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Eigentlich kein Text (9/11)

11. September 2011

Momentan weiß ich nicht, wer die Rechte an diesem Foto hat. Ich werde es rausfinden. Jedenfalls bin ich solidarisch...

Texte, die mit „eigentlich“ anfangen, grooven nicht. „Eigentlich“ ist ein weinerliches Wort und leitet keine hook line ein. Eigentlich. Eigentlich wollte ich etwas über 9/11 schreiben; dass ich den islamo-faschistischen Massenmord damals persönlich genommen habe und dies noch heute tue; dass es meine Leute waren, die starben; dass meine Art, zu leben, meine Kultur und meine Werte angegriffen wurden. Ich wollte meine Verachtung für Antiamerikanismus, Antisemitismus und Anti-Zionismus zum Ausdruck bringen, Verschwörungstheoretiker verspotten und die ebenso verlogenen wie windelweich-ideologischen Islam-Versteher, Dialog-Phantasten und Totalitarismus-Verharmloser wortgewaltig niederpolemisieren. Ich wollte, kurz gesagt, mit einem einzigen Kurztext die Zahl meiner facebook-Freunde halbieren, dito die Zahl meiner LeserInnen.  Heroisch wollte ich mir den gelben Stern des bekennenden Israel-Verteidigers anheften und mich als beinharter USA-Fan outen. Gegebenenfalls hätte ich noch erwähnt, dass „mein“ Amerika das von Dylan, Bukowski, Joplin, Hendrix, James Ellroy, Buddy Guy und Robert Crumb ist, das Amerika von Tom Waits, Captain Beefhart, Woody Allen und Tarantino, weniger das von Georg W. Bush, Donald Rumsfeld und Dick Cheney. Obwohl das ja wohl klar ist.

Ich erwog, von meinen Freunden in Chicago, Illinois, zu erzählen, die meine „linken“ anti-amerikanischen Vorurteile einst in wenigen Wochen in Luft auflösten; am Ende hätte ich Persönliches ausgeplaudert, dass ich nämlich, wiewohl nicht ungern Deutscher, eigentlich lieber Amerikaner wäre; noch lieber vielleicht Israeli, aber dafür wäre ich vermutlich zu feige.

Eigentlich wollte ich sogar noch philosophisch werden und erklären, dass es keine Situation ohne Macht gibt: Wer nicht für die Macht des Westens ist, hält es halt mit einer anderen Macht. „Keine Macht“ gibt es nicht, auch wenn grün-linke Ideologen solche Idylle nicht müde werden, zu beschwören. Möglicherweise wäre ich sogar so weit gegangen, öffentlich zu machen, dass ich für die weltweite Dominanz der Ideale der Aufklärung bin, und zwar militant, auch wenn Militanz bei einem adipösen, osteoporotischen alten Sack wie mir natürlich der Komik nicht entbehrt. Kurzum, eigentlich wollte ich mich erklären.

Aber dann walzte die ungeheure graue Staubwolke des Geschwätzes heran, in Leitartikeln, Kommentaren, Talkshows, Sondersendungen und Blogs und schlug über mir zusammen. Die großen 24 Stunden der Selbstgerechten, der Besser- und Bescheidwisser, der Klugscheißer, der Leute, die den Juden den Holocaust nicht verzeihen können und den USA nicht, dass sie uns vom Faschismus befreit und wieder aufgepäppelt haben. Diese Wolke hat mir den Atem genommen, den Mut und Lust, die Dinge gerade zu rücken. Die Einsicht von Karl Kraus, dass manche Äußerungen so dumm sind, dass noch nicht mal ihr Gegenteil wahr ist, hat mir die Kraft geraubt und den Glauben ans Wort.

