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Ökotrophologie in der Bierschwemme, Akropolis auf Gelsenkirchner Barock. Zuviel Salz ist auf eigene Gefahr

20. Juli 2009
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Eindeutig: Zuviel Salz!

I.

Wir odyssieren weiter durch die Welt der „Griechen“. Anführungsstrich-Griechen sind solche, die statt authentischem griechisches Essen nur “griechisches“ 08/15-Standard-Zeug anbieten, Gyros, Souvlaki, Mykonosplatte, fertich! Gemischter Einheitsbrei „Deutsch-Hellenische Freundschaft“  für zwei Personen mit extra viel Knobi und Überwürz-Turbo. Eine ganz besonders interessante Unterabteilung der Anführungsstrich-Griechen bilden dabei aber die sog. Kuriosen oder auch Skurrilen Griechen. Im Ruhrgebiet scheinen sie mir besonders verbreitet, weil Hybrid-Gastro hier ihre ersten improvisatorischen Triumpfe feierte.

 Hybrid-Gastro? Oh ja!  Z. B. mein früheres Lieblings“restaurant“ im Duisburger Norden, gleich hinterm Thyssen-Stahlwerk: In einer aufgelassenen amerikanischen Texaco-Tankstelle hatten zwei pakistanische, ein sri-lankesischer und ein indischer Desperado gemeinsam eine italienische Pizzeria eröffnet, um deutsche und türkische Proleten pronto zu verköstigen. Das war globalisierte Hybrid-Gastro der ersten Stunde! Hier als Incog(n)ito-Magister und anonymer Camouflage-Philosoph Sonntag nachmittags den Proletarier auss’m Viertel zu geben, im ärmellosen Feinripp-Unterhemd da zu sitzen, billigen Frascati-Wein zu trinken und den „Kollegen“ beim Austausch alkohosophischer Allerweltsweisheiten zuzuhören, DAS hatte Stil! Und alle halbe Stunde mal selber über den feinripp-bespannten Bierbauch streichen und ein ruhr-buddhistisches Mantra zum besten geben, wie etwa: „Watt willze da machen? (längere Pause, als würzze erssma drüber nachdenken, dann: –) … Da kannze nix machen…!“

 II.

Irgendwie ist die „Taverna Olympus“ auch Hybrid-Gastro. Vor allem aber Kurioser Grieche! Die olympische Taverne residiert nämlich ausgerechnet in den eichenholzfurnierten, genre-typisch düsteren Räumlichkeiten des ehemaligen „Deutschen Vatter“, den es so lange gegeben hat, daß man den alten Namen heute noch in der Taverne RIECHEN kann: „Deutscher Vatter“ (aber selbzvaständlich mit ‚2 Bundeskegelbahnen’!) riecht unwiderruflich und bis zum Jüngsten Tag nach schalem Bier, billigen Zigarren-Stumpen, Kegler-Schweiß und diesem spezifisch muffigen Duft aus dem Fasskeller, wo die Leitungen zu lange nicht gereinigt wurden. Ein altdeutsches Odeur: Vatters Bierschwemme also. Die Einrichtung tut ihr übriges. Gelsenkirchner Kneipenbarock (frühe 70er Jahre!) mit allen Schikanen und Unvermeidlichkeiten, die man natürlich rigoros hätte herausreißen und im Renovierungsfuror hätte ausmerzen, übertünchen und vermauern können. Vielleicht auch sollen.

Aber der Patron der Taverne, ist, was man seiner Sancho-Pansa-Figur nicht zutraut, kulturell auf Feinsinn geeicht. Möglicherweise an der archäologischen Tradition der Hellenen daheim geschult, hat er das Weltkulturerbe-Monument „Deutscher Vatter“ nicht angetastet, sondern akkurat mit einer mehr oder weniger dünnen Schicht eigener Heimat-Mitbringsel und haufenweise Griechenkitsch-Nippes lediglich sanft überzogen. Das Ergebnis: gewissermaßen Sauerkraut-Eisbein mit Metaxa-Sauce.

