Posted tagged ‘Roland Barthes’

Notizen für die linke Hand

18. Juni 2012

Somewhat spooky
(Quelle: MANDEL NGAN/AFP/Getty Images)

Ouh, oh! Der alte sinistre Märchenmann lurcht durchs Viertel und spinnt skrupellos kichernd sein Garn. Vorsicht, gutgläubige Mitbürger! Der Lügenbeutel geht um! Und der Abend ist so gottverdammt grottenschwül, hier kann alles passieren! – Weh mir, der kleine Mann auf der Straße und draußen an den Bildschirmen: wird natürlich an der Nase herumgeführt, der verlauste, fadenscheinige Tanzbär, das dummliebe Wahlvolk, der bettelarme Otto Normal-Verbraucher, das ewige Opfer, ausgenommen und, Verzeihung: immer „verarscht“ von elegant-smoothen Hütchenspielern in Glenscheck-Anzügen. So; so viel zur Politik. Schluss damit. Schlimmer als Politiker sind nur noch selbstgerechte Politiker-Beschimpfer. Da will ich nicht mittun!

Zu meiner Studienzeit in den 90ern (ich bin Spätentwickler) gab es mal ganz neu einen total hippen, angesagten Studiengang. Wenn man den dann sturweg ging, wurde man Kulturmanager, eine etwas strizzihafte Art kommunaler Intellektualhure mit prospektiver Beamtenanwartschaft. Galt damals als Zukunftsberuf und hat heute ungefähr den Wert von unbeschrifteten VHS-Kassetten, batteriebetriebenen Nasenhaarschneidern und uraltem Adapterschlamassel – kurz, eine triste Mischung aus Werbefuzzi, Schmierenanimateur, Stadtmarketingidioten und professioneller Labertasche (von Guzzi aus Guangzhou). Merke, Jungvolk: Um als Futurama-Ramsch-Trinker zu enden, muss man keinen modischen Scheiß studieren. Bisschen Mittelhochdeutsch und  Turnpädagogik tuns auch.

Dabei fällt mir ein: Hat das noch jemand gesehen? Kürzlich bekam Bob Dylan von Barack Obama eine hochwertige Medaille umgehängt; beängstigenderweise sah mein Held (Dylan, nicht der andere) bei der Zeremonie aus wie ein verwirrter grauer, mit einem zu großen Leih-Smoking behängter Zausel-Emu, den man gegen seinen Willen aus dem Zoogehege befreit hatte. Er krächzte knapp etwas Unhörbares, wandte sich etwas wackelig und fast greisenhaft hüftsteif dem Präsidenten zu und tappte ihm dann mit der flachen Hand ein paar mal ganz zart, begütigend und tröstlich auf den Oberarm, als sei der schwachschwarze Hoffnungsträger gerade aus der Highschool geflogen. Ich hab mir den gespenstischen Clip so oft angeschaut, bis ich am Ende sicher war, ihn bloß geträumt zu haben.

Apropos, um annähernd beim Thema zu bleiben: Ich war bislang der festen Ansicht, ich hätte einmal einen Essay des Pariser Semiologen-Fexes Roland Barthes gelesen, in dem dieser analysiert, warum uns eigentlich heisere oder gar verrucht-verrauchte Frauenstimmen erotisch viel mehr in Wallung bringen als zum Beispiel das glockenhelle Tirilieren singender Nervensägen-Sirenen wie Joan Baez. Besagten Essay fand ich hochinteressant, bis ich heute, nach neuerlicher Durchsicht der Werke des Meisters, feststellen musste, dass er gar nicht existiert. Ich habe dieses Buch, wie so manches, das ich in enthusiastischer Nacht verschlang, leider bloß geträumt. Kann jemand aushelfen?

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Wider die Orthopädographie

15. Mai 2012

Korrektur-Programm im Alten Ägypten: Jedes zweite Wort unterkringelt!

Warumb nuhr, theuere Genoßsen, seyd Ier unter die be-schämickt Sklaverey der RechtSSchreibunck gerahten, Ier armen Thoren? Wass lasset Ier, zu Gnaden, Euch denne vom großmechtigen Leviathan vulgo Satan oder so genannter Staat, in Euere partes privatissimae was ist die hochmögende Orthographia hineyngrappschen und herrumm pfuschen? Sünd nicht die Herren Grafen von Dudenn eyne veritabul Pestilenßz und Lantplahk, eyn beßerwisserisch Volck und Heerbann von lauther verderbtenn ehrloßen Kannegießern, krumben Pedannten der scola unt vor die Freyheit böß gesatzten Lummppenpack? Iie! deß Schröckenn und fauliges Gyfft vorspreizenden Natterngezücht, wo muthwillig cujonieren thut, was Freyheit der Scribenten seyn mußs & seyn soll, vor immerdahr und vuon unsrem HErrn GOtt geben! Mir ist die aerwig Schulmeysterei der orthopädaeisch Schwetzer und Wortdrexler ein Gräuel und wahrchafft Eckel! Sie solln ablassen von denen ierer elennt Beßsrungswuth, Thugend-Terreur und Gängelband-Binden! Ich schrob von Geburth an nemlich nach dehm eygen Schnabel und fuhr gutt nach dem Gefüel und Geschmakk deß puren Odems in meyne Brust! Hab ich nicht ius, nach dero Sitten der ehrwürdigen Aeltern zu faren? Meyn Hertz ersehned zuweylen eyn ächte Schweyzer Gard zu miehten, dem Thun der forfluchten, führwitzigen Correctores eyn End zu settzen und seys mit Schrecken, Bluth und Brannt!

