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Ansichtskarte aus dem Augenwinkel

6. Februar 2014
Seh ich aus wie ein Therapeut? Herz ausschütten hier verboten!

Seh ich aus wie ein Therapeut? Herz ausschütten hier verboten!

Im milden Westen viel Neues: Heuer nix mit Winter. Definitiv Eis-Abstellgleis: Winter fährt hier nicht mehr. Wir bitten um Verständnis. Babyblau und vertraulich zwinkert der Stadthimmel aus windzerzausten flauschigweißen Wolkenwindeln. Sonne brilliert als Debütantenball. Das ortsübliche Kleingeflügel macht schon Höllenlärm, es meiselt, finkelt und funkelt auf dem Balzplatz, als gäbs kein Morgen, bzw. eben schon ganz viel Morgen, Frühling, Aufbruch usw., Elstern in Paarungsplanung ziehen aufgeregt keckernd gen Norden, zu IKEA, Naturholzzweige fürs Nest. Ich steh derweil auffm Balkong, rauch mein Kaffee und fühl mich irgendwie so Rilke, vielleicht auch bisschen Benn dabei. Wieder mal leide ich unter meiner Unflexibilität: Ich hasse es, wenn ich mich auf etwas einstelle, und dann kommt alles ganz anders. Schon im November hatte ich den Kopf grottentief zwischen die Schultern geschraubt, doppelt Pulloverpower, orntlich Rotwein eingekellnert, Streusalzstreuer aufgefüllt, vorsorglich Depression (SAD – seasonal affective disorder) eingeübt – und was ist? Keine Nacht traut sich unter Null, prunkt dafür aber mit Sternbildern, die ich gar nicht kenne, im Park rotieren die Rentner-Rollatoren um blühende Japankirsche, grellbunte Velozipedisten rauschen durch den Rajon, und keiner sagt mir, wie diese Jahreszeit hier heißt.

Aber mir sagt eh keiner was. Menschen, die mir nahestehen, verabscheuen mich in der Regel, schneiden schnöde Schnuten und meiden mich nach Kräften. Eine unerklärliche Anziehungskraft übe ich hingegen, wie, ich schwör, immer, immer schon, solange ich denken kann, nur auf Hunde, kleine Kinder und Irre aus. Kind und Hund wird man ja wohl noch sagen dürfen? Irre ist vermutlich nicht pc. In der Sache stimmt es aber: Kaum sitz ich mal auf der Parkbank, legen mir wildfremde Hunde treuherzig die nasse Schnauze aufs Knie und Kleinkinder strecken mir hoffnungsvoll schwanzwedelnd ihre klebrigen Wurstfingerchen entgegen, um sich herzen zu lassen. Die Tugend entschlossener Höflichkeit ist hier gefragt; nicht immer beherrscht man sie ohne Beanstandungen. Was die Verpeilten, Verstörten, Psychonauten und Schizonosen an mir finden, weiß ich nicht. Sehen sie in mir einen Seelenverwandten? Eigentlich habe ich nichts Therapeutenhaftes an mir, im Gegenteil. Mit aus Eiszapfen gebildeten Buchstaben steht auf meiner Brust: Hier bitte keine Herzen ausschütten! Nützt es was? Kaum.

