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Unter Moselmanen

6. September 2011

"Wir nehmen mal die Nr. 2" – Auf dem Seniorenweg

Reise-Notiz. An der Mittelmosel. Es ist ordentlich schön gewesen. – Erste Erkenntnis: Die Mosel gibt es wirklich! Als Kind hab ich immer gedacht, das sei ein Code-Ausdruck meiner Eltern für sauren Wein und familiäre Krisen. Fünkchen Wahrheit dabei: Mosel ist komplett jugendfreie Zone. Wer hier unter 60 ist, gehört zum Service-Personal (vgl. Saaltöchter in der Straußwirtschaft – optisch oft entzückend, kognitives Begreiftempo aber zum Verzweifeln retardiert). Der Rest: Zähe Sportrentner.

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Merkwürdiger Zeitknoten: Ich sehe Leute, die fünf Jahre älter sind als ich, und denke: Die sind ja wie meine Großeltern! – Rotwangige Greise, krachlederne Greisinnen:  Topfit, aber weitgehend gemütserloschen. Wenn Ehepaare jenseits der Goldenen Hochzeit stur nebeneinander (!) sitzen und dich wortlos parallel anstarren, fühlst du dich wie im Inneren des Fernsehers. Aquariumsstimmung. Mache Karpfengesicht.

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Zweite Einsicht also: Mittelmosel ist Deutschlands Florida. Rentnerparadies. Silberhaariges memento mori in allen Gassen. – Haben uns aber nun mal im Mittelalter eingemietet. Werden schon früh morgens besichtigt. (Seufzend-resignativer O-Ton Opa zur diamantenen Gattin, bei uns um die Ecke biegend: „Ächz, hach, gugg, ooch wieder Fachwerk!“)Ansonsten oft Sprachlosigkeit zwischen den Generationen: Ich zur hübsch blond pferdegeschwänzten Saaltochter: „Ich würde gern bezahlen!“ Moselmädchen guckt wie Auto, grübelt stumm, sinnt, verschwimmt mimisch im Ungefähren, fragt dann aber irgendwann nach bangen Minuten: „Zahlen?“ Ja, das dann auch.

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Die Mosel. Die Mosel ist, was man ihr zunächst gar nicht ansieht, ein Nebenfluss. Wer bestimmt das eigentlich? Egal, sie kurvt halsbrecherisch haarnadelhaft in scharfen Kurven durch eine weintrunkene, dementsprechend auch sonnengetränkte Landschaft. Die Mosel eignet sich, um an ihrem Ufer besinnlich Fahrrad zu fahren. Wer dabei ständig „ooh!“ und „aah!“ ruft, ist für den Reiz traulicher Landschaft empfänglich, läuft aber Gefahr, kleine, zumeist indes einigermaßen ungefährliche Insekten in den Mundraum zu atmen. Besser man radelt schweigend, verkniffenen Greisenmundes. – Die Jahreszeiten wirken italienisch-französisch und heißen Frühling, Sommerhitze, Riesling, Flaute. Der Wein ist in der Moderne angekommen, also nicht mehr sauer, sondern sturztrocken. Mit mineralischen Noten. – Aber zurück zur Mosel. Die Moselmanen sind meistens Ossis. Das nervt oft. Ausnahme: Thüringer. Bus-Rentner aus Thüringen werden zu ihrem Leidwesen oft mit Sachsen verwechselt, rezitieren jedoch im volltrunkenen Zustand (Thürieslinger) noch immer und offenbar gerne fehlerfrei Goethe. Bei Sachsen wird das nur selten beobachtet.

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 Die Gattin gesteht ungefragt, bevor wir nun moseln waren, hätte sie mir beim Scrabbeln das Wort „Wein-Café“ nicht durchgehen lassen.

