür Scheuerleisten-Probleme, Beleuchtungsangelegenheiten und diffizile Logistik-Wirrnisse. Dinge, die ich nicht studiert habe! Wirklichkeit ist wie alpine Gesteinsmassen: vernunftlos, blickdicht und doof positivistisch: „Es ist so…“, das ist noch das beste, was über sie zu sagen ist, freilich mit dem Zusatz: „…kann aber so nicht bleiben“.

 

Advertisements

Das Wesen der Ehe

29. Januar 2012

Altägyptische Hieroglyphe. Übersetzung: Für den Seegurch Mikado-Suppe!!

Samstag: Motte und Nobbler durften noch etwas draußen und flogen zusammen über den Fußballteich. Im Einmachglas dabei: Hans Griebel, Nobblers zahmer Seegurch. „Komm“ frohlockte Motte, „lass uns mal Wirklichkeit spielen!“ – „Ooch, nö, nich wieder … – und welche denn?“ nöl-zögerte Nobbler. – „Na, komm schon! Die harte, ganz grause!“ – „Ach so. Na gut…“ – Schon legte Motte los und setzte sein schlimmstes Besorgnisgesicht auf, Mundwinkel unters Kinn geknöpft, und machte so jämmerlich „uuh, ooh, uuh, ooooh!“ dazu, dass der Seegurch erschrocken aufquiekte. „Jetzt müssen wir rasch einen nachhaltigen Geredeschirm spinnen“ bibberte Nobbler, vom Elend der Wirklichkeit betroffen,  und bohrte suchend in der noch kindlich unentwickelten Stupsnase, „damit wir Vertrauen haben. Vertrauen ist nämlich total wichtig! Und auch Wachstum noch!

Motte hatte indes von der Fernseh-Muhme ein niegelnagelneues Blödwort dabei, das jetzt passte: „Ich denke,“ er sog an seiner imaginären Grübelpfeife, „wir sollten auch in der Fläche breit aufgestellt sein...“  Nobbler schob bereitwillig das Bäuchlein vor, um sich breit aufzustellen, nur mit der Fläche haperte es noch einstweilen. „Wir müssen aber auch nach vorne schauen“, schlug er deshalb vor. Besinnliches Schweigen. Eine Weile schauten sie beide nach vorne. Hans Griebel auch. Dann wurde das aber allen fad, denn dort vorne gab es wirklich gar  nichts zu sehen.

Wirklichkeit ist ein ziemliches scheiß Spiel, und überhaupt mehr was für Mädchen – darüber wurden sie alsbald einig und stülpten stracks ihre Antennenmützen aus dem Metaphysikunterricht über, um etwas Himmelsfunk abzuhören, Mangoldengel, Rauschgoldflittchen, Gesänge aus der Offenbach-Offenbarung, das ganze Programm für kleine Visionäre. Hans Griebel bekam die hölzernen Kopfhörer über. Seegurch-Propheten kommunizieren im Unterholzbereich, niedrige Sequenz-Frequenzen, einfache Sprache, große Buchstaben. – Nachdem Samstagabend-„Hosiannah!“ erscholl ihnen aber selbdritt die Stimme des Höchsten: „Wahrlich, es wird eine Zeit kommen, da ihr Käsestullen essen sollt!“  Nobbler hatte zwar „Creme-Schnittchen“ verstanden und der Seegurch schwor, es müsse „Gräten-Rollen“ heißen, aber egal, ein Hörfehler ward ökumenisch ausgeschlossen: Religion macht alle Klein-Gläubigen hungrig. – „Ey, Leute, mal herhörn“, krähte Motte enthusiastisch, „doppelter Hoppel-Galopp! Wer erster im Heim ist!“

Derart lustig flogen die Beine und schepperten die Schulterblätter, dass dem Seegurch in seinem Glashaus die Karussellen klingelten, oder, um ein billiges Wortspiel auf seine Kostenstelle zu setzen, ihm wurde ganz griebelig. Erhitzt, mit quatschnassem Schuhwerk und glühenden Ohren traf man im Turboläum ein, dem Internat für Knaben aus katholischer Bodenhaltung. Die Herbergsmutter, Frau Frerkes, schimpfte pflichtschuldigst ein wenig über die lehmigen Klotschen, schmunzelte aber doch dann gütig durch die Finger und schmierte ihren Rackern Margarinebrote mit Käse – so war es ja geweissagt, im Himmelsfunk! Für Hans Griebel gab es Mikado-Suppe, dann ab ins Regal, Schlafenszeit für Gurchi.