Diesmal erhebt sich die kulinarische Akropolis auf den Ruinen deutscher Biertrinker-Kultur. Reizvoll. Bzw. gewöhnungsbedürftig, aber man hat eine Menge zu gucken. Ich glaub, so viel undefinierbaren Nippes hab ich nicht mehr auf einem Haufen gesehen, seit ich die Wohnung meiner verstorbenen Mutter (Ihr Gott habe sie selig!) aufgelöst habe. Angeln und Netze hängen von der mit Nordatlantik-Seesternen „mediterran“ (?) beklebten Decke, in der Vitrine ruhen einträchtig nebeneinander Fußball-Pokal, Sparvereins-Vase, Nikos-Kazantzakis-Büste sowie die katholische Jungfrau Maria. Auf piefig-deutscher Bierjemütlichkeit feiert hellenische Dekorationswut dionysische Orgien. Fast schon wieder gut, irgendwie! Multikulti von der ulkigen Sorte, Mischmasch, eklektische Stil-Libertinage. Egal!

 III.

 Egal, weil man hier nicht wegen des Ambientes herstiefelt, und übrigens auch nicht, weil die Speisekarte auch nur ein einziges Gericht aufführte, das man nicht von allen anderen Standard-Griechen auch kennen dürfte.   Für den Charme diese famosen Taverne sorgt vielmehr der ambitionierte Patron, Antonios Tsintsolis, der seine Kaschemme mit der Grandezza eines Chefkellners im Pariser Tour d’Argent führt. Blau geschürzt im folkloristischen Streifenhemd, gibt er alle Figuren zugleich: Den jovialen Chef, den eleganten Maitre d’Hotel, den kundigen Sommelier und den schelmischen Dessert-Garçon. Was auffällt, ist der bescheiden-selbstbewußte Stolz des kleinen Mannes mit den großen Gesten. Er dienert und schleimt nicht und läßt die gelegentlich etwas schmierige Devotheit balkanesisch-levantinischer Ausplünderungsgastronomie vollkommen vermissen. Mit einer staunenswerten Grazie balanziert er würdevoll zwischen homerischem Größenwahn und kritischer Selbstbescheidung. Wie das aussieht?

Nun, er kredenzt den empfohlenen Wein mit Schwung, kommentiert aber zugleich mit amüsantem Akzent und melancholisch umflorten Blick: „Isse vleich bissele zu kalt. Bukett kommt noch, später…!“ Dann zählt er, ganz comme il faut und professionell, mündlich die drei Gerichte des Tages auf. Frische Fisch ist dabei, was man angesichts der von der Decke baumelnden Deko-Angelruten noch eine Weile bedenkt; um faire Vergleichsmöglichkeiten zu haben, entscheiden wir uns aber wieder für Standard. Herr Tsintsolis trägts mit Gleichmut und gibt in rasselndem Stakkato-Griechisch die Bestellung an seine den Geschäftsbetrieb vom hintersten Tisch aus überwachende Gattin weiter, die es der Küche sagt.

 IV.

 Ich bin kein überaus strenger Restaurant-Kritiker, wenn ich in eine schlichte Taverne gehe. Ich bin schon angetan, wenn man mich, wie es Herr Tsintsolis tut, fragt, ob ich meinen Salat mit Essig & Öl oder mit Metro-Dressing möchte; als er ihn serviert, mustert der Patron seinen eigenen Salat noch ein Weilchen (wie ein Maler, der schweren Herzens ein Bild verkauft), und gibt skeptisch zu bedenken: „Isse vleich bissele viel Balsamico drauf…“ Och, es ging. Ich merke aber: Dieser Wirt nimmt seinen Beruf noch ernst! Als ich für meine (knusprigen, gut gemachten) Begleit-Pommes um ein Löffelchen Mayonnaise bitte, beäugt er mich ersteinmal aufmerksam, als wolle er meinen aktuellen Cholesterin-Spiegel abschätzen, befindet aber glücklicherweise nach einem gehörigen Weilchen: „Kein Problem.“ Schon eher ein Problem ist mein nächster Extra-Wunsch: Ich frage, ob ich vielleicht für Souvlaki und Pommes eine Prise Salz nachbestellen dürfe. Oh, oh.

Ich ernte einen schweigenden, nachdenklichen, leicht sorge-verdüsterten Blick. Herr Tsintsolis wiegt unmerklich den Kopf. Es arbeitet in ihm. Hab ich etwa seine Küchenkünste beleidigt? Nein, das ist es nicht. Er kommt mit einer Menage zurück, die er aber vorerst in der Hand behält, um sich vor mir aufzubauen und mit würdevollem Ernst einen Vortrag über Ökotrophologie (!!) zu halten, ungefähr des Inhalts, von ihm angebotene Speisen enthielten exakt gerade so viel Salz, wie a) nötig, und b) ökotrophologisch sowie ernährungsmedizinisch verantwortbar seien. Für etwaig exzessiven, gesundheitsschädigenden Salzmissbrauch lehne er jede Verantwortung ab; Nachsalzen sei somit ein Risiko, das der Gast selbst zu tragen habe. Abschließend besiegelt er sein Statement mit der Versicherung, dieses habe man ihm in zahlreichen einschlägigen Seminaren beigebracht und bestätigt!

