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Sind wir nicht alle ein bisschen Jude?

28. November 2011

Karl Kraus und Henryk M. Broder ermitteln: Eine jüdische Großmutter haben wir doch alle!

Man soll den Namen des Herren nicht missbrauchen, ich weiß, aber: Gott steh mir bei und erwecke mich wieder! Kürzlich wurde ich von einer Netzbekannten angegangen, warum ich immer am Islam nörgle, aber selten an den Christen oder am orthodoxen Judentum. Antwort: Nu, nebbich, sind halt meine Leit! Außerdem, was letzteres angeht: Warum denn? Alte Leute ziehen komische Hütchen auf, binden sich Handtäschchen um den Arm, schaukeln hospitalisierend hin und her und singen unrhythmische Lieder. Warum soll ich das kritisieren? Weil es so uraltehrwürdiges Brimborium ist? Phhh, muss ich denn mitmachen? Ich spreche nicht mal Hebräisch; eine Unterredung mit JHW wäre definitiv ein unter atmosphärischen Störungen zerbröselndes Ferngespräch mit einem sehr, sehr entfernten Verwandten, einem Urgroßonkel etwa, der es in äußerst begrenzten Arealen Israels evtl. regnen, blitzen oder donnern lässt.

Mitmachen muss ich freilich das parareligiöse Ritual des allsonntäglichen Tatort-Guckens. Das ist ein Gebot des Herrn, bzw. der Gattin, die es nicht ausstehen kann, wenn ich beim Heiligen Krimi-Dienst mal kurz wegdämmere. Egal, wie strunzdoof und grottenlurchlangweilig sich das Geschehen am Rande vollständiger Stagnation hinschleppt; unbeschadet der krudesten Plots, der debilsten Klischees und komplett spannungsfreien Beton-Dramaturgien öffentlich-rechtlicher Geistesverkümmerung – blanken Auges staunend und hellwach soll ich den hölzernen Dialogen lauschen, die man vor Überdruss schon ganz erstarrten Mimen ins Hirn gedübelt hat, soll bestürzend öden Vorhersehbarkeiten und entsetzlich magersüchtigen Scherzen Interesse abgewinnen und auch noch ausdauernd wissen wollen, wer der Mörder ist, auch wenn mich das zumeist einen Scheiß interessiert.

Generell seh ich dem Sonntag also eh mit Blümeranz entgegen; ob ich das durchhalte? Wenn ich zum Essen schon zwei Glas Wein getrunken habe, und das lässt sich aufgrund der guten Küche daheim selten vermeiden, muss mich ein Fernseh-Krimi schon zu fesseln vermögen, und sei es durch Originalität oder Spannung. Heute aber war es mal wieder eine Tortur! Volle viereinhalb Stunden dauerte der Tatort, was die Gattin aus apologetischen Gründen natürlich bestreitet, und es nahm der Ödnis kein Ende. Seit dieser Märznacht 2007, als die ARD nachts eine Zugfahrt von Oranienburg-HBF nach Zwickau-Ost übertrug, hab ich nichts Nervenverzehrenderes, Ennuierenderes und Blutdrucksenkenderes mehr gesehen. Die Handlung, wenn man das so nennen will, war so spannend wie ein Filzkügelchen im Bauchnabel, fade wie feuchtes Graubrot und zäh wie alter Pizzateig. Heroisch kämpfte ich mit dem Schlaf, konnte aber nicht immer gewinnen.

Damit aber nicht genug. Die Politkommissare, Justiziare, Sozialpädagogen und volkserzieherischen Berufsgutmenschen der öffentlich-rechtlichen ARD-Anstalt hatten sich zusammengesetzt und sich gesagt: Jetzt packen wir einfach mal ein hochbrisantes Thema an: den Juden nämlich! Der Jude ist bekanntlich ein heißes Eisen! Wir machen das aber ganz, ganz unverkrampft und betont ausgewogen. Damit uns der Jude, der bekanntlich die Medien beherrscht und habituell zu Empfindlichkeiten neigt, nix kann, streuen wir jede Menge Schulfunk-Belehrungen ein („Das Judentum ist eigentlich keine Religion“) und zeigen ihn als was? Genau! Als ganz normalen Menschen! Auch der Jude nämlich, wer hätte das gedacht, schwängert seine Geliebte, lügt, betrügt, schubst Fieslinge die Treppe hinunter und verrät andere Juden (was ihm allerdings nicht gut bekommt: Er wird gerechterweise gemeuchelt, denn der Jude richtet bekanntlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“). Auch der Jude, stellen wir emanzipiert-erleichtert fest, ist ein Schlawiner, ein Verdächtiger, ein zurecht von der Polizei Observierter! Das meinen wir aber gerade eben nicht anti-semitisch, sondern total integrativ: Der Jude ist auch bloß wie wir. Nach 65 Jahren hat er das Recht auf eine gewisse Durchschnittlichkeit.

