Posted tagged ‘Subversion’

Was man sagen darf

4. Mai 2011

Während des Vortrags von Reinhard Haneld: Das Publikum zieht erste Konsequenzen

Jetzt ist es so weit. Kraskas seriöses Alter Ego hat seinen mit Spannung erwarteten Vortrag über die Frage gehalten, was man sagen darf und was nicht, wer darüber bestimmt und was das überhaupt bedeutet. Der Philosoph brauchte Personenschutz, denn das Thema ist vermintes Gelände. Immerhin geht es um Diskriminierung und den Kampf dagegen, um political correctness, Rassismus zudem, aber auch um Zensur und Redefreiheit. Das Spannendste zuerst: Der Referent hat seinen Vortrag überlebt! Weder die Navy Seals noch Al-Quaida haben ihn geschnappt, und die grün-linken Sprachsäuberer waren irritiert, weil die erwarteten Provokationen ausblieben, oder jedenfalls nicht so leicht zu identifizieren waren. Trotzdem, genug Zündstoff war schon im Spiel. Schon deshalb, weil der Magister zu dem skandalösen Schluß kommt: „Man darf ALLES sagen!“ – zumindest im Prinzip. Wie bei Philosophen üblich, gab es ein paar Wenns & Abers. Davon abgesehen wagte der Magister die Feststellung, die sog. Sarrazin-Debatte hätte eine absoluten „Niveau-Tiefpunkt“ markiert. Nebenher wurde über die Semantik von Begriffen wie „Kümmeltürke“, „Nigger“ und „Schwule“ reflektiert und allerhand gesagt, was man nicht sagen darf. Wer Lust auf knifflige, und nicht gerade plakativ simple Überlegungen hat, kann den Text auf dem Denkfixer-Blog oder hier

OO.Sprache

oder hier

Was man sagen darf

jetzt nachlesen.

Dann weiß man Bescheid. Und stellt fest: Die Dinge sind kompliziert!

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Guerilla Writing

12. Dezember 2009

UNERWARTET TEXTEN – BLITZSCHNELL ABHAUEN.

In zarter Gymnasiastenzeit war ich nicht nur Fan von den Stones und Ton, Steine Scherben, ich sympathisierte sogar herzklopfend mit Befreiungs-Guerillas aller Art. Onkel Ho, Ché Guevara, Vorschütze Mao und Volksmuhadscheddin Abu Simpel, ferner jedwede Tupamaros, Zapateros und Sandinistas: alles im Grunde bloß Fortsetzung Winnetous mit anderen Mitteln! Die Guten durften schießen!

Zeitweilig erwog ich sogar – intellektuell vorerst auf wackligen Fohlenbeinen und politologisch noch pitschnass hinter den langen Ohren –, mich der sich gerade formierenden Stadtguerilla meiner Heimat anzuschließen. Echt! Ich kannte da welche! Mal bloß gut, daß aus dieser RAF-Karriere dann doch nichts wurde, sonst müßte ich heute wie der Dings, ihr wisst schon, dieser eine pummlige alte Mann mit dem traurigen Schnauzbärtchen und dem Seehundsblick periodisch demonstrativ betrübt in zeitgeschichtlichen Talkshows sitzen und fortwährend bekümmerte Reue-Bekenntnisse ablegen, ein ums andere Mal. Als abtrünniger Ex-Hasskasper wär ich in einer öffentlichen Dauer-Reha, und 80 Mio. Fernsehzuschauer wären meine Bewährungshelfer! Ich wäre der Reue-RAFler vom Dienst und müßte mit dem Sohn von Buback öffentlich eine distanzierte, weil beiderseits um die Tragik der Verwirrung wissende Männerfreundschaft pflegen. Und wenn ich mal was erklären wollte, würden mich öffentlich-rechtliche Volkspädagoginnen und Deppen-Dominas wie z. B. Maybritt Illner oder Anne Will mit schneidender Stimme und beißendem Sarkasmus zurechtweisen und mich zwingen, mein Schandhütchen schleunigst wieder überzustülpen. Schaurige Perspektive!

Egal, jedenfalls, widerstrebend zur Vernunft kommend, fand ich später, die Guten sollten lieber doch nicht schießen, bzw. erstmal beweisen, daß sie auch tatsächlich die Guten waren. Außerdem zeigte das Schicksal Ernesto „Ché“ Guevaras, daß das Dasein als Guerillero ganz schön beschwerlich und voller Gefahren ist. Im Kugelhagel irgendwelcher blöder Regierungstruppen in einem wildfremden, mückenverseuchten, touristisch völlig unerschlossenem Regenwald mein junges Leben auszuhauchen, schien mir bald ausgesprochen unattraktiv. Um die Wahrheit zu sagen, ich war wohl eher einbrainstorming-, denn ein street fighting man. Die wenigen offenen Feld- und Straßenschlachten mit der Polizei, bei denen ich in der Anfangsaufstellung der Protestlermannschaft mitspielte, gingen jedenfalls alle 400 : Null für die Bullen aus. Auf Dauer und lange Sicht war das demotivierend! Ich mutierte vom Brandtstifter zum Biedermann, mein Lieblingscocktail hieß, wenn ihr versteht, was ich meine, irgendwann nicht mehr „Molotow“, sondern „Manhattan“ oder „Marguerita“.