Eine treue, mir allerdings gänzlich unbekannte und bestürzend schwerverwirrte Freundin etwa, eine reichlich bizarre Lady Gaga aus den kalten Weiten des Internetzes, schickt mir seit Wochen und Monaten pro Tag oder Nacht ca. ein Bäckerdutzend Mails mit Verwünschungen, Drohungen, Obzönitäten sowie knapp 60% absolut unverständlichen verquasten Verbalquatschtextmüll. Stalking on the wild side: Brieffreundschaft auf blackmail.de. – Was soll man da machen? „Kann man da denn nix machen?“ fragt die Gattin stirnrunzelnd, „Polizei oder so?“ Ich resigniere pantomimisch. „Oder deine Russenfreunde?“ insistiert sie. „Also erstens“, stelle ich richtig, „sind das ja nun mal keine Russen, sondern bloß Serben, und außerdem werde ich ja wohl, was die mir schulden, nicht für die Einschüchterung einer ungezogenen Pampelmuse verplempern…“ – Sie schüttelt missbilligend den Kopf. – „Du weißt, Liebelein, ich bin Taoist, da muss man nicht immer was MACHEN“ füge ich noch hinzu, ganz Oberschulrat Schlaumeier. „Und was MACHST du, wenn du NICHTS machst?“ fragt die Gattin, die nicht umsonst Kriminalhauptkommissarin auf der Visitenkarte stehen hat. „Ich lese ergeben den ganzen Schrott weg, als sei das meine Aufgabe, für die ich auf der Welt bin, wackle bekümmert mit dem Kopf und antworte … nichts.“ Ihr „Aha!“ nahm ich mal als bedingte Zustimmung. Wie ich nämlich mittlerweile erkannt habe, beruht gedeihliches soziales Miteinander auf Duldsamkeit und Nicht-so-genau-Hinsehen.

Ich fürchte, ich werde herzensliebe Künstlerfreunde verprellen, wenn ich behaupte, genaues Hinsehen wird überschätzt. Man liegt stundenlang auf dem Bauch im Garten, kiloschweres, schweineteures optisches Gerät im Anschlag und: sieht genau hin. Was sieht man dann da überhaupt? Besagtes singendes Kleingefügel, wenn man schnell genug ist, mit dem 200er aber auch schon Vertreter der Kerbtierwelt, und mit der nächsten Anschaffung dann wird man das Leben der Mikroben, Fibrillen, Spirillen, Mycoplasmen, Spirochaeten, Clostridien und anderer Repräsentanten des Prokary0tentums ans Licht zerren. Will man das denn? Dieses ganze Geschmeiß, Geziefer  und Geschnetz?

Die alte Mume Wikipedia wispert: Ein Mensch besteht aus etwa 10 Billionen (1013) Zellen, auf und in ihm befinden sich etwa zehnmal so viele Bakterien.“ Schon bei der Vorstellung, wie 100 Billionen Exemplare eklen mikrobiellen Gewürms „auf und in“ mir herumwuseln, wird mir blümerant, da brauch ich gar nicht noch genau hinsehen! Frauen sind nach meiner von Bonhommie gesättigten Erfahrung ja am schönsten bei Kerzenlicht, Sonnenuntergang, etwa 1,80m Abstand, ohne Brille und durch ein Glas Spätriesling betrachtet. Beim candle light dinner schreit doch auch keiner: Machma das Neonlicht an, ich muss da mal genau hinsehen! Ich persönlich liebe es verschwommen, verschleiert, verwischt und verhuscht. Eben so aus den Augenwinkeln bloß. Übrigens: Männer sind am schönsten im Dunklen. Überhaupt Männer! Man kann nie mit ihnen reden! Und wenn, dann brechen sie das Gespräch mitten im.

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Im Café ohne Hörsturzhelm

18. September 2010

Den Finger am Abzug: Der Musik-Terrorist (Foto-Quelle: Wikipedia)

Wie jeder halbwegs weltläufige Genussmensch liebe ich Straßencafés. Gepflegt herumhängen, geistvoll mit der charmanten Begleitung plaudern, dabei en passant das flanierende Passantengewimmel begutachten, über Modetorheiten und wandelnde Ernährungsfehler (na, ich hab’s grad nötig!) lästern, dabei einen Eis-Kaffee, einen Cappuccino oder schon, falls der Sonnenuntergang naht, also ab mittags ein Weinchen genießen – das sind Urbanitätskultiviertheiten, die ich auf dem platten niederdeutschen Dorf mit Sicherheit vermissen würde! – Worauf ich dabei allerdings gut und gerne verzichten könnte, ist unfreiwillige Musik-Begleitung.

