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In die Schublade gesprochen

17. Mai 2011

Immer ein offenes Ohr: Schublade

Vor vielen  Jahren, als Affektkontrolle für mich noch ein Fremdwort war, geriet ich eines Nachts aus hier unerheblichen Gründen einmal in eine veritable Sauwut, der ich spontan Luft zu machen beschloss, in dem ich der Wohnzimmertür einen heftigen Tritt verpasste. Im Nachhinein betrachtet keine gute Idee! Zu meinem Nachteil irrte ich mich nämlich leider, gerade erst eingezogen, darin, die Tür für massiv hölzern zu halten, – bestand sie doch in Wahrheit kassettenweise aus tückisch überlackiertem Glas, sodass ich mir mittels meines Tritts (es war noch zu Kampfsportzeiten) versehentlich ein etwa anderthalb Handteller großes Schnitzel aus dem rechten Unterschenkel hieb. Glücklicherweise angetrunken und von Adrenalin narkotisiert, besah ich mir den Schaden furchtlos, pappte die heruntergeklappte Beinscheibe wieder an Ort und Stelle und band sie mit einem Küchenhandtuch fest. Dann legte ich mich erstmal schlafen. Ich war noch in einem Alter, in dem Schlaf Wunder wirken konnte.

Indes, wir beide, vor allem aber das Bein, sahen am nächsten Tag nicht so gut aus, ich wegen Verkaterung, das Bein, na ja. Ich humpelte widerstrebend zur nächstgelegen Arztpraxis. Der von mir zum Hausarzt erkorene Doktor war uralt und, sagen wir es offen, wohl auch schon ziemlich senil, möglicherweise sogar ganz leicht dement. Ich übertreibe nur geringfügig, wenn ich behaupte, er glaubte noch daran, dass Heroin gut gegen Husten ist. Dennoch war ich irritiert: Nach dem ich kleinlaut meine peinliche Geschichte erzählt und zur gefälligen Diagnose resp. Therapie offeriert hatte, zog mein Dr. Eisenbart bedächtig die oberste Schublade seines Schreibtisches auf und sprach eben diese Geschichte langsam, deutlich und fast wortgetreu in diese hinein. Nach kurzem Innehalten und angemessener Bedenkzeit teilte er der Schublade noch mit, was er zur Wundversorgung zu tun gedenke – und schloss sie dann behutsam wieder. Ich gebe zu, in diesem Moment habe ich ihn komplett für meschugge gehalten und wäre, wenn nicht verwundet, schleunigst wieder abgehauen. So aber ließ ich mir einen Verband anlegen, mir ein Antibiotikum für angeschossene Elefanten mitgeben und beruhigte mich mit dem Gedanken, dass Schamanen und Voodoo-Priester ja manchmal auch ganz schön bizarre Methoden haben, und helfen tut’s ja oft trotzdem.

Erst beim nächsten Besuch habe ich kapiert, dass der Medizinmann in der Schublade ein Diktiergerät verwahrte, das er zur Führung seiner Krankenakten verwendete.

Trotzdem, und worauf ich hinaus will: Bloggen ist ja bei den meisten von uns ganz ähnlich, oder? Man öffnet eine elektronische Schublade, spricht oder tippt allerhand Bizarres hinein, legt vielleicht noch ein Foto dabei und dann macht man sie wieder zu. Sie schweigt wie ein Grab. Das Arztgeheimnis bzw. die Begrenztheit der Leserschaft sorgt dafür, dass „alles unter uns bleibt“.  Sonst hätte ich hier wohl kaum die beschämende Geschichte über das Schnitzel erzählt.

