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Improvisieren können

23. Oktober 2013
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Im Fernsehstudio

Damit mich keiner erkennt, hatte ich einen Schlips umgebunden. Ordentlich schick gemacht: Camouflage für die Talkshow. Ins Gesicht schön bunt Werbung gemalt, für Schwarzbier und Dosenravioli. Ich liebäugelte damit, das einfache Volk zu repräsentieren. Aber dem einfachen Volk sagt ja keiner etwas, zum Beispiel, dass man zu solchen Einladungen irgendetwas mitbringen muss. Neben mir saß einer, der mit dem Rollstuhl quer durch den Regenwald war und darüber mit dem Mund Bilder gemalt hatte. Zwei Plapperwachteln litten an rätselhaften Krankheiten, von denen die Kasse nichts wissen wollte, eine beleibte feministische Dame verbat es sich, auf ihren Körper oder ihre Weiblichkeit? egal, jedenfalls reduziert zu werden, und die anderen hatten eben was Selbstgemachtes mitgebracht, einen Song, ein Werk, ein Opus maximus, zum Vorzeigen und Herumprahlen. Und ich? Typisch wieder, immer denk ich, mir wird schon etwas einfallen, ich improvisiere einfach, und dann kann ich bloß Sendepause und Maultaschen feilbieten. Oder heißt es Maulfeigen? Nein, Maulaffen, jetzt weiß ich, Maulaffen. Was sind eigentlich nochmal Maulaffen? So etwas wie Ohrfeigen? Erwähnte ich schon, dass ich mich schwer konzentrieren kann?

Schon wandte sich die superfreundliche Moderatorenschlampe an mich, zeigte mir ihre gewienerten Zahnreihen und krähte mit koksbetriebenem Enthusiasmus: „Aber nun zu Ihnen, Herr…!“ und auf ihr Zeichen hin fuhr mit Karacho eine Riesenkamera auf mich zu, knallte mir frontal ins Gesicht und filmte mit Teleobjektiv neugierig in meine Nasenlöcher hinein, zum Glück frisch gepflegt mit dem Nasenhaarrasierer der Firma Oldsmobil. Das einfache Volk begann zu schwitzen wie ein Störungsmüller. Oder heißt es Schwerenöter? Briefbeschwerer? Beschwerdeführer? Jetzt half jedenfalls nur eines: maximale Hysterie!

„Ja, jaha! Verdammich, ich wars!“ schrie ich, „Erwischt! Ich bin der Schwindelbischof von Humburg, Jonathan Kraska! Also Butter bei die Fische, große Portion Beichte mit doppelt Bußkram: Ich habe gehurt, geschlurt, geschleimt und leimsiederisch rumgeschlampert! Auf dem Satanstrip wie nichts Gutes! Brokat-Bilanzen, kostbar halbseidenene Steuerverklärungen, dann wieder voll die Gelage, skrupellose Ferkel-Orgien, klar auch hier Dingsbums, Knabenliebe, Ministrantenstrich mit rotem Teppich, schwergoldene Urinale, grotesk teure Platinesken und diözesane Rubinate usw., pah, peanuts, meine leichtesten Übungen! — Wer Gott dient, muss einen guten Anzug tragen! Und zwar ministrös gebügelt! sag ich immer. Und wer moppert, kriegt eine Leviten-Abreibung in Kirchenrhetorik: Anlaufen, Beschleunigen, Abheben, himmelwärts Düsen, krass fertiges eschatologisches Weggetreten-Sein. Das ist mein Sport! Da bin ich richtig, richtig gut drin. Und der feine Herr Jesus ist mein Zeuge! Meine Devise: Für den Gottessohn nur Weihrauch, Myrrhe, Koks und Kaschmir. So! Und jetzt Sie!“, – ich begann haltlos zu schluchzen.

Eine der kranken Tanten reichte mir ein Tempo und tätschelt meinen Arm, der links vorne an der Lehne des Bischöflichen Stuhls befestigt war. „Na, na“ sagte sie begütigend, „na, na…„, die Moderollatorin starrte irritiert in ihre gelben Karteikarten, der Regenwaldrollo kicherte blöd und das Saalpublikum johlte und haute sich krachend auf die westfälischen Schweineschenkel. Vollends durchschizophreniert – wie kam ich aus dieser Nummer bloß wieder heraus – brüllte ich in den Saal: „So, Schluss jetzt! Hört auf mit dem Geschwindelgrinsen, das war kein Spaß! Beziehungsweise wohl, ich wollte sagen, wohl, das war vielmehr bloß Spaß, ein kleiner Scherz, ein Gag, zur Auflockerung, in Wahrheit bin ich…“ , und nun musste ich aber echt improvisieren, „…der Steinerne Gast, der unsichtbare Dritte, der ganzganz Andere, das Objekt klein a, der abwesend Anwesende, der Dritte Mann, jenes höhere Wesen, das wir verehren….“, – dann wurde das einfache Volk mittelsanft nach draußen geleitet.