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Theoretisch könnte ich übrigens von Wein leben, aber die Chefin findet, es ist besser, man isst auch etwas dazu. Höhepunkt mosellanischer Kulinarik: Bratkartoffeln. Man bestelle unbedingt Bratkartoffeln! Das kriegt man sonst nirgendwo! Wahlweise mit Weinsülze, Blut- oder Leberwoarscht. Rustikal, grundehrlich, mit ausreichend Speck für Monate. – Fleisch wird übrigens grundsätzlich durchgebraten. O-Ton Wirt zu mir: „Schmeckts? Alles in Ordnung?“ Ich weise wehleidig aufs Lammfilet und nörgele leise: „Ist aber total durch, da! Schon ganz grau!“ Wirt inspiziert bedächtig das inkriminierte Bratgut. Kommt nach einer halben Stunde wieder: „Hab den Koch gefragt. Das geht in Ordnung. Die meisten Gäste wollen das so.“ Verständnisvoll blecke ich die Dritten Zähne.

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Sitzen auf der Gasthof-Terrasse und essen durchgebratenes Fleisch zum Liter Riesling. Am Nebentisch zückt einer, der aussieht wie Heini Himmler mit Hundert, eine porno-mässig monströse Zigarre, entzündet dieselbe, zutzelt obszön daran herum und verstinkt den gesamten germanischen Lebensraum. „Zigarrennazi“ zische ich hasserfüllt und durchbohre denselben mit tötenden Blicken. Den untoten Luftpest-Krieger ficht das nicht an. „Gott!“ rufe ich laut, „wo leben wir denn!“ Die Gattin mahnt – typisch! wie immer! – zur Mäßigung, findet den Ausdruck „Zigarrennazi“ aber leise schmunzelnd angemessen.

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Bizarr: In Restaurant ein dreigängiges Menü (Blutwurst, Leberwurst, Sülze, mit na? Bratkartoffeln!), bei dem im Preis ausdrücklich die Vorführung eines zittrigen Schwarzweißfilmes inbegriffen ist, der die Geschichte des mittel-mosellanischen Weinanbaus in den 1930ern zeigt. Wir verzichten und ordern stattdessen Rieslingbrand, so alt wie der Film, aber ästhetisch befriedigender. Wenn man die Nazis schon kennt, sollte man für den Schnaps optieren. Der Nachgeschmack ist angenehmer. Statt zu fragen, ob der alte Himmler-Michel noch lebt, erkundigen wir uns nach der Adresse des Brenners. Auch dies eine kluge Entscheidung.

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Wenn man bei einem bäuerlichen Trester-Brenner morgens am Montag für eine lächerlich geringe Summe einen jahrzehntealten köstlichen Marc de Riesling ersteht, sollte man sich nicht schämen: Im Preis einbegriffen ist eine mehrstündige herzliche Unterhaltung über Zollbehörden, Schwarzbrennerei, das Wetter, lebensphilosophische Fragen und allerhand Technisches zur Schnapsherstellung. Am Ende geht das preislich in Ordnung.

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 Das finale Purgatorium ist nebenbei nicht die Mosel, sondern der Harz. Er steht noch bevor.

Über das Halten von Meinungen

17. Juni 2011

Meinungslos und vollbeschäftigt: Der Magister wandelt im Beruf des Nichts-Tuns

„Bei uns auf Kummerland, der Insel der unruhigen Seelen und unzufriedenen Seligen, herrscht Beschäftigungsnotstand. Die Zeit ist aus den Fugen und allzu verfügbar. Sabattikalisten, Dauerrentner, Langzeitpausierer, ausgebrannte Beamte: Wie die nur zähflüssig verrinnende Lebenszeit hinbringen? Süße Sahne des Überdrusses, fade Suppe des Ennui. Gewiss, man kann französische Bulldoggen mit immer größeren Fledermausohren züchten und versuchen, ihnen das echolotgesteuerte Fliegen beizubringen, man kann kennerisch provençalische Rohmilchweine sammeln, mollige Wollschweinwolle zu drolligen Pullovern verstricken oder beflissen sein Lebensrisiko durch das Ausprobieren bizarrer Trendsportarten erhöhen. Ob aber topmodische Übersprungshandlungen die Spanne auch bis zum Exitus ausfüllen?