Heute, inzwischen präsenil und altersmild, wie das Jahrhundert, dessen „Nuller Jahre“ sich schon wieder dem Ende zuneigen, es verlangt, finde ich manche neuen Guerilla-Formen schon wieder gut, zum Beispiel guerilla marketing, oder noch sympathischer:guerilla gardening. Da besetzen urban kultivierte, konstruktiv-anarchistische Mitbürger im Schutze anonymer Neumond-Nächte Mittelstreifen von Avenuen, Baumscheiben in Alleen oder Brachgelände in der gentrifizierten Nachbarschaft, und pflanzen dort irgendwas hin, begrünen die Metropolen-Wüsten und lassen, unbefugt und ohne behördliche Sondergenehmigung, hundert Blumen blühen. Ich finde: Hier mischen sich trotzige Subversion und kommunaler Bürgersinn in einem glücklichen Verhältnis! Das scheint mir das gleiche Prinzip wie im Falle des Banksy-Trupps, der nächtens in Museen einbrach, nicht um Bilder zu stehlen, sondern um frische hinzuhängen.

Man mag mich indes einen reaktionär gewordenen Spießer heißen, wenn ich bekenne: Was ich nun überhaupt nicht ausstehen kann, was mich vielmehr nervt und schon gefährlich reizt, das ist guerilla shopkeeping bzw. -catering! Hierbei handelt es sich um eine subtil-sadistische Form der Kunden-Veralberung und Gäste-Vergraulung, bei der man sich auf möglichst bizarre, unmöglich memorierbare Öffnungszeiten kapriziert, die man, zu Zwecken zusätzlicher Verwirrung, noch andauernd, freilich in unregelmäßigen, niemals voraussehbaren Abständen, wie Börsennotierungen, ändert. Das bedeutet: WARUM man jeweils IMMER vor verschlossenen Türen steht, entnehme man dem je aktuellen Aushang, der die brandneuen Öffnungszeiten verlautbart, die voraussichtlich bis irgendwann gelten, oder möglicherweise auch nicht. Unser Schicksal ist in Allahs Hand. Und Allah hat viel zu tun.

Über das „Mondial“ würde ich ja nur zu gern mal in klassischer Qype-Qualität berichten – immerhin, durch die Glasfront blinkt ein schniekes Café, es handelt sich zudem um die – offenbar zu multikulturellen Zwecken verpachtete, kommunal subventionierte – Gastronomie des renommierten Hochfelder Stadtteil-Kulturzentrums „Alte Feuerwache“ in der Friedenstraße, nur: Ich komme da nie hinein! Sage und schreibe FÜNFMAL stand ich, zu unterschiedlichen, aber völlig normalen, verkehrsüblichen Zeiten, in je verschiedenen Monaten, vor verschlossener Tür! Das heißt, nein, einmal stand sie, die Tür, im Oktober, versehentlich auf. Leer gähnte der Laden. Als ich hineinspähte, ihr werdet’s nicht glauben: – versteckte sich der Betreiber oder Service-Mann, meiner als eines potentiellen Gastes ansichtig werdend, – blitzschnell hinter dem Tresen!!! Guerilla shopkeeping! Ich erwischte, es war kurz vor High Noon, den scheuen Barkeeper trotzdem irgendwann. Er sprach ein bißchen deutsch. Meine Anfrage, ein kleines Frühstück (türkisch: „Kahvaltı“) betreffend, beschied man mir bedauernd mit der achselzuckenden Ausflucht, „Kaffe“ sei ‚ – um 11.30 Uhr!!!– “’noch nicht’ da“…
Derzeit, nach dem Stand von heute morgen, sind die Öffnungszeiten gerade: dienstags bis freitags von 17.00-22.00 Uhr, außerdem sonntags 10.30 – 13.00 Uhr; – wahrscheinlich aber nur, falls Vollmond auf den zweiten Sonntag nach Ramadan und zugleich der erste Freitag des Monats auf ein ungerades Datum fällt. Oder falls die Pächter nicht gerade Heimaturlaub machen, oder Siesta, oder fasten oder irgendwas.
Allah bilir! Wundere ich mich, nach viermonatiger Beobachtung, daß dieses gastronomische Schmuckstück, selbst wenn es mal zufällig geöffnet ist, stets durch gähnende Leere glänzt? Nein, die Lebenserfahrung, multipliziert mit multi-ethnischer Weltläufigkeit, flüstert mir den Grund ins Ohr. Ich sag ihn euch aber nicht!

