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Profis immer gesucht. Milch und Schmetterlinge

22. September 2010

Einer muß es ja machen: Profikiller Clooney (Foto: Filmfirma)

Ich kokettiere gern damit, die Welt aus dem Fernsehen zu kennen. Das stimmt natürlich nicht. Manches kenn ich auch aus dem Kino. Beispielsweise das Berufsbild des Auftragskillers, der mir in der wirklichen Welt bislang selten begegnete. Der Auftragskiller ist ein Mann Mitte Vierzig, auffallend unrasiert und stark melancholisch zerknittert. Seine Stirn ist von ständigem, berufsbedingtem Gerunzeltwerden schon ganz zerfurcht. Deswegen wird er gern von sympathisch gebrochenen  Männlichkeitsdarstellern wie Jean Reno oder Georges Clooney gespielt. Sein Beruf scheint „den Profi“ immer sehr traurig zu machen. Er macht aber trotzdem allmorgendlich Sit-Ups, um in Form zu bleiben; er ist ein sog. einsamer Wolf, weil seine Ehefrauen entweder tot sind oder kein Verständnis für die besonderen beruflichen Anspannungen des Killers besitzen. Trotzdem laufen ihm Frauen aller Altersklassen ständig hinterher. Das liegt an seiner schweigsamen, ungemein sexy wirkenden Melancholie. Er bringt eigentlich gar nicht gerne Menschen um, aber einer muß es ja machen. Der Auftragskiller ist mit allen Wassern gewaschen, stets hochgradig misstrauisch und wachsam, was ratsam ist, denn man trachtet auch ihm nach dem Leben. Das findet der Killer natürlich nicht so gut.

Der sympathische Profi versucht, stets einen Schritt schlauer zu sein als seine Gegner; deshalb guckt er immer betont argwöhnisch in die Kamera. Zur Vorsicht trägt er Sonnenbrille, auch nachts. Frauen behandelt er mit der gleichen professionell-zärtlichen Sorgfalt, wie seine in einem Koffer aufbewahrten speziellen High-Tec-Handfeuerwaffen. Die Damenwelt dankt es ihm schmunzelnd oder elegisch, je nach dem, ob „sie bescheid weiß“. Selbst wenn die beteiligten Damen über intellektuelle und pyro-technisch-ballistische Fertigkeiten verfügen, versäumen sie es selten, zusätzlich große Brüste zu haben. Man kann ja nie wissen. Der Auftragsmörder ist indessen sexuell reizresistent oder vollzieht den allfällig unvermeidbaren Geschlechtsakt mit höflich-distanzierter, angemessen melancholischer Beiläufigkeit, während die Damen hemmungslos stöhnen angesichts so überstarker, geradezu unwiderstehlicher  Männlichkeit.

Der Killer, wenn er nicht grad seinem traurigen Job nachgeht, liebt übrigens, um seine Sympathiewerte zu erhöhen, wahlweise italienische Opern, Milch, alte Bücher oder Schmetterlinge. Das ist seine weibliche Seite. Man merkt: Der Killer „ist gar nicht so“. Das lässt ihn vorteilhafter erscheinen. Zwar bringt er gelegentlich Fieslinge um, aber er tut  es im Prinzip widerwillig, und nur, um seiner zartfühlenden Schmetterlingsleidenschaft zu frönen. Schmetterlinge erinnern ihn an seine zu Unrecht verstorbene Frau. Wir verstehen und billigen das.

Am Ende wird der tragische Killer-Held meistens erschossen. Dass ist schade, aber unvermeidlich. Um uns harmoniesüchtige Zuschauer zu versöhnen, rettet er mit seinem zwar traurigen, aber irgendwo auch gerechten Tod irgendeine junge schöne Dame. Die lebt dann, und wird ihren Retter nie vergessen.

Obwohl ich mich den Reizen 12-jähriger Mädchen („Leon“) oder denen italienisch-rassiger erwachsener Italienerinnen („Der Amerikaner“) vielleicht ebenfalls schwer entziehen könnte, wäre das Berufsbild des Auftragskillers nichts für mich. Ich bin definitiv zu hibbelig dafür. – Ich frage mich aber, wo kriegt man eigentlich eine solche Fachkraft her, wenn man sie braucht? Ich gestehe öffentlich, es gibt da zwei, drei Persönlichkeiten des Öffentlichen Lebens, für die ich gern einen Auftragskiller engagieren würde. Nur – woher die nehmen? Wie KOMMT man eigentlich an solche coolen Profis?

Geh ich völlig fehl, wenn ich glaube, das geht nicht über öffentliche Kleinanzeigen? Über die Kleinanzeigen des Anzeigenblättchens bekommt man sonst fast alles: Albanische Putzfrauen, polnische Altenpflegerinnen, kossovarische Hilfskräfte. Aber gnadenlose ukrainische Contract-Killer? Ich zweifle. „Benötige professionell ausgebildete, möglichst melancholische Auftragskiller-Hilfskraft zwecks geräuschloser Beseitigung meines Chefs“ –  diese Kleinanzeige würde im Anzeigenblatt nie Abdruck, Unterschlupf oder Gehör finden. Die einsamen Wölfe, die ich aus dem Kino kenne, nehmen die Sache selbst in die Hand. Ich aber zweifle an der Dienstleistungsgesellschaft: Muß man denn ALLES selber machen? Also, im Kino ist das einfacher!

Dort läuft gerade der Abspann, übrigens vom berüchtigten Auftrags-Kitschier Herbert Grönemeyer komponiert. A-moll, E-moll, D-Moll oder so. Thrilling! Man stirbt, letztlich, am Klischee. „It is a sad and beautiful world!“