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In Muttis Nippeshimmel

24. September 2010

Im "Geddo" noch präsent: der Nippes-Himmel

Ohne existentiell düstere Laune verbreiten zu wollen – ich beneide ja die hinterbliebenen Leute nicht, wenn ich mal plötzlich unerwartet und todsicher „auf tragische Weise“ zu früh tot, pardauz und zuschanden ginge. Wie ich mich kenne, kommt Gevatter Tod zu mir nämlich irgendwann so überhastet, dass ich „vorher“ nicht mehr zum Aufräumen gekommen bin! – So, nun stehen besagte Erben, von meinem Hinscheiden eh schon genervt und in ihrem Alltagstrott gestört, fassungslos in meinem halb-klandestinen Wohnschlafbüro im „Geddo“ („Gott! Was trieb der denn hier bloß!“), lassen den Blick über hochstapelnde Bücherberge, undurchsichtig heterogene Papierhalden (Pizza-Bestell-Service-Flyer, Nietzsche-Auszüge, Einkaufszettel, inhaltsleere Verpackungen, Schopenhauer-Porträts und Gebrauchsanweisungen etc.), ferner längst ausgelöffelte Ölsardinen-Büchsen und vor langer Zeit schon ausgetrunkenes, noch nicht eingelöstes Leergut schweifen (so weit dass auf 55qm geht) und murmeln unisono: „Ach du Scheiße!“ – Es gibt, wie ich vom Hinscheiden meiner verehrten Frau Mutter weiß, kaum etwas Deprimierenderes, als den versammelten Lebensschrott eines mehr oder minder ja doch geliebten „Nächsten“ entsorgen zu müssen. Weil aufheben kann den Müll doch keiner!

Wer in meinem Nachlaß zu wühlen hätte, tut mir jetzt schon leid! Der einzige Vorteil am Dasein eines veritabel berühmten Schriftstellers ist, daß man seinen aufgehäuften Schatz resp. Schrott noch zu Lebzeiten dem Marburger Literatur-Archiv vermachen und dafür sogar auch noch Kohle abgreifen könnte. Als hingegen lebenslang vollkommene Unberühmtheit genießender privater Kleinkunstgärtner besitze ich indes leider keinen Nachlaß, auf den sich begierig Germanisten-im-Hauptstudium stürzen würden, um angemessen ergriffen über meine hinterlassenen Einkaufszettel zu promovieren: Angewidert müsste man sich vielmehr durch Berge wirren Geschreibsels, kompromittierender Fotos und abstoßend schweinischer Videos („nur zu Studienzwecken!“) kämpfen; man verletzte sich an unbekannten, aber durchaus tödlichen japanischen Waffen, überflöge Papierfetzen mit obskurer Zen-Lyrik, entzifferte kryptische Philosopheme („Der Übermensch wäre letztlich auch bloß ein Arschloch!“) und durchstöberte Konvolute von auf Haftnotizzetteln gekritzelter Selbstermahnungen („Ab Morgen unbedingt weniger trinken!“, „Idiot! Auf Droge schreibst du auch nicht besser!“, „Mal endlich Müll runterbringen!“, „Morgen kommt die Putzfrau! Saubermachen!“), so daß man es bald satt hätte und den kompletten Schamott herzlos in einen Container schaufeln würde. Sic transit gloria mundi!

Während meine präsumtiven Hinterlassenschaften den schon zu Lebzeiten umgehenden Zweifel an meinem Charakter bestärkten, bestätigte dereinst die Besichtigung der Wohnung meiner verstorbenen Mutter (Ihr Gott habe sie selig!) unsere Ahnung, daß unsere bereits früh verwitwete, deshalb um so langlebigere Mama im Alter einer einzigen, zwar lässlichen, aber doch auch verschärft lästigen Leidenschaft frönte: der sorgfältigen, zuletzt aber auch manischen Akkumulation von Nippes. Und zwar, konkreter: Nippes, Nippes, Nippes! Sowie das ganze zum Quadrat!