Von Blogs abgesehen, ist aber in deren Nachbarschaft seit ein paar Jahren ein neues Literatur-Genre im Schwange, das mich mit wachsender Faszination fesselt: der Kommentar-thread. Sobald, sagen wir mal auf SPIEGELonline, irgendein News-Knaller aus der Welt der Superreichen, Berufs-Bescheuerten und Durchgenudelten vermeldet wird, etwa der Tod des „Terrorfürsten“, die Schweißhände von Dr. Westerwelle oder die hochominös kriminalen Sex-Abenteuer eines Welt-Bankers, fühlen sich umgehend 500, 1000 oder noch mehr Leute berufen, dies engagiert, verschwörungstheoretisch versiert und mit üppig investierter Leidenschaft zu kommentieren. Und? Und dann liest man das und bekommt Angst. Selbst wenn man, wie ich, der Überzeugung ist, 80% der Mitbürger seien Idioten und Vollpfosten (die journalistisch trainierte Gattin winkt immer ab und sagt: „Pah, da kommzze nich mit aus!“), ist man doch frappiert und geplättet von der konzentrierten Dichte des Dummheitsspektrums. Ein neuer Unterparagraph von Murphy’s law:  Was immer man sich an komplett blickdichten Blödheiten ausdenken kann – irgendwer wird’s demnächst „posten“. Oder hat schon.

Mich ängstigt das zunehmend, weil ich mir immer vorstelle, die meisten von denen laufen frei herum! Stehen neben mir im Bäcker-Laden. Arbeiten im Atomkraftwerk wie Homer Simpson, sind Polizisten, Lehrer oder Ärzte! Vielleicht ist einer der Irren mein Nachbar! Und doch, was ich beim Lesen empfinde, ist wohl eher Angstlust. Ich meine, ich habe früher nie Leserbriefe in der Zeitung gelesen, weil mich das querulatorische Gemaule von Nörgelrentnern und die Beckmesserei von Prof. Dr. Müller-Weissbescheid nicht die Bohne interessierte. Aber wenn man die konzentrierte, geballte und repräsentative Umschau über den Müll bekommt, der hinter Volkes Denkerstirn so brütet, da kann einem schon mulmig werden.

 PS: Interessiertem Damenbesuch, zumindest wenn er nur eine Nacht blieb, habe ich später beim postkoitalen Geplauder gern erzählt, die mörderdicke Narbe an meinem Bein stamme von einer stoisch durchstandenen Hai-Attacke. Heute ginge das nicht mehr. Die Schwarm-Intelligenz der Kommentar-poster hätte in Minuten herausgefunden, dass es sich in Wirklichkeit um eine kosmetische Operation der CIA handele, um Folter-Spuren aus dem Mossad-Knast, eine afghanische Kriegsverletzung oder schlicht um ein Photoshop-fake zu dem Zweck, mich interessant zu machen. Was letztlich auch wieder nicht völlig falsch ist – mal so in die Schublade gesprochen.

Im Geddo: Cherchez le pig (Deutsch nichso gut)

9. Dezember 2010

Rätselhaftes Schweinchen: Was hat man auf der Pfanne?

 

Für Chris & Hella (Gute Besserung, Mensch!)

„Dialog der Kulturen“ im Geddo. Fragt kleiner serbischer Nachhilfe-Schüler mich: „Lehrerr! Ch’abb isch mal Frage – darf ich? – „Hhmmm?“ – „Lehrerr, bist eintlich … Müslim?“ – „Nee! Niemals nich!“ – „Und, ja aber, Herrr Lehrerr, ch’ast du doch Frau! – Deine Frau, ist der denn Müslima?“– „Also erstens heißt es: ‚die’! Und außerdem, nö, schätz ma erst recht nich!“ – „Ach so, denn is der Krist oda was?“ – „’Die’, Blödmann!!! Aber sonsten: nö, wohl auch nicht…“ – „Unn was seit’n ihr denn zusammen?“ – „Na, weißt … eher so … halt … nix!“  – „???“ – „Na, schaust, Kleiner, Deutsche sind oft weder Krist noch Müslima…“ – (Schüler, sich stolz aufrichtend): „Aba binnisch auch Deutscher … –  und ischbinnich Muslim!“ – Ich, etwas jovial: „Ja, und? Was issn das gezz überhaupt so dolles, Muslim?“„Wir essen kein Schweinfleisch!“ kommt die Antwort prompt wie aus dem Bolzenschussgerät geschossen. Aha.

