Posted tagged ‘Schule’

Allahs Wunder (hat untergeschrieben)

17. April 2011

SPRACHE ABER AUCH!

Wer wie ich noch in der frühen Goethe-Zeit aufgewachsen ist, muss sich, wenn er ins Ruhrgebiet zieht, eh auf einen gewissen Sprachabstieg einstellen; wer sich dann noch darauf kapriziert, im Geddo zu wohnen, lernt zudem, das Deutsche mit anderen Augen zu sehen. „Ich musste heute nich bei Schule gehen“, erzählt Nachhilfeschüler Milan. „Zu der …“ korrigiere ich milde. „Nee,–  zu is der nich…“,  druckst Milan, „war ich bloß Verwarnung, ein Tag, durft ich nich bei Schule“. „Wie jetzt? Heißt das, du bist vom Unterricht ausgeschlossen worden?“ Milan überdenkt die Frage gründlich und nickt dann betont vage. Ich ziehe die Brauen hoch und durchbohre ihn mit dem strengsten Blick, den ich über die Lesebrille schießen kann. „Mach nich so, Lehrer!“ jammert mein sensibles Erziehungsobjekt sofort los, „bitte! Nich wieder so Gesicht!“ 

Im Verhör macht der Beschuldigte dann folgende Angaben: Natürlich kann er, wie immer, „nix für“, ist „voll übel abgepetzt“ worden, und zwar „wegen bisschen Schubsn“. Ich unterdrücke den Gedanken, warum eigentlich ausgerechnet er immer so blöd ist, sich erwischen zu lassen und frage stattdessen ahnungsvoll: „Und das war alles, nur Schubsen?“ Milan schenkt mir seinen treuesten Dackelblick: „Schau, Lehrer… war auch noch … wegen Zettel, aber weiß ich auch nicht, ich schwör…“ Da ich mich mit der Trickser-Psychologie meines Wunderknaben schon auskenne, schließ ich messerscharf: „Du hast einen schriftlichen Verweis von der Schule bekommen und ihn mal wieder verschwinden lassen?“ –„War gar nicht verschwindet“, wehrt der Knabe, in seiner Ehre gekränkt, empört ab, „hab ich bei Schule beigehabt! In Tournister“ – „Ja und?“ – Hinter der kleinen, noch fast durchsichtigen Denkerstirn arbeitet es schwer. Wie soll man einem begriffsstutzigen Erwachsenen ein Wunder erklären? „Schau, Lehrer, war Verweisungszettel schon untergeschrieben… von meim Vater“. – „Aber dein Vater war doch die letzten Tage gar nicht da!?“ –  Stumm wartet er ab, bis bei mir der Groschen fällt.

„Nein!“, ich versuche nicht zu grinsen, sondern das Gesicht eines für Kapitalverbrechen zuständigen Hauptkommissars zu machen, „ – du hast doch nicht etwa?“ Milan errötet, zieht einen Flunsch und drückt sich doch tatsächlich ein paar dicke Tränchen in die Augen. Eigentlich will er später „Autorennenfahrer in Form eins“ oder aber, man höre und staune, „so Kunststeller“ werden „mit Buntstifte und so“, aber wahrscheinlich reüssiert er eher mal als Charakter-Schauspieler. Über sein grundehrliches Kindergesicht gespenstern in rascher Folge Verzweiflung, gelindes Staunen und perfekt gespielte Unschuld: „War Vater eben auf einmal untergeschrieben auf Zettel, weiß ich auch nich, wer da gemacht!“ Eines der seltenen Wunder Allahs, schätz ich. „Kann es sein, dass du es vielleicht selber warst, der da unterschrieben hat?“ frage ich sanft.

Jetzt ist seine Verblüffung echt und grenzenlos: „Lehrer! Wie weißt du schon wieder?! War doch voll Geheimnis!