Auch Nobbler und Motte holten sich bei Pastor Meyerbeer, dem Traum-Kastellan, ihr täglich-nächtliches Schippchen Abend-Segen, tranken im Schrankbett noch einen Hustentee mit Honigseim und verklebten die Finger zum Nachtgebet. „Wenn ich groß bin, heirate ich vielleicht Mutter Frerkes“, verkündete Nobbler träumerisch ins Dunkel. Motte lachte sich scheckig! „So’n Quatsch, Mann!“ prustete er, „dann wärst du ja ein voll schwuler Ödipus, Blödi! Nee, da geh ich lieber nach Hammurch-St.Pauli, als Profil-Boxer!“ – Knabengespräche halt, wie sie so oder ähnlich wohl überall geführt werden, wo Gottvertrauen, Unterwasserfußball und schwellende Säfte zusammenprallen. „Mann, Mann, Frau Frerkes, die ist mal bummlich achtunnfuffzig!“ murmelte Motte noch, aber Nobbler war schon eingeschlafen und träumte von Bergen von Bratkartoffeln. – Ach, wehe, sie kommt nicht wieder, die schöne, sorgenfreie Knabenzeit! – Im Traum war Motte übrigens Freigeist, er träumte, er sei ein freigrüner Posaunenpilz und fräße kleine Mädchen. Als Pointe zu schwach, aber in sozialer Hinsicht auch nicht unbedenklich! Freund Nobbler indes träumte von erregenden Bratkartoffel-Verhältnissen. Er war der frühreifere von beiden. Er wusste vom Wesen der Ehe!

Schneekugeln, Altlasten, Fernsehen ohne Geruch

26. März 2011

Bombenstimmung im Geddo

Neuerdings interessiere ich mich für den Buddhismus der Tibeter. Also nicht die für den Westen weichgespülte Version des lieben Onkel Dalai Lama, sondern die alte hard-core-Lehre. Die weisen alten Männer auf dem Dach der Welt waren z. B. der Überzeugung, was uns alltäglich quält, schmerzt, ängstigt, nervt oder auch nur schwer auf die Kette geht, sei im wesentlichen bloße Illusion, Projektion des Ich oder Einflüsterung mieser Dämonen, nichts Wirkliches jedenfalls. Das hat was, finde ich. Es beruhigt. Man starrt auf den Bildschirm und atmet tief durch: Nothing is real! Kann mich also letztlich kalt lassen. Oder warm: Guckt man in eine Schneekugel, die man schüttelt, friert man ja auch nicht, obwohl drinnen der Blizzard tobt.

Außerhalb der großen Schneekugel – bzw. innerhalb der kleinen eigenen – hat man es schön, aufgeräumt, satt und bequem. Da ist der kleine Mann ganz groß. Kann etwa die Füße auf den Tisch legen und den Strategen spielen. Solln wa Bodentruppen einsetzen? Oder bloß die neuen Marschflugkörper antesten? Mal unsren fetten Eurofighter aus der Hose holen? Ich Fernseh-Depp guck mir startende Bomber an und denk tatsächlich im Stillen: Genau! Bombt den doch weg, den scheiß Diktator, schmort dem seinen verfickten Untergangs-Bunker zu Asche! (Man bleibt ein Kind, trotz allem…) – Das Beste an den elektronischen Medien ist immer noch, dass sie keine Gerüche übertragen können, oder? Der Geruch nach Phosphor, Napalm, verbranntem Fleisch und eiternden Wunden bleibt hinterm Schirm. Gut so! Will ich vielleicht wissen, wie es in den nordjapanischen Ortschaften riecht, wo noch tausende Leichen geborgen werden müssen? Nein, möchte ich lieber nicht.

Gestern hatte ich ein Flugblatt im Briefkasten. Darauf war mein Stadtteil (genau, das Geddo plus Umland) abgebildet, darüber war eine Art Fadenkreuz gelegt, mit so Zonen-Kreisen wie um Fukushima. Erst dachte ich, es handele sich vielleicht um diese neumodischen Kaufkraftanalyse-Diagramme und es ginge um ein neues Möbelhaus oder so. In Wirklichkeit (!) wurde eine weitere britische oder amerikanische Zehn-Zentner-Bombe (= ca. 145 Zentner TNT) aus dem II. Weltkrieg gefunden, mitten im dicht besiedelten Wohngebiet, in der Friedenstraße. Montag wird man versuchen, die Bombe zu entschärfen. Wir müssen dann daheim bleiben, die Fenster schließen und unter dem Küchentisch Platz nehmen.  Ich selbst befinde mich mal wieder im Zonenrandgebiet, aber die Sommerresidenz der Gattin liegt so ziemlich im Zentrum der Kreise. Nun ja, Duisburg war ein Zentrum der faschistischen Schwerindustrie, da wimmelt es halt vor Blindgängern, auch 67 Jahre nach den alliierten Luftschlägen. Aber bis jetzt fand man die schlummernden Höllenmaschinen immer in anderen Vierteln (andere Schneekugel!), nicht bei mir um die Ecke. Erstmals würde ich das Misslingen der Bombenentschärfung also nicht aus den Medien erfahren, sondern unmittelbar. Es würde schneien in meiner eigenen Kugel!

