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Ein Weihnachtsalbtraum

23. Dezember 2011

Alles ist erleuchtet! (Ich, im Festtagsschmuck)

Weit oben, jenseits der sumpfig-dunstigen Schwellpolsterauen, verstieg ich mich einst hoch im Schrankwand-Gebirge. Ein hartes, ein reiches Land! Hoch ragten die Buchattrappen, furnierbestandene Plateaus äugten fremdelnd, wie von Munch gemalt, in stummem Schrei, und Schluchten aus eitel purem Resopal gähnten verstohlen! Von Höhenangst und Luftnot gebeutelt, folgte ich dem kargen Weg der Hungerholzwürmer und wilden Staubmäuse, surfte, schürfte und schnob durch nie gesehene Welten aus Repräsentationsgeröll und erblindetem Lebensmüll. Oho ich war ein Abenteurer gewesen! Das Reich der undurchsichtigen Gardinen hatte ich durchstreift, die Herden der Alpenveilchen geweidet, mich als Teppichfransen-Kämmer verdingt und durchgeschlagen; Weihnachtssterne hatte ich gesehen, verdorrte Strohkränze gekaut und in manch trockene Tischkante gebissen! Doch jetzt balancierte ich auf unsagbar öden Graten, rauchte die letzten Luftreserven und leckte darbend den Teer vom Himmelsgewölbe.

Schminke er sich umgehend! Werfe er sich verkleidungshalber rasch in erstbeste Frauengewänder und eile zum Trefpunkt (sic)!“ – erging der Befehl an mich. Im Schminkraum herrschte das typische Chaos. Obwohl ich abdeckte, pinselte, schmierte, spachtelte und Schlieren wischte, bis mir schlecht wurde, ich bekam die Frau nicht hin, weder Vamp noch auch nur Mutti, sah in meiner Kittelschürze eher aus wie ein trauriger Musikal-Clown mit derangierten Glitzerapplikationen. Wie sollte ich so zum Agententreffen? Weh mir, in der Vitrine klirrten die Gläser. „Er kriegt es nicht hin! Er kriegt es nicht hin!“ wisperte die Nippes-Innung, und tausend schielende Engel bliesen die grause Blockflöte und summten ergrimmt: „Hängt ihn! Hängt ihn an die nächste Edeltanne!

Unten stieg die Mutter erschöpft von der Gänsebrust und rief: „So wartet doch! Ich muss mir noch den Bratendunst aus dem Haar bürsten!“ Der Vater gestikulierte wegwerfend und kippte fortwährend hochkonzentriert kleine Schnäpse hinunter. Zunächst lustige, dann zunehmend auch Noten in Moll-Tonarten schwirrten um seinen hochroten Kopf. Oben vom Gebirg herab, wie durch ein umgedrehtes Fernglas, erblickte ich meine Schwester, die opportunistische Schlampe, wie sie indolent Gedichte herunterleierte und dabei dauernd lauernd nach Geschenken gierte. „Meine Schwester ist ein Fisch“, schoss es mir durch den Kopf. Mir ward zugleich unerklärlich edelmütig und ekelhaft elfenhaft zumute, wie nach zuviel Kräuterlikör, wiewohl zugleich, wie beiläufig, auch Mordgedanken kamen und gingen. Familienmassaker! Wann, wenn nicht jetzt? Gleich kommt die Langspielplatte mit dem Karpfen-Konzert! „Am Himmelsrand gibt’s keine Scheuerleisten“, dachte ich und merkte dem Gedanken an, dass er an kargen Almen nagte.

Untertage tobte der gnadenreiche Festtagstango. Verwandtschaften strömten in rauen Massen in die stickichte Stube, verflochten sich in der Sitzgruppe zu einem Rattenkönig, schnatterten und schnäbelten schamlos, die Reptilienmischpoke, Lemuren, Lurche, langustenhafte Lumpentanten und Ludertunten. Ich sehnte mich nach Marzipankartoffelbrei mit Vollbart und 50 Stimmungskanonen, aber daran war nicht mal zu denken! Ich saß ja fest, oben im Schrankwandgebirge, ließ die feinstrumpfbehoste Seele baumeln und formte stumm die Worte der Weihnachtsgeschichte, ahmte dabei, alle Viere von mir gestreckt,  pantomimisch den Stern von Bethlehem nach und betete insgeheim inbrünstig um wenigstens  drei Weise…

 Später hat es geheißen, ich sei schon am Heiligabendvormittag (was für ein Wort!) betrunken gewesen, hätte wirres Zeug geredet und sei persönlich ja wohl nun bestimmt am wenigsten berechtigt, über Vaters Schnäpse Sottisen zu schnörkeln. Der Alb ist noch nicht beendet, aber was kann man tun außer hoch in der Schrankwand zu sitzen und zu warten, bis es vorüber geht?