Mann, Mann, dachte ich im Aufzug nach unten, du bist ein echter Diskurs-Vergeiger! Aber als es mir in der Senderkantine gelang, meine entwerteten Straßenbahntickets als Essensmarken zu verwenden und einen Teller Käsemakkeroni zu erschwindeln, gewann ich schon wieder an Selbstachtung. Man muss improvisieren können!

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Unerhebliches durch die Puppenblume (Doppel-„pf“)

23. August 2011
 
„Schon oft bedachte ich in langer Nacht,


was unser Menschendasein so verdirbt,


und ich erkannte: nicht der Unverstand

ist Wurzel allen Übels – Einsicht fehlt


den meisten nicht, ganz anders liegt der Grund:


Was recht ist, sehen wir und wissen wir


und tun es doch nicht, seis aus Lässigkeit,


seis weil die Lust des Augenblicks das Werk


verdrängt, und mancherlei Verlockung gibts (…)“

 

Euripides, „Der bekränzte Hippolytos“

 

 

Warnhinweis: Der folgende Text enthält, nach dem starken Anfang, nur noch Puppengedanken. Die Lektüre ist Zeitverschwendung! –  Aus der taz, die es wiederum aus der FAZ hat, habe ich folgendes Zitat des Yanomami-Häutlings Davi Kopenawa: „ Ich denke, dass es sehr traurig ist, dass die Weißen ihre Wälder kaputtmachen und sich dann solche kleinen Puppenpflanzen (Topfpflanzen) in die Häuser holen, um damit zu spielen…“ Das gefällt mir, auch wenn ich hier angeprangert werde, als marodierender weißer Wälderkaputtmacher und Puppenblumen-Besitzer. Ich bekenne: Ich besitze einen Ficus benjamina, und ich spiele mit ihm, gieße, besprühe und dünge ihn, schau ihm beim Wachsen zu, putze seine Blätter und kommuniziere mit ihm, allerlei vegetativ non-verbale Ermunterungen aussendend. Bislang wähnte ich mich damit noch nicht auf der Straße der Verworfenheit. Schließlich gibt es böse weiße Männer, die sich zum Spielen sogar  kleine Puppenfrauen in die Häuser holen, dicke Puppenpitbulls oder Puppenwagen von Daimler, was dem Regenwald der Yanomami-Indianer bestimmt mehr an die Nieren geht als meine überwiegend digital-minimale Büro-Existenz.

Andererseits weiß man nie, auf welche Weise man, seis aus Lässigkeit, seis weil die Lust des Augenblicks einen packt, unfreiwillig in Gottes eigentlich vorbildlich ausgefinkelter Natur herumsaut. Zu meinem Wissensschatz, den ich teils Wikipedia, teils dem Fernsehen (flache Puppenstube!) verdanke, gehört seit kurzem der Fakt, dass zur Herstellung eines einzigen T-Shirts angeblich 4000 Liter Wasser verbraucht werden. Zwar weiß ich nicht, wie das genau zugeht, aber es frappiert mich. Statistiken können bei mir existentielle Ängste auslösen! Als Besitzer von ca. 80 identischen schwarzen T-Shirts (da hat man keine Last mit Wäschesortieren oder morgendlicher Kleiderwahlqual) hab ich die weltweiten Wasserreserven schon mal recht ordentlich dezimiert! Ob es im Regenwald überhaupt noch regnet? Hinfahren und nachschauen möchte ich nicht, weil das schon wieder 80%  der Energiereserven verzehrte, die z. B. ein armer Indianer braucht, um der FAZ Interviews zu geben.

Man sollte viel mehr über solche Erheblichkeiten nachdenken, aber stattdessen ertappe ich mich bei einer nichtigen Grübelei darüber, ob „Topfpflanze“ eigentlich das einzige deutsche Wort mit Doppel-„pf“ ist. Auch wenn mich das Wort zunehmend hypnotisiert, ist das natürlich ein Puppengedanke von monströser, ja, menschenverachtender Irrelevanz! Da drängeln sich die Weltprobleme, dass die Lifeticker durchdrehen, und mein doofes Hirn betreibt fruchtlose Nasbohrereien! Zum Glück blühe resp. blogge ich im Verborgenen, aber dennoch, wenn ich zusammenrechne, wie viel Lebenszeit ich meinem elitären Leserkreis allein durch diesen Text gestohlen habe – davon könnte eine erschöpfte Yanomami-Mami einen ganzen Nachmittag ressourcenschonend in der Hängematte liegen. Oder Puppenblumen für den Export züchten. – Trotzdem, mal ehrlich, je länger man das Wort anguckt oder je öfter man es rasch hintereinander ausspricht, um so merkwürdiger wird es, oder? Topfpflanze, Topfpflanze, Topfpflanze…

Vierzehn Arten, den Regen zu ertragen

23. Juni 2009
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...und der Regen regnete jeglichen Tag

EINE METEOROLOGISCHE ELEGIE IN GRAU-MOLL

Soundtrack: Hanns Eisler, „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“, Kammer-Suite für Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello, Klavier, op. 70, (1941), Arnold Schönberg zum 70. Geburtstag

