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Unter Moselmanen

6. September 2011

"Wir nehmen mal die Nr. 2" – Auf dem Seniorenweg

Reise-Notiz. An der Mittelmosel. Es ist ordentlich schön gewesen. – Erste Erkenntnis: Die Mosel gibt es wirklich! Als Kind hab ich immer gedacht, das sei ein Code-Ausdruck meiner Eltern für sauren Wein und familiäre Krisen. Fünkchen Wahrheit dabei: Mosel ist komplett jugendfreie Zone. Wer hier unter 60 ist, gehört zum Service-Personal (vgl. Saaltöchter in der Straußwirtschaft – optisch oft entzückend, kognitives Begreiftempo aber zum Verzweifeln retardiert). Der Rest: Zähe Sportrentner.

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Merkwürdiger Zeitknoten: Ich sehe Leute, die fünf Jahre älter sind als ich, und denke: Die sind ja wie meine Großeltern! – Rotwangige Greise, krachlederne Greisinnen:  Topfit, aber weitgehend gemütserloschen. Wenn Ehepaare jenseits der Goldenen Hochzeit stur nebeneinander (!) sitzen und dich wortlos parallel anstarren, fühlst du dich wie im Inneren des Fernsehers. Aquariumsstimmung. Mache Karpfengesicht.

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Zweite Einsicht also: Mittelmosel ist Deutschlands Florida. Rentnerparadies. Silberhaariges memento mori in allen Gassen. – Haben uns aber nun mal im Mittelalter eingemietet. Werden schon früh morgens besichtigt. (Seufzend-resignativer O-Ton Opa zur diamantenen Gattin, bei uns um die Ecke biegend: „Ächz, hach, gugg, ooch wieder Fachwerk!“)Ansonsten oft Sprachlosigkeit zwischen den Generationen: Ich zur hübsch blond pferdegeschwänzten Saaltochter: „Ich würde gern bezahlen!“ Moselmädchen guckt wie Auto, grübelt stumm, sinnt, verschwimmt mimisch im Ungefähren, fragt dann aber irgendwann nach bangen Minuten: „Zahlen?“ Ja, das dann auch.

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Die Mosel. Die Mosel ist, was man ihr zunächst gar nicht ansieht, ein Nebenfluss. Wer bestimmt das eigentlich? Egal, sie kurvt halsbrecherisch haarnadelhaft in scharfen Kurven durch eine weintrunkene, dementsprechend auch sonnengetränkte Landschaft. Die Mosel eignet sich, um an ihrem Ufer besinnlich Fahrrad zu fahren. Wer dabei ständig „ooh!“ und „aah!“ ruft, ist für den Reiz traulicher Landschaft empfänglich, läuft aber Gefahr, kleine, zumeist indes einigermaßen ungefährliche Insekten in den Mundraum zu atmen. Besser man radelt schweigend, verkniffenen Greisenmundes. – Die Jahreszeiten wirken italienisch-französisch und heißen Frühling, Sommerhitze, Riesling, Flaute. Der Wein ist in der Moderne angekommen, also nicht mehr sauer, sondern sturztrocken. Mit mineralischen Noten. – Aber zurück zur Mosel. Die Moselmanen sind meistens Ossis. Das nervt oft. Ausnahme: Thüringer. Bus-Rentner aus Thüringen werden zu ihrem Leidwesen oft mit Sachsen verwechselt, rezitieren jedoch im volltrunkenen Zustand (Thürieslinger) noch immer und offenbar gerne fehlerfrei Goethe. Bei Sachsen wird das nur selten beobachtet.

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 Die Gattin gesteht ungefragt, bevor wir nun moseln waren, hätte sie mir beim Scrabbeln das Wort „Wein-Café“ nicht durchgehen lassen.

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Theoretisch könnte ich übrigens von Wein leben, aber die Chefin findet, es ist besser, man isst auch etwas dazu. Höhepunkt mosellanischer Kulinarik: Bratkartoffeln. Man bestelle unbedingt Bratkartoffeln! Das kriegt man sonst nirgendwo! Wahlweise mit Weinsülze, Blut- oder Leberwoarscht. Rustikal, grundehrlich, mit ausreichend Speck für Monate. – Fleisch wird übrigens grundsätzlich durchgebraten. O-Ton Wirt zu mir: „Schmeckts? Alles in Ordnung?“ Ich weise wehleidig aufs Lammfilet und nörgele leise: „Ist aber total durch, da! Schon ganz grau!“ Wirt inspiziert bedächtig das inkriminierte Bratgut. Kommt nach einer halben Stunde wieder: „Hab den Koch gefragt. Das geht in Ordnung. Die meisten Gäste wollen das so.“ Verständnisvoll blecke ich die Dritten Zähne.