Aber mal andere Frage: Schweine jetzt – sind die, also von sich her, eigentlich „halal“, „koscher“ oder „ungläubig? Kurzum, was frisst’n so’n Schwein denn selbst? Ja klar, die Studis von der Wikipedia-Uni schnipsen eifrig mit den Fingern. Nach ihrem frisch gebackenen Klickwissen sind Schweine nämlich „Allesfresser“. How how! Beißen, schlingen und knuspern also alles Organische, was nicht bei „drei“ auf den Bäumen ist! Toastscheiben, Suppenreste, Kartoffelschalen: Dem Schwein ist alles Wurscht! Notfallls, wie mein Lieblingsfilm „Hannibal“ zeigt, frisst das wilde Waldschwein auch unmenschliche Bösewichter. Verdient hamses ja wohl, oder?!

Weil isch bin gutte Lehrer, ging ich Sache auf Grund. Schwein! Gibssu mir Wahheit! Bist du koscher, halal oder bös schlimmer Finger? Stieß ich auf so rundes Töppchen „Appel-Grieben-Schmalz“ von öko-edlem „Apfelparadies“. Aah! Ha! – Bzw.: Was? Wie? Ob denn lecker? Ja, ja, klar! Aber nicht die Frage. Auf Deckel von Töppchen hatte Chef von Schmalz-Schmiede (wer sonst traut sich so, bitte?) unbeholfen visuelle Graphik appliziert. Siessu drauf eines von den drei kleinen Schweinchen (Oink-oink-oink, aber ohne böse Wolf, wo pustet Häuschen um!), keckes Kochmützchen auffm Schweinskopp druff. Unterm Hals war so dünnes linkes (!) Ärmchen windschief drangemalt, wo hält seinerseits Pfanne in Pfötchen (sieht bisschen aus wie Augsburger Puppenkiste, Serie: „Die Mumins“). In Pfanne aber nun wiederum entweder vielleicht a) boah! ein klein niedlich Hundchen (hä? Is das chinés Schwein? Unn essen süß-saure arme Hundchen mit Soja unn Anananas, wo doch aber niedlich? – Bah!) , – oder doch vielleicht eher b) noch mal’n Schweinchen (also das zweite von den drei kleinen…). Was soll’n das? Grübel-grieben-grübel.

In Kopp von zweitem Schweinchen stecken, schlarraffenlandesk surreal unwirklich bereits verzehrfertig & verbrauchergerecht Messerchen und Gabeline. Geht Hermeneutik auf Grundeis: Wie jetzt? Is Schweinchen denn kannibal? Schwein & Schweinchen im Blickwechsel: Mag ich disch? Fress isch disch? Bissu Koch oder Opfer, du … Sau? Kannibalische Wohlfühlkommunikation! Schwein guckt Schwein guckt Schwein guckt Schwein … und so weiter. Rätselbild! Fiesolophisch gesagt;  „Selbstobjektiviert und entfremdet durch den die Anerkennung verweigernden Blick des Anderen wird das Subjekt, den Fremden er-blickend als subjektiviertes Objekt auf der ent-fernt anderen Seite des Blick-Agons, seinerseits subjektiviert, kurz: wird im dialektischen Blickwechsel das identifizierte Andere seiner selbst im Spiegel des fremden Blicks“ (J.-P. Sartre, „Das Sein und das Nichts“). Jaha! Genau! Resp. Au weh!  Das Schwein ist des Schweinchens böser Wolfi! Das Böse lauert überall. Wer Schwein, wer Wolf, wer Werwolf? Der Apfel der Erkenntnis fällt im Apfelparadies (!) nicht weit vom Schwein. Hirnschmalz siedet, mit Apfel und Zwiebelgemüse, Grieben noch dabei. Dem Reinen ist alles Schwein. Aber wie soll das ausgehen?