Ein nostalgischer Trend gewinnt hier neues Interesse: Das Halten von Meinungen. Meinungen sind fröhliche, vitale Hausgenossen. Das Leben mit ihnen beugt wirksam Alterserscheinungen vor – Selbstzweifel, Ironismus, Differenzierungssucht werden nachweisbar reduziert! Gesunde, bereits stubenreine Meinungswelpen bekommt man am besten bei renommierten Züchtern (Süddeutsche, FR, taz, ZEIT, F.A.Z.-Feuilleton), aber dann geht’s erstmal zur Meinungsschule. Grundkommandos („links!“, „rechts“, „Fortschritt!“) müssen gelernt und eine Charakterprüfung („politcal-correctness“-Siegel) abgelegt werden. Gut erzogene Meinungen reagieren auf Stich- und Reizworte, haben einen guten Jagdinstinkt, was Abweichler angeht, und heben durch ihre nie erlahmende Beißfreude die Laune ihrer Besitzer. Amerikanische Forscher haben nachgewiesen, dass Meinungen in der Lage sind, Komplexität zu reduzieren, Ich-Schwäche abzubauen und resignative Tendenzen („Sterben – schlafen –
Schlafen! Vielleicht auch träumen!“, Shakespeare, Hamlet) aufzuhalten.

Mancher jung gebliebene Senior will das Herumtollen mit seinen Meinungen gegen keine andere Lebenslustbarkeit mehr eintauschen (Aber bitte daran denken: Kleinere „Hinterlassenschaften“ [z. B. In Leserbrief- und Kommentar-Spalten] werden selbstverständlich diskret entfernt!). Besser als jeder Blindenhund gibt eine Meinung Orientierung und Halt im Chaos des Daseins, sorgt im unaufgeräumten Denkhaushalt wieder für Stabilität und Redundanz, fördert Gemeinschaftsgefühle und verhilft zu mehr Selbstbestätigung, die gerade der älter werdende Körper benötigt…“ –

– so in etwa träumte mir am frühen Morgen ein Artikel in der Apotheken-Rundschau oder wo. Aus solch dumpfer Wirrnis erwachte ich nur unvollständig und in der vagen Furcht, auch bei mir hätten sich vielleicht Meinungen niedergelassen. Offenbar war das aber nicht der Fall. Aufatmend versenkte ich mich beim Morgenkaffee in das XIX. Buch der esoterischen Schriften des Dschuang Dsi, wo es heißt: „Der Philosoph sprach: ‚Habt Ihr denn noch nicht vernommen, wie der höchste Mann sein Leben führt? Er vergisst seinen Leib und kümmert sich nicht um seine Sinne. Ziellos schwebt er jenseits des Staubes der Welt und wandelt im Beruf des Nichts-Tuns.’“ Sich in diesem Beruf vervollkommnen sei das höchste Ziel! – Meine Meinung!

Seniorenentsorgung

19. Dezember 2010

Solides Senioren-Modell

Gesellschaftliches Sorgenkind: Senioren. Sie werden immer älter, immer gesünder und stehen überall im Weg herum. Verschandeln das Stadtbild. Nerven. Erinnern daran, dass man selber nur ein begrenztes Haltbarkeitsdatum hat. Das ist ärgerlich! – Muß das denn sein? Nein! Man kann die Greise von der Straße holen! Wie denn? Setzt sie einfach vor den PC, das Notebook, den iMac! Da haben sie Spaß und sind aus der Fahrbahn. Das heißt, zunächst machen sie natürlich ein dummes Gesicht und einen mittelschweren Überforderungsflunsch: Was soll ich mit diesem Zauberkasten denn anstellen? Wo soll ich da drücken? Und was passiert denn da nun?

Zwar kenne ich persönlich eine Menge Senioren, die informatisch und EDV-mäßig alles top auf der Reihe haben, besser als Nintendo-Jungspunde jedenfalls, aber das Klischee will es, dass Senioren halt doof und computer-resistent sind. Na ja, ich im Grunde ja auch.