Ich überdenke still meine pädagogischen Qualifikationen. Als Charakter-Bildner bin ich offenbar ein Versager – aber wenn ein Achtjähriger, für den „6 x 6“ eisern „zwölf“ ergibt und der schreibt wie eine gesengte Sau, sich schon imstande sieht, die Unterschrift seines Vaters zu fälschen, kann die Nachhilfe ja auch nicht völlig umsonst gewesen sein. Vielleicht bewerb ich mich mal bei Schule.

Die Mädchen, der Hurensohn

23. März 2011

Definitiv KEIN Hurensohn

Gestern in meinem Geddo, Besuch in der hiesigen Grundschule. „Wir sind eine Auffangschule“ sagt der taffe, coole und verblüffend kluge Lehrer. Das klingt ein bißchen nach Auffanglager, aber darum handelt es sich letztlich ja auch. Mein Freund Branko, bayrischer Exil-Serbe und Kneipenwirt, mustert nachdenklich die nach Ertönen der Schulglocke herausströmenden Zweit-, Dritt- Und Dritte-Welt-Klässler, die überwiegend aus Albanien, Bulgarien, Bosnien, Ghana, Jordanien, Montenegro, Pakistan, Indien, Rumänien, Serbien, der Türkei und dem Libanon kommen (der taffe Lehrer sagt: „Wir haben auch zwei deutsche Kinder in der Klasse! Den Kevin und die Jackeline!“), Branko also, der bärengestaltige Ruhepol im Viertel, mustert die Kinderschar, die, kaum aus dem Schulgebäude, auf babylonische Art durcheinander kreischt, brüllt und jubelt, mit melancholisch-skeptischem Blick und sagt bedächtig: „Schau mal, Kraska, woaßt, dös is fei nu unser Zukunft. Die solln mal unser Rente bezahlen…“ Ich verkneif mir die spitzige Bemerkung, sein Sohnemann, der nicht unbedingt zur Spitzengruppe vulgo Elite der Leistungsstars zählt, und wegen dessen Verfehlungen wir zur Sprechstunde antreten, auch nicht gerade zu den Hoffnungsträgern gehört. Er weiß es ja.

Ich hab irgendwie ein UNO-Gefühl, nur dass die Nationen-Vertreter noch klein und putzig sind. Kinder haben ja im Grunde noch keine Nationalität, oder? Nur Haut- und Haarfarben sowie sprachlich ungeklärte Hintergründe.  Im Foyer (nennt man das bei Schulen so?) hängt ein riesiges Anti-Gewalt-Poster (könnte die UNO auch mal machen!), auf dem feierlich pazifistische Höflichkeit geschworen wird („Wir schubsen, hauen, treten, spucken und beleidigen nicht! Niemals nicht!“), wobei dieser Eid noch auf recht wackligen Kinderbeinen steht. Milan zum Beispiel, Brankos Stammhalter, hat eine Verwarnung eingefangen.

Im traulichen Vier-Augen-Gespräch erschloss sich die Sache folgendermaßen. Ich zu meinem Nachhilfe-Zögling: „Milan, komm, mir kannstu sagen! Warum Verwarnung?“ Er: „Bin ich abgepetzt worden! Mädchen sagen, ich sie Beleidigung machen…“ Ich verzichte zugunsten der Wahrheitsfindung zunächst auf grammatikalische Korrekturen und bohre nach: „Wie jetzt Beleidigung? Was hast du gesagt?“ Er: „Hab ich bloß gesagt verschwinde!“ Ich: „Milan verarsch mich nicht! Wegen verschwinde kriegstu nicht Verwarnung!“ Er (nach einigem Zögern und Sich-Winden): „Na ja hab ich gesagt bei die Mädchen Du Hurensohn!“