Wie schön iss Muslim-Sein. Nix Dialektik, nix kannibal, nur sauber Übersicht und klare Regel: „Wir essen nix Schwein!“ Kann Schwein mal sehen, wo bleibt. Botschaft von Werbung ist schweindeutig: „Wir obergut, wir vorsichtshalber mal nix essen von unübersichtlich Tier! Wie sagt Proffeeht? Kannibalschwein is grundbös das! Genau wie Schnaps und fiese Kippen!“ – So, jetzt klar das. Schwein unrein unn hat Gesicht wie Steckdos! Sogenannt Schi-nitzel ist Essen von Ungläubige Hunde wie mich und dir! Womit geklärt  Ontologie von Schwein, – wir nix essen dies, bah & basta!

Weil gutte Lehrer immer geben Weltwissen, ich erklär: Wir auch nix essen Oile, Meerschawein und Käng-Guru! Aber sind deswegen nicht doll stolz drauf. Gebe kein Distinktionsgewinn. (Wort Schüler nich verstehn. Aach, mache nix, egal!) Weil deutsch, auch nich schlingen Frosche, Spaghetto und Kakerlak. Aber deswegen nich gleich gut, weil andermal wieder knuspere Kroko, Hummere und Auster-Schleim. Stecke in Mund, was kommt. Unsere Gott egal. Will nur nich, dass wir beiße in Goldene Kalb. Goldene Kalb ganz schlecht, auch in Scheibe (Schi-nitzl).

Serbische Freund’ von „Lehrerr“ fressen gern Manne-Essen: Fett mit Fett an Fett in Fett, aber bittscheen mit gut Buttersoße, sowie viel mit dicke Käse bei. Ja, schaust du: Dicke Mann, gutte Mann, unn is auch viel testosterone Mann-Mann! Frauen machen scharf, wenn dicke Mann! Mann muss immer könne, esse Viagra, fette Lamm, Hammelbein und mächtige Huhn mit Fetttauge-Suppen. Geht alles, wenn hinterher Slibo gut viel.  Hauptsach, nix Schwein. Schwein doppelplusungut. Allah unn Proffeht will nich wissen von Schwein. „Ich soll geschöpft haben? Nie, nix, nimmer. Ist doch krass eeklich Geziefer! Sieht aus wie Mensch, schmeckt wie Mensch, rolle blonde Auge wie Mensch, wenn köpfe.“, so sagt Herr Koran.  Allah meine nich gut mit Schwein. Zwar geschöpft, aber Ausschuß von Schöpfung!

So, willzu esse gut Schweinschmalz, gehssu in Paradies von Apfel. Nix 72 Jungfraue, aber gut esse! Mann stark danach! Ganze Runde ruft: „Ey, Wirt, mache Slibo fiehr Lehrerr! Is nich Müslim, aber gutte Mann, derr Magistrevic!! Weiß immer Bescheid!“ Frau aber schittelt Kopf (ohn Tuch). Hat sie wirklich gesagt: „Mann! Du bist zuviel in dieser Serbenkneipe! Du verblödest da noch!“ ?

PS: Chabb ich gehert, Freund von Freund Chris is anne Airport London gestoppt, weil hatte Töppchen Grieben-Schmalz in Gepäck. Musste ausläffeln an Gate zweihunderfuffzich Gramm von die fette Schmier! Hat danach nebbich bisschen explodiert, und war dann alles voll … Schweinesch…malz. – Allah! Wußt ich, dass Schmalz is fettich und schwer im Magen. Aber Sprengstoff? Nich glauben. Schwein harmlos. Und Islamerer-Terrorist geht nie mit Schwein!

 

Nie wieder im Keller essen! (Frittierte Film-Schnitzel)

27. November 2010

Grundsympathisch: Bruno Ganz als Hitler (Foto evtl. urherrechtlich geschützt - Quelle: faz.net)