So habe ich etwa erst gestern zum ersten Mal (!) „ge-chattet“! Boah! Es kam so: In meinem iMac machte es plötzlich „Blub“. Dann noch mal „blub“. Ich brauchte ungefähr eine halbe Stunde, um zu raffen, dass eine Freundin (die Bloggerin und berühmte deutsch-amerikanische Blues-Chanteuse „bitch-in–berlin“), mich auf „facebook“ … wie sagt man? An-ge-chattet? hatte. Oh Gott! Was jetzt bloß tun? Oh, oh! Techno-Alarm! Und kein schlaues „Kid“ da, mir zu helfen! Ich brauchte eine weitere halbe Stunde, bis ich geschnallt hatte, wo man seine Antwort eintippen musste und wie man dann die absendet. Dann aber entspann sich ein schönes Schrift-Gespräch über Blues, Philosophie, Medizingeschichte, Gänse-Leber und Hühnermägen. Etwas holprig noch, weil sich die Antworten immer kreuzten, überschlugen und verknubbelten, aber immerhin!

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für den alten Magister, der noch mit Tinte, Pergament und Gänsefeder aufgewachsen ist. Jetzt kommuziert er in Echtzeit und hat Spaß! Die Goethe-Zeit neigt sich dem Ende zu. Empfindsam gereimte Liebeserguss-Epistel gibt es ab sofort nur noch in Kostümfilmen.

Daten-Krake Paul, quatsch, Google, sorgt sich auch um die Senioren. Deshalb hat er/sie ein Programm aufgelegt, das älteren Mitbürgern den Weg zur PC-Nutzung ebnet. Per Video-Schulung. Etwas gönnerhaft und betulich, nimmt die Suchmaschine uns Alte an die Hand, um uns begreiflich zu machen, was z. B. „copy & paste“ bedeutet, wie man eine E-mail verschickt oder, hm, … chattet. Für seniorale PC-Doofheit gibt es nun keine Entschuldigung mehr. Wenn Opa jetzt ein Foto seines Enkels ge-mailt kriegt, hat er ab sofort freudig erregt Geschenke abzuschicken. Zur Not, für Fortgeschrittene, per „paypal“. Auf diesem Wege werden Senioren auch dem Markt wieder zugeführt, was ja nur gut ist. Schließlich ist Digit-Xmas.

 

Idiosynkratische Hünxe (Altersfreibeitrag)

12. Dezember 2010

"Hünxe": Kräftige HÜften, lange HaXeN...

– Für Gabel  –

Mein zertifiziertes Magistertum erlaubt mir, mit Wörtern herumzuschmeißen, die mich automatisch zum Mittelpunkt jeder Party machen. Ein schon paradiesvogelartiges Flair verleiht zum Beispiel der Ausdruck „idiosynkratisch“. Seinen faszinierenden Bedeutungsreichtum offenbart dieses Wort gern allen Fleißsternchen-Sammlern, die das mal irgendwo googeln. – Unter anderem nennt man zum Exempel wiederum Ausdrücke „idiosynkratisch“, die einer Privatsprache Würze und Glanz verschaffen. Unsere privatsprachlich kommunizierende eheliche Sprach-Zugewinngemeinschaft bereicherte die Gattin gestern im  Bonner„arco“ durch ein neues Wort. Es heißt „Hünxe“.

„Hünxe, Hünxe …  – ist das nicht so’n Ort oder was?“ fragen aufgeweckte Leserinnen. Ja schon, auch, – doch in unserem Fall setzte sich das Wort aus den Komponenten „Hüfte“ und „Haxen“ zusammen und bezeichnete eine im unnatürlich gezickten Super-Model-Gang daherstiefelnde, langbeinig einen blasierten Hüftschwung pflegende Kellnerinnen-Blondine, deren mittelhochnäsiger Gesichtsausdruck darauf hindeutete, dass es sich evtl. um eine Eigentlichkeitsschnepfe handeln mochte. Dies sind Personal-Personen, die mit jeder Geste, Miene und Bewegung zum Ausdruck bringen, dass sie „eigentlich“ gar keine Kellnerinnen sind, sondern eben in Wirklichkeit Super-Model, Stewardess-Prinzessin oder wenigstens Kunstgeschichtsstudentin im 3. Semester.