So weit wird es aber vermutlich nicht kommen. Der nordrhein-westfälische Kampfmittelräumdienst verfügt glücklicherweise in allen größeren Kommunen über erfahrene, professionelle Bombenentschärfer, die gewohnheitsmäßig ihr Leben riskieren, damit uns die Wirklichkeit nicht einholt. In Duisburg haben sie es schon mit der dritten Bombe in diesem Jahr zu tun. Es sind unberühmte Leute, wie die meisten echten Helden. Sie entsorgen den tödlichen Müll des Krieges. Nach sieben Jahrzehnten immer noch. – Wer sich vor dem Bildschirm an „chirurgischen Luftschlägen“ ergötzt, sollte das evtl. im Auge behalten: „Die Wirklichkeit blutet wirklich“ (Botho Strauß). Es sei denn, man entschließt sich, ein tibetischer Mönch zu werden.

 

Integrierte Kopftuchmuttis und von der Sprachpolizei gesuchte Diskriminelle treffen sich bei LIDL

2. Dezember 2009

Vollintegrierte Kopftuchmutti: W. Buschs Witwe Bolte

Kürzlich wurde ausgerechnet ich von einer offenbar stark hysterisierten Sprachhilfspolizistin des „Rassismus“ bezichtigt, weil ich in einem launigen Stimmungsbericht aus der Nachbarschaft u. a. von „watschelnden anatolischen Kopftuchmuttis“ erzählte. Ja, was? Und? Erstens werde ich eher die Verkehrssprache wechseln, als daß ich stattdessen „korpulente, kinderliebe Damen in korrekt konservativ-islamisch-anatolischer Dörflerinnentracht“ sage;  zweitens wimmelt es hier von diesen meines Erachtens ziemlich präzise beschriebenen Erscheinungen, drittens sind weder Anatolier noch Muslime eine „Rasse“, deren Inferiorität man satisfaktionsfähig behaupten könnte, noch würde ich viertens so etwas jemals auch nur im Traum tun. Also, so what!

Blöde Sprachpolizei! Die treibt mich noch in den semantischen Untergrund, wo ich dann, in dunklen Ecken mit Gleichgesinnten um brennende Mülltonnen herumstünde und heiser flüsternd verbotene Wörter austauschte. „Mohrenkopf, Zigeunerschnitzel, Negerkuss, Kümmeltürke, Jubelperser, Russennutte, Kosakenzipfel“, so hörte man mich dort evtl. trotzig murmeln, und nachts wohnte ich in düstren Kellern illegalen Punk-Konzerten der Diskriminellen-Szene bei, auf denen „Zehn kleine Negerlein“ gesungen und performt würde, und zwar von den Drei Chinesen mit dem Kontrabaß!

Ansonsten steh ich zu dieser Art ost- oder südanatolischen Traditionsmuttis nicht anders als zu düsseldorferisch protzreichen, edelbajuwarischen Damen mit eisenhart gesprayter Silberlocke, Trachtenhut und teurem Lodenmantel. Ich nehme Abstand und zeige meine Missbilligung auf die denkbar dezenteste Weise (für zwei Sekunden hochgezogene rechte Augenbraue) . –  Obwohl mich im Straßenbild vieles nervt, bin ich indessen im praktischen Alltag von höflich-gelassener Laissez-faire-Toleranz, – auch wenn ich ja persönlich an der Einschätzung festhalte, daß die Frauen mit Türban, Hijab, Burka oder diesem kleidsam-bodenlangem, beige-braunen Popeline-Mantel nicht zur Speerspitze der Frauenemanzipationsbewegung gehören. Und ich, ich bin halt seit Jugendjahren ein schüchtern am Rande beifallklatschender Sympathisant der Frauen und ihrer Emanzipation.

