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Kreisförmiger Bildungsweg (Alles hängt zusammen)

31. Oktober 2011

Jehova zupft am Gallenblasenmeridian (Bild: Fritz Koch-Gotha)

„Au! Auaahhh!“ –„Tut’s weh?“ fragte die junge, kräftige Dame interessiert, vor der ich ausgeliefert und entblößt hingegossen auf der Streckbank lag, und stach mir weiterhin genüsslich lange Nadeln in meine empfindlichsten Teile, das große, gut durchblutete Ohr etwa oder diese eine feine, zarte Stelle, wie heißt die jetzt, da ganz hinten unten, unterhalb des Fußknöchels, und ich greinte tapfer durch die Zähne, ja, es zwiebele in der Tat schweinemäßig, und sie flötete „sehr gut!“, und nein, ich war nicht im Domina-Studio, sondern bei meiner Heilpraktikerin, die sich sicher war, mein Schmerz sei das positive Anzeichen dafür, dass sie mit ihren Stichen „genau den Gallenblasenmeridian“ getroffen hätte. „Annemie“ schrie ich schließlich geistesgegenwärtig, „tu die scheiß Nadeln’raus, so etwas wie einen „Gallenblasenmeridian“ GIBT ES DOCH  ÜBERHAUPT NICHT!

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 Menschen glauben, wenigstens im Alltag, gern an kryptische Verbindungen, Korrespondenzen, Interferenzen und mysteriöse Kontiguitäten. Magie und Alchymie regieren die Welt! Geheime Verbindungen, unterirdische Ströme, verborgenene Interaktionen, Meridiane & homöopathisches Gedächtnis des Wassers! Alles hängt mit allem zusammen! Das Dasein ist gewissermaßen ein Kabelsalat – fände man nur das richtige Ende, bekäme man alles in den Griff und würde ein ordentliches, übersichtliches und aufgeräumtes Leben führen.

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 Meine heutige Physiognomie und Gestalt (Bauch, lange Nase, Nickelbrille, extrem große Ohren) verdanke ich einer Begegnung vor mehr als einem halben Jahrhundert. Damals mopste ich mich, mopste mich so sehr, dass ich fürchtete, an Langweile zu sterben. Dies lag an der desolaten Situation des Entertainments. Wer Musik hören wollte, musste sich welche pfeifen, wer Fernsehen wollte, musste auf einen Hügel steigen. Hügel waren in meiner flachen Scheibenweltheimat aber derart rar, dass eigens Schulausflüge dorthin organisiert wurden; unvergesslich waren diese Ausflüge freilich nicht, denn von der kleinen Erhebung aus sah man nur in alle Richtungen bis zum Meer sich erstreckende, schier endlose grüngraue Flächen, auf denen banale Kühe weideten, und auch die waren bloß in schwarz-weiß.

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 Um der Langeweile zu entgehen, beschloss ich, mir das Lesen beizubringen. Mit fünf scheut man Herausforderungen nicht. Zur Verfügung standen im illiteraten Haushalt meiner Eltern nur drei Druckwerke: Die alte Familienbibel, in Frakturschrift, ein Katalog für Zucht-Erdbeeren (mit Bildern, aber ödem Text) sowie – die „Häschenschule“, ein Bilderbuch von Fritz Koch-Gotha, mit einfältigen Verslein in Schreibschrift, aus dem Jahre 1924. Dieses Fibelchen wurde zur Grundlage meiner Bildung. Zunächst dämpfte es meine Erwartungen die Schule betreffend. Der Lehrer in der Häschenschule war ein sackgrober, unheilvoller Pauker, der die zarten Ohren seiner Häschenschüler zwiebelte. Er machte mir Angst. Ich war ein Kind! – Und heute? Als einziger Absolvent der Häschenschule habe ich es auf die Universität geschafft, und mehr noch, bin als Lehrer ein alter Hase geworden, zwiebele gern junge Leute und sehe haargenau so aus wie der alte Hasenpauker! Unheimlich, oder? Eher nicht? Wie wäre es dann mit folgendem?

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 Über Jahrzehnte verfolgte ich das Leben, Weben und Streben eines avantgardistischen deutschen Medientheoretikers namens Friedrich Kittler. Ihn zu lesen fiel mir nicht ein, denn allzu überkandidelt und postmodern durchgeknallt erschien mir das krause Werk, zu eitel und originalitätsbesessen. Letzte Woche nun, ich schrieb an einem Vortrag über die Kulturgeschichte des Lesens, las ich ihn dann, nach Jahrzehnten wie gesagt, endlich doch einmal, guckte mir den Videostream eines seiner Vorträge an und zitierte ihn sogar abends. Zwei Tage später erfuhr ich: Kittler war exakt an diesem Tage, dem 18. Oktober, gestorben! – Na? Schon unheimlicher? Aber noch nicht genug!