Nebenbei, weil ich nie weiß, was man „noch sagen darf“: Darf man noch „Zigeunermusiker“ sagen? Oder sind das jetzt „freiberufliche Roma-und-Sinti-Instrumentalisten“? Wahrscheinlich, nehme ich an, spricht man korrekt und besser von: „ambulanten, besonders mobilen Laien-Musik-Kulturschaffenden mit südosteuropäischem Migrationshintergrund“? In meinem politisch unkorrekten Alltag heißt es freilich schon mal herzloser: „Boah, ich glaubs wohl, da sind schon wieder so scheiß Akkordeon-Bettler im Anmarsch!

Kaum sitzt man nämlich am zierlichen Marmortischchen über seinem Getränk und möchte vielleicht gerade mit gebrochener Moll-Stimme ein herbstliches Sonett von Rilke rezitieren, eine süßsäuerlich-scharfe Sottise von Karl Kraus zum Besten geben oder gar bescheiden ein selbst ad hoc geschliffenes Scherzwort zu Gehör bringen,  da braatzt, dudelt, quäkt, quaackeliert, schrillt, klimpert, kinkeliert, faucht, pfeift und näselt einem auch schon mit rücksichtsloser Brachiallautstäke eine ambulante Quetschkommode um die Ohren resp. ins Gespräch, um dieses komplett und gnadenlos zu verunmöglichen. An manchen Tagen verstärkt man den Terrorangriff noch mit Waffen, die sich besonders verheerend gegen die Zivilbevölkerung richten: verstimmte Geige, Balkan-Klarinette (Zurna) und Tambourin. Ohne Hörsturzhelm ist man dem Zwangs-Lauschangriff praktisch wehrlos ausgeliefert.

Nicht, dass ich den elegischen Walzer aus „Der Pate“ nicht schätzen würde; zu späterer Stunden schunkele ich schon mal „Auf der Reee-perbahn nachts um halb eins (dingelingeding)“ mit, und wenn eine glutäugige Romamama ihrem dreijährigen Knirps beigebracht hat, sich auf der Quetsche im ICE-Tempo durch den „Flohwalzer“ zu fingern, ohne sich was zu brechen, bin ich bei guter Laune durchaus bereit, entzückt ein paar Münzen zu zücken. Nur, wenn es recht ist, ich würde verdammt noch mal gern selber und frei entscheiden, ob und wann ich das will! Aber nein: Da kann ich ein Gesicht ziehen, derart genervt und sauer, dass im Umkreis von drei Metern die Fliegen tot von der Wand fallen und die Wespen an ihrem Pflaumenkuchen ersticken – debil grinsend arbeitet der Akkord-Akkordeonist erbarmungslos die Terrasse ab, baut sich breitbeinig vor Selbstbewusstsein an jedem Tisch eigens und extra auf, um das dort keimende, zart knusprig Gesprächsgebäck mit dicker Dudel-Sauce zu überkippen. Das ist doch eine Unart! Ich möchte das nicht!

Richtig ärgerlich wird es dann aber erst, wenn das Drei-Stücke-Repertoire lieblos-routiniert heruntergenudelt ist und der Zieh- und Vielharmoniker nun von Tisch zu Tisch schlawinert, um dir aggressiv-herausfordernd oder unangenehm servil den Hut unter die Nase zu halten. Schmallippig hält sich mein Portemonnaie geschlossen und meine Stirn ziert eine scharf gebügelte Unmutsfalte – oft genug hat mir dies bereits dreiste, bruch-deutsche Verbalinjurien eingetragen, was mir dann wiederum deutlich die Laune verdüsterte. Ich hab es im Guten & Lustigen versucht („Haste auch eine Weiter-Ziehharmonika?“) oder unter Aufbietung angestrengter Humorlosigkeit dargelegt, ich sei weder bereit, dafür zu bezahlen, dass man mich lärmbelästigt, noch auch nur dafür, dass man damit wieder aufhört. Da kann ich richtig bockig werden. Genutzt hat es noch nie.