So viel Mut fordert natürlich seinen Preis: Schlotternde Knie, Angstschweißperlen auf der Stirn, Schwindelgefühle. Was wird der Zentralrat sagen? Wird „Haaretz“ einen Artikel bringen? Broder intervenieren? Na ja, ARD eben. Also lässt man den Rebbe zwischendurch allerhand Weltanschauliches und Pseudo-Philosophisches aufsagen, und der bayrische Kommissar zeigt auf seine lange Nase, um anzudeuten, dass die Deutschen letztlich eventuell, wer weiß das schon, auch nur Juden sind. Wer noch nie in einer Synagoge war oder in a Schul, der bekommt noch gezeigt, dass der Jude, wenn er unter sich ist, zwar exotische, aber im Grunde harmlose Bizarrerien pflegt. Dass man dort Christenkinder schlachtet, ihr Blut trinkt und aus ihrem rosigen Fleisch Mazze macht, wurde dankenswerterweise dezent ausgespart. Außerdem wurde so oft „Shalom Shabbat“ gesagt, dass einem ganz muggelig zumute wurde! Fazit war jedenfalls nach mehreren Stunden, dass der Jude zwar befremdlich, aber sonst ein ganz okayer Mitbürger ist, der gar nicht möchte, dass man sich bei ihm permanent für den Holocaust entschuldigt. Selbst der jüdische Mörder „Aaron“ konnte für seinen Mord nichts dafür, weil er behindert war, was irgendwie damit zusammenhing, dass seine Eltern in Israel bei einem Selbstmordattentat zu Tode kamen und er von einem Rabbiner aufgezogen werden musste, was natürlich strafmildernd wirkt. Zum formidablen Schluss, ich biss schon in die Tischkante, fuhr der Münchner Kommissar endlich mal nach Dachau, um sich moralisch dekontaminieren zu lassen.

Spät in der Nacht aufgewacht, hatte ich zwei Dinge besser begriffen: Warum der katholische Jude Karl Kraus fand, dass „gut“ das Gegenteil von „gut gemeint“ sei und wieso der atheistische Jude Henryk M. Broder behauptet, Philosemitismus sei die andere Medaillenseite des Anti-Semitismus. Die Gattin war trotzdem nicht amüsiert. Wenn  ich laut schimpfe, nervt sie das; wenn ich meine Kritik subtil und gewaltlos durch kommentarloses Einschlafen äußere, genügt ihr das auch nicht.

Nächstens werd ich mal ernsthaft eine Polemik gegen das orthodoxe Judentum erwägen, um meinen Islam-Fans eine Freude zu machen. Der Gesang in der Synagoge ist ja nun wirklich voll uncool! Ferner gelobe ich, irgendwann eine Kipa aufzusetzen und dem unbekannten Gott dafür zu danken, dass er mich nicht unter die öffentlich-rechtlichen Pharisäer geschmissen hat! – In diesem Sinne, Nachbarn: Nächstes Jahr in Jerusalem!

Polaroid aussm Geddo (Gott und ich sehen uns bei „Hart aber fair“)

3. April 2011

Die Gattin und ich gucken "Tatort"...