Eigentlich sollte ich mich auf meine Rolle als unerheblicher, melancholisch-romantischer und impressionistischer Idylliker beschränken und das Politisieren lassen. Zum Politischen tauge ich echt nicht, weil ich die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt zu gut kenne; das Schweigen erlaubt mir wenigstens, mit vollem Bewusstsein naiv zu bleiben: Obwohl ich die Bilder vom Einschlag der Flugzeuge ungefähr tausendmal gesehen habe, krampft sich mir immer noch das Herz zusammen. Ich habe anscheinend ein empfindsames Herz, zugegeben, aber darin haben nicht alle Platz. Mein Mitgefühl für Taliban, die Mädchen die Nase abschneiden, „Ehebrecher“ auspeitschen und Vernunftanhänger steinigen, hält sich in äußerst engen Grenzen. Klar, die Politik von Bush, Rumsfeld, Sharon oder Netanjahu ist möglicherweise nicht klug, nicht weise, nur, wer bin ich, darüber zu urteilen?

Im Fernsehen werden klippgeschulte Hobby-Flieger-Idioten wie Roger Willemsen oder Elke Heydenreich (!!?) darüber interviewt, warum die Amerikaner alles falsch gemacht haben und die jüdische Geld-Verschwörung an allem die Schuld trägt. Jeder halbgebildete Skribent oder ambitionierte Ingenieur* (ups! Damit meinte ich die gerade im TY verfolgten Sprengmeister, die behaupten, es sei gar kein Flugzeug ins Pentagon geflogen – nicht indessen befreundete Ingenieure!) glaubt, er wüsste es besser als „die Amerikaner“, „die Juden“,  „die Imperialisten“ oder, horribilie dictu, „das System“. Nach meinem Eindruck wird viel dummes Zeug publiziert, selten aber dümmeres als das über „9/11“. Sollte man sich an diesem Geschwätz beteiligen?

Eigentlich nicht. Deswegen schreibe ich nichts über 9/11. Ich bin traurig.

In die Schublade gesprochen

17. Mai 2011

Immer ein offenes Ohr: Schublade

Vor vielen  Jahren, als Affektkontrolle für mich noch ein Fremdwort war, geriet ich eines Nachts aus hier unerheblichen Gründen einmal in eine veritable Sauwut, der ich spontan Luft zu machen beschloss, in dem ich der Wohnzimmertür einen heftigen Tritt verpasste. Im Nachhinein betrachtet keine gute Idee! Zu meinem Nachteil irrte ich mich nämlich leider, gerade erst eingezogen, darin, die Tür für massiv hölzern zu halten, – bestand sie doch in Wahrheit kassettenweise aus tückisch überlackiertem Glas, sodass ich mir mittels meines Tritts (es war noch zu Kampfsportzeiten) versehentlich ein etwa anderthalb Handteller großes Schnitzel aus dem rechten Unterschenkel hieb. Glücklicherweise angetrunken und von Adrenalin narkotisiert, besah ich mir den Schaden furchtlos, pappte die heruntergeklappte Beinscheibe wieder an Ort und Stelle und band sie mit einem Küchenhandtuch fest. Dann legte ich mich erstmal schlafen. Ich war noch in einem Alter, in dem Schlaf Wunder wirken konnte.

Indes, wir beide, vor allem aber das Bein, sahen am nächsten Tag nicht so gut aus, ich wegen Verkaterung, das Bein, na ja. Ich humpelte widerstrebend zur nächstgelegen Arztpraxis. Der von mir zum Hausarzt erkorene Doktor war uralt und, sagen wir es offen, wohl auch schon ziemlich senil, möglicherweise sogar ganz leicht dement. Ich übertreibe nur geringfügig, wenn ich behaupte, er glaubte noch daran, dass Heroin gut gegen Husten ist. Dennoch war ich irritiert: Nach dem ich kleinlaut meine peinliche Geschichte erzählt und zur gefälligen Diagnose resp. Therapie offeriert hatte, zog mein Dr. Eisenbart bedächtig die oberste Schublade seines Schreibtisches auf und sprach eben diese Geschichte langsam, deutlich und fast wortgetreu in diese hinein. Nach kurzem Innehalten und angemessener Bedenkzeit teilte er der Schublade noch mit, was er zur Wundversorgung zu tun gedenke – und schloss sie dann behutsam wieder. Ich gebe zu, in diesem Moment habe ich ihn komplett für meschugge gehalten und wäre, wenn nicht verwundet, schleunigst wieder abgehauen. So aber ließ ich mir einen Verband anlegen, mir ein Antibiotikum für angeschossene Elefanten mitgeben und beruhigte mich mit dem Gedanken, dass Schamanen und Voodoo-Priester ja manchmal auch ganz schön bizarre Methoden haben, und helfen tut’s ja oft trotzdem.