Während meine Hand zögernd und etwas eingeschüchtert den Salzstreuer über den Teller führt ( – meine mündliche Versicherung, ich übernähme für alle Folgen die alleinige Verantwortung, hatte dem Patron ausgereicht), halte ich inne: Wo bin ich hier? Und wer ist dieser Mann? Ein einfacher Kaschemmen-Wirt, der Ökotrophologie-Seminare besucht? Ist das ein Film hier?

 V.

Die Speisen sind denn auch … anders. Nicht unbedingt authentischer griechisch, doch überraschend dezent, schmackhaft, ohne die brutalen Geschmacksverstärker-Exzesse der üblichen Gyros, Souvlaki & Co-Mafia. Das Fleisch darf hier artgerecht noch nach sich selber schmecken; die Vorspeisen sind sorgfältig, frisch und mit Liebe angerichtet, der Tsatsiki ist vom Tag, schmeckt nach Joghurt, Gurke und Kräutern und enthält gerade das nötige Minimum Knoblauch, nicht mehr. Vom Salz ganz zu schweigen.

VI.

Nach dem Mokka bedanken wir uns und sagen „Auf Wiedersehen“. Herr Tsintsolis schenkt uns dafür noch einen langen, nachdenklichen Blick, um schließlich gewichtig zu dem Resultat zu kommen: „Ja, das glaube ich. Sie werden wiederkommen! Ich weiß es nicht genau – aber ich glaube es!“ Er glaubt das mit Recht.

 VII.

 Etwas überwürzt ist höchstens die Flyer-werbung der Taverne, die mit vollmundigen Versprechungen und großzügig verteilten Ausrufezeichen nicht knausert. „Spitzen Küche! Solide Preise! Überzeugende Vielfalt! Top Service!“ Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Herr Tsintsolis das selbst geschrieben hat. Ein anderer Satz paßt freilich zu ihm: „Wir bürgen mit unserem Namen dafür…“ – Ist das nicht entzückend?

Griechisches Essen gibt es nicht ohne Anführungstriche (Wissenswertes über Dinslaken)

15. Juli 2009
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Die Idee des Kitsches kannte er noch nicht: Philosoph Platon

In einem zur Nazi-Zeit erschienenen Benimmbuch, so erzählte es mal Max Goldt, wurde dem deutschen Offiziersanwärter zur erfolgreichen Kontaktanbahnung mit jungen Tischdamen der Gesellschaft etwa folgendes unverfängliches Gesprächseröffnungsangebot empfohlen: „Würde es Sie, gnädige Frau, eventuell interessieren, etwas über den Reiz der deutschen Mittelgebirge zu erfahren?“ – Nazi hin oder her, ich find das auch nicht wesentlich blöder als das ewige „– …und was machst DU so beruflich?“, das heute meist üblich ist. Ich hasse diese Frage besonders, denn bei mir ist das so fürchterlich schwer zu beantworten und außerdem eine lange Geschichte, die keine Sau interessiert. Wenn ich nämlich zur Antwort gebe: „Dürfte ich ein kleines bißchen ausholen und bei meiner frühen Gymnasialzeit beginnen?“, dann müssen plötzlich alle mal wohin, eben mal kurz telefonieren, was holen oder wegbringen. Dann schon lieber deutsche Mittelgebirge. – Oder, wie wäre es vielleicht mit Wissenswertem über Dinslaken?

Also gut, gnädiges Fräulein, da Sie so bezaubernd mädchenhafte Wissbegierde simulieren können, hier ein paar Facts: Dinslaken ist eine kleine Stadt am unteren Niederrhein, die es, eingeklemmt zwischen Duisburg, Wesel und Oberhausen, dennoch fertig bringt, Stücker 70.000 Einwohner in ihren übersichtlichen Stadtteilen unterzubringen. Früher waren viele Bergleute darunter, dann machte die Zeche dicht und die Dinslakener hatten das Nachsehen; heute arbeiten sie bei KIK, City Grill oder Fahrschule Öçalan.