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 Zu den miesesten Aufgaben meines Privatgelehrtenlebens gehört es, dass ich der Institution, an der ich den Hasenlehrer mache, immer schon ein knappes halbes Jahr im voraus schriftlich zu melden habe, was ich im nächsten Semester zu lehren vorhabe. Doof ist das insofern, als ich nie den geringsten Schimmer habe, was mich in einem halben Jahr vielleicht interessieren wird – ich andererseits nur Vorträge über Dinge halte, die mich gerade beschäftigen. Ein Dilemma! Mühsam rang ich mir das Vortragsthema „Vom Unheil der guten Absicht – Ethik in einer komplexen Welt“ ab. Keine zwei Stunden später schlag ich den SPIEGEL auf – und finde einen Aufsatz von H. M. Enzensberger zu EXAKT dem gleichen Thema. Irre! So schließt sich der Kreis.

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 Welcher Kreis? Der meines Bildungsweges. Nach Absolvierung der Häschenschule errang ich das Abitur – mit einer Deutscharbeit über nämlichem H. M. Enzensberger, dem ich in der Klausur – schwunghaft drogenbeflügelt – vorwarf, kein konsequenter Revolutionär zu sein. Es begab sich dies auf dem Höhepunkt der 68er-Wirren und deshalb bekam ich dafür eine 1,0. So märchenhaft begann meine Karriere als unbezahlbarer Privatgelehrter.

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 Die Familienbibel hab ich später auch noch gelesen. Verdammt scharfes Buch. Trotzdem, die frühzeitige Lektüre hat bei mir auch Verwirrung ausgelöst. Noch immer drängt sich in mein Jehova-Bild der alte Ohren zwiebelnde Lehrerhase. Mit einem Schuss Enzensberger. Hängt alles irgendwie zusammen!

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Vor der Wahl: Deutschland ein Wackelbild

26. September 2009
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Das Frank-Angela oder die Steinmerkel: Es kommt uns so oder so.

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So fing sie mal an: "Drei Tage Bonn inkl. Fahrt in einer echten Politikerlimousine"

Wie nicht ganz bei Groschen wackele ich seit Tagen hypnotisiert mit dem Kopf. Vierzig Grad, fünfundfünfzig Grad, und wieder zurück. Lentikularfolie. Wackelbild. Der SPIEGEL hatte diese Woche so ein Ding auf dem Titel kleben: Man sieht einen nachgemachten, pseudo-barocken Sessel in einer Art blühender Photoshop-Landschaftskulisse  stehen, und darauf thront, je nach Blickwinkel,  entweder Dr. Acula Merkel (40°) oder der charismatische Aktenautist Frank-Willi Steinhäger (55°). Es handelt sich nämlich um den berühmten Bundeskanzlerthron auf der grünen Reichtagswiese, auf dem wir ja alle gern Platz nähmen, um uns mal als echter Märchen-König von Deutschland zu fühlen, oder wie Alfons der Viertelvorzwölfte von Lummerland. Jedenfalls, egal, darüber steht als Headline: „Es kommt so..“ (40°) bzw. „… oder so“ (55°). Wahlweises Wackelgedackel: Das Frank-Angela oder die Steinmerkel. Wenn man aus ca. 48, 49° guckt, hat man ein vexiervermischt gedopppeltes Hybrid-Moppelchen, das irgendwie an Helmut Kohl erinnert und an hundert Jahre Langeweile. Wie wahl!

 Damit trifft das Nachrichtenmagazin den wetterwendischen Wackelwähler präzis auf den Kopf (obwohl beim SPIEGEL-Titel der kümmerliche Pointenfurz erst abschnarcht, wenn man das Wackelbild ablöst…). – Genau! Es kommt so oder so! Und das ist kaum spannender, als wenn in China irgendwo ein Bild schief hängt. Daß die „Kandidaten“ nur jeweils verwackelte Vexierbilder voneinander sind, war unser Eindruck ja auch schon seit längerem. Frank-Verwalter Steinmeier ist ja bloß der Merkel ihre Kehrseite! Beide „können Kanzler“, kräht der böse Clown aus der Wortspielhölle. Dabei können beide noch nicht mal Politik. Das ist nicht ihre Schuld; der eisgraue Aktenfresser („Oile“) aus dem Hundert-Morgenwald ist im Grunde ein harmloser Mann, dem ich meinen insgeheim gehorteten Vorrat an 100-Watt-Glühbirnen zur Aufbewahrung anvertrauen würde, und die Uckermärkische Spinatwachtel mit dem Pampgun-Gesicht ist ja in Wirklichkeit auch bloß eine Hausfrau, die früher mal im Preisausschreiben „drei Tage Bonn inkl. Fahrt in einer echten Politikerlimousine“ gewonnen hat und dann einfach vergaß, wieder nach Hause zu fahren.