Als lebenszerknitterte Gebrauchtmenschen und Falten-Rocker, die wir schon vom Senioren-Tellerchen nippen und sich den Cocktail im Schnabeltässchen bringen lassen, trieben wir den Altersdurchschnitt von Personal und Publikum der schnieke, aber sympathisch gestalteten Lokalität drastisch in die Höhe. Hinterm Tresen und im Service schien mir, meinem subjektiven Eindruck nach, überhaupt niemand mehr über 21 zu sein; allesamt blutjung-bildhübsche, angenehm „unverschrumpelte“ (Max Goldt) Exemplare der Generation „Irgendwas-mit-Medien“! Uns wurde das fällige Absackerchen nicht von der Hünxe, sondern von einer zuckersüßen, ätherisch-zarten Milchzahnfee serviert, die überdies eine frappierende Ähnlichkeit mit Fräulein Emma Watson aufwies, dieser entzückenden ehemaligen Kinderdarstellerin und nunmehrig schon fast erwachsenen Jung-Actrice aus den Harry-Potter-Filmen („Hermine“)! – Berückend!

Das den Laden frequentierende Jungvolk bestand indes fast ausnahmslos aus auffallend gesitteten, neuerdings zu Recht das Abitur besitzenden, adrett gewandteten Seiten- und Mittelscheiteln, die mitteleuropäisch urban (d. h. hübsch zimmerlautstark, zierlich-zivilisiert und kashmir-brav) miteinander plauderten, dazu permanent nichtrauchten und Alkohol nur in homöopathischen Dosen konsumierten. An den in Verbraucherschutzartikeln gelegentlich bemängelten Sitzgelegenheiten schienen sie nichts auszusetzen zu haben, sondern besetzten diese mit Nonchalance und tanzstundenerprobter Gewandtheit. – Ach, was für ein Unterschied zu den verqualmten, zugemüllten und mit Rock-Musik vollgedröhnten Laster- und Drogenhöhlen, in denen unsereins seine Jugend verbrachte bzw. verschwendete! Ehrlich: Hätte ich Nachwuchs, der noch einer gewissen pädagogischen Aufsicht und Betreuung bedürftig bzw. zugänglich wäre, ich wäre beruhigt, wenn sie den Abend bzw. Lebensmorgen in einer Lokalität wie dieser verbrächten. Meinetwegen dürften sie dort sogar kellnern – vielleicht würden sie ja „entdeckt“!

Wir selbst freilich retirierten, um die Jugend mal unter sich sein zu lassen, dann doch lieber ins nahe gelegene Hotel, wo wir Senioren residierten; zum Ausgang humpelnd, registrierten wir noch die Tatsache, für die stolzgewachsene kühle Blonde berechtigterweise Luft zu sein. Nun ja, ab einem gewissen Alter gewöhnt man sich daran, unsichtbar zu sein. – „Pah! … Hünxe!“ schnaubte die Gattin, und ich verstand sie ohne weiteres.