Kürzlich mal wieder den Film „Der Untergang“ („Dörr Onntergank“) angesehen und in alpträumerische Verwirrung geraten. Der Streifen spielt im Wesentlichen im Bunker („Bonckerr“) der Reichskanzlei; Hauptfiguren sind eine unbedarft rehäugige junge Sekretärin (bezaubernd: Alexandra Maria Lara), die viel und nervös raucht, allerhand Nazi-Mist abtippen und auch noch die zwölfundzwanzig Goebbels-Kinder bespaßen muß, ansonsten aber als verführte Unschuld nicht viel mitbekommt („wir wussten ja nichts“), sowie natürlich der tapprige olle Onkel Adolf („Heil“) Hitler (grundsympathisch: Bruno Ganz), der ein wenig cholerisch, aber letztlich doch bestürzend menschlich durch die unterirdischen Gänge klabautert, mit melancholischer Miene Stopfkuchen isst, seinen Schäferhund Blondie krault, verwahrlosten Kindern („Hitlerjugend“) wertlose Orden anpiekt und ansonsten händezitternd an seiner Parkinson-Erkrankung laboriert. Hitler geht es wie vielen Senioren: Er kann sich keine Namen mehr merken und hat Schwierigkeiten, sich mit dem Verlust der Weltherrschaft abzufinden. Seinen Hang zu wesentlich jüngeren Frauen sublimiert der „Führer“, indem er auf Generalsstabskarten Armeen herumschiebt, die es längst nicht mehr gibt. Typisch alter Sack, also.

Weil oben, in Berlin-Erdgeschoß, gerade das Deutsche Reich zu Bruch geht und der Russe brutalst möglich mit Schieß-Granaten schmeißt, leidet der „Föhrrerr“ sichtlich unter Stimmungsschwankungen. Beim heutigen Stand der Psychotherapie bzw. Palliativ-Medizin, so der Eindruck, hätte man dem verwirrten alten Mann durch gute medikamentöse Einstellung zu mehr Lebensqualität verhelfen können (Ritalin, Anti-Depressiva, Viagra). So aber verdüstert sich die Lage zusehends. Auch nicht gerade stimmungsaufhellend wirkt sich aus, dass in den neonbeleuchteten Kellergängen an jeder Ecke doofe Nazis herumstehen, um zackig zu salutieren, sinnlose Befehle zu bellen oder insgeheim mit den Augen zu rollen, weil die Umfrage-Werte der NSDAP mal wieder ganz schön im Keller sind – wenn schon nicht die Vernichtung der Juden oder der verlorene Krieg, so hat doch die Erhöhung der Tabak-Steuer Popularität gekostet! – Gänzlich unangenehm wird der Kelleraufenthalt durch die penetrante Anwesenheit eines ungemein hässlichen Patienten, der ein albernes, senfgasgelbes bzw. babydurchfall-braunes Jäckchen trägt und sich gern mit „Dr. Goebbels“ anreden lässt. Gespielt von Ulrich Matthes, wirft er dermaßen fanatisch-dämonische, böse Blicke um sich, dass die berühmten deutschen Fliegen-Asse tot von den Kellerwänden fallen und selbst Reichshundeführerin Blondie gequält aufjault.

Es geht zu Ende, in der TV-Fassung ca. 175 Minuten lang. Bei Tisch isst man auf Wunsch von Onkel Adolf vegetarisch (Nudeln mit kriegsbedingt künstlicher Pampe) und lauscht teils genervt, teils mit „onnerbettlicherr Önntschlossenheit“ seinem verworrenen Gebrabbel (die berühmten „Tischreden“ des Führers); betretene Blick auf den Teller sind – bei den geringfügiger belasteten Mitessern – die nur allzu verständliche Folge. Die Stimmung ist gedrückt, es will nicht mehr recht schmecken. Der vielbeschworene „Onnterrgank“, vor allem der Esskultur, ist greifbar nahe. Nachtisch muß ausfallen. Ohne Pudding ins Bett resp. zack! auf den „Müllhaufen der Geschichte“! Nach dem letzten Abendmahl macht man reinen Tisch – die Nazi-Prominenz retiriert ins Separée, nimmt Zyankali-Gift, gibt sich die Kugel und lässt sich hernach mit abgespreiztem rechten Arm feuerbestatten. Happy End und Abspann.