Erst beim nächsten Besuch habe ich kapiert, dass der Medizinmann in der Schublade ein Diktiergerät verwahrte, das er zur Führung seiner Krankenakten verwendete.

Trotzdem, und worauf ich hinaus will: Bloggen ist ja bei den meisten von uns ganz ähnlich, oder? Man öffnet eine elektronische Schublade, spricht oder tippt allerhand Bizarres hinein, legt vielleicht noch ein Foto dabei und dann macht man sie wieder zu. Sie schweigt wie ein Grab. Das Arztgeheimnis bzw. die Begrenztheit der Leserschaft sorgt dafür, dass „alles unter uns bleibt“.  Sonst hätte ich hier wohl kaum die beschämende Geschichte über das Schnitzel erzählt.

Von Blogs abgesehen, ist aber in deren Nachbarschaft seit ein paar Jahren ein neues Literatur-Genre im Schwange, das mich mit wachsender Faszination fesselt: der Kommentar-thread. Sobald, sagen wir mal auf SPIEGELonline, irgendein News-Knaller aus der Welt der Superreichen, Berufs-Bescheuerten und Durchgenudelten vermeldet wird, etwa der Tod des „Terrorfürsten“, die Schweißhände von Dr. Westerwelle oder die hochominös kriminalen Sex-Abenteuer eines Welt-Bankers, fühlen sich umgehend 500, 1000 oder noch mehr Leute berufen, dies engagiert, verschwörungstheoretisch versiert und mit üppig investierter Leidenschaft zu kommentieren. Und? Und dann liest man das und bekommt Angst. Selbst wenn man, wie ich, der Überzeugung ist, 80% der Mitbürger seien Idioten und Vollpfosten (die journalistisch trainierte Gattin winkt immer ab und sagt: „Pah, da kommzze nich mit aus!“), ist man doch frappiert und geplättet von der konzentrierten Dichte des Dummheitsspektrums. Ein neuer Unterparagraph von Murphy’s law:  Was immer man sich an komplett blickdichten Blödheiten ausdenken kann – irgendwer wird’s demnächst „posten“. Oder hat schon.

Mich ängstigt das zunehmend, weil ich mir immer vorstelle, die meisten von denen laufen frei herum! Stehen neben mir im Bäcker-Laden. Arbeiten im Atomkraftwerk wie Homer Simpson, sind Polizisten, Lehrer oder Ärzte! Vielleicht ist einer der Irren mein Nachbar! Und doch, was ich beim Lesen empfinde, ist wohl eher Angstlust. Ich meine, ich habe früher nie Leserbriefe in der Zeitung gelesen, weil mich das querulatorische Gemaule von Nörgelrentnern und die Beckmesserei von Prof. Dr. Müller-Weissbescheid nicht die Bohne interessierte. Aber wenn man die konzentrierte, geballte und repräsentative Umschau über den Müll bekommt, der hinter Volkes Denkerstirn so brütet, da kann einem schon mulmig werden.

 PS: Interessiertem Damenbesuch, zumindest wenn er nur eine Nacht blieb, habe ich später beim postkoitalen Geplauder gern erzählt, die mörderdicke Narbe an meinem Bein stamme von einer stoisch durchstandenen Hai-Attacke. Heute ginge das nicht mehr. Die Schwarm-Intelligenz der Kommentar-poster hätte in Minuten herausgefunden, dass es sich in Wirklichkeit um eine kosmetische Operation der CIA handele, um Folter-Spuren aus dem Mossad-Knast, eine afghanische Kriegsverletzung oder schlicht um ein Photoshop-fake zu dem Zweck, mich interessant zu machen. Was letztlich auch wieder nicht völlig falsch ist – mal so in die Schublade gesprochen.