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Amselmamsellensammeln (Portion Emo für den King of Pop)

4. Juli 2009
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Schwarzes Hähnchen...

Sorry, Fanvolk, nichts zu machen: Die Trauerfeier für Michael Jackson findet nicht hier statt. Geht bitte weiter. Verlaßt zügig das Gebäude, das Areal, das County. Geht nach Hause! Wenn euch nach einer Portion Extra-Emo ist, weint ruhig in eure Frottee-Bettwäsche mit Simpson- oder Winnie-the-Pooh-Motiven, in eurem stillen, mit Plakaten schrill, provokativ, aber irgendwie auch stilvoll geschmückten Jugendzimmer. Falls ihr definitiv erkannt haben solltet, daß das Leben jetzt keinen Sinn mehr hat: Das ist richtig.

Ihr könntet euch, um den akuten Sinnmangel zu kompensieren, eventuell ein wenig die Unterarme aufritzen. („Let it bleed!“) Aber schneidet nicht zu tief, vielleicht wollt ihr später mal ein tolles Tattoo dort, oder in Weiß heiraten („Let it be“)! Schlagt vielleicht besser methodisch mit dem Kopf gegen die Wand („Beat it!“), das wird der verblichene (ha!) King of Pop zu schätzen wissen.

Apropos schwarze Sänger: Womit auch mal Schluß sein muß, ist die Unterschätzung der Amsel! Die Amsel ist ein dynamisches, flexibles, Innovationen gegenüber aufgeschlossenes Geschöpf, Geziefer, Dings, Geflügel. Nebenbei, wer weiß das: Ab welcher Größe darf man die Sexualversionen von Vögeln eigentlich Hahn und Henne nennen? Sagt man z. B. Amsel-Hähnchen? Oder Amselmann und Amselmamsell? Damit ersterer eine möglichst attraktive dicke schwarzbraune Mamsell abkriegt, muß er sich ins Zeug legen und ordentlich was singen bzw. flöten. Je souliger und heißer er pfeift, desto mehr Amselmamsellen. Auch in Amselland gibt es einen King of Balz, der das Weiberanflöten praktisch revolutioniert hat. Ich hörte ihn im Wienerwald. Er setzt auf Samples.

Jeden Nachmittag beginnt er seine Show mit einer sensationellem Nummer: Acht Sekunden lang die perfekte Nachahmung einer Autoalarmanlage! Lalülalülalülalülalü. Dann: erschrockene Pause. (Der Besitzer inspiziert seinen nachtschwarzen Porsche-Cheyenne-FWD-Geländewagen.) Die Amselinnen lauschen atemlos im Unterholz. Und dann geht es wieder los: Lalülalülalülalüla. Cool, elektronisch, repetitiv, hypnotisch. Unter den Vögelinnen herrscht der Aunahmezustand. So etwas Aufwühlendes hat man an den Ufern der Wien noch nie gehört. Teddys, Slips, ganze Federbetten fliegen auf die Bühne. Heute Nacht könnte das Hähnchen alle haben, könnte amseln bis zum abwinken! So macht das Amselmamsellsammeln Spass! – Dies sagt der Fachmann zum Amsellied:

„Der Reviergesang der Männchen setzt sich aus flötenden Tönen zu Beginn, kombiniert mit melodischen Strophen und einem „Anhängsel“ zusammen. Der Mittelteil enthält dabei häufig kurze Imitationen und Variationen anderer Vogelarten.