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Sitzen auf der Gasthof-Terrasse und essen durchgebratenes Fleisch zum Liter Riesling. Am Nebentisch zückt einer, der aussieht wie Heini Himmler mit Hundert, eine porno-mässig monströse Zigarre, entzündet dieselbe, zutzelt obszön daran herum und verstinkt den gesamten germanischen Lebensraum. „Zigarrennazi“ zische ich hasserfüllt und durchbohre denselben mit tötenden Blicken. Den untoten Luftpest-Krieger ficht das nicht an. „Gott!“ rufe ich laut, „wo leben wir denn!“ Die Gattin mahnt – typisch! wie immer! – zur Mäßigung, findet den Ausdruck „Zigarrennazi“ aber leise schmunzelnd angemessen.

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Bizarr: In Restaurant ein dreigängiges Menü (Blutwurst, Leberwurst, Sülze, mit na? Bratkartoffeln!), bei dem im Preis ausdrücklich die Vorführung eines zittrigen Schwarzweißfilmes inbegriffen ist, der die Geschichte des mittel-mosellanischen Weinanbaus in den 1930ern zeigt. Wir verzichten und ordern stattdessen Rieslingbrand, so alt wie der Film, aber ästhetisch befriedigender. Wenn man die Nazis schon kennt, sollte man für den Schnaps optieren. Der Nachgeschmack ist angenehmer. Statt zu fragen, ob der alte Himmler-Michel noch lebt, erkundigen wir uns nach der Adresse des Brenners. Auch dies eine kluge Entscheidung.

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Wenn man bei einem bäuerlichen Trester-Brenner morgens am Montag für eine lächerlich geringe Summe einen jahrzehntealten köstlichen Marc de Riesling ersteht, sollte man sich nicht schämen: Im Preis einbegriffen ist eine mehrstündige herzliche Unterhaltung über Zollbehörden, Schwarzbrennerei, das Wetter, lebensphilosophische Fragen und allerhand Technisches zur Schnapsherstellung. Am Ende geht das preislich in Ordnung.

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 Das finale Purgatorium ist nebenbei nicht die Mosel, sondern der Harz. Er steht noch bevor.

Indianer überfallen Lößnitzdackel!

24. Mai 2009
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Auf unsre roten Brüder ist Verlaß: Keine Langeweile in Radebeul

WISSENSWERTES ÜBER KOMMENDE FEIERTAGE (LANGEWEILE)

Waren das Aufregungen in den letzten Wochen! Die Spannung siedete im mittleren Unerträglichkeitsbereich. Wer wird Deutscher Meister? Wird Sandy, Mandy oder Wendy Germany’s Next Top Moppel? Sterben wir alle an der Schweinegrippe? Schägt einer den Raab? Heißt Fiat bald Opel?  Machen wir wieder den letzten Platz beim Eurovision Song Contest? Welcher neue Super-Stern geht am taubstummblauen Plastik-Himmel Dieter Bohlens auf? Wird Hotte „Boring Old Fart“ Köhler noch einmal diese wuschige Zahnfee aus dem Osten besiegen? – Ein „Herzschlagfinale“ jagte das nächste, Tränen des Glücks, der Enttäuschung und Erleichterung wurden der Öffentlichkeit dargebracht, ganz Deutschland tat, was es ruhig öfter mal machen sollte, es hielt die Luft an. Pokale und Schalen wurden geküsst, Trostpreise vergeben, den Eltern und Sponsoren gedankt, und ganz besonders auch den Fans draußen an den Empfängern. Nun ist alles besiegt, besiegelt und besoffen: Deutschland kann wieder aufatmen, durchpusten, Sauerstoff tanken, die Seele baumeln lassen usw. Wunderbar, diese Ruhe. Oder…? Oder? Manch ein Mitglied der „nationalen Erregungsgemeinschaft“ (Sloterdijk) trommelt schon wieder nervös mit den Fingern: Und jetzt? Was kommt jetzt? Jetzt, so steht wahlweise zu hoffen oder zu befürchten, senkt sich das blöde, bleiern-banale Nichts fädenziehender Langeweile über das Land und erstickt alles menschliche Leben!

Manche nennen es Bundesliga-Pause, andere Sommer oder Regenzeit. Noch andere, deren Freud unser Leid ist, nennens Hauptsaison. Die Kollegen meiner Gattin verwenden noch immer den alten, liebenswerten Ausdruck „Saure-Gurken-Zeit“, der entweder, wie das englische season of the very smallest potatoes eine bedenkliche Ernährungslage meint oder eine Verballhornung des jiddischen Ausdrucks „Zóres-und Jòkresszeit“ für „Not und Teuerung“ darstellt, in jedem Falle aber bedeutet, daß man als Journalist noch kreativer sein muß als sonst, wenn man eine einigermaßen ansehnliche neue Sau durchs Dorf jagen will.

