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Bubikopf, Einschlafbier, demokratischer Fisch-in-Tomatensauce (Ein Gespräch über Madonnas Achselhaare)

10. Juli 2009
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Stilikone Madonna in der Neigungsnische (Foto: Lee Friedlaender, PLAYBOY 1985)

Innerfamiliär schätzen wir das bekannte Gute Gespräch. Neulich beim Abendbrot haben wir uns in der Runde z. B. lange über Madonnas Achselhaare unterhalten. Einig war man sich insofern, daß Madonnas Style heute – also dieser Typ abgemagert-hager-sado-sehnige Fitness-Tucke – uns ja nun überhaupt nicht anmacht. Die Frau sieht aus wie eine sm-hardcore-lederlesbische Turnlehrerin im Stadium fortgeschrittener Unterleibsverbitterung! Dassisdonnich schön! flöteten wir unisono.

Ich gab dann damit an, daß ich mal das PLAYBOY-Heft von 1985 besessen habe, worin nachträglich Aktfotos der 17-jährigen Karriere-Beginnerin abgedruckt waren, die da noch  Madonna Louise Veronica Ciccone hieß und ein reizendes italienisches Pummelchen-Frollein war, dazu südländisch-mediterran, also ungemein großzügig körperbehaart. Auf den künstlerischen (ha!) Schwarzweißfotos, ich erinnere mich erschauernd noch heute, stach ihr flamboyantes, lockig-buschiges, pechschwarzes Achselhaar einigermaßen provokant ins Auge. Unvorsichtigerweise gestand ich, dies damals „irgendwie auch sexy“ gefunden zu haben, worauf die 21-jährige Tochter des Hauses pantomimisch einen Kotzwürganfall andeutete und mich mit weit aufgerissen-überquellenden Augen puren Ekelentsetzens anstarrte, als hätte ich gerade zugegeben, von Sex mit Königspudeln zu träumen. So kamen wir auf das Thema Haare.

Nebenbei, Schwarzweißfotos und Haare: Frau Gülcan Kamps (26, Abitur in Lübeck) hat nicht nur im Fernsehen ihren Brötchen-Prinz geheiratet, sondern auch an der Quizsendung „Was denkt Deutschland?“ teilgenommen. Ausweislich eines Radiomitschnitts ist herausgekommen, was die VIVA-Moderatorin selber denkt. Sie denkt, auf Schwarzweißfotos sind weiße Haare schwarz und schwarze Haare weiß abgebildet. „Du meinst Negative“ hält man ihr daraufhin vor. „Nee, überhaupt nicht“, antwortet sie da, „ich mein das gar nicht negativ…!“

Haare gehören zu den evolutionär eigentlich längst überholten Sachen, um die Menschen ein dennoch riesiges Gewese machen. Es wird unentwegt gestylt, gelockt, getönt, gesträhnt, geföhnt, gegelt, gescheitelt, wachsen gelassen, abgeschnitten (stufig!) oder wegrasiert, aufgetürmt, verfilzt (dreadlox), kunstverstrubbelt (Schlingensief), geflochten und noch weißderteufelwas. Manche, wie der Internet-Prominente Sascha Lobo, gelen sich das Haupthaar zu einem feuerroten Irokesen und können ganz gut davon leben. Andere fühlen sich morgens suizidal, weil „einfach die Haare nicht sitzen“. Der aus haarigen Verhältnissen herausgewachsene Herrenfrisör Udo Waltz ist zur Kanzler-Beraterin und gefragten Society-Tucke aufgestiegen, weil er sich gut mit Ministerinnenfrisuren auskennt.

