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Dem Führer wird es zu blöd. Nix Anpassung

17. April 2011

Reden, wie der Schnabel gewachsen ist

Heute in der serbischen Stammkneipe. Komme wie immer zu spät, hab die ersten Runden Diebels oder Warsteiner verpasst. Am Stammtisch ist Schalke gegen Milano schon durch, es herrscht bereits Religionskrieg. Oh, Allah, dicke Lufthoheit! „Bismallah ah-Rahman i-rahim“, sage ich höflich, klopfe auf den Tisch und grüße brav „Selam-aleikum“. Ich bin halt so erzogen. Immer höflich, kommt von Mutti. Sportrentner Horst ist aber schon auf höchster Krakeelstufe. „Aaaannn-passsn solln die sich! Aannpass-ssen!“ – „Wer denn? Was denn jetzt? Woran denn?“ versuche ich die Tagesordnung zu eruieren. „Na, die scheiß Türken!“ brüllt Horst, und zeigt erbittert auf seinen serbisch-montenegrinischen Herzensfreund Branko. Wie sich nach einigen Gläsern Wein (vino bjelo), mit denen ich mich einzugrooven versuche, herausstellt, Horst möchte gern, dass unsere Muslime hier Schweinefleisch essen, „weil das numaa unsre Regeln sind“, greint er pampig. – „Horst“, rüge ich milde, „du bist doch noch nicht mal Christ! Also blas hier die Backen nicht so auf!“ – „Anpassen oder rausschmeißen!“ insistiert der Sportrentner bockig, der eigentlich, nüchtern, ein herzensguter Mensch ist und noch nicht mal wirklich Ausländerfeind. Der Alkohol hat ihm irgendwie die Koordinaten verknotet.

 Horst stiert mich wütend an und versetzt: „Proff! Du hast von nix ne Ahnung!“ Ich schlucke das zunächst, wie alles, was man mir in dieser Kneipe vorsetzt (obwohl ich bei selbstgebranntem, mit dem Bus aus der Heimat [„Ch’aimath“] hergeschmuggelten Slibo inzwischen mädchenhaft zimperlich geworden bin). Eigentlich hatte ich die Chancen des MSV Duisburg beim Pokal-Endspiel diskutieren wollen, aber hilft nichts, der Integrationsmagister ist jetzt gefragt.

Ich formuliere ein paar wohlgesetzte Worte über religiöse Toleranz, werde aber von Horst direkt volley niedergebrüllt. „Der Türke“, beharrt er und macht eine weit ausholende Geste in Richtung der überwiegend serbisch-orthodoxen oder bosnisch-liberalmuslimischen Gäste, „der Türke“ sei ein „Sozialschmarotzer“. Und seine besondere Dreistigkeit sei, kein Schweinefleisch zu essen, obwohl er sich vom deutschen Staat durchfüttern ließe. Ich gebe zu, über diese logische Komplikation einen Moment lang nachgedacht zu haben, gab dann aber zu Protokoll, mir persönlich sei es völlig gleichgültig, was ein Mensch äße oder nicht; ich zum Beispiel verschmähte geröstete Kakerlaken und gegrillte Meerschweinchen, hielte mich deswegen aber nicht gleich für einen besseren Menschen. Zum Beispiel möge ich auch keinen Spinat, würde aber von niemandem verlangen, meine Abneigung gegen dieses köstliche, vitaminreiche Blattgemüse zu teilen. Geschweige denn, dass ich darauf eine Religion gründen möchte.

 „Außerdem: Was haben wir denn davon“, versuche ich es mit der gewaltfreien Kraft des Arguments (Habermas), „wenn der Türke jetzt Schweinefleisch isst?“„… unn die ganzen Zigeuner!“ trumpft der Sportrentner auf und gerät in Rage. „Alle rausschmeißen!“ – Ich gebe, um die Redundanz des Diskurses durch Bildungselemente aufzulockern, zu bedenken, dass diese Leute meines Wissens weder Muslime seien noch Schweinefleisch verschmähten. „Anpassn!“ beharrt Horst, „oder ehm raus hier!“ – „Wie denn anpassen, alter Mann“, frage ich, langsam etwas auf Krawall gebürstet, den Schweinefleisch-Fundamentalisten, „solln die sich auch die Haare blondieren wie du?“ – Nebenbei fällt mir auf, wenn der Sportrentner sich die Fusselfrisur schwarz färben würde, hätte er frappierende Ähnlichkeit mit Muammar al-Gaddafi, und ich kann mir nicht verkneifen, ihm (also Horst) das mitzuteilen.