50 Wörter für Schnee (Aber 366 dagegen!)

20. Dezember 2011

Wetterkitsch für Kinder (Foto: Wikipedia)

Ich bin zwar kein Inuit, hab aber auch 5o Wörter für Schnee: Dreckszeug, Matsche, Ärgernis, Lästigkeit, Verkehrsgefährdung, Naturkitsch, Wetterblödsinn, Scheißwetter, Überflüssigkeit, Mistpampe, Räumpflichtgeröll, Moppelkotze. Die restlichen 38 Bezeichnungen sind geheim und gehören zum Arcanum der Schwarzen Fluchkunst, die bei Strafe sofortiger Straßenverkehrsverhexung durch Frau Hölle nicht ausgesprochen werden dürfen. – Ich begreife erwachsene Mitbürger nicht, die, den Daumen tief im kindischen Flunsch, alljährlich bangen, barmen und quengeln, ob es denn heuer bloß wohl auch noch weiße Weihnachten geben werde. Dabei haben sie mit Weihnachten gar nichts zu tun. Ob da Jesus oder Kindkaiser Kim Jong-Un geboren wurde, ist ihnen schnurz. Hauptsache, es liegt Ende Dezember überall gefrorenes Schmutzwasser herum! Das ist nämlich unabdingbar für die Gebrüder-Grimm-Stimmung provinzieller Heimeligkeit, die das Bratapfel-Kernstück des deutschen Gemütlichkeitsterrors bildet. Nirgends offenbart sich die infantilistische Regression der Weihnachtszeit grauser als im Schneekult.

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Vollends außer Rand und Band gerät der Schneekult im sog. Wintersport. Ab Dezember/Januar kennt das öffentliche Rentnerfernsehen keine Politik mehr, keine Kultur und nicht mal mehr Wettkochen: Rund um die Uhr wird Wintersport gesendet. Menschen stellen sich auf Bretter und rutschen Berge herunter. Das ist so spannend wie Frau Frerkes beim Hemdenbügeln zuzugucken. Ich würde ja lieber mal sehen, wie es gelingt, auf dem Fahrrad unfallfrei über die Graupelpisten zu schlittern, wenn man zur Arbeit muss. Aber das zeigen die Herren Wintersportfanatiker natürlich nicht. Soll ich in meinem Alter vielleicht auf dem Snowboard zur Schule?

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Das einzig Gute an Schnee ist, dass man schnell nasse Schuhe bekommt. Nasse Schuhe liebe ich über alles, davon kann ich nie genug bekommen; besser sind nur noch eiskalte Füße. Darauf könnte ich Loblieder singen! Übrigens, das einzige Wintergedicht, das ich auswendig kenne, ist vom genialen Wuppertaler Diplom-Psycho Eugen Egner und geht so: „Winter. / Unpraktische Jahreszeit.“ Gut, das ist jetzt nicht episch, aber Schnee ist auch nicht episch, sondern bloß zweieinhalb Monate Kopf-zwischen-die-Schultern-Ziehen, Zittern und Warten, dass es irgendwann vorbei ist. Soundtrack dazu: Henry Purcell, Zitter-Arie („The Cold Song“) aus „King Arthur“: „Let me, let me, / Let me, let me,/ Freeze again…/ Let me, let me, / Freeze again to death!“

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Googelt mal zwischen Schneeballsystem und Schneewittchen: Es gibt auch noch Faulschnee, Sulzschnee, Blutschnee und Büßerschnee. Das sagt ja wohl alles! Schneeekel!

MY PERSONAL JESUS

23. Dezember 2009

Seltenes Originalfoto von Jesus: Geliebt, verehrt und bewundert, aber leider nie wieder erreicht, gilt er heute neben Elvis und Michael Jackson als einer der "drei Unsterblichen"...