Nachtschicht im Geddo. Hatte, masochistisches Sonntagsritual, „Tatort“ geguckt bei der Gattin. Nach gefühlten fünf Stunden Thriller fragt eine Figur im Film verzweifelt: „Warum dauert das denn so lange?!“ Die Gattin und ich wechseln einen bedeutsamen Blick mit augenbrauen-induziertem Ausrufezeichen. Wir sind mal wieder Waldorf und Stattner, die ätzenden Grantler aus der Muppet-Show, kommunizieren allerdings nicht mehr durch Aperçus, sondern schon nur noch durch bloßes Augenrollen, verstehen uns aber dennoch blendend. – Dann halt nett „Gute Nacht“ gesagt und aufs Rad. Das Wohnbüro wartet ja, mit Arbeit zudem. Der Magister ist im Dienst. Muss noch einen Vortrag schreiben über „Aufklärung“. – Die Roma im Viertel schleppen den letzten Müll auf die Straße; die Ratten machen sich dran, alles – in den Keller der verschimmelten Bruchbude – wieder herein zu tragen. Ex- und Import, wie immer. Und wie immer frage ich mich, woher, zum Teufel, sie den ganzen Müll herhaben, eine Frage, die, wie die nach Gott, aus metaphysischen Gründen unbeantwortet bleibt. Zur Strafe für einen einzigen sonnigen Frühlingstag (gestern) regnet es jetzt natürlich in Strömen. Der Regen hat gewartet, bis ich auf dem Fahrrad bin. Hundert Meter und ich bin durchnässt. Super. Die Frage wiederum, womit ich das bitte verdient habe, bleibt ebenfalls offen. Gott und ich treffen uns nächste Woche bei „Hart aber fair“.

Mist, ich will bloß nach Hause, aber am Platz vor der Bude liegt „laughing Joe“, wie ich ihn mal getauft habe (obwohl er oft gar nicht lacht, sondern seine Wut ungezielt in die Nachbarschaft brüllt), unser Stadtteilpsychotiker halt, im schlammigen kalten Dreck und lächelt versonnen. Er  lächelt noch wegen der Sonne von gestern, weil er nämlich nach einem Drogenunfall immer ein bisschen zeitverzögert reagiert. Er ist indessen, was ihm erst morgen klar geworden sein wird, bereits kurz vorm Delirium tremens, außerdem total dehydriert und derbe auf Entzug. Schnellschnell einen mittleren Jägermeister gekauft, medizinische Nothilfe geleistet, Filterzigaretten zugesteckt, die ich zu diesem Zweck mit mir führe und dann dem Joe, ich kann ein verdammter Zyniker sein, noch eine schöne Nacht gewünscht. Er lächelt mir nach, meint mich aber nicht (Gott?).

Das Licht an meinem Fahrrad ist kaputt. Ich werde von einem Daimler mit bulgarischem Kennzeichen in der Kurve beinahe umgenietet. Mit dem Licht hatte das aber nichts zu tun. Mit Licht hätte er mich auch über den Haufen gefahren. Gott, vielleicht mit schlechtem Gewissen, rät mir, geistesgegenwärtig einen Haken zu schlagen. Davon gekommen! Beschämt Undankbarkeit gegenüber Gott registriert. Daheim versuche ich, mein Fahrrad in den Hof zu bugsieren. Dort geistert seit Stunden Pitti herum, der ehemalige Hausbesorgersgatte, der, seit seine Frau kürzlich an Darmkrebs verschied, auf würdige Weise von der Rolle ist und still, aber zielstrebig an seinem Untergang arbeitet. Er gespenstert mit wattigem Grinsen durchs dunkle Treppenhaus und referiert mir ungefragt seinen Tagesablauf: „Ehrss geh ich nache Bude, denn bin ich inner Kneipe, dann geh ich nochma anner Bude, denn wieder Kneipe und aahms nomma Getränke holen. Gezz geh ich ma rüber zu die Serben, aber, weisse, ich mach die Musik da nich so…“ Einwurf Magister: „Ich weiß, Pitti, ich weiß!“ „Und denn…“ verrät mir Pitti, dessen Nase eine ungesunde blaue Färbung angenommen hat, „denn zieh ich misch den Schlafanzug an und trink noch’n Bier! Muss morgen um sieben nachm Arzt! Wegen meim Gesicht!“ Ich grüble, durchaus auch in eigenem Interesse, was für Ärzte einem ab einem gewissen Alter mit dem Gesicht zu helfen vermögen, finde aber zu keinem Ergebnis.