 Weil man am Stammtisch deshalb nun auch lebhaft über „Egüppten“  und „Lübien“ redet und dabei Mubarak und Gaddafi ständig verwechselt, mache ich zur Güte den Vorschlag, nach 22.00 Uhr am Stammtisch evtl. die Sachgebiete Religion und Politik besser auszuklammern, vergeblich natürlich, weil, man hält mich als „Prof“, „Magister“ und „Lehrer“ zwar in gewissen Ehren, hört mir aber trotzdem nicht zu. Im Gegenteil, nach dem 20. Bier schlingert Horsts Blick ins Visionäre. „Ich grünne ne Paatei!“ verkündet er der vorwiegend aus „Ausländern“ bestehenden Runde charismatisch, fixiert mich dann plötzlich mit verliebtem Blick und donnert: „Unn du, Proff, wirst unser Führer!“ – „Horst“, repliziere ich maliziös, „ich glaube, die Partei, die dir vorschwebt, gibt es schon“, und ergänze, ich sei indes weder geneigt, deren „Führer“ noch auch der irgendeiner anderen Partei werden zu wollen und mache mich dann auf den kurzen Heimweg, was ich mit einem knappen, aber konzisen „Das wird mir jetzt zu blöd hier!“ begründe.

Freund Branko, der in Erfüllung seiner Wirts-Pflicht, stumm brütend dabeigesessen hat, macht eine halb bedauernde, halb resignierte Geste. Seine Form von Islam ist von der fatalistischen Sorte und besteht im wesentlichen darin, seine Kinder sonntags zum Hodscha zu schicken, „damit die da Anstand kriegen“. –

Der Sportrentner aber hat das letzte Wort: „Typisch den Proff, eyh. Wennas ma kons… kons…trucktief wird, hauter ab!“

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Einmal Festplatte löschen, bidde

28. Dezember 2009

"Sabrina". (Foto: Wikipedia/Autor: de:Benutzer: BS Thumer Hof)

Vielleicht hat es mit Kindheitstraumen zu tun: Weihnachten bleibt für mich assoziiert mit Völlegefühl. Dieses wohnt nahe am Überdruß. Überdruß wiederum ist ein Gefühl, das den Sensiblen aus jeder beliebigen Ecke anfällt. Ich zum Beispiel bin gerade meiner Bildung und meiner hundsverfluchten Kultiviertheit überdrüssig! Da sitzt der Auskenner, Ästhet sowie über Kafka, Proust oder Joyce promovierungsreif parlierende Gelehrte, Brahms-Genießer, Montaigne-Kenner, Kulinariker, Gastrosoph und Vinologe muffelnd in der kalt gewordenen Wohnküche, sieht aus dem Fenster, wie die Elstern in der klirrenden Kälte tot von den kahlen Bäumen fallen und denkt: „Bah! Wie banal das alles!“ Ich er-trakl diese Stimmung nicht mehr! Kirchenkonzerte, Vivaldi-Schnulzen, Bach-Kantaten! Prätentiöses Architektur-Gewichse, versnobten Museums-Scheiß und alle diese sensiblen Fotographien rostiger Industriedenkmäler! Üääaarghs! Hölderlin und Rilke! Von der Romantik bis zum Expresssiomist: Kahles Geäst, Herbstmond undsoweiter. Ach Gott! Und pittoreske Enten auf niederrheinischem Glatteis! Wie berückend bzw. trivial! Ich hab keinen Bock auf Empfindsamkeit, ich schmeiß meine Bildbände weg, ich hör nur noch Punkrock, ich laß mir’n Tatoo auf die Stirn machen: „Banause“, in Schreibschrift!

