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Profane Propangaspropaganda

18. Januar 2010

Frühes Fernsehgerät (Telefunken 1936). Foto: Wikipedia / Eirik Newths

Unter der Woche ohne eheliche Aufsicht, unterläuft es mir ab und zu, daß ich spät abends vor laufendem Fernseher einschlafe. Nicht weiter schlimm eigentlich, obschon es mich stört, daß ein unbekannter Besucher meine vorübergehenden Absenzen regelmäßig ausnutzt, um mir die Weinflasche leerzutrinken. Irritierend ist es außerdem, wenn man in dem einen Spielfilm einschläft und mitten in der Nacht in einem ganz anderen Film wieder aufwacht. Man dämmert beispielsweise in einem tiefsinnsblauen, bedächtigen Unterwasserfilm weg und schreckt Stunden später in einem hektischen, schwarzweißen US-Musical wieder hoch, in dem karierte Männer zu kurze und zu enge Anzughosen tragen und ihr alltägliches Handeln mit Duett-Gesang und Steptanz würzen. Hier die fehlende „continuity“ (so nennt es der Fachmann) herzustellen fällt dann im Halbschlaf nicht leicht, Sinnzusammenhänge geraten ins Wanken und am Ende wundert man sich, was man wieder für schnöden Galimathias geträumt hat.

Vor dem Beruf des Filmregisseurs habe ich daher einen Heidenrespekt. Manchmal wäre ich selbst gern einer, weil ich nämlich schon lange die Idee mit mir herumtrage, einmal einen Film zu drehen, indem ein ganz bestimmter, magisch-enigmatischer Dialogsatz vorkommt, den ich ebenfalls mal geträumt habe. Er lautet: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“ – Aber was könnte das für ein Film sein?

Ich könnte mir etwas Biographisches vorstellen, etwa die Verfilmung des Lebensweges eines berühmten Dichters wie Goethe oder Erich Kästner. Am Anfang weiß der dünnhäutige Dichter (im Film gespielt von Matthias Schweighöfer) noch gar nichts von seiner ruhmvollen Geistes-Berufung, sondern schuftet noch als ahnungsloser Palaversklave im Textbergwerk einer Werbeagentur, die Reklamesprüche sagenwirmal für EON oder RWE schmiedet. Bleistiftkauend und mit blutigen Fingernägeln hockt der latent talentierte Laberlaborant in seiner Wörterbucht und quält sich leidenschaftlich mit einer „Ode an den himmlischen Äther, Fluidum des Glücks“ ab. Da tritt federnd, in weißem Smoking und mit schwarzem Zylinder, der Chef ins Kontor. Er ist Milliardär und hat das Seminar„Innerbetriebliche Kommunikation in flachen Hierarchien“ nicht belegt. Hat er ja nicht nötig, der Herr!

Dem schüchternen Subjekt und Sensibelius, wo einst ein berühmter Dichter werden und sogar den Nobelpreis ergattern wird, verbietet die fiese Führungspersönlichkeit in dieser Schlüsselszene nun zunächst mal kategorisch, weitere Hoffnung in ein sich anbahnendes Liebestechtelmechtelchen mit seiner, des Bosses, blauäugig blondierter Tochter zu setzen. „Nicht mal planktonisch!“ brüllt der grobianische Herrenmensch, was nebenher nicht nur seinen Mangel an Herzenstakt, sondern auch seine schmachvolle Unbildung unterstreichen soll. Herzzerreissende und bedeutungsschwangere Musik von André Richelieu wird eingespielt. Weinende Geigen greinen geisterhaft geile Galanterien. Im weiteren, immer mehr eskalierenden Verlauf seiner unmäßigen Echauffierung entreißt Häuptling Weißer Smoking seinem schweißgebadeten Texteknecht das mit Herzblut geschriebene Odenbruchstück, schaut kurz höhnend schmiergrinsig darauf herab und dann fällt eben dieser besagte schauerliche Satz: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“

Der weitere Fortgang des Streifens interessiert mich eigentlich nicht mehr so sehr. Matthias Schweighöfers Odenbruch kommt irgendwie am Stadttheater von Detmold groß heraus und wird der literarische Überraschungserfolg des Jahres, der junge Dichter wird auf Debütantenbällen, Talentshops und Stalkshows herumgereicht, er kriegt die Tochter vom ehemaligen Chef, der sich nun natürlich verbittert und rumpelstilzchenmäßig irgendwohin beißt, alles wird blau, tief blau, schemenhaft schweben schweigende Mantelrochen und Degenhaie durchs Geflimmer, elektro-blubbernde Unterwassermusik brandet auf und…manno! Jetzt bin ich bei meinem eigenen Film eingeschlafen! Es ist halt schwer, mich kinematographisch zu fesseln.