Während ich mein Fahrrad verstaue, starrt Pitt im Hausflur auf seinen Briefkasten. Leise resigniert flüstert er mir zu: „Ich krieg ja nie Post. Die Post is immer für die Frau. Aber die is doch tot!“ Ich pack mein Herz auf Eiswürfel und sag: „Yo, Pitti, so ist das wohl. Denn mal noch einen schönen Abend!“ – Ich bin wirklich ein Herzchen! Oben in der Mönchsklause gieße ich mir ein Getränk ein und rufe verabredungsgemäß noch mal kurz die Gattin an. „Na?“ sagt die, „gut nach Hause gekommen?“ „Klar“, antworte ich, „keine besonderen Vorkommnisse“. Dann sind Gott und ich allein. Wie immer haben wir uns nicht viel zu sagen. Schätze, Er und ich werden wieder keine gute Nacht haben.

 

Profane Propangaspropaganda

18. Januar 2010

Frühes Fernsehgerät (Telefunken 1936). Foto: Wikipedia / Eirik Newths

Unter der Woche ohne eheliche Aufsicht, unterläuft es mir ab und zu, daß ich spät abends vor laufendem Fernseher einschlafe. Nicht weiter schlimm eigentlich, obschon es mich stört, daß ein unbekannter Besucher meine vorübergehenden Absenzen regelmäßig ausnutzt, um mir die Weinflasche leerzutrinken. Irritierend ist es außerdem, wenn man in dem einen Spielfilm einschläft und mitten in der Nacht in einem ganz anderen Film wieder aufwacht. Man dämmert beispielsweise in einem tiefsinnsblauen, bedächtigen Unterwasserfilm weg und schreckt Stunden später in einem hektischen, schwarzweißen US-Musical wieder hoch, in dem karierte Männer zu kurze und zu enge Anzughosen tragen und ihr alltägliches Handeln mit Duett-Gesang und Steptanz würzen. Hier die fehlende „continuity“ (so nennt es der Fachmann) herzustellen fällt dann im Halbschlaf nicht leicht, Sinnzusammenhänge geraten ins Wanken und am Ende wundert man sich, was man wieder für schnöden Galimathias geträumt hat.

Vor dem Beruf des Filmregisseurs habe ich daher einen Heidenrespekt. Manchmal wäre ich selbst gern einer, weil ich nämlich schon lange die Idee mit mir herumtrage, einmal einen Film zu drehen, indem ein ganz bestimmter, magisch-enigmatischer Dialogsatz vorkommt, den ich ebenfalls mal geträumt habe. Er lautet: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“ – Aber was könnte das für ein Film sein?

Ich könnte mir etwas Biographisches vorstellen, etwa die Verfilmung des Lebensweges eines berühmten Dichters wie Goethe oder Erich Kästner. Am Anfang weiß der dünnhäutige Dichter (im Film gespielt von Matthias Schweighöfer) noch gar nichts von seiner ruhmvollen Geistes-Berufung, sondern schuftet noch als ahnungsloser Palaversklave im Textbergwerk einer Werbeagentur, die Reklamesprüche sagenwirmal für EON oder RWE schmiedet. Bleistiftkauend und mit blutigen Fingernägeln hockt der latent talentierte Laberlaborant in seiner Wörterbucht und quält sich leidenschaftlich mit einer „Ode an den himmlischen Äther, Fluidum des Glücks“ ab. Da tritt federnd, in weißem Smoking und mit schwarzem Zylinder, der Chef ins Kontor. Er ist Milliardär und hat das Seminar„Innerbetriebliche Kommunikation in flachen Hierarchien“ nicht belegt. Hat er ja nicht nötig, der Herr!

Dem schüchternen Subjekt und Sensibelius, wo einst ein berühmter Dichter werden und sogar den Nobelpreis ergattern wird, verbietet die fiese Führungspersönlichkeit in dieser Schlüsselszene nun zunächst mal kategorisch, weitere Hoffnung in ein sich anbahnendes Liebestechtelmechtelchen mit seiner, des Bosses, blauäugig blondierter Tochter zu setzen. „Nicht mal planktonisch!“ brüllt der grobianische Herrenmensch, was nebenher nicht nur seinen Mangel an Herzenstakt, sondern auch seine schmachvolle Unbildung unterstreichen soll. Herzzerreissende und bedeutungsschwangere Musik von André Richelieu wird eingespielt. Weinende Geigen greinen geisterhaft geile Galanterien. Im weiteren, immer mehr eskalierenden Verlauf seiner unmäßigen Echauffierung entreißt Häuptling Weißer Smoking seinem schweißgebadeten Texteknecht das mit Herzblut geschriebene Odenbruchstück, schaut kurz höhnend schmiergrinsig darauf herab und dann fällt eben dieser besagte schauerliche Satz: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“