– Also, zur Erklärung, es war so: Heute im medientheoretischen Seminar über Schrift und Schriftlichkeit, kamen wir, einem Textchen von Roland Barthes folgend, methodisch, dialektisch und systematisch ordentlich vom Hölzchen aufs Stöckchen, will sagen am Ende auf den beinahe staatlichen orthopädographischen Terror der sog. Rechtschreibung bzw. die Diskriminierung der kreativen Heterographen. Kaum schreibt einer, von der Macht der Begeisterung hingerissen, in seiner Bewerbung z. B. bei der Fa. Fielmann, er hätte „fielerlei Interessen“, wird er schon aussortiert und kommt auf den Lehrlings-Kompost! Ist das gerecht? Ehre den Helden der kreativen Schreibung, wie zum Beispiel James Joyce und Arno Schmidt! Und den barocken Anarchen! Kürzlich entschuldigte sich eine werte Kollegin dafür, versehentlich „Liedschatten“ geschrieben zu haben. Dabei! was für ein herrliches Wort! „Ich bin im Liedschatten der Beatles aufgewachsen!“ – ist das denn unklar, missverständlich oder verwerflich? Nicht im mindesten! Das ist wahr, das ist gut, das ist schön. Was verschlägt denn die unmaßgebliche Meinung der Duden-Terroristen?

Ich weiß ja nicht, wie das zugeht, aber hinter jedem Word-Dokument, das ich öffne, sitzen heute hundert unsichtbare, anonyme kleine Chinesen und unterkringeln mir jedes zweite Wort, das ich schreibe, blutrot mit Droh-Verbesserungen. Bitte, ich möchte das nicht! Gezeugt, gestillt und genährt noch in der Griechischen Antike, wuchs ich gymnasial in der frühen Goethe-Zeit auf und das war eine herrlich freie (freye) Ära! Ein jeder, zuvörderst Goethen, schrieb, wie er’s sich dachte, wie er fühlte und klingen mochte, und kein absolutistischer Sprachpolizey-Kommandant namens Literalhauptkommissar Duden verwies ihm diese Freiheit des persönlichen Ausdrucks. Der Staat hatte andere Sorgen, als seynen Unterthanen vorzuschreiben, wo sie das Komma hinklecksen sollten. Kommata setzte man dort, wo man mal Luft holen musste, und gut wars! Wo bitte gibt es denn allgemeine Regeln zum Luftholen? Ein Engbrüstiger, ein Asthmatiker oder luftknapper Adept der Schwindsucht setzte viele dieser Beistriche, ein weitbrüstiger Rhapsode, Musikal-Kastrat oder Opern-Arier deren halt weniger. Ja, na und? Gab es deswegen etwa babylonische Verwirrung, gegenseitiges Missverständnis und Zungenverwirrung? I wo!

Dass Werthern sich in Lotten verliebte, als er sie beim Brothschneiden beobachtete; dass er, da er sie nicht haben konnte, sich am Ende zwangsgerecht selbst entleibte – haben wir das etwa deshalben nicht verstanden, weil im Original Seyn statt sein, Muthwillen statt Mutwillen stand? Ob was mit „ß“ oder „sz“ oder „ss“ geschrieben wird – macht uns das das Ausgedrückte etwa undurchsichtig? Ach was! – Ich weiß, der staatliche Rechtsschreibungsterror wird nicht leicht zum ersten Motiv einer Revolution werden,  aber dennoch, wenn dereinst, nach den „Piraten“, den „Halunken“ und den „Ganoven“ endlich  als achte Partei die „Barbaren“ kommen – ich wünschte, sie gäben, im Zuge einer erweiterten Aufklärung, nicht nur frei, was man glauben, sondern auch, wie man schreiben dürfte! Das wäre ein Fest! Der grammatische und orthographische Frühling! Wir strömten auf die Straße, auf den Dudenplatz, unsere Fahnen schwingend, auf denen, als Logo und Freiheitsfanal, ein „y“ prangte, ein „ß“ und ein „th“, sowie das Symbol einer Gießkanne, andeutend, dass wir unsere Kommata nach anderen Prinzipien vergössen als die Pedanten. – Ah, Freyheit!