 Der Wetterbericht: Über Wien, um Wien herum und an der Wien entlang regnet es seit 49 Stunden ohne Pause, ohne Luft zu schöpfen oder neues Wasser zu holen, es regnet ruhig, sehr ernst und stetig, gleichsam wie selbstbewusst, also ergiebig und überaus gelassen, mithin nicht etwa leidenschaftlich, platzregenhaft, nicht sintflutend, nicht wie der Zorn Gottes, in Wasserfarben gemalt, sondern in der ausdruckslosen, mechanischen Gleichgültigkeit einer Duschbrause, unter der ein am Schlaganfall verstorbener Badender den Hahn nicht mehr hat zudrehen können, sodaß seine seit Tagen gnadenlos benetzte und begossene Haut bereits einen grünlichgrauen Farbton ungesunder Wasserleichenhaftigkeit annimmt; ein Regen ohne Melodie, ohne An- oder Abschwellen, ohne Modulation, bloß so ein schlichtes, maues, schauriggraues Schaurauschen: drucklos, aber üppig überlaufend lassen die fetten Wolken einfach unter sich, einen gewissermaßen inkontinentalen Regenwaldregen, der zum Fort- und Fortregnen gleichsam regional verpflichtet ist; ein im übrigen kühler, nässender, erkältender Regen ist das, nicht etwa ein lauer, sommerlicher, duftigerregender Erotik-Regen, der einen dazu treiben könnte, barfüßig und kindisch lachend, mit jungen, leicht bekleideten Mädchen über Wiesengründe zu hüpfen, also kein kleiner Frühstück-bei-Tiffany– oder gar Singing-in-the-rain-Regen, sondern eine auf längere Sicht eher frühherbstlich Frösteln machende 400%ige Luftfeuchtigkeit aus undurchdringlichem, vielfach tiefgestaffeltem Himmelsgrau, eine Form meteorologischer Melancholie generierend (regen-erierend?), wenn nicht schon Depression, ein nicht endenwollender feuchter Alptraum, denn, wer jetzt keine Arche hat, der baut sich keine mehr, dem regnet es ungeschützt ins Gemüt, dem hilft nicht Knirps noch Pellerine mehr, allenfalls der Besitz von Friesennerz und Gummistiefeln, doch die sind – wir hatten auf den Sommer gewettet – fern, daheim, jenseits des Regenbogens, der hier, mangels Sonnenlicht, nicht zu entdecken ist, kurzum,  es plätschert, plästert, pladdert, pütschert, pisst, pullert, pieselt, its raining cats and dogs, einen gradlinig faden Schnürlregen, der die Siebenschläfer hinter den sieben Bergen in ihren Schlafnestern ertränkt, ein in seiner Leidenschaftlosigkeit und Indolenz gegenüber allem Lebendigen schon geradezu erhabenes, grandioses Scheißwetter, so schlecht, das Wetter schon nicht mehr der richtige Begriff ist, denn Wetter kann sich per definitionem ändern, aber hier regnet es fürderhin einen jeglichen Tag, noch und noch, für und für, hundert Jahre Regenwetter, der ungnädigen Himmel weitoffene Schleusen oder Unterhosen changieren zwischen stein-, blei- und blaugrau, was sagt uns das, nun, Gott hat eine feuchte Aussprache, ihm ist tausendjähriges Pisswetter wie ein Schauer am Nachmittag, amen, jetzt bricht der Tag an für die Stiefkinder der Evolution, modrige, morose, morastige Molche und mollige Mollusken erheben das Haupt, quirlige Quallen quellen qualvoll quietschend unter quarrenden Quadratlatschen, bei jedem Schritt, Fische flösseln schlüpfrig kichernd durchs Treppenhaus, pelziger Schimmel schlägt auf in den Vorstädten, Landunter, landunter! unwetterwarnt das Unterwasserwarnamt blubbernd, Blasen steigen auf zwischen fallenden, stürzenden, rieselnden, rinnenden Tropfengüssen (gießt es noch oder schüttet es schon?), alles fließt, panta rhei, sickert, strömt, löst sich, sprudelt, strudelt, schäumt, schlammschlawinert schneckenschleimig matschig patschend, Rinnen, Gräben, Bäche, Flüsse nährend, das Wassermannzeitalter einläutend, einnässend, apathisch aquatisch, eine chinesische Wasserfolter, water boarding, in submariner Marinade Badende waten vage winkend ins Uferlose unwägbarer Feuchtgebiete, hinab in den sumpfigen Schoß der Urmutter, die Stufenleiter der Wesen wieder abwärts, zum Regenwurm, zum Unwettergeziefer, zum Geschmeiß und Geschnetz, zum initialen Originalurschleim, zum Geisseltierchen, zum Naßzeller, und weiter noch, bis dahin, wo das Urmeer den Urkontinent Gaia umspült mit Milliarden Tiefdruckgebieten…

Ich glaube, ich leg mich wieder ins Bett.