Wie ich es heute nämlich mal satt habe: Dieses ganze verklemmte erz-kitschige, klischee-beschneite Wahrnehmungsgetue und Poesie-Geflöte! Es gibt Tage, da halte ich Lyrik für eine Stoffwechselerkrankung! Und daß ich Latein & Griechisch kann, Platon im Original lese und Dschuang Dsis Schmetterlingsparabel essayistisch mit Freuds Traumtheorie in Verbindung bringen könnte, das ödet mich auch unendlich  an!

Was aber, wenn einem die eigene Feingeisterei und das Getue der ästhetischen Geschmacks-Freunde mal so richtig auf den Sack geht? Wo kriegt der Altmagister den Kopf frei von dem eitlen Gespreize und der parfümierten Eitelkeit der Feuilletonisten, Hobby-Fotograpen und sich für kultiviert haltenden Halbintellektuellen? Sonnenbank? Fußball? Porno? Filme von Quentin Tarantino? Schon mal nicht schlecht, manchmal aber nicht hinreichend. Semiotiker wie ich können zur Not auch aus koreanischen Bondage-Filmen und BDSM-Pornos noch strukturalen Theorie-Mehrwert schlagen. Heute, wo alles Kultur oder zumindest „Zeichen“ ist, wird das Tiefstapeln zur schier unlösbaren Aufgabe.

Oder? Was bleibt dann?

Meine Nachbarschaftskneipe, neu eröffnet: die „Löschecke“! Jawohl. Sie heißt nicht umsonst so: Hier wird nicht nur den Durst der Garaus gemacht, hier kriegt man bei Bedarf die gesamte Festplatte gelöscht. Und zwar auf die sanfte Tour. (In einer anderen deutschen Bierkneipe bekam ich auch schon mal alles gelöscht, das ist 17 Jahre her, ich hatte ein Bier bestellt, bekam aber – hatte ich undeutlich gesprochen? – stattdessen eine Faust aufs Nasenbein, fiel vor Überraschungsschmerz geistesgegenwärtig auf die Lendenwirbel und das letzte, was bei mir noch gespeichert wurde, war die Spitze eines Cowboy-Stiefels, der mein Gesicht explodieren ließ. Ich büßte damals einen Schneidezahn ein sowie die vertrauensvolle Unbefangenheit, das Betreten deutscher Bierkneipen betreffend.) – In der „Löschecke“ wird so etwas nicht passieren.

Hier ist es gemütlich wie bei Lady Gaga in der verkifften Wohnküche. Hier steht hinter dem Tresen kein kranker Schläger, sondern eine dralle Blondine, die ich gern, verfremdend, Sabrina nennen und, was Gemüt, Frisur und Physis angeht, mit einem drallen Brauereipferd vergleichen würde. Zoten und Anzüglichkeiten, die ihr von den sechs, sieben notgeilen Tresenhelden permanent angetragen werden, prallen an ihr ab wie Prospekte von Diät-Kliniken. Die meisten Gäste, die hier noch Jochen, Olaf, Helmut, Nobbi und Jürgen heißen, benehmen sich manierlich: Starren mit wattigem Grinsen in ihr Bier und schmunzeln ihren letzten verlöschenden Gehirnzellen hinterher; ab und zu wird ein Nachschub-Näpfchen Schnaps geordert; nur Jochen, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem berühmten Hollywood-Nebendarsteller Harry Dean Stanton besitzt,  randaliert schüchtern vor sich hin: Er sei, entnehme ich seinem Gebrabbel, dafür, „die verdammten Escheks, die“ (ich glaube, er meint unsere türkischstämmigen Mitbürger) dazu zu zwingen, Schweinefleisch zu essen, weil „man mussich do anpassn, Mensch“! Unvermittelt auf der schlüpfrigen Spur seiner Assoziationen ausrutschend, fügt Jochen, Sabrina chevaleresk anraunend, hinzu, er würde ihr gern mal „in den Schinken beißen“. Sabrina wird ein Momentchen schnippisch, nimmt den Wunsch aber nicht weiter krumm. Was die Männer hier wollen, ist ihr schon klar – routiniert wird der Stoff gezapft, aus dem die Träume sind…