Der weitere Fortgang des Streifens interessiert mich eigentlich nicht mehr so sehr. Matthias Schweighöfers Odenbruch kommt irgendwie am Stadttheater von Detmold groß heraus und wird der literarische Überraschungserfolg des Jahres, der junge Dichter wird auf Debütantenbällen, Talentshops und Stalkshows herumgereicht, er kriegt die Tochter vom ehemaligen Chef, der sich nun natürlich verbittert und rumpelstilzchenmäßig irgendwohin beißt, alles wird blau, tief blau, schemenhaft schweben schweigende Mantelrochen und Degenhaie durchs Geflimmer, elektro-blubbernde Unterwassermusik brandet auf und…manno! Jetzt bin ich bei meinem eigenen Film eingeschlafen! Es ist halt schwer, mich kinematographisch zu fesseln.

Eine zusätzliche Würze erhält mein feierabendlicher Fernsehgenuß, vom periodischen Wegdriften mal abgesehen, dadurch, daß ich weder verkabelt bin noch eine Schüssel habe, mit anderen Worten, ich gehöre zu jenen Verdammten, die über DVBT gucken. Ich vergeß immer, was das heißt. Irgendwas Anglotechnisches, was dann aber trotzdem nicht funktioniert. Praktisch jedenfalls heißt DVBT, daß immer dann, wenn ein Tatort-Kriminalstück ausnahmsweise mal spannend wird, und das ist schon selten genug, das Bild einfriert und der attraktiven Hauptdarstellerin der Sprechton im seidentuchumschlungenen Halse stecken bleibt. Funklochbedingt schockgefrostet! Nun muß man wie ein würdeloser Deppenderwisch vom Sofa hochschießen, quer durch seine Gemächer zur Fensterbank rennen und die Zimmerantenne neu ausrichten, damit man hoffentlich gerade noch mitkriegt, wer jetzt Mörder war und wer der Kommissar. Man kommt sich echt vor wie in den späten 50ern, als die Fernsehpioniere noch, in karierten Romika-Puschen und Filzwesten, verzweifelt mit den Fäusten auf ihren konzertflügelgroßen TV-Apparaten herumhämmerten, um „das scheiß Gekrissel wegzukriegen“. Der frühe Herztod meines Vaters geht vermutlich nicht zuletzt auf das Konto solchen schlechten Fernsehempfangs. Zum Glück bin ich nicht, wie er einst, sportschauabhängig.

Wenn man früher vor dem Fernseher einschlief und dann wieder erwachte, war Testbild. So wusste man, es ist Schlafenszeit, und man schlüpfte erleichtert in seinen flanellenen Schlafanzug mit fröhlichem Bärchenmuster. Damit ist es vorbei. In der heutigen Zeit folgt rastlos Film auf Film, rund um die Uhr. Es sei denn, man hat DVBT.

Aus meinem neurotischen Vereinsleben

4. Mai 2009
 

 

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Das waren Zeiten! Kraska mit seinem Philosophie-Examinator Theodor W. Adorno (links!)

EINE ABSCHWEIFUNG

 

Ich leide unter einer Art Abgrenzungsneurose. Das heißt, richtig leiden muß ich daran nicht eben gerade – es ist nur so, daß ich wie jeder Mensch eigentlich schon ganz gern irgendwo dazugehöre, denn das hebt einen und verrät Sozialkompetenz, selbst wenn es sich um einen Schützenverein handelt oder den Dachverband verbitterter Querulanten, Leserbriefschreiber und Prozeßhansel; wenn ich aber dann mal Mitglied einer Institution, eines Verbandes oder Vereines geworden bin, gibt es früher oder später eine Katastrophe, weil ich innerhalb des Clubs sofort wieder den Außenseiter machen muß, und zwar bis ich rausfliege. Krankhaft ist das! Ich könnte nur in extrem exklusiven Clubs Mitglied sein; exklusiv natürlich jetzt nicht wie diese snobistischen Golf- und Segelvereine, in denen schwer betuchte (Einstecktuch, Seidenhalstuch, Nummernkonto in Zürich) Silberlocken in blauen Blazern Cohibas schmauchend Prostataprobleme erörtern, sondern exklusiv im Sinne von extrem wenig Mitgliedern. Zum Beispiel befände ich mich als deutscher Aficionado de toros, als Freund des Spanischen Stierkampfes also, in einer Gemeinschaft von gerade mal ca. 400 Leuten, was bei 80 Millionen (sorry!) Deutschen schon als recht exklusiv gilt. Da ist selbst der Uigurische Heimatverein größer. Noch besser wäre es nur, einen Fan-Club des anarcho-individualistischen Anti-Philosophen Max Stirner zu gründen, da sich so ein Verein quasi als erste Amtshandlung selbst wieder auflösen müßte.