Ich sortiere grammatische, semantische und ethische Problematiken, fange der Reihe nach an und erkläre, dass man erstens nicht zu mehreren Mädchen „Du Hurensohn“ sagen könne, von wegen Singular und Plural, dass dies außerdem zweitens generell wegen Beleidigungsverbot überhaupt unangemessen sei und drittens, wenn denn schon, streng genommen „Hurentochter“ heißen müsse. Er (nach langem Grübeln und Fragen-Wälzen): „Lärrerr, hab ich Frage. Was … was heißt eintlich Hurensohn?“ Ich erläutere gütig und mit forsch betonter Sachlichkeit: „Eine Hure ist eine Frau, die Sex…“ – Milans eh schon riesige braune Dackelaugen weiten sich angstlust-entsetzt – „… für Geld verkauft. Jemand einen Hurensohn nennen, heißt, dessen Mutter in den Schmutz ziehen …“ – Milans Wangen röten sich krebsartig – „… und zu behaupten, man wüsste nicht, wer sein Vater sei.“ Milans Augen quellen über und er schlägt sich die Hand vor den Mund. Wenn er schon sonst bei mir nichts lernt – die Ungeheuerlichkeit seiner Verbaltätlichkeit hat sein Herz getroffen. Unglücklich, mit brennenden Ohren, starrt er zu Boden. Ich schätze mal, so schnell wird er kein Mädchen mehr „Hurensohn“ nennen, sei es nun aus semantischen oder ethischen Gründen, denn Milan ist ein braver und überaus ehrpusseliger Knabe.

Um seine lebenswichtige Ehre zu retten, mault er jedoch: „Aber die haben mich abgepetzt! Und die schminken sich immer!“ Die Mädchen nämlich, in der zweiten Klasse, die  Hurensohn.

 

 

 

Alles geben. Die Wahl in NRW

9. Mai 2010

Als Schule noch bunt war... (Codex Manesse. Leher in Esslingen)

Eine neue (?) Blödsinnsphrase fällt mir in letzter Zeit verschärft auf den Wecker. Zwar leben wir in einer gnadenlosen Wettbewerbsgesellschaft, in der jeder Raffzahn vom Stamme Nimm so viel an sich zu reißen versucht, wie eben reingeht, aber alle betonen, sie hätten jedenfalls „alles gegeben“! Der VFL Bochum ist abgestiegen, weil, so der Trainer, die Mannschaft „im Endeffekt“ (!) eben nicht „alles gegeben“ hätte; dabei hieß es auf der letzten Pressekonferenz doch noch, für den Klassenerhalt wollen man auf jeden Fall unbedingt „alles geben“!

Im Früh-Radio gurren schon die von Heidi Klum säuberlich dressierten Disco-Mietzen, deren Sinnlichkeit, scheints, wohl nie schläft. Sie „geben alles“, zu jeder Zeit und rückhaltlos, um bei Viva oder wo ihr Schnütchen zu spitzen. Halsbrecherisch stöckelt das Leben stotternd auf Stöckel-Pumps: Vorzugsweise traumatisierte Traumfiguren in Spitzenspitzenunterwäsche! Ich möchte eigentlich gar nicht „alles“ von ihnen, mir reichte es schon hin, wenn sie mal etwas Ruhe gäben auf ihrem cat walk. Nicht auszuhalten, das Maunzen und Miauen!

Die aus der Bundeshauptstadt eingeflogenen, auf meiner Dachrinne aufgereihten Besserwisser haben jetzt ihren Song-Einsatz. Bitteschön, die Damen und Herren Schlaubeger: „Denn mach domma einfach det Jerät aus, Mann!“ Ja, danke, Spitzentipp, ditte, aber ich brauch doch Nachricht, wann in Griechenland die Revolution ausbricht! Benötige ich meine Euros noch, oder soll ich alles rechtzeitig verschleudern? Mir sagt doch keiner was! Ich hab schon den Mauerfall und die Wiedervereinigung verpeilt und verbaselt, weil ich da gerade Liebeskummer hatte. Nun möchte ich bei der gesamteuropäischen Revolution wenigstens nichts verpassen. Wenigstens einmal möchte ich Zeitzeuge eines historischen Ereignisses sein, anstatt im breiig-bleiernen Einerlei des Alltäglichen herumzuwaten.