Frisuren sind derjenige Teil einer Weltanschauung, den man sehen kann: Glatzen (Skins, Neo-Nazis, Werbe-Fuzzis) und Vokuhilas (Zuhälter, Fußballprofis, Muckibuden-Betreiber) können bei der sozialen Einordnung des Gegenübers helfen; auf Heavy Metal-Konzerten sieht man im Schnitt 35% mehr Haare als bei einem Gig von Placebo oder Jan Delay. Ob Haare als hip oder gar „sexy“ empfunden werden, hängt von der Stelle ab, wo sie wachsen, und auch noch von Mode. Ich wuchs in Zeiten auf, als der Schnauzbart en vogue war, den später nur noch Polizisten trugen, leistete mir dann, weil es mit meiner Nasenlänge harmonierte, einen Bart à la Frank Zappa; noch später erwog ich die Anpflanzung eines Grunge-Ziegenbärtchens, was mir aber meine Frau geschmackvollerweise untersagte.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hielten es die subtilsten Erotiker der Republik für ungemein erregend, wenn eine Dame einen sog. Bubikopf trug. Es gab eigens von irgendeiner Hochkulturzeitschrift eine Umfrage unter Geistesgrößen, was man von so einer neumodischen Kurzhaarfrisur denn zu halten habe. Sogar Thomas Mann hat es sich damals nicht nehmen lassen, einige verschwiemelte Gedanken hierüber ins Schriftdeutsche zu stelzen. Noch Ernest Hemingway, der alte Männlichkeitshaudegen, Entenjäger, Kriegstrinker und Frauensäufer, kriegte sich erotisch gar nicht mehr ein, wenn er davon schrieb/träumte, mit einer Kurzhaarfrisur tragenden Frau zu schlafen. Es kam vermutlich seinen krypto-schwulen Neigungen entgegen; das Irisierende, Oszillierende und Irritierende von Mädchen mit Jungshaaren hat ihn genauso wie Thomas Mann schwer angefackelt.

Heute finden Mädels aller Frisurklassen und Haarkreationen die verdiente erotische Beachtung, vorausgesetzt, sie beherrschen den Umgang mit einem lady shaver. Das allerdings soll ein Muß sein. Die Rasierklingenschmiede und Rasierschaumschläger reiben sich schon seit einiger Zeit die geschäftigen Hände: Die großflächige Epilation haarwuchsverdächtiger Körperregionen wird im 21. Jahrhundert zur zivilisatorischen Selbstverständlichkeit und ästhetischen Hygienepflicht! Eine befreundete Vielbeschäftigte, die sich freimütig gewisse exzentrische Entspannungshobbys leistet, berichtete mir jüngst, im zeitgenössischen europäischen Porno-Film seien mittlerweile auch die meisten Männer bereits Vorreiter glattrasierter Rundumtadellosgepflegtheit, und zwar durchaus auch, wie die Freundin mit hochgezogenen Brauen erläuterte, „unten rum“! Der ethno-anthropologische Beobachter registriert diese Entwicklung mit wohlwollendem Interesse.

Ein anderer Freund überraschte mich mal mit der emphatischen Behauptung, es sei für ihn „Demokratie“, daß er das verbriefte Recht hätte, nachts um drei Uhr noch eine Dose Fisch-in-Tomatensauce zu öffnen und zu seinem Einschlafbier genüsslich auszulöffeln. Als ich einwendete, meines Wissens hätte noch kein Diktator der Welt Fisch-in-Tomatensauce verboten, noch auch den Nachtverzehr desselben reglementiert, patzte er zurück, ich hätte eben einen anderen Freiheitsbegriff. – Für mich ist eher Demokratie, daß in der offenbar strikt geordneten und durchkategorisierten Welt der Internet-Pornographie inzwischen schon wieder auch für passionierte Behaarungsinteressierte eine Nische mit Bildern und Filmchen bereitgehalten wird, die Frauen von der Art der jungen Madonna Ciccone beinhalten. Vorbei die Zeit der genormten Einheitserregung! Laßt hundert Blumen blühen! Bzw. Neigungsnischen locken. Übertrieben finde ich bloß, wenn Männer sich neuerdings nicht nur die Beine rasieren, sondern auch die Brauen in Form zupfen. Solch effeminierten Spleen pflegte man meines Wissens zuletzt in der römischen Spätantike, und was aus dem Imperium dann geworden ist, wissen wir ja.