Kürzlich habe ich darüber nachdenken müssen, wie groß wohl der imaginäre Verein derjenigen Menschen sein mag, die nachts um 4.00 Uhr in der ARD diese Bahnfahrt-Filme anschauen, und zwar aufmerksam und konzentriert, so wie ich kürzlich die mit festmontierter TV-Kamera aufgenommene ICE-Fahrt Bonn-Berlin miterleben durfte, teilweise jedenfalls, weil die Fahrt zugunsten irgendwelcher blöder Nachrichten morgens um 5.00 Uhr abgebrochen wurde. Egal, jedenfalls: Diese Filme sind gar nicht langweilig! Fast möchte ich soweit gehen, eine Lanze für das wohlwollende Anschauen solcher Eisenbahnfilme zu brechen! Man „sitzt“ ja als Zuschauer praktisch, was man sonst nie darf, neben dem Lok-Führer, hat einen wunderbaren Blick und man „fährt“ sehr häufig durch geradezu bizarr unschöne, wüste und nur selten blühende Landschaften, vielmehr häufiger durch heruntergekommene Gewerbegebiete, Industriebrachen, über großflächig stillgelegte, verrostete, schon von hartem Gras überwucherte Gleisanlagen, vorbei an leer gähnenden, seit langem aufgelassenen Kleinbahnhöfen. Schaut man sich das konzentriert an, gerät man als notorischer Geisteswissenschaftler und Kulturmensch bald in eine nützliche, will sagen irgendwie „statistische“ Stimmung. Es steigen seifenblasenhaft gewisse Fragen im eigenen Inneren empor, die man sich gewöhnlich nie stellt: Wieviel LIDL-Filialen gibt es eigentlich? Warum betreibt man keine Güterbahnhöfe mehr? Wieviel Kilometer Faxe werden wohl noch täglich verschickt? Wer hat den Bürodrehstuhl eigentlich erfunden?

Ich weiß nicht, ob man mich versteht. Es ist halt so, daß man virtuell durch Erwerbs- und Verwaltungslandschaften gleitet und sich dabei klar darüber wird, wieviel Menschen jeden Tag doch das ungefähr ziemlich Gleiche tun zwischen Bad Herleburg und Gütersloh, nördlich vom Ettenheim-Münster, westlich von Fürstenwalde und südlich von Süderbrarup. Es handelt sich um einen Trivialitäts- und Kontingenzschock. („Kontingenz“ bitte nachschlagen, wenn nötig!) In der Nähe von Süderbrarup sind mal Kinder in einem Schulbus erfroren, denn der Winter war hart, sie schneiten ein und Helikopter standen noch nicht zur Verfügung. Ich streue das hier nur eben ein, um Zeugnis dafür abzulegen, daß auch in sehr unbedeuteten, kaum bekannten Örtchen Dramen, ja, Tragödien sich abspielen können. Die erste und auch schon Definition von „Kontingenzschock“ kommt übrigens vom versoffenen Nationaldichter Grabbe: „Einmal im Leben auf der Welt, und dann als Drogist in Detmold!“

Das Schönste an den Bahn-Filmen ist aber, daß man, sofern es ein ICE-Film ist, ja unverkennbar mit reichlich Schmackes durch die Gegend saust, die rechts und links nur so vorüberfliegt, und zugleich, weil man ja vor dem Fernseher sitzt, keinen Realmeter vorankommt. Man befindet sich ziemlich genau in jenem „rasenden Stillstand“, den der Kulturkritiker Paul Virilio immer angeprangert hat. Warum dieses Anprangern, ist mir allerdings nie ganz einsichtig geworden, weil, wenn jemand gegen dauernde Beschleunigung und verschärfte Geschwindigkeit von allem und jedem ist, das ist Stillstand doch gut, ob rasend oder nicht! 

