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Quo vadis, Beinkleid?

22. Juli 2010

Hose der Fa. Baur, Beine unbekannt

EIN LÄNGERES TRAKTAT ÜBER DIE KURZE HOSE

Beim Bikini zum Beispiel, beim BH oder auch beim Reißverschluß weiß man es, glaube ich. Aber wer hat eigentlich das sinnreich ersonnene Kleidungssstück erfunden, das wir als sog. „Hose“ kennen und schätzen? Römische Autoren der Antike haben das raffinierte Doppelröhren-Teil als Alltags-Tracht der wilden Germanen-Stämme beschrieben, halb spöttelnd, in der kalten Jahreszeit dann aber auch schon zunehmend ein bisschen neidisch. Hosenlose Horden gelten in der Moderne bereits als rückständig. Obwohl es m. W. noch keinen bundes- oder gar weltweiten „Tag der Hose“ gibt, wird die zivilisatorische Daseinsberechtigung dieses Beinkleides kaum noch bestritten. Freilich, keine Hose ohne Dornen, will sagen ohne Umstrittenes, Fragwürdiges, ja irritierend Bedenkenswertes.

Ich spreche vom Funktionswandel der Hose! Den nämlich gibt es zu verzeichnen! Grundidee der antiken Beinkleidschneider war es ja wohl ursprünglich, die beiden braven Zwillinge, das stämmige Stand- und sein puppenlustiges Spielbein, mit einem ledernen, später textilen (Jeans!) Schonbezug zu umhüllen, damit es nicht friere (fröre) und vor allem Unbill einer feindseligen Umwelt wohl verwahrt seine Arbeit tue. Oder täte. Dass dabei das stämmige Germanen-, Westgoten- oder Vandalenmännerbein auch den Blicken der Öffentlichkeit entzogen wurde, nahm man billigend in Kauf. Heute fragt sich der konservative Kulturbeobachter indessen schon wieder bang: Quo vadis, Hose?

Die Hose steht heute ratlos am Scheideweg, und zwar besonders als sog. Kurze  bzw., für das weibliche Geschlecht vorbehalten, sogar Sehr Kurze Hose. Seit der Klimawandel uns im Sommer mediterrane oder sogar tropische Temperaturen beschert, hat der deutsche Mann eine Art Zwangsneu-Hose entwickelt: die obsessive, öffentlich-schamlose Kurzbehostheit. Was soll man sagen? Als unterlägen ihre unelegante Stampfer neuerdings einem staatlichen Verhüllungsverbot, entblößt man wie blöd und zwanghaft seine knochigen Knie, wurstigen, wollbehaarten Waden oder madenweißen Magermilchschenkel. Trotz der Proteste internationaler Menschenrechtsorganisationen enden solche Unaussprechlichkeiten unten noch immer gern in weißen, beigen oder braunen Socken. Pfui Spinne! Wollen wir das ästhetisch ausführlicher würdigen? Besser nicht; taktvoll-dezent schlagen wir die Augen nieder und bitten still stoßbetend um plötzliche Schafskälte und die gnädige Rückkehr der seligen Eisheiligen.

Ganz anders wiederum, oft betörend und sinnverwirrend, die heuer, wie mir scheint, faktisch wie modisch im überhitzten Stadtbild mehr und mehr dominierende, extrem knapp sitzende Fräuleinhose, früher kess „Hotpants“ (vgl. auch „Der Name der Hose“!) genannt, ein zumeist aus Jeans-Stoff geschneidertes (man möchte, hehe, eher sagen: beschnittenes), jedenfalls eminent, ja  frappant kontraproduktives Beinentkleidungsbeinkleid, dessen nahezu beinfreie Knappheit den Gläubigen offenbart, dass der Schöpfer – wie es das on dit ja schon lange vermutet –, wenigstens was das beinbezogenen Feindesign angeht, beim Manne nur geübt, beim jungen Weibe aber zur Vollendung gefunden hat. Die Anatomie ist im Prinzip ja die nämliche, aber der ästhetische Effekt ist beim ultrakurzbehosten Jungfernbein ein verblüffend anderer, zumal in der Mädchen-Population dieses Jahres, will mir scheinen, die Beine besonders lang, elegant und hühnchenknusperbraun gewachsen sind. Manche Mädels bringen es, ich kann das als urbaner Biker beurteilen, mit Hilfe eines solchen Entkleidungsstückes zuweilen bis zum mobilen Verkehrsbehinderungsereignis!

Ist eine solche sachliche Feststellung etwa von chauvinistischer Frauenfeindlichkeit geprägt? Ganz im Gegenteil! Fern liegt mir altem Hosenkavalier jede Anzüglichkeit! Die kurze Hose (im Gegensatz zu Horrorhosen-Relikten wie der verflossenen Karotten-, Reit- oder Pumphose) versichert uns vielmehr, dass der früher aus ideologischen Gründen unterschätzte „kleine Unterschied“ noch immer existiert und sich nicht hinwegmodeln oder -mendeln gelassen hat. Das von mir praktizierte Frauenversteher- oder Verehrertum macht vor dem Bein nicht halt. Beine gehören zum integralen Bestandteil femininen Menschentums! Steht, empfehle ich daher der heurigen Mädchenblüte, steht zu euren Beinen!

Beine sind ein Gottesgeschenk – ein paar aufreizend knappe Jeanshosen für sie hat Gott allerdings nicht wachsen lassen, die muß man zur natürlichen Ausrüstung hinzukaufen. Hierfür gibt es aber gut erreichbare Fachgeschäfte.