Eine zusätzliche Würze erhält mein feierabendlicher Fernsehgenuß, vom periodischen Wegdriften mal abgesehen, dadurch, daß ich weder verkabelt bin noch eine Schüssel habe, mit anderen Worten, ich gehöre zu jenen Verdammten, die über DVBT gucken. Ich vergeß immer, was das heißt. Irgendwas Anglotechnisches, was dann aber trotzdem nicht funktioniert. Praktisch jedenfalls heißt DVBT, daß immer dann, wenn ein Tatort-Kriminalstück ausnahmsweise mal spannend wird, und das ist schon selten genug, das Bild einfriert und der attraktiven Hauptdarstellerin der Sprechton im seidentuchumschlungenen Halse stecken bleibt. Funklochbedingt schockgefrostet! Nun muß man wie ein würdeloser Deppenderwisch vom Sofa hochschießen, quer durch seine Gemächer zur Fensterbank rennen und die Zimmerantenne neu ausrichten, damit man hoffentlich gerade noch mitkriegt, wer jetzt Mörder war und wer der Kommissar. Man kommt sich echt vor wie in den späten 50ern, als die Fernsehpioniere noch, in karierten Romika-Puschen und Filzwesten, verzweifelt mit den Fäusten auf ihren konzertflügelgroßen TV-Apparaten herumhämmerten, um „das scheiß Gekrissel wegzukriegen“. Der frühe Herztod meines Vaters geht vermutlich nicht zuletzt auf das Konto solchen schlechten Fernsehempfangs. Zum Glück bin ich nicht, wie er einst, sportschauabhängig.

Wenn man früher vor dem Fernseher einschlief und dann wieder erwachte, war Testbild. So wusste man, es ist Schlafenszeit, und man schlüpfte erleichtert in seinen flanellenen Schlafanzug mit fröhlichem Bärchenmuster. Damit ist es vorbei. In der heutigen Zeit folgt rastlos Film auf Film, rund um die Uhr. Es sei denn, man hat DVBT.

Von Bali bis Bullerbü: Wegsein

2. Juli 2009
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Touristische Traumziele: Bahnhof Unter Purkersdorf

WEGSEIN FÜR FORTGESCHRITTENE: DAS GROSSE JA ZUR ALLGEMEINEN LEBENSBLÖDIGKEIT

Schweinegrippe! Wer redet noch von Schweinegrippe? Vorgestern noch Globalalarm, Stufe 6, keiner verlässt den Erdball, ausschwärmende Impfpimpfe, Quarantänemigräne, die Presse hustet Blut, beim Discounter gibt’s palettenweise Wundermittel (von Mundschutz bis Schutzhund), und dann? Nüschte. Weltweit sterben mehr Mensch an Fischvergiftung als an Schweinegrippe. Die erste allein durch Massenmedien übertragbare Infektion nimmt ein epidämliches Ende: Sie verschwindet nicht durch Medizin, sondern gerät einfach in Vergessenheit. Na, meinetwegen. Eine tausendmal schlimmere Pest ist zweifellos sowieso der Massentourismus. Jetzt wieder besonders pandemisch: Alle müssen andauernd irgendwo hin, um da wenigstens dann mal gewesen zu sein. Die Flughäfen auf dem Planeten sind schwarz vom Menschen, die mal Tapetenwechsel brauchen. Übergewichtig, dumm und ungebildet fliegt man weg, um genau so wieder zu kommen; alles was man evtl. mal verliert, ist das Reisegepäck. Unerhört! Wenigstens hamwa Vollkasko! Mit Reiserückschrittsversicherung!

Ich will aber mal heute nicht schimpfen. Es ist so heiß draußen. Als wär man echt total woanders! Gestern in der abendlichen Juli-Rotglut traf ich Luigi, den dicken Kellner vom „Dolce Vita“. „Buona sera, ciao, amigo, come stai?“ parlierte ich drauf los und hatte einen perfekten Auslandsmoment, obwohl ich bloß mal um die Ecke war, hier. Sonnenuntergänge lassen sich auch zuhause vom Balkon aus fotographieren. Was Touristen im Ausland übrigens am meisten hassen, sind ja andere Touristen. Vor allem Landsleute. Landsleute, da kriegt man die Krätze. „Psst! Da hinten am Tisch an der Klotür, das sind Deutsche!“ Ab sofort heißt es „Cameriere, il conto, per favore“ und „Teşekkür ederim“. Vati spricht ja ein paar Bröckchen einheimisch, der King of Snob. Allahu achtbar!

Straighte Schlauberger, denen beim Umdieeckedenken schwindelig wird, beömmeln sich: „Hä, hä! Dabei sind die Touri-Hasser doch selber Touristen!“ Ja, schon klar, ihr Schnellhefter! Das wissen die schon selber auch. Darum geht’s ja nicht. Das Problem ist, daß die anderen Touris einem das kostbare Gefühl vermiesen, ganz weit weg zu sein. Dieses unbezahlbare Weitwegseinsgefühl, diese existentielle Weggeworfenheit und Be-Fremdung, dafür nimmt man doch alles auf sich, die Affenhitze, die Scheißluft, die miesen Klos, den ungenießbaren Fraß und alles! Sonst könnte man sich die Urlaubsfotos doch gleich aus dem Internet runterladen und sich selbst mit Photoshop am Palmenstrand einkopieren. 