Andererseits bin ich seit meinen maoistischen Steineschmeißerzeiten staatsbürgerlich gereift. Deswegen hab ich heute morgen auch schon „alles gegeben“, nämlich meine Erst- und meine Zweitstimme. Prinzipiell sympathisiere ich mit einem Staat, in dem man auch Piraten wählen darf. Als von fern her verschwägerter Schwipp-Nachkomme des entlaufenen Theologen Magister Wigbold, dem nachmaligen Strategen Klaus Störtebeckers, liebäugele ich nämlich schon mit einem kleinen weißen Totenschädel im schwarzen Feld unserer Nationalflagge! Das wär mal ein kleidsames Staatswappen, oder?

Trotzdem, Politik ist zwar heute weder „ernst“, noch auch nur „die wichtigste Nebensache der Welt“, nein, Politik ist heiter Spaß und Spiel und Narretei, aber trotzdem doch kompliziert wie Hallen-Halma und Hüpfburg-Husten. Zum Beispiel warnte unser liebenswürdig verschusselter, treuherzig verlogene, irgendwo aber auch wieder hochsympathische schwarz-gelbe Landesvater uns unmündig-übermütige Landeskinder heute morgen beim Frühstück noch einmal dringendst davor, mutwillig eine „rot-rot-grüne“ linke Diktatur zu wählen, denn diese bedeute „Schulchaos und Schulden“. Schulchaos und Schulden ist aber nun exaktemang genau das, was wir gerade haben. – Also wie jetzt? Den Wechsel wählen, um das Chaos zu bewahren? Oder mehr vom selben, damit sich was ändert? Als wankelmütig-windelweichem Wechselwähler bricht einem der Examensnotschweiß des intellektuell Überforderten aus: Was ist bloß die richtige Antwort? Und, wie immer, man darf noch nicht mal beim Nachbarn abgucken oder spicken!

Solchermaßen vorverwirrt, betrottet man sein „Wahllokal“ für die Bezirke 2808 und 2807, und steht unmittelbar, wie bei einer Geisterbahnfahrt, inmitten der beschworenen Schul- und Schuldenkrise. Hier wird sie erlebbar. Das Mercator-Gymnasium nämlich, in dessen kalten, grauen, angststarren und mittelmäßig verwahrlosten Wänden der Bürger zur Stimmabgabe schreitet, präsentiert sich als architektonischer Archetypus der Lieblosigkeit, Geldknappheit und klandestinen Jugendverachtung. Wer hier was lernen soll, lasse mal erstmal alle Hoffnung fahren. Von den neon-grau kränklich beleuchteten Wänden tropft das Kondenswasser des Schülerangstschweißes. Man meint, die schrill überschnappende Stimmen demotivierter Lehrerinnen widerhallen zu hören, das dumpfdumme Gelaber von Murat, Aaron und Basti, das müde Gekicher der Mädchen. Gott, können NRW-Gymnasien hässlich sein! Es riecht nach Mathe-Arbeit, nach Verzweiflung und nach Hormonen. Immerhin, am Horizont leuchtet es: Im Sekretariat gibt es schon Abiballkarten…

Draußen hingegen tirilieren Nachtigallen, Feldlerchen, Amseln und Sperlinge tschilpen, Maienluft fächelt kühlen Sonnenduft um frisch Ergrüntes! Warum, warum nur wählen wir denn nicht im Freien, in Parks, am Rheinufer auf den Wiesen und Auen, oder in den Wäldern? Weil da alles schon grün ist?

Leute, bitte, schimpft morgen nicht über die Bevölkerung von NRW: Ich jedenfalls hab bei dieser Wahl alles gegeben!