Von einer ziemlich irren metaphysischen Panik getrieben, ertrug sie keinen Quadratzentimeter leerer Wand: Niedlichkeitsvortäuschende, neckische Setzkästlein mit dekorativen Miniatur-Dingelchen, verstaubte Strohblumenkränze, stumpf gewordene Zinnteller, Porzellan-Harlekine, herzige Engelsköpfe, semi-künstlerische Schmuckkacheln, dito Aquarelle, profane Paris-Reise-Souveniers, privat-familiäres Andenkenzeug, unerfindliche Memorabilien, Duft-Kerzchen, Schmuck-Väschen, Deko-Flakons, Duftbeutelchen, Kinderfotos, Kalenderspruchkalender, Kruzifixe (die karge, immer an Barlach erinnernde protestantische Art), Pinnwände mit Halskettchen und Ringelchen, Mokka-Sammeltassen, Ansichtskarten, gestickte Kopien von Dürers betenden Händen oder Hasen, in Kunststoffholz gerahmte fromme Sprüche, Kochrezepte und Geburtstagsgrüße etc. etc.  verwandelten ihre Witwen-Klause in ein stickiges Dickicht bzw. Horrorkabinett eminent überbordender Vollgestopftheit.

Auch wir pietätvollen Kinder  nahmen am Ende erschöpft Zuflucht zum Container-Dienst. Es war einfach zuviel des desaströs kitschigen, wertlosen Deko-Geraffels! Wer hält solche Ding-Flut denn aus! Auch nicht gerade aufbauend ist es übrigens, bei dieser Gelegenheit mit Kram konfrontiert zu werden, den man noch aus der Kindheit kannte, aber mittlerweile für die Ausgeburt ödipaler Alpträume gehalten hatte: Genau DIE beknackten Zuckerdöschen, Kuchengabeln, Cocktail-Spieße, Portwein-Schalen und Zierlöffel, die den verzweifelt undurchsichtigen, psychoanalytisch hochinteressanten Horror der Kindheit möblierten, existieren immer noch, und zwar ganz real, materiell und jeder Vergänglichkeit trotzend! Muttis hats aufgehoben! –  Weg damit jetzt, endlich!

Vor diesem Hintergrund wird es zum nahezu psychedelischen, quasi-traumatischen Erlebnis, einen Laden zu betreten oder, in meinem Fall, als Elefant im Porzellanladen, mich zaghaft hinein zu winden, der zentner- oder auch tonnenweise EXAKT DAS auf augentränend üppiger Halde feilbietet, was wir kürzlich erst mit schier übermenschlicher Mühe losgeworden sind:  Hier ist stolz der gesammelte Sammeltassen-Sammelsuriums-Salat der 40er, 50er, 60er und teilweise 70er Jahre aufgehäuft: als Muttis Traum vom Nippes-Himmel! Püppchen, Porzellan-Pudel, Parade-Paravents, Persil-Reklame-Tafeln, Fächel-Fächer, verschrobene Schraubenzieher, Nagelfeilen, Nähmaschinen-Reparatur-Sets, Patentkochtöpfe, Zigaretten-Etuis, Kämme, Armbänder, Abfluß-Siphons, Wasser-Hähne, Taschenbücher von Bertelsmann,  Army-Jacken, Clowns-Masken und Freddy-Quinn-Vinylschallplatten-Singles; wer Photo-Kameras aus den 30ern braucht, süßliche Terrakotta-Engel oder Kerzenständer aus lackiertem Messingholz, Pantoffel-Puschen im Orientdesign, mit Rosenplüsch bestickte Warmhalte-Kaffeekannen-Mützen oder gehäkelte Eier-Wärmer – alavotte! „Sehen Sie sich gerne um! Was SUCHEN Sie denn?“.