 

 

 

Über die Sexualität alter Männer. Pinguine im Meerschweinchen-Becken

30. Juli 2010

Alter Sack, noch in Betrieb

Seine biologische, soziale und ökonomische Funktion hat er, na ja, schlecht und recht, erfüllt: undankbare Kinder gezeugt, mickrige Bäume gepflanzt, dickleibige Bücher geschrieben (oder zumindest Bausparverträge verkauft), ferner Alimente gezahlt, in den Grenzen seiner Möglichkeiten Karriere gemacht, Haus gebaut, Haus bei ebay wieder verkauft, um den Erlös auf dem Trümmergrundstück seiner trostlosen patch-work-Vergangenheit vertröpfeln zu lassen. So weit, so na gut. Anstatt sein Lebenswerk aber dann fristgerecht mit einem finalen Herzinfarkt zu krönen, trödelt er immer öfter unschlüssig in seinem überfälligen Leben herum und will par tout nicht abtreten. Gott, wie der anödet, der alte Herr! Er ist übergewichtig, hoffnungslos unattraktiv, ihm wachsen Haare aus Ohren und Nase, er quengelt, nörgelt und bietet an jeder windigen Straßenecke seine überholten Erfahrungen an wie rumänisches  Gammelfleisch. Niemand will ihn, den alten Sack, doch klebt er zäh am Dasein wie altes Kaugummi. Als hätte er noch eine Zukunft, rennt er panisch zu Vorsorgeuntersuchungen, macht alle zwei Wochen Belastungs-EKG und kauft heimlich Viagra® im Internet, wahrscheinlich mit Frührentner-Rabatt. Wofür, bleibt im Dunklen. Kurzum: Der ältere Mann ist ein Lästling! Zunehmend – wie auch sonst, mit dem Abnehmen will es ja doch nicht mehr klappen – wird er zum sozialen Problemfall oder Brennpunkt, im Klartext: zu einem Entsorgungsproblem.

Männer ab sechzig, sofern sie nicht durch irgendwelche dubiose Polit-Macht, gewesene Schlagerprominenz oder sonst eine zwielichtige Windbeutelei ihr verstaubtes Charisma in essigsaurer Tonerde mumifizieren konnten, sind, seien wir offen, eine Zumutung. Dieser Bodensatz der Gesellschaft – es sei denn, er hat talkshow-kompatible Eminenz  aufzuweisen oder steht unter polit-historischem Denkmalschutz –, besitzt nicht die geringste Existenzlizenz mehr! Ehrlich: Männer ab sechzig, an denen man vergessen hat, rechtzeitig den sog. „Vatermord“ (S. Freud) zu vollziehen, verzehren unsere Renten-Ressourcen, belästigen anderswo dringend benötigte Land-Ärzte mit ihren Wehwehchen und besserwissern ansonsten ziellos am Büdchen, in der Kneipe oder am Stammtisch herum. Viele sind dabei sinnlos (!) alkoholisiert, stehen unter Drogen (Beta-Blocker, Cholesterin-Senker) oder geben sich sonstwie als hemmungslose Spießgesellen der Spaßgesellschaft zu erkennen.

Das widerwärtigste an älteren Männern ist ihre sog. Sexualität! Ekelerregend und hart am Rand der Sittlichkeits-Kriminalität. Menschlichen Zeitbomben gleich, umschleichen ältere Männer unentwegt (sie haben ja Zeit ohne Ende, die fitten Vorruheständler!) Kinderspielplätze, obskure Erlebniskinos und miese Striptease-Schuppen. Entweder, unsagbar abgründig: denen ihre Impotenz! Alte Männer, das macht sie sympathisch wie Furzkissen, „kriegen keinen mehr hoch“, also praktisch latte fuccicato, – was sie mit Recht zum verächtlichsten macht, was der reproduktionsorientierte Menschenmarkt an Ladenhütern überhaupt zu bieten hat. Zum Abschuß freigegegeben: der notorische „alte Sack“ und Null-Testosterontoleranz-Zombie. Naturgemäß wird er nach Ersatzbefriedigungen suchen – Senioren-Tanz, regelmäßiger Besuch öffentlicher Gerichtsverhandlungen („da hab ich was Sinnvolles und bin der Frau aus dem Weg!“), sowie GPS-gestützte Fahrradtouren durch die Region. Lachhaft! – Man verzeihe mir meinen zivilcouragierten Mut zur waghalsigen political incorrectness, aber ich bin der Überzeugung: Alte Säcke brauchen wir wie Pinguine im Meerschweinchen-Becken!