Um den Menschen, die seit Jahren ohne Fernseher glücklich sind, noch etwas zu beißen zu geben: Noch mehr Stillstand ereignet sich eigentlich nur in den berühmten deutschen „Tatort“-Krimis. Während eines durchschnittlichen, um 20.15 Uhr abfahrenden Tatort-Krimis, sagen wir vom MDR, kann man bequem in Gedanken einmal durch alle sieben Kreise des Danteschen Infernos spazieren, und ist dennoch lange, lange vor der „Auflösung“ des Krimis wieder da, wo sich soeben die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (Nietzsche) ereignet: Kommissare runzeln die Stirn, schauen irritiert, müssen „noch mal los“, steigen in den Wagen, parken aus, wechseln Worte und Meinungen mit ihrem mitfahrenden Kollegen, riskieren je nach Temperament einen Scherz oder eine sarkastische Bemerkung, dann kommen sie irgendwo an, parken ein, steigen aus dem Wagen, gehen ein paar Schritte bis zum Haus, klingeln dort an der Türe, warten, bis geöffnet wird, um dann zu sagen: „Entschuldigen Sie, Frau X,  eine Frage hätte ich doch noch: Wie war eigentliche ihre Ehe mit dem Ermordeten?“, dann bekommen sie unbefriedigende Antworten, trollen sich darob leicht verfinstert wieder, um in ihren Wagen zu steigen, auszuparken und zum Präsidium zurückzufahren, wobei der Kommissar brummt: „Irgendetwas verschweigt sie uns!„, und vielleicht fahren sie auf dem Weg noch in die Pathologie, wo ein exzentrischer Forensiker inzwischen „die Ergebnisse“  sowie aus der in Frage stehenden Leiche etwas herauszupulen und nun zu präsentieren hat, das dem Fall eine neue Wendung gibt, und dan  steigt man mit dem braunen Umschlag ins Auto und… ja, so geht das immer weiter und weiter, wie im richtigen Leben, nur in zähflüssig klebriger, fädenziehend zeitlupenhafter Laangsamkeit,  die dann pünktlich um 21. 45 Uhr gänzlich zum Stehen kommt, wobei der Mörder oder die Mörderin in aller Regel vom bekanntesten Gastschauspieler dargestellt wird, sodaß man schon weiß,  „wer es ist“, was die Spannung nicht gerade zum Glimmen bringt. Man hat so ein Gefühl wie ich einmal in einem ambivalenten Angstlust-Alptraum, in dem ich in einem Pool voll Heidehonig das Freischwimmerabzeichen machen mußte.

Albträume sind ja oft unvergeßlich und lehrreich. Ich habe mal beim berühmten Theodor W. Adorno ein Philosophie-Examen ablegen müssen, er kam dafür ins Haus zu meinen Eltern, weil ich erst sechs Jahre alt war und einen Frottée-Schlafanzug trug, und ich mußte, während Adorno unten im Wohnzimmer am Nierentisch mit meinen Eltern Portwein trank, meine Dissertation rätselhafterweise im Kinderzimmer auf Toilettenpapier schreiben, mit abgebrochenen Wachsmalstiften und dem groben Sisalteppich als Unterlage, sodaß es mir nur unzureichend gelang, meine Gedanken angemessen zum Ausdruck zu bringen. Diesen Traum hatte ich vor zig Jahren, im Studium, aber noch heute grübele ich, was er mir eigentlich sagen wollte, denn so ein Quatsch kann doch nicht ohne Sinn sein!

Immerhin bin ich m. W. nicht nur der einzige Grundschüler, der noch vor Abschluß der ersten Klasse  bei Adorno promoviert hat, sondern auch einer der ganz wenigen Linken, mit dessen Eltern Adorno Liqueurwein zu sich genommen hat! Das ist an Exklusivität kaum noch zu überbieten! An Entschleunigung allerdings auch nicht, denn mithin habe ich für meinen Studienabschluß runde 50 Jahre benötigt – was den heutigen Regelstudiensätzen wiederum energisch Hohn spricht.

Am besten werde ich mich allmählich mit einer Berufswahl auseinandersetzen. Was mir vorschwebt, ist entweder „Tatort“-Komissar oder Lok-Führer bei der Fernseh-Bahn. Beides wären Berufe mit einem gewissen metaphorischen Mehrwert!