Natürlich wird man als artiger, toleranter, korrekt auf links gescheitelter Deutscher nicht laut oder handgreiflich, aber das Loblied auf die migrationsbedingte Vielfalt kultureller Bereicherungen in der City hört man mich dann auch nicht unbedingt anstimmen. – Ich möchte ja niemanden belästigen.

Jour Fixe (10): Die Entrückung des Traurigkeitslehrers Winterseel. Detmold und das Weinen im November

24. November 2009

Satans Neffe im Griff des Advenzkranztanzes (Foto: http://www.glogster.com/media/ 2/3/24/72/3247277.jpg Das Bild ist möglicherweise urheberrechtlich geschützt.)

Im November, dem verregneten Wonne-Monat der tausend Graustufen und der untoten Gedenktagsseelen, findet sich Arnold Winterseel, mein verehrter alter Traurigkeitslehrer, gern im Stadium einer heiter-schwebenden, irgendwie fast bekifft anmutenden Morosität und höheren Subtilverzweiflung, einem illuminierten Zustand, in dem nachtschwarze Melancholie unversehens umschlägt in einen unberechenbar hakenschlagenden Übermut, eine an den Festungen der Götter rüttelnde Hybris, in deren Schwall, Mulm oder Qualm das Irrsinnigste plötzlich das hübsche Gesichtchen der Vernunft annehmen konnte, für wenige, erleuchtete Augenblicke.

In solchen raren Momenten besinnungsfrei abhebender Erhabenheit finden es Leute plötzlich eine gute Idee, sich die Füße 20 cm oberhalb des Knöchels abzusägen und sauber parallel ausgerichtet in den Schuhschrank im Flur zu stellen; sie schenken ihren greisen Müttern Gutscheine für einen VHS-Kurs in Expressivem Nackttanz oder begehren, im gebenedeiten Gnadenstand der Volltrunkenheit wohl verwahrt, völlig unvermittelt des Nächsten Weib Adelgund, in dem sie beim Nachbarn förmlich um deren Hand anhalten. Eine verrückte Zeit! Das Schicksal gähnt verlegen, hinter einem die Gespenster des Totensonntag, vor einem reißt schon das tückische Weihnachtsfest die vielfach bezahnten hundert Mäuler auf. Schweflig grinsend zündelt Bezelbub Gemütlichkeitsglühlichter und tanzt mit Behemoth, dem Neffen des Satans, den Advenzkranztanz.

Ich sehe Doktorvater Winterseel noch vor mir, die Haut gelblich-transluzide und papiernen wie jenes Maispapier der frühen, dick-schwarzen Gitanes-Zigaretten in verrauchten Pariser Existenzialisten-Bistros, wo Schönschreib-Schenie Schang-Pol Satter und Simone de Boudoir sich leidenschaftlich anqualmten und brillante Blicke in verschiedene Richtung warfen, – Winterseel also, wie er elegisch und traumverloren in sich hineinhorchend seinen geliebten Poetry-Schluchzer Renée-Marie-Louise Rilke rezitierte:

„Die Dinge sind Geigenleiber,
von murrendem Dunkel voll,
drin träumt das Weinen der Weiber,
drin rührt sich im Schlafe der Groll
ganzer Geschlechter…“,

worauf er sich, zu unsrer grenzenlos sperrangelweit mauloffenen Verblüffung Knall auf Fall verabschiedete, und zwar, wie er noch erklärte, um eine länger ins Auge gefaßte  und bei alltours angelobte Albtraumschiffkreuzwallfahrt nach Detmold anzutreten. „Ha, Detmold! Klar, Detmold!“, krähte unser Einserjurist und von-Guttemberg-Lookalike Sven Aaron Mangold, primanerhaft die Streberfinger schnipsend – er hatte wohl auch von diesen Plätzchen probiert, die Miß Cutie mit ihrer Milchschwester Soffie aus Amsterdam gebacken hatte – „Detmold! Klare Anspielung! Grabbe!“  Hilfesuchend warf ich fragende Seitenblicke auf meinen Freund Fredi Asperger, der zwar ein Autist ist, praktischerweise aber auch einer der sogenannten idiotes savantes, die als wandelnde Logarhitmentafeln, Primzahlenverzeichnisse oder Konversationslexika unterwegs sind. „Christian-Dietrich Grabbe, Schnorrer, Säufer, Nervensäge, Literaturavantgardist des 19. Jahrhunderts. Soll gesagt haben: ‚Einmal auf der Welt, und dann als Drogist in Detmold! – was man später als Frühform nihilistischer Gottesanklage gewertet hat ...“, setzte mich Freund Fredi flüsternd ins Bild.

