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Unnützes unverzichtbar (sonst: Godzilla!)

25. Januar 2010

UNNÜTZES UNVERZICHTBAR

Wahrlich aber, ich sage euch: Bald werden alle Städte im Zentrum aussehen wie Bitterfeld, Wladiwostok oder Detmold. Überall werden die Innenstädte durch identische Shoppingmalls ersetzt, die so viel Charme haben wie eine feucht gewordene Fototapete von Las Vegas (im Morgengrauen). Die vulgärpompösen Plexiglaskomplexe sind schon bei der Eröffnung Ruinen, nur sieht das keiner, weil der Geldschein so blendet. Hier hält der nackte Kaiser Modenschau. Kettenladenketten, Franchise-Scheiß, Systemgastronomie: Gäähn! Man möchte konvertieren und den Großen Godzilla anbeten: Oh möge das Häuserzerstampfmonster kommen und alles zu Brei stampfen!

Spätestens unsere Enkel werden vergeblich in ihren E-Book-Lexika blättern und den Begriff „Unikat“ nachschlagen. So was werden sie nicht mehr kennen, die armen Nachgeborenen. Das haben wir ihnen versaut! Dinge, die es nur ein einziges, unverwechselbares Mal gibt, wird man nicht mehr finden, und wenn man sich den Arm aus-googelt. Die Serie wird regieren, die Wiederholung, die pur-doofe Redundanz. Kinder, die nicht aussehen wie Heidi Klump oder Karl Lagerhut, werden eingeschläfert, alles hat massenkompatibel konforme Normform und man kaut allenthalben gelangweilt eklig-banale Retortentorten. Um es mit dem Futurindianer und Schwarzseh-Häuptling Dunkle Wolke zu sagen: Spätestens, wenn der letzte kleine Laden, der noch Witz, Charme und Individualität barg, seine Pforten schließt, werdet ihr merken, daß man Langeweile nicht essen kann. – „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (Rainer W. Fassbender), diese drei werden dann wohl Synonyme sein, und das wäre gewiß, um wiederum an George Orwells „1984“ zu erinnern, „doppelplusungut“!

Wenn man dann dereinst unzufrieden, genervt und deprimiert durch diese bargeldlose Weltautomatenwelt schnürt, wird man sich fragen: Was ist es nur, was hier fehlt? Was macht denn die Urbanität einer Stadt aus, gleichviel ob Mediokritätsmetropole oder marodes Mittelaltermuseum? Nun, was schmerzlich vermisst werden wird, sind jene kleinen, geheimnisvollen, schrägen, ja, geradezu unwahrscheinlichen und unter betriebswirtschaftlichen Aspekten völlig aberwitzigen Geschäfte, als deren Seele ein wirklicher Mensch wirkt, der seinen sehr persönlichen Träumen nachhängt. Unnütze Abgelegenheitsgeschäfte, heroische Umsatzzwerge, wunderbar taugenichts-tagediebische Phantasmen-Handlungen, in denen man, wie im Traum, nur Dinge bekommt, die noch keinen Namen haben. Ein solches Geschäft, und es gibt es tatsächlich noch, ist beispielsweise das „Chamäleon“: Ein Kontor für „Klamotten, Klunker, Kitsch und Kunst“

Das „Chamäleon“ ist, bei allem Respekt, ein veritabler Kramladen, aber auf hohem Niveau und, bei allem bunten, wüsten, funkelnden Durcheinander, streng durchstrukturiert: Hier gibt es kein einziges Ding, das sich dem Diktat trivialer Nützlichkeit unterwirft. Buddhas aus Messing, Keramik, Holz oder Katzengold, thailändische Puppen, kambodschanische Schrumpfschopfmöpse, indonesische Zaubernussknacker, prahlerisch prächtige Prunkpiratenperlen, schneewitzige Spiegeleien, ornamental-orientalische Ohrgehänge, marionette Nettigkeiten, Funkelzeug und französische Glanzfransen, fiktive Figurinen und Nippon-Nippes, dazu Sektflöten und Süßweinglasharfen, Feuerzeugsalamandersammlungen, schimmernde Dingsbumsgirlanden, archivarische Folianten, kurz, eine ganze hochgestapelte, tief gestaffelte, übervollgestopfte Wunderwelt magisch-kuriosen Krimskrams – wie bei Pipi Langstrumpfs Oma auf dem Dachboden! In dieser kleinen Traumanstalt regiert nicht die Ökonomie oder der Pragmatismus, sondern die schamanische Logik des Hosentascheninhalts achtjähriger Knaben: Bunte Steine, Bindfädenknäuel, Stiftestummel, Fadenkreuze, Froschmumien und perlmutterne Kindsknöpfe klumpen sich in talismanischer Manie zusammen, um auf frei-eigenwillige Weise ihre Unverzichtbarkeit zu behaupten.

Als Herrscherin dieser Zauberhöhle präsidiert eine etwas unwirklich wirkende Grand Dame, Frau Doris Eberlein, eine weißhaarige Glamourettendiva  und gewesene Schönheitskönigin, der man eine nicht unerhebliche Vergangenheit zutraut, als artistische Ausdruckstdiseuse vielleicht, als mondäne Millionärsherzensbrecherin, mütterliche Musikermuse, Mätzchen-Mäzenatin und Salon-Dompteurin. Frau Eberlein, eine gelernte Traumtänzerin, glaub ich, ist eine Legende, die allmählich in Vergessenheit gerät. Wer kennt noch ihren bewundernswert bizarren, in einem aufgelassenen Sarglager eingerichteten Kleinkunst-Salon, in dem sich Schauspieler, Lebenskünstler und entlaufene Philosophen zum  Gedankenaustauschumtrunk trafen? Er ging, zehn Jahre ist das her, in Flammen auf. Zurück blieben Erinnerungen, die nur noch wenige teilen.

Auch wer gerade nichts Unbrauchbares benötigt, sollte das „Chamäleon“ und seine Kramkönigin aufsuchen, denn beides. Laden und Lady, sind Unikate, Originale, Persönlichkeiten, also das, was es bald im Stadtbild nicht mehr geben wird. Ein Phänomen, das an den ursprünglichen Sinn von Kultur erinnert: Überschüssig Unnützes, das unverzichtbar bleibt.

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