Da logiert man in der letzten Tankstelle am Wüstenrand, auf umtosten Meeresklippen oder bei Tibets exklusiven Geheimmönchen auf der Meditationsterrasse, und dann beschweren sich am Nebentisch Leute aus Wesel, Oberursel oder Geilenkirchen über die Bierpreise. Rumms, fällt man vom fliegenden Teppich esoterischer Exotik auf den harten Bretterboden der Trivialität. It’s the reality, stupid! Man hat den weiten Weg gemacht, ganz von Bullerbü über Bali nach Brahmipur, um das Fremdeln zu lernen, und dann stampft da der Typ an deinen Lotussitz und sagt: „Jestatten, Konopke, ick hab jehört, Sie sinn ooch Deutscher, könnse mir vielleicht sagen, wat auf Kaschmierisch heißt ‚In unseret Ssimmer jeht die Klospülung wieda nich’?“ –  Wer will denn so was? Das stört doch!

Für Leute, die dringend auf das Wegseingefühl angewiesen sind, periodisch, weil sie sonst panisch-depressiv werden, habe ich einen guten Rat; ich befolge ihn selber seit Jahren, denn er ist ganz einfach: Reist einfach dort hin, wo keine Sau freiwillig hinwill! Man bevorzuge also Plattenbau-Vororte, Industriebrachen, Schlafstädte, man wohne in aufgelassenen Tankstellen, über Hinterhöfen, hinter den Müllcontainern. Man meide strikt jegliche Sehenswürdigkeit, alle spirituellen Kraftorte (Santiago de Compostela, Lourdes, Kevelar), sowie sämtliche einschlägigen Gebäudeantiquitäten und Landschaftsherrlichkeiten sowieso. Ignoriert mit Fleiß die Schilder der Touristinformation, taucht tief unter die Einheimischen, nehmt ihre Farbe an, trinkt selbstgebrannten Schnaps mit ihnen, genießt die derbe, aber reichhaltige Kost der Waldarbeiter, Heizungsmonteure und Fahrdienstleiter, sowie generell den unverstellten Charme tristester Normalität, des Spröden und Öden, freut euch am eleganten Steingrau betonierter Banalbauten, zieht den Duft von Diesel und Machorka ein, ah, herrlich, riecht mal! Die verqualmten Kneipen der Eingeborenen bieten Geborgenheit im Unbehausten, die Hiesigen reden in Zungen und Dialekten, bei denen auch der polyglotteste Linguist passen muß, Güterzüge donnern von Ahaus nach Beheim, es beginnt zu regnen – es fehlt nicht mehr viel, und man kriegt mördermauliges Heimweh! Dermaßen weit weg fühlt man sich!

Vorteile dieses gewissermaßen antizyklische Reiseverhaltens: 1. Kaum andere Touris. 2. Das Leben ist billig. 3. Man fragt sich relativ bald, was das Gereise eigentlich soll, weil das Dasein woanders genauso trivial und unspektakulär ist wie zuhause. Schon ist man wieder klar im Kopf, ruht in sich selbst und findet am Ende auch das große Einverständnis wieder, mit der allobwaltenden Lebensblödigkeit und Existenztristesse. Was will man denn mehr? Mehr gibt es ja gar nicht.

Um mal ein Beispiel zu geben (ist ja kein Geheimtipp): Man steigt, vom Wiener Westbahnhof kommend, im Vorort Hütteldorf in die Bahn (z. B. die S50) Richtung St. Pölten, steigt aber dann in Purkersdorf-Sanatorium, Unter Purkersdorf oder Purkersdorf-Gablitz schon wieder aus; von Ober Purzelbaum geht’s dann mit einem Rad oder gut zu Fuß an der Wienentlang über den Bahndamm in den Wienerwald hinein, bis man vor der „Alten Linde“ steht. Das ist so ein Beisl. Was ein Beisl ist, könnt ihr entweder mal googeln oder euch da angucken. Herinnen verbringen die indigenen Purkerer ihren verdienten, durchaus lautstark feucht-fröhlichen Feierabend. Das Idiom der Wienerwäldner ist rau, aber herzlich, Zum Verstehen ist es leider für Außenstehende und Durchreisende nicht. Zum essen gibt’s aber, und zwar was hier überall auf den Tisch kommt: Blunzngröstl, Wienerschnitzel, Kalbsbuttterschnitzel und Gulasch, Sattmacher mit Sättigungsbeilage, Riesenportionen für Berserker, danach kann man wieder in den Wienerwald, Bäume mit der bloßen Hand fällen. Hier sind die Kalorien noch ihr Geld brennwert, und nix mit „light“! Leicht ist lediglich der fruchtig-schlichte Grüne Veltliner, trocken wie ein linker Haken, und äußerst preiswert. Wie überhaupt alles. Hier kann man sorglos den Abend versacken, bis man dahindämmert; es wird nicht die Welt kosten. Wir habens ausprobiert, weil draußen ein mehrtägiger Platzregen stattfand, der uns an Tisch und Stuhl fesselte. Wir waren dann irgendwann auch mal weg. Ganz weit weg.

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Prassen in Purkersdorf: Einheimisches Riesenschnitzel (0,25 Quadratmeter)