Während ich über diese Mitteilung noch nachgrübelte, schwoll im Salon bestürztes Gemurmel an: Winterseel war ohne weiteres Wort* (*bzw. soll sein letztes Wort gelautet haben: „Folget mir nicht nach!“) durch die Tapetentür entwichen und entrückt, und hatte uns somit ohne weiteres Beratungsangebot oder Therapieversprechen allein gelassen. Wie nun? Und wie weiter? „Mhhmmm, vlleich eersmoah nbüschen ein’ antütern?“ schlugen Hauke und Hinnerk, die Aquavitzwillinge, schüchtern vor. Ihre verschwiemelten Gesichter, die wie Synchronschwimmer in perfekter Harmonie einen Ausdruck glühweingetränkter Zuckerwatte angenommen hatten, verrieten jedoch, daß sie bereits, und zwar ohne ersichtlichen Nutzen für uns, ziemlich stark „angetütert“ waren, sodaß ihr Vorschlag, bei manchen nicht ohne Bedauern verworfen wurde. Unerwarteterweise war es dann ausgerechnet Miß Cutie, deren Attraktivität sich nach ihrer Nasenbegradigungs-OP ins nahe zu Überirdische gesteigert hatte und bei jüngeren Mitgliedern des Jour Fixe oft genug Anfälle priapistischer Konvulsionen auslöste, Miß Cutie löste sich jedenfalls plötzlich aus der ziemlich schwüllesbischen Umarmung ihrer sinnlich-innigen Milchschwester und durchschnitt unser stickig-verstocktes Schweigen mit ihrer glockenhellen Hochfrequenzschneide-Stimme: „Leute! Hört mal! Was wir brauchen, in dieser dunklen, bedrängenden, gemütsverdüsternden Zeit, dassis… Rauschgold! Rauschgold, Leute! Mut! Courage! Allons enfants! Lasset uns ausschwärmen, um Rauschgold zu schürfen!“

Halb schon getröstet, wenn auch nicht ohne eine gewisse wattige Leere in den Köpfen stob die Versammlung auseinander, um die Parole des engelhaften Beautie-Kids zu befolgen. Allerdings, wird das Projekt, die Mission gelingen? Wir Deprimierten, wir Prokrastinierer, ADSler, Autisten und elegische Borderliner: Wo finden wir denn Rauschgold, jetzt, im Schluchzen der krass naßkalten Novemberschluchten?

Fredi Asperger und ich nahmen die U-Bahn-Linie 7, ein Umweg, aber dafür genügend Zeit, die Wange jeweilen an die Schulter des Freundes gelegt, zu weinen, viel, ausgiebig, ja sättigend zu weinen. Wir weinten, wie es nur Männer vermögen: entschlossen, rückhaltlos und offensiv. Ach, das Weinen im November!

Spiel mir noch mal das Lied vom bösen Macho!

14. September 2009

BMC-Duisburg-City-Run-29

Mal ehrlich: In Wahrheit sind wir alle ganz anders, oder? Aber Selbstmystifikation wird heute halt verlangt. Man muß sich stilisieren! Das Leben ist eine Bü-hü-hü-ne! Und nichts als Theater! Show! Bei Männern verhält es sich in diesem Zusammenhang so:  Martialisches Auftreten kompensiert oft eine verschärft empfindsame Seele. Ich zum Beispiel laufe herum wie eine Mischung aus Gothic (immer alles in schwarz!), Death Metaller und Hardcore-Rocker (wenn auch inzwischen, aus Altersgründen, mit Lesebrille), – aber ich bin ja nicht im mindesten gefährlich! Ich tu doch nur so und will bloß spielen! Harmlos wie eine blass-anämische Germanistikstudentin, lese ich  privat daheim mit sanfter Stimme halblaut Rilke-Gedichte, schlürfe mit Honig gesüßten Jasmin-Tee, massiere der Gattin die Füße mit Rosenöl, und als erregendstes Abenteuer meines Lebens gebe ich an: Wie ich zum ersten Mal die Anfangsakkorde von Rachmaninovs 2. Piano-Konzert im Radio hörte!