„The Sting“ zum Exempel ist ein aus den Niederlanden stammendes, im „Forum“ niedergelassenes sowie im Prinzip – so sagen die Töchter – recht empfehlenswertes Bekleidungshandelsunternehmen für junge, schlanke, gut gewachsene Menschen, die sich mit Hilfe der feilgebotenen  div. Markenklamotten figurbetont herausputzen möchten. (Achtung: Die Größen S, M, L und XL beziehen sich eher auf thailändische Maßstäbe!),  Dass modische Kleidung ihre Attraktivität oft durchs Weglassen behauptet, kommt man mit wenig Stoff aus, was der Taschengeldfreundlichkeit der  Hemdchen, Tops & Höschen zugute kommt. Der Öffentliche Raum profitiert: In der Stadt erblühen die Augenweiden.

Aufgrund der äußersten Knappheit und Kürze der sommerlichen Hosenbeine habe ich mir erlaubt, den Text hierüber etwas länger geschneidert bzw. ausufern zu lassen.

Löffel treuer als Socken. Was selbst bei IKEA nicht zusammengebaut werden muß

13. August 2009
gabelöffel

Unzertrennlich: Löffel verehrt Gabel

BESTECK IN DER BEZIEHUNGSKISTE

 Da gibt es nichts: Die sattsamst bekannteste Vergnügung der Welt (Sexualität. Ja, genau, gääähn!) ist immer noch der absolute Renner Nr. 1! Weil ich allergisch auf die höhnisch-fiesen Sprayer-Parolen reagiere, die auch bei uns an die Tunnel-Durchgänge geschmiert werden („Keiner liest deinen Blog!“), guck ich aus purer Eitelkeit alle paar Tage auf meine Blog-Statistik, um mir ein Bild über meine tatsächlich zahlenmäßig recht bescheiden ausfallende, aber nicht gänzlich gegen Null tendierende  Lesergemeinde zu machen. Dankenswerterweise wird einem ja angezeigt, wer von wo warum mit welchen Suchwörtern zu mir gelangt ist. Meine Statistik ist recht ansehnlich! Ich habe rund hundert Leser pro Tag. Immerhin!

Schau ich genauer, sinkt mein Triumpfgefühl wieder auf Normalnull. Irgendwann, bei einem Artikel über Sprache, Alltagssemiotik und Presse-Wahnsinn hab ich mal ein völlig sachfremdes Foto verwendet, das eine unbekleidete vollbusige Blondine zeigt (in Teilansicht!) und in Internet, wo ich’s her hab, den Titel „busted teen girlfriend“ trägt, also zu deutsch „mit Brüsten ausgestattetete Freundin zwischen Dreizehn und Neunzehn“. Wie sich zu meiner Beschämung herausstellt, ist diese Dame, die ich noch nicht mal zu kennen die Ehre habe, für den – relativ – passablen Leserdurchschnitt meines Blogs praktisch fast alleine verantwortlich! Zahllose Interessenten müssen im Netz von der Nachricht förmlich elektrisiert werden, daß es U-20-Frauen gibt, die a) blond, b) mit Brüsten ausgestattet sind, welche man sich c) bei  mir auf dem Blog zu zwei Dritteln ansehen kann! Sechs bis elf Männer (na, Frauen werdens wohl nicht sein, oder?) surfen pro Tag im Durchschnitt auf meine Seite, bloß weil ich vor zig Wochen mal die einladend ausladenden Möpse einer Anonyma in einen Text integriert habe! Ist das zu fassen? Meine Phantasie reicht so weit, daß ich mir ausmalen kann, wie man im Internet nach Anregungsbildchen sucht. Auf die Idee aber, zu diesem Zwecke die Suchwort-Kombi „busted teen girlfriend“ einzugeben, wäre ich wohl im Leben nicht gekommen.

Während das menschliche Triebleben offenbar unausschöpfliche Aufmerksamkeit beansprucht, wird das Liebesleben der Dinge selten erörtert. Gut, es gibt ein paar Aufsätze zur Frage, warum bei der Spezies der Socken die Paare sich meist schon nach der ersten Wäsche trennen und nie wieder zusammenkommen, und der frühe Thomas Kapielski hat in Berlin, wenn ich richtig informiert bin, mal ein Werk namens „Sex mit Möbelstücke“ vorgelegt – das wars dann aber auch schon.

Was ist zum Beispiel mit Besteck? Anders als Socken bleiben Löffel und Gabel zumeist ein Leben lang unzertrennlich. Zwar gehen sie auch mal getrennte Wege, wenn etwa dem Löffel nach Suppe ist und der Gabel nach Pasta, aber sie wissen immer, daß sie letztlich in ein- und denselben Besteckkasten gehören. Zumindest in gehobenen Besteckläden sind Löffel und Gabel gar nicht getrennt erhältlich, immer nur als Paar. Ich besitze ein Besteckset aus Stahl (glaub ich jedenfalls, daß das Stahl ist, Tafelsilber brauch ich alltags nicht), daß ich vor zwanzig Jahren bei IKEA gekauft habe, und noch immer sind alle Teile zusammen, trotz mehrerer Umzüge! Ich bin also noch immer versorgt.

Wer aber erstmals aus dem Hotel Mama auszieht und eine preisgünstige Erstausstattung benötigt, kann sich sein Küchenzubehör ruhig bei IKEA kaufen, zumal Messer, Gabel und Löffel so ziemlich die einzigen Teile im IKEA-Angebot sind, die man NICHT nach diesen verdammt bescheuerten, piktographischen Bauanleitungen SELBER ZUSAMMENPFRIEMELN muß!