Ich suchte… – vorerst das Weite. Und dennoch, ohne daß ich einen Grund dafür benennen könnte: Daß es solche verborgenen, sich in der Tiefe eines unübersichtlichen, funzlig-duster beleuchteten  Raumes erstreckenden, wirren Trödel-Bazare überhaupt noch gibt, erfüllte mich mit Befriedigung, ja, gedämpfter Begeisterung. Wer dort in zwanzig Jahren versehentlich auf Kraskas Nachlaß stößt, darf ihn behalten! Komplett alles zusammen, inkl. der Fotos, für fünf Euro!

Kraskas Bettgeschichten

14. August 2009
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So sieht das Bett aus. THEORETISCH...

Heute mal, was Ihr von mir bestimmt nicht erwartet, eine Bettgeschichte! – Ein Sprichwort, das ich erst spät gelernt habe, das mir indes ungemein einleuchtet, lautet: „Wer mit dem Teufel gemeinsam Suppe essen will, muß einen langen Löffel haben“. Eine Volksweisheit, noch immer anwendbar! Wer zum Beispiel, kann ich mir vorstellen, mit ALDI Geschäfte machen will, als Hersteller oder Großvertrieb, der muß schärfer kalkulieren als des Teufels Großmutter im Fall der drei goldenen Haare, der wird nämlich im Preis gedrückt, bis er Blutwasser schwitzt und die Daumen brechen, und dann hat er den Auftrag noch immer nicht, dann beginnen die Verhandlungen ja erst, und schon manche gestandene Unternehmerpersönlichkeit ist, stelle ich mir weiter vor, unter Weinkrämpfen zusammengebrochen, hat panisch die Mitgliedschaft im Golfclub gekündigt und Mutterns Opernball-Nerz bei Grüne’s Pfandhäusern versetzt, alles bloß, um mit den ALDI-Brüdern ins Geschäft zu kommen, was dann natürlich wiederum bedeutet, daß man, will man nicht bis zum eigenen Ruin oder auch bis zum Jüngsten Gericht draufzahlen, leider gezwungen ist, sich beizeiten in China, Indien oder Bangladesh nach geeigneten Kindersklaven oder hungernden Wanderarbeitern umzuschauen, die den für ALDI bestimmen Ramsch für eine Handvoll Reis pro Tag zusammenschustern, damit man trotz aller Dumpingpreise und Knebelverträge irgendwie am Ende doch noch auf seine Kosten kommt und Mutters Pelz wieder auslösen kann. Insofern, wenn ich mir das alles vorstelle, habe ich ein gewisses Verständnis für die Fa. GEBRA in Bochum. Alles verstehen heißt ja nicht alles verzeihen, oder?

Nachbarin Elli, die Frau vom Pitti, mich dabei beobachtend, wie ich ein zusammengelegtes, zentnerschweres Metallbett in meine neue Wohnung stemmte, um es anderntags mit wutrotem Kopf  wieder herunter zu wuchten und ins Auto zu pfeffern, hatte für mich weder Verständnis noch Mitgefühl. „Wie kann man auch so doof sein und bei ALDI ein Bett kaufen? Dattätich nie!“ kommentierte sie meinen Frust. „Das kann man schon deswegen, weil es solide Gitterteile hat, an denen man vorlaute Hausbesorgerinnen festketten kann!“, hätte ich zurückpatzen können, – stattdessen gab ich aber kleinlaut zu, der sensationelle Preis von 69,00 Euro für ein solides schweres Metallbett hätte mich halt verführt. „Ja, Keal, übaleech dommal, dat KANN donnix sein!“ gab sie ungerührt zurück. Da hat die Elli wohl recht. Et war auch nix.

Nun bin ich zwar, zugegeben, nicht gerade ein begnadeter semi-professioneller Hand- und Heimwerker, eher mehr so ein im strukturalistischen Sinne von Claude Lévi-Strauss der BRICOLAGE, also der kreativen Bastelei ergebener Mann, kein homo faber mithin, eher ein etwas pfuschig-windbeuteliger, aber um Einfälle nie verlegener „Tiftler“ wie Ion Tichy, der sein Eier-Omelett schon mal mit dem Sechszehner-Schraubenschlüssel rührt, weil er die Gabel gebraucht hat, um die Raumschifftür festzukeilen. Wie dem auch sei, ich bin der Lage, elementare Schraub- und Steckverbindungen zu fixieren, ich verfüge über räumliches Vorstellungsvermögen und bin IKEA-gestählt im Lesen absolut idiotischer piktographischer Bauanleitungen. Über das nötige Werkzeug gebiete ich auch. Also? Wird man ja wohl Rahmen, Kopf- und Fußteil eines vorgefertigten Metallbettes zusammenschrauben können, oder?