Aber so etwas offen einzugestehen brächte einen in den Ruch der Effeminiertheit, oder? Solche Zartbesaitetheit ist doch unmännlich wie Baileys-Trinken, Badminton oder Bettwäsche von Bruno Banani! Da seine schmächtige Sensibilität Kraska I. aber bizarrer- und unpassenderweise in einer beeindruckend großmächtigen, hoch wie breit gewachsenen Körperfigur steckt, würde man ihm auch bestickte Jeans-Kutte und Lederjeans mit Fransen abnehmen, zumal Bauch und graue Pferdeschwanz-Frisur bereits in Arbeit sind. – Ja, und dann? Dann traute ich mich möglicherweise in eine Kneipe hinein, die ich bislang nur neugierig mit dem Fahrrad umkreise: The Fat Mexican. Den Namen find ich schon mal klasse!

Dies ist übrigens das offizielle Vereinsheim des Duisburger Ortsverbandes („Chapter“ heißt das, für Insider!) der Bandidos, eines ursprünglich us-amerikanischen Motorradclubs ehemaliger Vietnamkriegs-Veteranen mit etwas, sagen wir mal, gemischtem oder durchwachsenen Image, weil sich Bandidos-Mitglieder gelegentlich mit ihren verhassten Konkurrenten von den Hell’s Angels Schläger- oder gar Schießereien liefern. (Hier, wo Industrie-, Gewerbe- und Rotlichtbezirk aneinanderstoßen, wird das Testosteron gleich in ganzen Tanklastwagenladungen transportiert!) Es soll bei den Streitigkeiten angeblich nicht um Ventilmodelle, Vergaser oder Sattelformen, sondern um veritabel kriminalen Drogen-, Waffen- und Frauenhandel gehen. Ich weiß das nicht. Manchmal glaub ich’s fast, dann wieder nicht. Wenn die Bandidos vor ihrem Vereinsheim Straßenversammlung haben – ich muß da ja mit meinem Rad auf dem Weg zur Arbeit immer vorbei –, komm ich allerdings oft ins Grübeln. Warum sind Motorradrocker fast jedesmal über fünfzig, tragen graue lange Haare oder, neuerdings, tätowierte Glatzen, und sehen immer so aus, als hätten sie auf Warmduscher und Schrumpf-Biker wie mich nur gewartet, um mich mal nach Strich und Faden zu vermöbeln bzw. als wachsweiches Fünf-Minuten-Ei zum späten Frühstück zu verspeisen? (Am furchterregendsten finde ich übrigens die wenigen weiblichen Bandidas. DIE machen mir ECHT Angst, und ich fürchte mich sonst nicht mal vor kampfsportgestählten Lederlesben!)

Dabei bin ich fast sicher, daß auch bei den Bandidos das meiste auf Selbstmystifikation beruht. Die heutigen Vereinsmopedtouristen sind halt keine beinharten Kriegsveteranen mehr, da muß der Nimbus irgendwoanders herkommen. Man macht auf Brutalo-Macho. Was ich in dem Kontext schon irgendwie süß finde, sie nennen den Block in meiner Nachbarschaft, in dem sie ihre Residenz haben, also bei mir direkt um die Ecke, „Sin City“. Also The Fat Mexican in der Sin City! (Formerly known as the industrial district of Duisburg) – Cool, oder? Darauf wäre selbst ich als alterfahrener Mystifizierer nicht gekommen! Ich hätte wohl vermutlich gesagt: Ich wohn da ziemlich nebenan von diesem tristen, industriell organisierten Kasernen-Großbordell für einsame Ausländer. Nein! Nichts dergleichen! Stattdessen bin ich Resident in der ober-coolen Kult-Community SIN CITY!  Klingt doch schon ganz anders!