Den PLAYBOY mit den Madonna-Bildern habe ich irgendwann eingetauscht, gegen eine Mundharmonika. Zum Glück kursieren die Fotos aber noch im Internet. 

Neues Blödwort

30. April 2009
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"Forever young": Hundert Jahre Stil-Ikone Madonna

 

„INTRIGIERTE DISKRIMANALISIERUNG“: EINE EINLEITUNG

Es ist ein neues Blödwort aufgetaucht, daß mir bei jeder Lektüre heftiger zuwinkt, damit ichs endlich mal geißele. (Auf einer blödwort-analogen Verwechslung beruht es übrigens, daß immer mehr Leute von der „Geisel der Menschheit“ reden, wenn sie, ma sagen, das organisierte Verbrechen geiseln wollen. Ich glaube, sie werden durch Grimms Märchen vom „Wolf und den sieben Geißlein“ verwirrt, weil es eben nicht Geiseln sind, die der Wolf nimmt. Freilich auch keine sieben Geißeln…) Blödwörter werden in der Regel entweder vom Geschmeiß der Werbe-Texter und professionellen Wortfalschspieler oder aber von Journalisten kreiert und in Umlauf gebracht. Wenn sie blöd genug sind, werden sie bald inflationär benutzt. Manchmal werden ganz seriöse, sozusagen unschuldige Wörter zu Blödwörtern, weil immer mehr Blödwortmänner nicht mehr wissen, was sie in Wahrheit bedeuten. Da wird dann schon mal „Gourmet“ und „Gourmand“, oder „Intrigieren“ mit „Integrieren“ verwechselt, oder die Dinge werden auseinanderdividiert , zusammenaddiert oder diskriminalisiert, was weiß ich, aber egal, ich will ja eigentlich gar nicht zu einem dieser besserwisserischen Sprachpedanten werden, die schon die Augenbrauen heben und strafend hüsteln, wenn ich mal „Kommas“ sage statt „Kommata“ (obwohl wir schon ewig strafffrei „Themen“ statt „Themata“ sagen dürfen!), und die dann gleich süffisante Glossen darüber verfassen und uns etwa darüber belehren, daß sowohl „Firlefanz“ als auch „Kinkerlitzchen“ ursprünglich aus dem Französischen kommen, was mir wurst ist, da es für die Schreibweise keine Rolle spielt, anders als bei den Wörtern altgriechischer Provenienz, denen man das „Th“ oder „Rh“ mit der Rechtschreibereform geraubt hat.

Jedenfalls, das Blödwort, daß ich meine, heißt: IKONE. 

Meiner Beobachtung nach – die nicht stimmen muß – tauchte das Wort erstmals vor ca. 5, 6 Jahren in Zusammenhang mit Frau Madonna Louise Veronica „Esther“ Ciccone auf, die man nicht länger Lust hatte, „Queen of Pop“ (gähn!) zu titulieren, und sie daher beschloß, zur … „Stilikone“ zu ernennen. Was die Presse-PR-Plapper-Profis damit meinen oder sagen wollten, war vermutlich, daß der Geschmack, den Frau Ciccone hinsichtlich sogenannter Anziehsachen an den Tag lege, in der Modewelt stilbildend wirke. Vielleicht spielt eine assoziative Verbindung zwischen der vagen Erinnerung daran, was Ikonen mal waren, sowie dem Namen „Madonna“ auch eine Rolle, da rund ein Drittel aller Ikonen ja … Madonnen-Bilder sind.

