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Keine Bewegung!

18. März 2012

Bewegungsunschärfe ist kein gutes Versteck vor dem Tod! (Quelle: itwissen.info)

Ich muss mich kurz fassen, denn gleich ist es Zeit: Ich muss zum Vergeblichkeitstraining! Vielleicht ist das erklärungsbedürftig. Das Institut entdeckte ich nämlich gerade noch rechtzeitig, man drohte mir bereits mit Apfeldiäten, Sportspazieren und Altersjubel. Horden von homöopathischen Waldorf-Vorkostern verfolgten mich bis zum Gemüse-Türken, das Haus umstellt von Physio- und Psycho-Terroristen, meine Dauerkarte fürs Phantasialand konfisziert. Trinkverbot. – Also schneller Entschluss: Flucht und Verkleidung! In den Untertauchanzug schlüpfen, Tarnkneifer auf, Nase zu und durch!

Mir kam die Zufallsfee zur Hilfe, es regnete, ich stellte mich in einen Hauseingang, und weil es nicht aufhören wollte, las ich aus Langeweile die Inschrift am Portal: „Institut für Negatives Denken“ stand auf dem polierten Messingschild, und darunter, kursiv: „Es ist alles eitel und ein Haschen nach Wind“. Hier war ich richtig, das wusste ich gleich und drückte die Klingel. Die Tür zu meinem neuen Leben schwang auf.

Am Empfangsdesk saß rauchend eine naturbleiche Mondäne, die sterbensmüde in ihr Sektglas starrte. Ohne mich anzuschauen, murmelte sie: „Keine Bewegung!“ – „Wie? Was?“ – zögernd hob ich die Hände. „Erstes Gesetz hier: Keine Bewegung!“ Ich ließ die Hände wieder sinken. „Also kein Seniorenturnen, kein ‚nordic marching’, kein Gehampel auf futuristischen Fitnessgeräten…“, fuhr die Dame fort, „…schaffen Sie das?“ Ich nickte so heftig, dass sie entnervt aufseufzte. „Wir haben noch einen Platz in der Sitzgruppe frei. Wenn Sie wollen? Bringt aber nicht viel…“ – So kam ich zum Vergeblichkeitstraining im Institut.

Vorkenntnis braucht man keine, nur die Einsicht, dass der Tod einen, entgegen der Propaganda der Ärzteverschwörung, auch dann findet, wenn man sich ständig bewegt. Tut mir leid, Ihr Super-Ultra-Ausdauerlebenden, ich verrate euch was: Bewegungsunschärfe ist kein hinreichendes Versteck! Der Sensenmann holt auch hagere Hungerhaken. Vielleicht, mag sein, wie gesagt, etwas später, so dass sie stolz auf ihr langweiliges Gemüse-Dasein ohne Alkohol, Fleisch, Zigarren und gemütliche Couch-Abende zurückblicken dürfen. Na schön, Glückwunsch. Übrigens, was die Apothekerzeitung verschweigt: Auch Ärzte sterben. Obwohl sie ja verrückt nach Bewegung sind und praktisch im Schweinsgalopp leben. Die sollen mal schön still sein, die Ärzte! Ständig zeigen sie unappetitliche Bilder von menschlichen Innereien vor, schneiden saure Besorgnisgesichter dazu und raten, weil ihnen ja sonst nichts einfällt, natürlich zu viel Bewegung im Hamsterrad makrobiotischer Ertüchtigung. Lachhaft!

Vergeblichkeitstrainiert und tiefenentspannt durchschaut man bald das gauklerische Lügengewebe der Diät-Dealer. Freunde, um euch auch diese Illusion zu nehmen: Dünne alte Männer haben bei der Damenwelt kein Gramm mehr Chancen als dicke alte Männer; eine späte Schnitte machen höchstens reiche alte Männer, aber reich wird man nicht durch Diät, höchstens durch Diäten, haha. Ich sag wie es ist. Es ist alles vergeblich. Junggebliebensein ist eine Illusion besonders starrsinniger Alter. Punk ohne Pogo – was soll das? Jung bleiben ist letztlich wie blöd bleiben, wobei letzteres möglicherweise noch erreichbar sein mag. Und also? Schlussfolgerung? Den Gürtel weiter schnallen, der Kulinarik pflegen, erlesene Drogen konsumieren, gelegentlich krasse Sätze der Altersweisheit raushauen. – Wie etwa die obigen.