Es ist schon ein Weilchen her, daß mir träumte, ich besäße eines der raren authentischen Originalphotos von Jesus von Nazareth, und er hätte auf meine Bitte, es mit einer persönlichen Widmung zu versehen („Für meinen Lieblingsapostaten, Apostel St. Bruno Kraska“), zwar unendlich schwermütig geschaut, aber dann doch schließlich meiner Bitte achselzuckend entsprochen. Sein sanft durchdringender Blick dabei sprach freilich Bände bzw. den Satz (auf hochdeutsch!): „Herr vergib ihm, denn er weiß nicht, was sich tut!“ Mir war das doppelt peinlich, weil mir gerade die Überlegung durch den Kopf schoß, was so ein Autogramm wohl eintrüge, stellte ich es bei eBay ein. Ich schämte mich dafür, denn in meinem Traum konnte Jesus Gedanken lesen und ich spürte deutlich, wie seine Entdeckung, daß er – übrigens genau wie ich! – gar nicht wußte, wie man etwas „bei eBay einstellt“, ihn quälte und irgendwie verunsicherte. Trotzdem behielt ich von diesem Traum das beruhigende Gefühl zurück, daß Jesus und ich gute Freunde hätten sein können, wäre er nicht so ein hohes Tier geworden. Ein Kumpel, dessen Vater GOTT ist, war mir aber doch zu heikel.

In einem anderen Traum erhielt ich mal in der kleinen Druckerei-Klitsche, in der ich arbeitete, Besuch vom damaligen Papst Johannes Paul II., und zwar wollte er fünfhundert Dreifach-Selbstdurchschreibe-Formularsätze bei uns bestellen. Irgend so Zeug für die Steuerklärung des Vatikans oder so. Obwohl er sehr imposant, zeremoniell und in vollem Ornat, mit goldener Tiara, Schärpe, Stola, Umhang sowie Schnabelschuhen aus weinrotem Saffianleder auftrat, erkannte ihn mein Kompagnon, der für die Kundenbetreuung verantwortlich war, nicht nur nicht, sondern nannte ihn auch noch ständig penetrant „Herr Dr. Schmittke“, was zwar respektvoll klang, aber dennoch gegenüber dem Pontifex maximus völlig deplaziert wirkte. Auch dies war mir ungemein peinlich! Mir scheint, Träume mit Religionsbezug sind bei mir immer mit einem Gefühl der schamvollen Verlegenheit verbunden. Moderne Psychoanalytiker mögen das gern mit meiner verstorbenen Frau Mutter in Verbindung bringen.

Obwohl ich dem Christentum (wie jedem -tum, auch dem Brauch-, Volks- und Heimattum!) skeptisch gegenüberstehe, bin ich Jesus-Bewunderer. Jesus war ein echter Frauentyp: Sanft, einfühlsam und sexy, klug, eigensinnig und angenehm unkonventionell. Er sah verdammt gut aus, hatte Charme und bezwingendes Charisma. Gut, er war auch ein Spinner und hat Sachen gesagt, die er, hätte er kritisch-solidarisch diskutierende Berater gehabt, vielleicht noch mal überdacht hätte. Z. B. diesen Quatsch aus der Bergpredigt, daß, wer eine andere Frau begehrlich ansähe, mit ihr bereits die Ehe gebrochen hätte. Daß finde ich weltfremd und humorlos, und auch ein bißchen arg prüde.

Jesus hatte das Glück oder Pech, wie übrigens auch meine Frau Mutter, an Weihnachten geboren zu werden, einer perversen Zeit des Ratenkaufs und der Null-%-Finanzierungen, der Sonderaktionen und Sale-Schnäppchen. An ein Kreuz aus IKEA-Kiefer genagelt, einen Kopfhörer von Saturn oder Mediamarkt als Dornenkrone (Im Player: „Hosiannah! Best of Holy Gospel-Gossip“) über der Stirn, starb der Nazarener bereits drei bis vier Monate später schon wieder, am Karfreitag, war dann aber allerdings auch nur bis Ostersonntag tot. – Eine krasse Biographie! Nebenher wurde Jesus auch bekannt als Erfinder einer gleichnamigen Sandale und als Singer-Songwriter-Composer des Welthits “Always look on the bright sight of life!“ Gäbe es, was Gott verhüten mögen, eine RTL-Show „Deutschland such den Super Religionsstifter“ (Jury: Dieter Bohlen, Bischöfin Margot Käßler sowie Ottfried Fischer), Jesus käme ins Halbfinale, totsicher.

Meine Mutter wäre dieser Tage 85 geworden; Jesus ist bereits 2009 Jahre alt; in meinen Träumen und in meinem Herzen treiben beide ihr Wesen und dürfen ihr Eckchen bewohnen. Ein kleines bißchen froh bin ich aber auch, ihnen entronnen zu sein.