Ich gehe noch einen dreisten Schritt weiter, als sei ich ein mit Freisprech-Einrichtung ausgestatteter Seiltänzer im Zirkus Sarrazini, und behaupte: Die meisten Klischees, die man so über integrationsunwillige Mitbürger, Hartz4-Opfer und Unterschichtler mit Frühstücksbier und Flachbildzeitung im Kopf bewegen kann, fänden, wenn man es darauf anlegte, in meinem Viertel – das ich auch nicht mehr ironisch „Geddo“ nennen darf, weil das die Judenverfolgung irgendwie leugnet oder verherrlicht oder was –, fänden dort also durchaus gewisse Bestätigung in Form zahlreicher Belegexemplare.

Allerdings eben dann auch wieder gerade nicht bzw. nicht nur! Immer mal wieder unterläuft die Realität das Klischee auch, und das gibt mir oft die kleine Dosis schmunzelnden Tagessüßstoff, die man braucht, um trotz allem bei Laune zu bleiben. Dafür ist die LIDL-Filiale an der Brückenstraße genau der richtige Ort. Personal und Kundschaft „international“ nennen hieße Griechen nach Athen tragen. Hier herrscht Diversität wie beim Turmbau zu Babel. Hier kaufen Kümmeltürken ihren Kümmel, deutsche Süffel ihren Schnaps, Paki-Paschtunen Pasta, Bantus aus Burkina Faso oder Burundi bunkern Buletten, und Roma Sinti neuen Preisvergleichs-Piraten. Preiswerter als bei LIDL geht praktisch kaum, das wär schon geklaut. (Daß die sensationellen Preise dieses Discounters sich u. a. einer ziemlich gnadenlosen, überfordernden Ausbeutung des Personals verdanken könnten, ist ein Gedanke, der mir flüchtig, aber regelmäßig, beim Betreten und Besichtigen der Filiale durch den Kopf schießt. Aber vielleicht ist das ja auch ein Klischee? Ein Vorutrteil, eine rassistische Invektive gegen Discount-Unternehmen?)

Jedenfalls erlebe ich beim dreimal wöchentlich absolvierten LIDL-Besuch manchmal Vorurteilsdurchbrechungen, die ich gut finde, weil sie das Differenzierungsvermögen schulen. Zwei davon zum Schluß. Ich stehe in der kilometerlangen Schlange vor der Kasse, die entsteht, weil LIDL seine Kunden mit der gleichen Hochachtung behandelt wie sein Personal. Vor mir eine „Kopftuchmutti“ mit grossfamilientauglichem Masseneinkauf im Wagen. Na, denke ich gerade noch vorurteilsbeladen, die wird am Ende wieder umständlich mit zusammengekratzten 2-Cent-Münzen bezahlen (die kriegen von ihren Männern nie Papiergeld in die Hand!) und die Kassenfrau zum augenrollenden Wahnsinn treiben und den ganzen Verkehr auf… – da wendet sich die Frau zu mir um, registriert meinen Single-Einkauf und spricht, freundlich und in akzentfreiem Deutsch: „Wenn Sie nur diese zwei Teile haben, lasse ich Sie gerne vor!“ Errötend stecke ich mein Vorurteil wieder in die Brieftasche und danke mit dienernder Höflichkeit.

Noch schöner fand ich freilich einen anderen Vorfall. Warum, kann ich gar nicht erklären, aber er erheitert mich schon seit zwei Wochen. Wir stehen, abermals wartend, im Pulk vor den zusammengeketteten Einkaufswagen. Die sind bei LIDL manchmal defekt und schlecht gewartet. Manchmal kriegt man seinen Pfandeuro nicht wieder, oder das Kettenschloß klemmt. Vor mir ruckelt eine tief verschleierte Ganzkörperorientalin mit nachlassender orientalischer Geduld vergeblich an ihrem festsitzenden Wagen. Zornig funkeln die schönen Augen unter den tiefschwarzen Brauen. Ein Bild rassiger Exotik! Doch dann entfährt der Dame, laut und klar, in perfektem, ungefärbten Deutsch ein tiefempfundes: „Manno! Was ist das denn hier für ein gottverdammtes, verficktes, saublödes Scheißteil!“ DAS ist für mich ein Stück Integration. In einer fremden Sprache spontan, fließend und korrekt fluchen zu können, ist nämlich ein Beweis dafür!  Ich war über diesen Wutausbruch so begeistert, daß ich die Dame spontan hätte umarmen und küssen können. Aber das wäre ja nun doch zuviel des integrativ Distanzlosen.

Ob ich ihren schönen Schimpfwortfluch hier überhaupt im Netz zitieren darf, ist natürlich fraglich. Man darf heute keinesfalls alles sagen, was man will. Womit dieser Besinnungs-Aufsatz wieder von vorne beginnt.