Wer saugt uns Fett ab (Arme haben)

22. Juni 2011

Hat ihr Fett weg: Frau Mustermann

Eigentlich bin ich ein zierlich-zimperlicher, mädchenhafter Knabe, ein Typ mit der Anmut, Beweglichkeit und Eleganz eines schmächtigen Matadors. Bevor jemand laut zu lachen beginnt:  Natürlich nur innerlich! Faktisch und „tragischerweise“ stecke ich im falschen Körper, denn äußerlich bin ich in einem Grizzly-Körper gefangen, mit einem, nein, leider nicht Waschbrett-, sondern Waschbär-Bauch (dem Embonpoint eines außergewöhnlich gut genährten Waschbärs!) und dem Stiernacken einen deutschen Metzgers begnadet, breit, schwer und Ü100-Kilogigantisch,  und ich bewege mich mit der Dezenz einer überladenen Dampfwalze. Der einzige Sport, außer Schach, für den ich die richtige Figur hätte, wäre Sumo-Ringen. Ein mäßig tapferes Schneiderlein im Körper eines Menschen fressenden Riesen! Meine Stirn ist zwar noch glatt und sorgenfaltenfrei wie die eines glücklichen Idioten, aber wenn ich Fotos von mir zu Gesicht bekomme, sehe ich, wie das Gewicht der Existenz sich an meine Mundwinkel gehängt hat und meine ungeweinten Tränen über den Weltlauf sich in Säcken gesammelt haben, die mir dass Aussehen eines schwermütigen Walrosses verleihen.

Jedenfalls entgehe ich der Schmach nicht, im Dasein zu viel Platz einzunehmen. Ich bin der klassische Kandidat dafür, „etwas an mir machen zu lassen“. Wie mir „die Medien“, und nicht nur die privaten, derzeit unentwegt ins Ohr trompeten und ins Auge tröpfeln, gilt es schon als bedenklich Schluffi-haft und hart am Rand der Verwahrlosung, wenn man „nichts an sich machen lässt“. Fettabsaugung, Lider-Korrektur, botoxikologische Unterfütterung, Haartransplantation, Abnäher hier und da. Staunend verfolgte ich Interviews, in denen Menschen verschiedenen Geschlechts stolz berichteten, sie wollten nun endlich mal „etwas für sich tun“ und „legten sich dafür unters Messer“. Im Schnitt (ha!), schien mir, lassen Männer meistens etwas weg machen, Frauen hingegen etwas hinzufügen.

Möglicherweise unterschätzen diese Menschen einfach die Kraft der Suggestion? Gerade las ich – zugegeben nicht ohne klammheimliche Bewunderung, in gewisser Weise – von einem überführten Sexualverbrecher, der sich von „hunderten“, und, wie es heißt, „besonders hoch intelligenten“ Frauen sexuelle Gefälligkeiten erschlichen bzw. ergaunert haben soll, indem er vorgab, „keine Arme zu haben“.  Also, ich glaube, ich könnte das nicht! Wie geht denn so etwas? Das erfordert doch nicht nur enorme Chuzpe, sondern schier übermenschliche Disziplin, oder? Ich hätte die nicht. Dabei würde es mir schon reichen, zehn mittel-intelligenten Frauen suggerieren zu können, keinen Bauch zu besitzen…