Wahrscheinlich wäre es nämlich in höchstem Maße political uncorrect und kommunal-integrationspolirisch unerwünscht, zu erwähnen, daß die Pächter ihre gastronomischen Erfahrungen evtl. bzw. vermutlich beim Betrieb kleinerer Wüsten-Karawansereien in trocken gefallenen Oasen gewonnen haben, wenn überhaupt. Da ich noch an den Wunden laboriere, die ich mir zugezogen habe, als Regierungstruppen mir kürzlich die„Rassismus“-Keule übers Ohr zogen, ziehe ich mich, dies nur schüchtern erwähnend, blitzschnell wieder zurück.
It’s guerilla writing, dear!

Coole Schmierage: Vorsicht Leben!

21. Juni 2009
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Die Schablonen-Technik erinnert an Banksy...

Ohne mich in der inner-österreichischen Politik auszukennen, geh ich mal davon aus, die ÖVP-nahe Initiative „Pro Josefstadt“ wollte sich da im letzten Jahr ein bisserl einschleimen bei den Josefstädter Hausbesitzern. „Wenn wir da ein wenig auf den Putz hauen, gegen Schmutz und Schund wettern und nach Ordnung schreien, wählen die uns vielleicht“, hat sich ein junges, aufstrebendes Politik-Genie evtl. gedacht und die eigene Idee für verdammt „leiwand“ (wienerisch für: genial, spitzenmäßig, intelligent) erachtet. Also hat er sich mal hingesetzt, ein altes Schulheft herausgekramt, eine leere Seite gefunden, am Bleistifterl geleckt und dann folgende Anfrage an den Bezirksvorstand formuliert:

 ANFRAGE: Graffiti – Unwesen in der Josefstadt

von: PRO JOSEFSTADT

 1. Ist Ihnen das Problem des Graffiti-Unwesens bereits aufgefallen?

2. Was haben Sie als Bezirksvorsteher bereits dagegen veranlasst oder gedenken Sie dagegen zu veranlassen?

 BEGRÜNDUNG:

Seit geraumer Zeit gehört in der Josefstadt das Beschmieren von Hauswänden, Toren und Geschäftslokalen zur Tagesordnung. Die verschiedenen mehr oder weniger künstlerischen Ergüsse und teilweise provokanten Slogans verunzieren mittlerweile fast jeden Häuserblock in diesem Bezirk. Gleich welchen politischen oder sonstigen Ursprungs sie sind, und gleich welchen künstlerischen Inhalt sie haben mögen, sie sind in jedem Fall eine Beschädigung privaten oder öffentlichen Eigentums. Da sich diese Delikte besonders im letzten Jahr gehäuft haben, können die betroffenen Bürger, die den Schaden bezahlen müssen, sehr wohl Hilfe, aber zumindest eine sofortige Stellungnahme des Bezirksvorstehers, die auf Grund der Dringlichkeit der zahlreichen Beschwerden noch vor der Sommerpause erfolgen sollte, erwarten.“

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Damits nicht zu süßlich wird in der Josefstadt

Der Bezirksvorsteher, ich nehme mal an, ein Sozialdemokrat, blieb gelassen und in seiner Antwort recht kühl und knapp: Antwort des Herrn Bezirksvorstehers: Wenn es auffällt, werden die jeweiligen HV verständigt.“ Ob die rechtspopulistischen Wichtigtuer und Saubermänner diese Antwort befriedigend fanden?

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Grimmiger Kommentar

Mir sind einige neuere Produkte der AerosolArt-Fraktion in der Josefstadt aufgefallen, und ich muß sagen, für meinen Geschmack sind sie sehr kleidsam und verhindern, daß die renovierten Straßenzüge allzu übermäßig geleckt und verstorben anmuten. Welche Aussage die Sprayer intendieren, weiß ich ja nicht, aber auf mich wirken sie wie ein rotziges Gitarrenriff aus einem offenen Fenster – die Message: „Vorsicht! Hier wird noch gelebt!“

Freilich, ich bin auch kein Josefstädter Hausbesitzer. Wäre ich einer, ich glaub, ich tät mich vorerst nicht beschweren. „Fesch!“, würd ich zum Sprayer sagen und „leiwand wie auf Leinwand!“

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"Cool Killer..." (Baudrillard)