Jedes Männchen beginnt sein Lied etwas anders, was eine Unterscheidung einzelner Individuen ermöglicht. Das sogenannte Kontersingen – das gesangliche Reagieren auf einen Kontrahenten oder Nachbarn – ist bei der Amsel ausgeprägt. Die am ähnlichsten klingende Strophe aus dem eigenen Repertoire wird mit entsprechenden eigenen Anfangselementen vorgetragen. Auch das „Anhängsel“ wird vielfältig in abgewandelter Form gesungen. Dabei ist der komplexe Aufbau dieser Anhängsel für das menschliche Ohr kaum aufzulösen, sondern wird erst bei Betrachtung von Sonagrammen in seinem vollen Umfang deutlich. Große Unterschiede in Tonhöhen innerhalb einer Sekunde, stark ausgeprägte Obertöne und diplophone Partien mit gegenläufigen Frequenzverläufen charakterisieren diese „Anhängsel“. Der individuelle Aufbau und die Länge der Strophen variieren stark. Eine Strophe kann zwischen 5 und 29 Elementen enthalten. Sie ist durchsetzt mit Pausen zwischen wenigen hundertstel und einigen zehntel Sekunden, welche die Strophenelemente untereinander abgrenzen.“ (Wikipedia)

Zwei Dinge fand ich im Zusammenhang mit Micheal Jackson interessant an Amseln: „Weibchen lassen manchmal gedämpfte oder dem männlichen Gesang ähnliche Strophen hören. Fordert ein Weibchen ein Männchen zur Paarung auf, lässt es gepresst klingende, sehr leise und oft hohe Laute in nicht zusammenhängenden Folgen hören.“  Das erinnert doch an „Thriller“-Triller, oder?

Noch famoser ist, was Ornithologen beim Amseln als „Leuzismus“  bezeichnen: „Bei der Amsel treten partieller Albinismus (Fehlende Pigmente), Leuzismus (Federn ohne Pigmente, Augen und Epidermis hingegen pigmentiert) sowie Chlorochroismus (Verblassen der Pigmente) auf.“ Mit anderen Worten: In gewissen Fällen können Schwarzdrosseln weiß werden, gepresst klingende, hohe Laute ausstoßen und sich anhören wie ein teures Auto! 

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Weißes Hühnchen... (Photo: Splash)

Birnbaums Früchte…

25. März 2009
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Feuerwerks-Hauptmann der 14. kaiserl. Artillerie-Brigade R. A. W. Haneld (1842-1910), Träger u. a. des Roten Adler Ordens 4. Klasse

 

In memoriam:

Hermann Tietz (1837-1907)

Noch immer wühle ich in alten Familienpapieren, betrachte ausgeblichene Photographien und dann Daguerrotypien von preussischen Militärs, die meine Vorväter waren, blättere in Offizierspatenten und Ordensurkunden, Personaldokumenten, Passierscheinen und Zeugnissen. Ein Schulzeugnis von 1854 bescheinigt meinem Urgroßvater, zwar „gut“ in Religion und Singen, indes nur bloß „sehr mittelmäßig“ in Geometrie und Zeichnen gewesen zu sein – er wurde später Artillerieoffizier, Topograph und Karten-Zeichner. Mit dem Roten-Adler-Orden ausgezeichnet für die Belagerung und Beschießung von Paris im Krieg 70/71. Schau an, sein Polnisch war auch nicht gut! Polnisch?

Ja. Meine Familie stammt väterlicherseits aus Birnbaum, einem Kleinstädtchen, das heute Międzychód heißt und in der Woiwodschaft Großpolen liegt. Seit mindestens 1772 waren meine Vorväter dort ansässig. Ein paar von ihnen, z. B. die Urgroßonkel Wilhelm und Christoph Reinhold, wanderten nach Amerika aus, nahmen auf seiten der Nordstaaten am Bürgerkrieg teil, fielen vielleicht (ich kann das Träumen und Mystifizieren nicht lassen!) möglicherweise sogar Indianerüberfällen zum Opfer. Jedenfalls hat bislang kein reicher Onkel aus Amerika vor meiner Tür gestanden, um mir sein NewYorker Geldhaus zu vererben. Ich weiß auch gar nicht, ob ichs nehmen würde. – Zurück zu Birnbaum, das vom Wiener Kongreß 1815 Preußen zugeschlagen wurde und unter deutscher Herrschaft bis 1919 blieb. Gern würde man sagen, Polen, Deutsche, Katholiken, Protestanten und Juden hätten in Birnbaum friedlich zusammengelebt. Doch es scheint Spannungen gegeben zu haben, Repressionen, Pogrome, Aufstände. Seit jeher war Polen ein Beutestück der europäischen Großmächte gewesen, die an ihm herumzerrten wie Hyänen an einer toten Ziege.