Verblüffenderweise erinnert dieser Vorgang an die Weisheit altrömischer Stoiker, welche die Maxime „Haben, als hätte man nicht“ propagierten. Also beispielsweise, man hat Kohle ohne Ende, verhält sich aber, als krebste man knapp unter dem Existenzminimum herum. Diese eingebildete Armut kann man sich selber, aber auch anderen suggerieren. In dieser Hinsicht sind wir alle wie die „Hunderte hoch intelligenter Frauen“ – wir lassen uns den ungeheuerlichsten Quatsch vorzaubern und machen auch noch mit.  In meiner Heimatstadt, die demnächst den Jahrestag der Loveparade feiert, schauen wir zum Beispiel seit Jahren ohnmächtig zu, wie die letzten freien Kultureinrichtungen kaputt gespart werden, weil ja kein Geld da ist. Dabei betragen Kulturausgaben nur 3% (!) des Haushalts, und Duisburg hat noch nicht mal Rüstungskosten! Wir müssen halt sparen, allerdings nicht etwa, weil wir keine, sondern weil wir zu viele Arme haben.

Ich bitte herzlich, dies nicht als politisches oder ökonomisches Statement zu werten, wenn ich naiverweise noch immer über die Hunderte von Milliarden  staune, die gegenwärtig in der „Euro-Krise“ verbrannt werden. Natürlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, ich weiß. Es wird ja auch bloß Geld ausgegeben, das wir gar nicht haben. Damit kenne ich mich eigentlich aus, denn ich gehöre wie Griechenland den Banken und lebe von Geld, das ich nicht besitze. Mein Kulturetat ist allerdings höher – schon, weil ich nichts an mir machen lasse… 

 

„Spätrömische Dekadenz“? Westerwelle im Amok-Koma

26. Februar 2010

Im dekadenten Rom gab es noch intelligente Politiker: L. Ae. Senbeca (ca. 1-65 n. Chr.)

Seine Tollität Prinz Guido! Was man alles von ihm lernen kann! Das Geheimnis des Erfolges zum Beispiel: Nie, aber wirklich niemals darf dir irgend ewas peinlich sein: Entblöße dich als unterirdischer Ego-Krüppel, nerve deine Mitmenschen ohne Gnade und Rücksicht mit dummem Geschwätz, krähe den allerletzten populistischen Mist in die Mikrophone – aber stehe dazu! Finde dich selber grandios, dann tuts der Depp auf der Straße auch! Herr Dr. jur. Guido Hetzerwelle wird schon wissen, was es mit der „spätrömischen Dekadenz“ auf sich hat. Warum soll die sympathische Aknehackfresse aus dem Rheinland das denn nicht wissen? Er war doch auf dem Gymnasium, wenn auch nur als Klassenclown. Außerdem sieht er selbst ein bißchen aus wie Nero, oder wenigsten wie Blondie, Hitlers berühmter kruppstahlblauäugiger Pitbull-Pudel. Spätrömische Dekadenz! Da gings zu wie bei Hempels! Da aß man die Wurst ohne Brot, und das arbeitslose Pack fraß Kuchen! Da versoff man skupellos Oma ihr klein Häuschen, ernannte sein Pferd zum Senator, hofierte Hoteliers und Apotheker, und die dekadenten Politiker waren alle schwul! Ent-setz-lich! Genau fast wie heute!

Da nach Karl Kraus manche Sätze so falsch sind, daß nicht einmal ihr Gegenteil stimmt, habe ich mal in meinem Archiv gekramt und einen Vortrag hervorgeholt, der sich etwas präziser mit jener Zeit beschäftigt, mit den Verhältnissen unter dem brutalen Tyrannen Nero, und mit welcher Taktik man zu überleben versuchte. Im Mittelpunkt steht der berühmte Philosoph Lucius Annaeus Seneca, Lehrer, Mentor und zweitweilig politischer Stelltvertreter des Kaisers. Senecas stoische „Lebenskampfkunst“, eine subtile Defensivstrategie zur Bewältigung des Terrors und der Angst unter der Diktatur, ist noch heute spannend und aktuell. Daß man – gerade zur Zeit der „spätrömischen Dekadenz“ – Politiker und trotzdem intelligent, wenn nicht sogar weise sein konnte, Seneca bewies es…

Der Text von Reinhard Haneld steht im denkfixer-Blog als pdf-Datei zum Herunterladen und Ausdrucken bereit. Es gelten die üblichen OpenSource-Bedingungen.