Oder, noch monströser und superfieser als der „alte Sack“ – der als „widerlicher, alter geiler Bock“ berüchtigte Hormonkrüppel, der, wie ich gerade in einer elektronisch übermittelten Leserbriefzuschrift las, z. B. gern auf Schützenfesten (die Loveparade-Orgie des alten Sacks) jungen Hüpfern, Backfischen und kellnernden Saaltöchtern – und zwar häufig: glasigen Auges! – auf deren sekundären Geschlechtsmerkmale stiert. Und zwar je ansehnlicher die Jungfer und je hervorstechender besagte Merkmale, desto gieriger! Ein Alarmzeichen: der alte Bock ist zwar mausetot, weiß es aber noch nicht oder will es einfach nicht wahrhaben, denn unseligerweise ist sein Triebleben noch nicht erloschen. Es kaspert einfach immer weiter, das Ge-Triebe, obwohl das Verfallsdatum seines Herrchens längst überschritten ist. Wie beim altbekannten Pawlowschen Hund löst sein vertrocknetes Hirn noch immer automatische Sabber-Reflexe aus, sobald er ranker Weiblichkeit ansichtig wird. Wie widerlich ist DAS denn! Abscheulich! Warum schreitet der Gesetzgeber nicht ein? Der Sozialdienst? Die Pharmaindustrie? Was für Jungspunde absolut legitimerweise als „sexy“ gilt, ins Beuteschema passt und ordnungsgemäße Balz-Rituale initiiert, ist für den alten Sack resp. Bock selbstredend Tabu, verbotenes Früchtchen, no-go-area, Sperrgebiet mit Nato-Draht und Vergrämungsanlage. Der Senioren-Simpel hat seine Triebimpulse, evtl. gleich zusammen mit dem Führerschein, rechtzeitig bei den Behörden abzugeben. Und dann aber ab in die Selbsthilfegruppe!

Moralisch betrachtet, und das ist bei Sexualität der einzig denkbare Gesichtspunkt, hat sich der alte Sack, wenn er schon seine fiesen, unausgelebten Restsehnsüchte nicht gebändigt bekommt, gefälligst auf die inneren Werte gleichaltriger Damen zu fokussieren. Jedem das Seine und ihm, was übrig bleibt. Also alles Mutti – oder Neutrum. Angorapullis und Perlenketten, Stützstrümpfe,  Krampfadern und adrette Faltenröcke seien ihm jetzt erotischer Reiz genug! Verdient er, der bierbäuchige Grauhaar-Wackeldackel, denn etwa anderes? Er hatte seine Zeit, die er hoffentlich genutzt hat, der lüsterne Lackel, – jetzt aber hat er szypko szypko Platz zu machen. Mach Er Sitz, Dackel! Und laß Er das Hecheln! Unverschrumpelte Knackärsche, süß knospende Mädchen-Brüste und blank gleichschenklige Dreiecke (der wüste Traum des geilen alten Pythagoras-Sacks: Arsch-Quadrat mal Brust-Quadrat gleich…) haben ihn ab sofort rundweg kalt zu lassen. Reflektion statt Erektion. Das Gesetz der Euklidischen Geriartrie!