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Vor der "Arisierung"

Fünf Jahre vor meinem Urgroßvater, 1837, wird im 6000-Seelen-Städtchen Birnbaum einer seiner berühmtesten Söhne geboren: Hermann Tietz. Hermann und seine Neffen Leonhard und Oscar (geb. 1849 und 1858 in Birnbaum),  Sprößlinge einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie, werden als erste in Deutschland die neue amerikanische Erfindung der Kaufwarenhäuser umsetzen und verwirklichen. Hermann Tietz baut mit Fleiß, Intelligenz und unternehmerischem Geschick den Hertie-Konzern auf, Leonhard und Oscar Wertheim und den Kaufhof-Konzern. Weltstädtische Konsumpaläste wie das Wertheim am Alexanderplatz, das KaDeWe oder das Alsterhaus am Hamburger Jungfernstieg lassen die Metropolen des Deutschen Reiches Anschluß an Paris und London finden.

Der Erfolg der Tietzes weckt den Haß der Nazis und die Begehrlichkeiten der deutschen Banken. Schon lange hetzen die Faschisten in Berlin gegen die „Judenkaufhäuser„. Kaum an der Macht, organisieren sie am 1. April 1933 einen „BoykottTag„. „Kauft nicht bei Juden! Rettet den deutschen Mittelstand vor dem Weltjudentum!“ heißt es auf Schildern. Banken ziehen Kredite zurück, die Presse hetzt, Kunden und Geschäftsfreunde werden durch Terror eingeschüchtert. Vor den Warenhäusern kommt es zu blutigen Zusammenstößen. Plünderungen drohen. Jetzt geht es Schlag auf Schlag, im Eiltempo. Die jüdischen Direktoren werden hinausgeworfen, die Besitzer enteignet. Die „Arisierungs„-Geier kreisen über den Kaufhaus-Konzernen, die fast 40.000 Menschen Arbeit geben. Die drei deutschen Großbanken, die Deutsche, die Dresdener und die Commerzbank, treiben die Tietzes in den Ruin. Sie müssen ihre zig Millionen schweren Aktienpakete für ein Spottgeld an „arische“ Interessenten (u. a. den berüchtigten „Kaufhaus-Räuber“ Helmut Horten) abgeben. Den kümmerlichen Erlös von 800.000 Reichsmark müssen sie auch noch zurücklassen, als sie noch 1933 Hals über Kopf aus Deutschland fliehen müssen. Schon am 5. April 1933 sind alle Warenhäuser in „arischem“  Besitz – und die Kredite der drei deutschen Großbanken sprudeln wieder…

Hermann Tietz und seine beiden Neffen haben diesen geschichtlich beispiellosen, durch Staatsterrorismus gedeckten Milliardenraub an ihrer Lebensleistung nicht mehr mit ansehen müssen. Hermann Tietz starb 1907 und liegt auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee begraben. Wie ins Leben, so folgte ihm mein Urgroßvater ihm auch in den Tod mit kurzer Verzögerung. Sein Sohn, mein Großvater, krepierte 1916 nach der Marne-Schlacht als 40-jähriger im Antwerpener Lazarett. Sein Sohn wiederum, mein Vater also, hat ihn nicht mehr kennengelernt. Birnbaum, inzwischen deutsch- und judenfrei, hat alle seine nicht-polnischen Bewohner vertrieben. Es soll heute, dank wunderschöner landschaftlicher Umgebung, ein florierender Ort sein, ein Dorado für Angler-Touristen.

Heute ist alles längst Geschichte. Die Toten sind begraben. Das Leben, wie man so sagt, geht weiter…

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