Was die Männer von sich geben, ist nicht ohne Anstrengung zu verstehen. Nein, Dialekt ist das nicht, aber 15, 20 Bier (es ist übrigens der 27. Dezember, 15.00 Uhr) haben die Wortkiesel rund und schlammig geschliffen. Sie schollern und kollern zwischen den aufgeblasenen Backen. Man döst redend oder redet im Halbschlaf bierwonniger Dämmerung, wer weiß. Wenn Sabrina den blonden Pferdeschwanz schüttelt oder ihren beachtlich stabilen, weißleinern verpackten Bewegungsapparat vorbei schiebt, geht hinter manchen Augenpaaren kurz das Licht an wie die Glut von Zigaretten, an denen heftig gesogen wird (natürlich ist hier „Raucher-Club“!). Die Kneipe besitzt diese pseudo-altdeutsch-zähflüssige Gemütlichkeit aus Kupfer-Imitat, Kacheltisch und Eichenfurnier, endlosschleifend im gnadenlosen 4/4-Takt des „Deutscher Hit-Mix Nr. 12“, der einem längst verlorenes Kulturleergut zurückbringt wie etwa „Tür an Tür mit Alice“ oder die Songs von Jürgen Drews, Bernhard Brinkmann oder Marianne Rosenberg. Rumtata-ta, umpf-umpf. Überall Mallorca, überall die Lie-hie-hie-hi-be. Hier sind alle Weiber schon bildschön getrunken, hier wird jeder Hinterschinken zum anbeißenswerten Allerwertesten. Hach. Da-da-da-dam, dam-dam. Umpf. Mammanochn Bier, bidde. Unn’ Kurzn.  Tresenmänner, Bierkameraden, Hormonknechte. Man zwinkert sich zu, selbst mir, der ich innerlich gerade Amok laufe.

Jochen ist, abgesehen von offenbar bereits obsessiv gewordenen Phantasien, das Gesäß von Sabrina betreffend, immer noch mit dem Thema „Integration“ beschäftigt. Jochen ist nämlich weitgereist, welterfahren. Er war schon mal in Hessen! Und sogar unten, da, dings, da, Bayern! Da hätte er sich auch angepasst! Weil, wer da unten Weißwurscht mit dem Messer schneide, dem würde man aber! Weißwurscht musse nehmlich, sagt Jochen, und stiert Sabrina mit einem dämonisch-bohrenden Harry-Dean-Stanton-Blick an, „zutzeln“! Er versucht, den Vorgang pantomimisch vorzuführen. Trotz beträchtlicher Konsonantenverwaschelung bringt der Jochen das Wort „zutzeln“ dabei noch mit einer betörenden, ja sinnenaufpeitschenden Obzönität zustande. „Noch’n Bier?“ fragt Sabrina, der weiße, blonde Wal am Strand der frauenlosen Männer, kühl zurück. Oh Mann.

Helmut, von Jochen männerverschwörerisch beifallheischend angezwinkert, sagt: „Hä? Ich hab Tinnitus!“, etwa so, wie „Schildkröte“ bei Dittsche (Sonntags, WDR, gegen 23.30Uhr) immer sagt: „Halts Maul, ich hab Feierabend!“

Ach, ist das schön: Hier sitzen und sinnen und, sehenden Auges, sanft narkotisiert, verblöden! Still, manierlich, ohne Randale, zum Möbel werden und später, wer weiß, zur Immobilie. „Fräulein Sabrina!“, hör ich mich nuscheln, „Wärs v’lleich möchlich, ein Phernedbranca auschgeschenkt ssu bekomm? Un’n Alt noch, dann auch?“ – Natürlich ist der Magister hier inkognito, zu ethnologischen Feldstudien. Gerade noch gerade stehen könnend, verabschiede ich mich von der Runde. Ich hab neue Freunde gewonnen. Ich pass mich ja auch an. Ich trinke Bier und beiße in Schweineschinken. Oder ich „zutzele“, haha, haahaah! Festplatte ist jedenfalls leer. Paßt jetzt wieder jede Menge Kultur drauf!