Die nächste Stufe zündete mit der Weiterentwicklung zum rätselhaften Begriff „Werbe-Ikone„. Mit diesem Titel bzw. dieser Berufsbezeichnung belegte man bei uns m. W. erstmals eine junge Frau namens Verona Feldbusch, die zuvor mal irgendwas mit Dieter Bohlen hatte, und die dann später jenen Herrn Pooth ehelichte, den Olli Dietrich alias „Dittsche“ hartnäckig als „GeräteFranjo“ veralbert, jenen Geräte-Franjo, den der vorübergehend obdachlose Dittsche „nie im Leben nicht“ um ein Obdach bitten würde, da er, vgl. Folge der 17. Kalenderwoche, „auch, ma sagen, eine Würde“ hätte. – Wie wird man nun „Werbe-Ikone“? Ganz einfach. Man muß, wie Frau Feldbusch, zunächst mal nichts besonderes gelernt oder geleistet haben; es reicht, wenn man durch irgendetwas mal ins Fernsehen gekommen und den Zuschauern im Gedächtnis geblieben ist. Bei unsere Werbe-Ikone in spe war dies, neben ihren Brüsten, die sie stets wie ein Cafeteria-Tablett mit heißem Kaffee vor sich herzutragen pflegte, neben ihrer Oberweite also die Tatsache, daß sie glaubhaft vorspiegeln konnte, unglaublich doof und zudem ihrer Muttersprache nicht recht mächtig zu sein. In Wahrheit, falls das interesssiert, ist die Dame übrigens keineswegs doof, sondern clever, möglicherweise sogar gerissen, und im korrekten Gebrauch des Dativs hat sie sich längst auch unterweisen lassen. 

Irgendwie aus dem Fernsehen bekannt zu sein, nennt man Aufmerksamkeitskapital – man kann es re-investieren. Da die Leute im Fernsehen sehr gern Leute sehen, die sie schon aus dem Fernsehen kennen, werden solche immer wieder in Talk-Shows eingeladen; wenn man oft genug in immer wieder anderen Zusammenhängen in solchen unsäglichen Plauderrunden präsent war, wird man von der Familie der Couch Potatoes adoptiert – jetzt ist man so bekannt, daß die Werbewirtschaft sich sagt: Dem oder der drücken wir jetzt mal einen Spinat, eine Geflügelwurst oder ein Mineralwasser-mit-Kohlensäure in die Hand und machen Werbung damit!  Tritt die Ikonen-Anwärterin nun aber in Werbe-Spots auf, kennt sie bald jedes Kind. Deshalb bekommt sie immer mehr Werbe-Aufträge, verdient Millionen und wenn die Steuer fragt, was ihr Beruf sei, dann sagt sie, „also ich bin bekannt dafür, bekannt zu sein, also bin ich hauptberuflich „aus dem Fernsehen bekannt“ und damit beschäftigt, andere Dinge wie Rahmspinat oder Gelbe Seiten mit meiner allgemein beliebten Bekanntheit aura-mäßig zu adeln“. Sie könte aber auch sagen, sie sei eine „WerbeIkone„.

Der Begriff „Ikone“ bekam eine Aura von Erfolg, Bewunderung, Anerkennung. Schon bald fand man die Handballer-Ikone, die Trainer-Ikone und heute, ich las es eben, im alten Wolfgang Neuss die „Kaberett-Ikone“. Mit anderen Worten: Jetzt wird es langsam endgültig blöd!  Irgend wie sind semantisch Dinge wie Idol, Leistungsträger, Nestor, Mentor und Trendsetter zu etwas zusammengeflossen, das man in der „Ikone“ am besten aufgehoben findet. Mit Ikonen hat das alles freilich nichts zu tun.

Leider werde ich nie zur Ikone des präzisen Sach-Journalismus avancieren, denn Thema dieses Aufsatzes sollte eigentlich die Frage sein, was eine Ikone eigentlich darstellt. Nun ist aber schon die Einleitung so voluminös, daß ich den Hauptartikel mit gesonderte Post ins Netz stellen muß. Bis dahin wünscht, mit der Bitte um fortdauernde Gewogenheit verbunden, einen flotten Tanz in den Mai:

Kraska, Abschweifungs-Ikone