Wenn TV-Magazinen nichts Gescheites einfällt, können sie immerhin eine Straßenumfrage veranstalten und nach dem Sinn der bevorstehenden christlichen Feiertage Finxten und Frohen Leichnam fragen. Was haben wir uns an den Antworten der weitgehend ahnungslosen „Generation Doof“ schon be-ömmelt! Die Dummheit der anderen ist ja immer wieder ein ungetrübter Quell der Freude und Seelenerheiterung! Dabei, ich weiß zwar, warum Pfingsten gefeiert wird ( – wir gedenken des Ereignisses, das sich begab, als die Jünger Jesu plötzlich allesamt einen schweren Hau bekamen und ihren Mist nicht nur aramäisch, sondern auch dänisch, finno-ugrisch, uigurisch und auf Bantu predigen konnten; – Pfingsten ist daher auch bekannt als Tag des Zungenredens vulgo der Dolmetscher – Gruß an Chris nach UK!), aber den katholischen Fronleichnam muß auch ich immer mal wieder nach-googeln, weil es sich dabei um eine schon recht abgefahrene theologische Spinnerei handelt: An diesem auch als „Blutfest“ oder „Corpus Christi“ bekannten Fest feiert man die leibliche Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie.

Wenn Ihr auch das nicht kapiert, müsst Ihr halt mal eine katholische Heilige Messe buchen und Euch anschauen, was da abgeht, Freunde! Wenn der Mann mit dem kostbarsten Gewand da vorne auf der Bühne mit so einer Schelle klingelt, die Schale mit den Hostien-Oblaten hochhebt und dabei murmelt: „Hoc est corpus meus“ („Dies ist mein Leib“), dann meint man in diesen Kreisen, sei eben dieser Leib des Leibhaftigen, Quatsch, des Herrn, bzw. der von seinem Sohn, da irgendwie konkret und krass am Anwesen. Das schlichte Volk, des Kirchenlateinischen kaum mächtig, verstand bei der Priesterformel immer nur „Hokospokus“, womit, letzten Endes, darüber auch schon so ziemlich alles gesagt ist.

Wenn alle Brückentage abgefeiert sind, ist definitiv Sense, dann ist im Lande große Pause, dann sind Nasebohren, Haareraufen und Nägelbeißen angesagt, – eine Periode oder Phase großer Gefahr im übrigen, denn anthropologische Forscher haben herausgefunden, daß der gemeingefährlichste Unfug unter Humanpopulationen zumeist aus Langeweile veranstaltet wird, wofür der katholische Hokuspokus ja nur ein einfaches Beispiel ist. Aus Langeweile werden Rauschmittel eingenommen, Ehen geschlossen oder gebrochen, Kriege geführt, oder es wird wenigstens von den Nachbarn andauernd gegrillt – meine Terrasse ächzt seit Tagen unter den Miasmen verkohlten, innen noch blutigen Schweinefleisches (von wegen saure Gurken!), oder, besonders perfide, es riecht ganz mörderisch nach verschmorten Sardinen! Das ist doch widerlich! Lassen Sie das! Ich will den feinen Aromen frischen Spargels nachschmecken! Gegen Sie weg mit Ihrem blöden Fisch da!

So, da bin ich wieder, mußte nur eben was über die Hecke rufen. – Befreit vom Zwang, sich über Langeweile zu beklagen, sind an diesem Wochenende allein die Bewohner der wunderschönen Karl-May-Stadt Radebeul bei Dresden. Über diese lese ich heute auf der Wikipedia-Startseite: „Die Wein-, Villen- und Gartenstadt mit ihren acht historischen Dorfkernen und zwei Villenquartieren liegt nordwestlich von Dresden zwischen der Elbe im Süden und den Weinhängen der Großlage Lößnitz im Norden“. So weit, so gut, aber jetzt die Frohe Botschaft für alle Blutsbrüder Winnetous und Apanachis: „Die Schmalspurbahn Lößnitzdackel, die durch den tief eingeschnittenen Lößnitzgrund Richtung Moritzburg und von dort weiter nach Radeburg fährt, wird an diesem Wochenende im Rahmen des Fests wieder von Indianern überfallen“! – Wird das vielleicht Schule machen? Nun, wie wir Medienmenschen gerne sagen: Man darf gespannt sein!

PS: Zum Wochenendausklang für meine agnostischen Freunde noch ein hübsches Liedchen: ERDMÖBEL mit „Einer wie wir“ („If God were one of us“)