Nachdem das deutsche Volk wie durch ein Wunder von der Hüttler-Barbarei genesen, schwor es sich bekanntlich, dass in unserem Lande („unter deutschem Boden“) nie wieder im Keller gegessen werden sollte, vor allem keine künstliche Pampe, niemals bei Neon-Licht und keinesfalls mehr bedient von seelenlosen, in hässliche Uniformen gehüllten Schergen aus dem Bodensatz der Gesellschaft („Volkssturm“). Auferstanden aus Ruinen der Zivilisation wollte ein geläutertes Volk pausbäckiger Fruchtzwerge an den Katzentisch der manierlichen Nationen zurück, fürderhin ohne deutschtümelnde Schnitzelhuberei und braune Panade. Statt dem Braunkittel „Dr. Goebbels“ jubelte man nun „Dr. Oetkers“ zu und aus den Reihen hungriger Hitlerjungen entsprangen neue, blitzsaubere, grund-entnazifizierte Helden der Zivilgesellschaft: Esspäpste, Fernsehköche und Restaurantkritiker. Mit in stickigen Kellern verdruckst verschlungenen Schweineteilen („zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“) sollte es ein für allemal vorbei sein.

Doch das Böse schläft nicht, sondern lacht sich hämisch ins Panzerfäustchen. Tief unten, hinter den sieben Tiefgaragen, im Untergrund hedonistisch-bolschewistischer Konsumtempel verbunkert sich der alte Ungeist. Wer es sich einfallen lässt, im stickigen Untergrund (Forum, Untergeschoß, Frontabschnitt C 10), welcher in diesem Fall den Charme eines aufgepeppten Provinz-U-Bahnhofs versprüht, allen Ernstes Essen zu fassen, der muß, von allen Versorgungsbatallionen abgeschnitten, an Randes des Hungertods stehen, oder er hegt vielleicht deutschhubernden Multikulti-Hass. „Wer eine vielseitige Speisenkarte mit vielen unterschiedlichen Gerichten sucht – Fehlanzeige“ vermeldet schon der Internet-Auftritt vom „Schnitzelhuber“ triumphierend. Die Speisekarte wurde von allen volksfremden Elementen gereinigt! Hier wird deutsch gegessen! Wollt ihr das totale Schnitzel? Dann ist gut, denn „bei uns gibt es nur knusprige Schnitzel in vielen Variationen“, trumpft die Oberste Frittier-Leitung auf.  Als Konzession an unsere Kameraden im Ostreich gibt es immerhin noch „Wiener Backhendl (neu)“.  Zu betonen, dass diese „neu“ sind, macht Sinn, erweckt das stahlhart durchfrittierte Geflügel nämlich sonst eher den Eindruck, schon viele Luftkampfeinsätze geflogen zu haben. Ansonsten wird Material aus den Massentierhaltungs-KZs herangezogen.

Dennoch, das unbelehrbare Volk lässt sich mal wieder von falschen Versprechungen oder niedersten Instinkten verleiten: Mittags ist dieser Hort raffiniert ausgeklügelter Ungemütlichkeit rappelvoll. Zischend und fauchend wird auf die Teller gefeuert, was die 30cm-Fritteuse-Artillerie hergibt.  Die schäbig uniformierte Besatzung des U-Bootes „Generalfeldmarschall Schnitzelhuber“ ist dabei gestresst wie unsere Kameraden vor Stalingrad. Blickkontakt mit dem Feind bzw. der Kundschaft ist strengstens untersagt. Hier werden Geschütze bedient, nicht Kunden. Schweiß, Fett und Tränen. Wer hier als Zivilisten-Weichei eine Bestellung abgeben möchte, durch den wird mit eiserner Entschlossenheit hindurch geblickt. Für mich erfüllte sich damit zehn Minuten lang ein Kindertraum: Einmal im Leben unsichtbar sein! Nummern werden gebellt, Besteck fliegt über die Gräben, Tellerminen werden geworfen. Bloß keine Zeit verlieren: Schlacht in der Mittagspause!

Zum authentischen „Bonckerr“-Gefühl fehlt eigentlich nur ein dementer österreichischer Obdachloser, der in einer Ecke hockt, wirres Zeug stammelt und bramabasiert, „das Volck“ habe „nöchts besseres förrdient“ als … den „Onntergank“!