 Glaubt man, was ich eigentlich ungern tue, der gemeinen Spießerprintfresse, sind die Bandidos schlicht eine Form organisierten Verbrechens. Ein Mafia-Verein mit ungutem Geschäftsmodell. Hm. Na ja. Wenn das stimmt, ist das organisierte Verbrechen durch ein Schrebergärtner-ähnliches, brav-spießiges Vereinsleben gekennzeichnet, bei dem ständig rührende Ralleys, gemeinsame Moped-Ausritte und Reparier-Workshops organisiert werden, über die dann auch noch auf hinreißend harmlose Weise auf der Homepage berichtet wird – im Stil der „Bäckerblume“ oder einer ambitionierten Schülerzeitung. Nur, daß diese Homepage mit einer detailversessenen Liebe gestaltet ist, wie sie sonst nur Leute aufbringen, die den Kölner Dom mit Streichhölzern nachbauen. Ich kann mich natürlich verhängnisvoll täuschen, aber ich glaube fast, die Bandidos-Vereins-Moped-Fahrer sind, wie alle anderen in meiner neighbourhood, im Grunde viel lieber, harmloser und netter, als mein frisch zugezogenes Vorurteil zunächst befürchtet hat. (Peter Fox singt über Berlin-Neukölln: „Berlin ist gaanich so hart, wie du denx!“ – Das trifft auf mein Viertel wohl auch zu!) Nur – wie soll ich’s herausfinden?

Cowboystiefele ich dazu in den FAT MEXICAN zum Tresen und murmele als geheimnisvoller Fremder (etwa wie Charles Bronson in „Spiel mir das Lied vom Tod“):

 „Ich hätte gern ein eiskaltes DosEques mit Limonenschnitz, einen dreifachen Tequila oder gern auch einen goldbraunen Mescal (der mit der toten Raupe in der Flasche!), dann noch eine nichtregistrierte Smith&Wesson 9mm-Parabellum mit 100 Schuß Munition sowie eine chili-scharfe, willige Latina-Virgin, nicht älter als fünfzehn; außerdem erstünde ich gern für eine Handvoll Dollars ein paar lines pur weißes, reines Columbia-Kokain für direkt hier zum Schniefen, bitte mit Spiegelscherbe und Rasierklinge!

 Tja – was wird mir der von  meinem extrem maskulinen Auftreten eingeschüchterte Barmann des Bandidos-eigenen THE FAT MEXICAN antworten? Etwa: „Selpsvastänntlich, geht sofort klar, Sir, gerne der Herr, kommt alles sofort, Schnaps, Knarre, Nutte, minderjährige Latina-Schlampe, alles, sehr wohl der Herr Gast! Macht dann hunnertfummzig Dollars im Voraus!“?

 Oder antwortet er eher: „Sach ma, Alter, … geeeeht’s noch? ’N Köpi kannze noch kriegen, oder’n Diebels Alt eventuell, aber dann geehsse auma schön nach Hause nache Mutti, nöch, vasteesse, sonst gibbat hier näämich Äärger!“ –

Wäre ich seeeehr mutig, würde ich vielleicht noch leise protestieren: „Aber, ich mit meim Faarrad bin doch praktisch auch’m Beiker!“ – aber dann ginge ich doch lieber. Ich will ja keinen Streit.

 Nur wüsste ich halt zu gern, wie viel Lyrik-Liebhaber, Teetrinker und Frauenversteher es unter, rein statistisch, diesen mörderharten Rockern wohl gibt. Ich glaub nämlich immer weniger an Klischees! Und irgendwann geh ich in den FAT MEXICAN, bestell mir’n gepflegtes Glas Milch und sag Euch, wie es WIRKLICH da drin so ist…!