Der lächer-verächtliche „geile Alte“ (früher auch durchaus gern weiblichen Geschlechts –  heute unterbinden das in ihrer Regel die Frauenbeauftragten…) ist eine literarisch allseits beliebte Witzfigur seit zig tausend Jahren, ein Papp-Popanz und Pappenheimer, auf den auch der letzte Erz-Schmand, Dorfidiot oder Pickel-Grind noch, wenn nur unverdientermaßen zufällig etwas jünger, herzhaft draufschlagen durfte, von Aristophanes bis Loriot, in der attischen Komödie der alten Griechen wie in der Comedia dell’Arte und weiter bis zum Ohnesorg-Theater und der heutigen 0/8-15-Fernseh-Comedy. Der Typus des unzeitgemäß geilen Seniorendeppen ist entwicklungsgeschichtlich das erste hominide Rudelmitglied, auf das ausnahmslos alle Neandertaler straflos einkeulen durften, ohne Angst haben zu müssen, revanchehalber eins in die kinnlose Überbissfresse zu kriegen.  Alte Säcke haben seit jeher noch weniger Lobby als Kinderschänder – die sie ja schließlich potentiell auch immer sind, aus rein (geronto-) logischen Gründen. Sie stieren, starren, glotzen und sabbern (interessant, kaum ein Spachklischee kommt ohne dieses „Sabbern“ aus!). Am liebsten würden die Herren Drüsentrieb-Knechte selbstredend nicht nur „sabbern“, sondern vielmehr womöglich gern auch noch „antatschen“, „befummeln“, „begrapschen“. Das wär wohl noch schöner! Wie lange wollen wir das noch mit ansehen, ohne zum Knüppel zu greifen? Zum Elektroschocker oder Bolzenschußgerät?

Warum wir alle den „geilen alten Bock“ so ungemein einhellig verachten, hat zunächst archaisch-soziobiologische Gründe. Um zweierlei kämpft man(n) in der Urhorde: Um Fleisch-Ressourcen und dann um die Weiber, sprich: die Reproduktionsgelegenheit. Schon um des Gen-Pools und der evolutionär effizienten Zuchtwahl willen dürfen die Generationen nicht durcheinander kommen. Verbrauchte Säcke müssen von der Reproduktion ausgeschlossen werden, auch wenn sie noch „können“. Bzw. natürlich gerade dann! Neben dem Inzest-Verbot ist die sexuelle  Generationenbeschränkung eines der grundlegendsten kulturstiftenden Tabus. Die Anarchie des Biologisch-Natürlichen muß eingedämmt werden. Tut mir Leid, Freunde: Evolution is a harsh mistress.

Selbst ausgedörrte Yoga-Damen, verbitterte Spät-Punks, Alt-Rock’n’Roller oder postklimakterielle Besucherinnen des fair gehandelten Häkelkreises von Presbyter-Präses Dr. Schleierhaft, letztere eigentlich zur christl. Nächstenliebe verpflichtet, hassen und verachten schnaubend den „alten geilen Bock“. Widerspruch muß da niemand fürchten. Wer will schon so einen als Nächsten haben!  – Aber andererseits, wir haben heute natürlich auch Zivilisation, Aufklärung, Menschenschutz und alles, weswegen einfaches Lynchen und grobschlächtiger Totschlag (sog. „Keulen“) mit gewissem Recht geächtet sind und leider nicht mehr in Frage kommen.

Und hier komme ich mit meinem Plädoyer bzw. humanen Projekt der psycho-sozialen Entsorgungshilfe: Männer ab 60, über den Daumen, sollten einer – selbstverständlich humanen, also menschlich schon okayen, verständnisvollen und einfühlsamen – Einschläferung zugeführt werden. Entsorgung im Wohlfühlambiente: Ein sedierendes Schnäpschen vorweg, eine kleine blaue Spritze, dazu als Sterbe-Soundtrack Mozart-Sample oder Ennio Morricone, in würdigem, auf Wunsch auch erweitert patch-work-familiären Rahmen, pardauz! –  und allen wäre doch gedient! Im Anschluß, nach der besinnlich gestalteten Feuerbestattung, Kaffee und Käsekuchen, damit die Hinterbliebenen eine schöne Erinnerung gehabt haben werden und gut über den Verblichenen reden. „Ja, gut, vielleicht war er ein alter geiler Bock, aber nun ist er von dem Leiden erlöst, das er uns bereitete“. (Kleiner Tipp: Zuvor das Testament nicht vergessen!) – Und wieder ist die Welt ein bisschen schöner, sauberer, sicherer und bewohnbarer geworden!

– In der nächsten Folge: „Wohin bloß mit Mutti? – Wenn Frauen ihre Jahre bekommen“