Wie es bei Radio Eriwan heißt: Im Prinzip ja! Wenn denn die Schrauben passen würden. Wenn es genug Muttern gäbe, und passende Schrauben! Wenn die Bauanleitung gewisse Korrespondenzen mit der REALITÄT unterhalten würde.  Wenn die Steckverbindungen die genormte Größe hätten. Und wenn, last, but durchaus nicht least, die Schweißnähte nicht von leprösen, ohne Finger geborenen, blinden, analphabetischen, Aids-infizierten, mutterlosen, hungernden und verzweifelten Ex-Kindersoldaten in völliger Dunkelheit NACH GEFÜHL gelötet worden wären. Wenn, wenn, wenn DAS ALLES nicht wäre, bestünde eventuell die Möglichkeit, daß die Teile ineinander passen könnten! So aber, nebbich, leider nicht. No way. Kein Bett für Kraska. Nirgends. Schlaf auf dem Boden, Schurke! Eine Zeitraffer-Version meines fünf-(!)stündigen Versuchs, die Teile miteinander zu verschrauben, könnte als Video des Jahres auf dem Slapstick-Festival in Limerick reüssieren!

Die Gattin, die mein Elend sah und beim Versuch, Hilfe zu leisten, einen cholerischen Anfall der HB-Männchen-Art erlitt, schrieb der Firma Gebra, die der Firma ALDO das Bett geliefert hatte, eine geharnischte E-Mail, in der es u. a. hieß:

Sehr verehrte Damen und Herren,

Ihr Metallbett „living style“ (1,40 x 2,00), das Sie über ALDI vertreiben, ist eine ZUMUTUNG:

Es fehlen Schrauben, manche Stahlteile, die ineinandergefügt werden müssen, sind schief und passen folglich nicht ineinander, an manchen Stellen ist der Lack so dick, dass die Teile wiederum nicht passen und an manchen Stellen ist die Anleitung schlichtweg falsch. Wie sollen G1 und H1 beispielsweise  mit den Schrauben 2xb und 2xe das Bett zusammenhalten? Das funktioniert rein logisch nicht, wenn die Schraube kein Gegenstück hat! Sie schreiben, das Bett zusammenzuschrauben, brauche 2 Mann und eine halbe Stunde.  Das ist schlichtweg eine Untertreibung. Ich habe gestern mit meinem Mann geschlagene 5 Stunden versucht, diesen Murks zusammenzukriegen – es ist uns nicht gelungen. Fazit: ich werde heute oder spätestens morgen die Teile (zum Teil zusammengelassen) mit Quittung zurück in die Aldi-Filiale nach Duisburg (nähe Metro) bringen und erwarte natürlich mein Geld zurück!! Sie können ja dann mal Ihre eigenen Vorgaben kontrollieren. Mein Rat: nehmen Sie sich an dem Tag nichts mehr vor! Mit grimmigen Grüßen…“

 Die Bochumer Firma Gebra, die als Fleisch- und Gemüsehöker nach dem II. Weltkrieg begonnen hat und heute jeden erdenklichen Schrott („Von Absinth bis Zwiebelhobel“, so die Firmenselbstdarstellung) vorwiegend an ALDI liefert, schrieb übrigens kleinlaut zurück, ob sie uns eventuell noch ein paar Schrauben nachliefern solle?

Ich weiß nicht, was die Gattin geantwortet hat. Ich hätte geschrieben: „Ja gerne, wenn Sie noch ein paar locker haben…“