Obwohl das Städtchen seine Reize für meinen Geschmack etwas lieblos und unakkurat übers platte Land verstreut hat, findet man, wenn man endlich das Kabel von dem verdammten Navi rausgekramt hat, leicht den entzückenden kleinen Ortskern von Dinslaken, der sich um ein putziges kleines Kirchlein schmiegt und niederrheinische Liberalität demonstriert: Zwar ist überall Fußgängerzone, aber man fährt trotzdem mit dem Auto herein und parkt da. Warum man denn überhaupt, um Gottes Willen, in Dinslaken parken sollte, läßt sich erklären.

Und zwar hatten Kraska nebst Gattin einhellig Appetit auf „griechisch“, aber keine Lust, den warmen Sommerabend in einer düster-dumpfen, mit gipsernem Hellenenkitsch überdekorierten, nach Zwiebeln und heimlichen Zigaretten muffelnden Ouzo-Spelunke zu vertun. Da gibt es dann im ganzen Großraum Duisburg nur eine einzige Möglichkeit, das „Sorbas“ in Dinslaken, denn das hat einen großen, einigermaßen lauschigen Biergarten. – Aufmerksame LeserInnen haben möglicherweise aus den Augenwinkeln registriert, daß ich „griechisch“ geschrieben habe, also mit Anführungsstrichen. Das hab ich mit Absicht gemacht. Griechisches Essen ohne Anführungsstriche gibt es in Deutschland nämlich nicht! Man beweise mir gern das Gegenteil. Authentische griechische Küche, möglichst noch mit Niveau, findet man noch seltener als authentisch chinesische, die es ja immerhin in Märchenmetropolen wie Hamburg und Berlin mittlerweile geben soll.

Ich stell mir immer vor, es gibt so einen ultrastrengen Geheimerlaß der Ausländerbehörde, der Griechen grundsätzlich und bei Androhung beinharter Strafen verbietet, variantenreiches, genuin griechisches Essen feilzubieten. Immer bloß Souvlaki, Gyros und Poseidonplatte! Der Geheimerlaß erzwingt auch das Anbringen stereotypischer Gipssäulen, Akropolis-Bilder und Athene-Köpfen sowie das unentwegte Abspielen grauenhaft abgenudelter, pseudo-griechischer „Sirtaki“-Musik. Außerdem befiehlt das geheime Amt, daß „griechische“ Restaurants nur unter acht Namen wählen dürfen: Olympos, Mykonos, Athen, Akropolis, Syrtaki, Poseidon, Odysseus und Zorbas, auf Sonderantrag evtl. noch Plaka, Platon, Sokrates, Kreta oder Piräus. Was ich nicht weiß, ist, ob in dem Behördenbefehl auch steht, daß Griechen den Verdauungs-Ouzo „aufs Haus“ grundsätzlich nur vor, anstatt nach dem Essen kredenzen dürfen, wo man ihn ja eher nötig hätte. Schnaps auf nüchternen Magen trinke ich nicht gern; nach dem Essen ist er aber warm! Lasse Er doch diese Marotte, Grieche!

Da wir Essen mit Anführungsstrichen erwartet hatten, waren wir nicht enttäuscht. Gyros war unknusprig und überwürzt, Souvlaki ganz okay, Meze-Platte Standard. Wie es im Durchschnitt halt bei jedem Anführungsstrichgriechen so ist. Ungewöhnlich fanden wir indessen die Aufmerksamkeit, Fixheit und natürlich-fröhliche, fast schon herzliche Freundlichkeit der jungen Service-Kräfte, die ganz unaufgesetzt und echt wirkte. Echter jedenfalls als das „griechische“ Essen.

Man fühlt sich, wenn man kulinarisch mal Fünfe grade sein läßt, durchaus wohl und gut aufgehoben unter den großen Sonnenschirmen im Hof des Restaurants. Dazu trägt auch die lobenswerte Praxis des Hauses bei, gute griechische Weine (doch, die gibt es!) zu fairen Preisen, oft sogar im Angebot, zu offerieren. Ach ja, und einen Ouzo “aufs Haus” gab es vor UND nach dem Essen!

Soviel zu „Dinslaken“, Verzeihung: Dinslaken.

Woher ich denn überhaupt weiß, wie traumhaftes authentisches griechisches Essen schmecken kann? – Weil ich’s gekostet habe, – in … Chikago, Illinois.