Man soll nicht immer Ressentiments gegen Politiker schüren: Die tun doch nix. Die wollen bloß spielen. Ihr Spiel hat den barocken Titel: Wir haben im Grunde keine Ahnung, woran wir da herumfummeln, aber wir retten qua angeborener Kompetenz jetzt erstmal die Weltwirtschaft, ferner das Weltklima, das System der Rentenversicherung, das kranken Gesundheitssystem, den Frieden in Afgähnistan und alles weitere, und zwar mit Mitteln, die sich seit 40 Jahren schon nicht bewährt haben, aber was sollnwa machen, wir ham ja sonst nix. Wir fahren die Karre an jede verfügbare Wand, machen dabei aber ein triumphierendes Gesicht. Die Kunst der Politik in der Mediengesellschaft: Hauptsache, man verkauft, was überraschenderweise herausgekommen ist, als genau das, was man gewollt hat hat.

 Es kommt so oder so. Es kommt, wie es will. Es kommt, wie es kommt. Und alle so: „Yeaahh!“

 Pathetisch packt mich ein Bürgerlich-Sentimentaler am Sakko-Knopf: Wenn du nicht wählen gehst, verschmähst du die heilige Errungenschaft demokratischer Freiheit! Bürger beachteiligter Länder, denke nur an Iran, würden sich alle sechs Finger danach lecken, freidemokratisch wählen gehen zu dürfen! – Mich erinnert das immer an meine Kindheit: „Andere Kinder, denke nur an Indien oder Afrika, wären froh, wenn sie deinen Spinat hätten!“ (Und ich immer so, im Kopf: „Ich auch!“) – Auch Elli, die Hausbesorgerin, teufelt in diesem Sinne auf mich ein: Herr Kraska! Sie MÜSSEN WÄHLEN gehen! Sonst kriegen Ihre Stimme DIE ANDEREN! beschwört sich mich mit eindringlichem Blick. Auf meine verblüffte Rückfrage: „Welche ANDEREN denn?“ schweigt sie vielsagend, oder, nach der Rechtschreibereform: viel sagend.

 Abgesehen davon, daß ich befürchte, die Systeme, die über unser Schicksal entscheiden (globale Ökonomie, internationale Finanz-Märkte, Weltklima, Energieressourcen-Verteilung, geopolitische Weltmachtinteressen etc.) könnten bei weitem zu kompliziert und strukturbedingt eigendynamisch sein, um sie noch mit den Mitteln herkömmlicher, klassisch nationaler repräsentativer Demokratie steuern zu wollen, hab ich den Eindruck, der imaginäre Wähler, der den Wackelkandidaten vorschwebt, ist auf jeden Fall über fünfzig und dynamischer Frühsenior, der sich vorgenommen hat, wenn wir von der Wanderfahrt in den Harz zurückkommen, mach ich da mal an der Volkshochschule so einen Kurs über Internetz. Mal sehen, was da so drinsteht. – Die impertinente Ahnungslosigkeit und backpfeifig dumm-stolze Ignoranz, mit der Frau Dr. Merkel die Probleme, Interessen, Kompetenzen und Zukunftssorgen der heute 25-bis 35-jährigen  übergeht, wird sich irgendwann rächen, schätz ich. Vielleicht schon am Sonntag? Ach ja, „moine jungen Froinde aus dem Internetz“ dürfen ja schon wählen! Yeaahh!

 Wie ich mich kenne, lasse ich mich am Ende doch wieder breitschlagen und mach zwei Kreuze. Und da ich mich ziemlich gut kenne, glaube ich, das erste Kreuz mach ich bei den Grünen, wenn auch mit einem Gesicht, als hätte ich in einen zugleich sauren, faulen und verwurmten (und daher auch viel zu teuren!) EU-Norm-Bio-Apfel gebissen, einen Apfel, der höchstwahrscheinlich ziemlich weit vom Stamm des Baumes der Erkenntnis gefallen ist. Das zweite Kreuz schenk ich den Piraten, nehme es ihnen allerdings gleich wieder weg, sobald sie tatsächlich eine Partei werden. „PiratenPARTEI“ ist ja wohl das doofste Oxymoron nach „Verein der Vereinsgegner“!

 Ich glaube nicht, daß Sonntag ein weichenstellender Schicksalstag für Deutschland sein wird. Es kommt so … oder so. Wahrscheinlich aber noch ganz anders.