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Trauerarbeit durch Tupperdosen-Archiv

7. Juli 2011

The mad hatter (John Tenniel)

„We`re all as mad as hatters here…“ (Tom Waits)

Im Geddo macht sich eine gewisse sommerlich-schläfrige Ruhe breit. Die meisten Nachbarn sind schon Türkei gegangen. Andere lehnen melancholisch aus dem Fenster und zählen die Tage, bis sie auch los können. Ob sie Türkei gehen, um mal etwas weniger Türkei zu haben als hier, oder aus irgendwie nostalgischen Gründen, ich weiß es nicht. Das mähliche Abebben des Kindergeschreis („Ane! Aaaaaaannne!“), dazu halte ich mich allerdings berechtigt, begrüße ich durchaus als Ohrenlabsal, genauso wie das unfassbare Erlebnis, dass ich des Morgens im Hof erstmals Salsa-Rhythmen hören durfte! Ich musste weinen. Salsa! An meiner tiefen Rührung merkte ich erst, dass mir im Viertel seit zwei Jahren eigentlich ausnahmslos unrhythmisches Oriental-Geschluchze oder Arabesk-Gedudel zu Ohren kommt. Für Nicht-Fachleute: Das ist so, als ob man jeden Tag mit deutscher Musikantenstadl-Polka beschallt würde, nur eben auf Türkisch oder Arabisch. Sommerferien im Geddo, das fühlt sich an, als ob über Nacht der Tinnitus geheilt wäre.

Was mich indes beunruhigt: Seit Tagen ist auch Freund und Nachbar Rombach verschwunden, Walter Rombach, 67, Rentner, gewesener Irgendwas-mit-Bauunternehmung. Unter allen meschuggenen Wurzeldeutschen im Geddo hebt Rombach sich hervor, weil er als einziger wirklich komplett wahnsinnig ist – ohne dass ihn das in seiner Lebensführung irgendwie beeinträchtigen würde. Rombach ist das wandelnde Hauptargument der Anti-Psychiatrie: Man muss Irre nicht internieren, sondern einfach bloß machen lassen. Gefährlich ist das selten, es gibt dem Alltag aber Würze und Tiefenschärfe. Rombachs Vertrauen gewann ich einst, kurz nach dem ich ins Geddo zog, durch das mir vorauseilende Gerücht, ich hätte Abitur. Seither darf ich Rombach gelegentlich mit vertraulichen Schriftsätzen und Übersetzungen in allerlei Weltsprachen zur Hand gehen, um ihn bei seiner großen Leidenschaft zu unterstützen. Rombach widmet seinen Lebensabend nämlich dem Führen von Gerichtsprozessen.

Nicht, dass jemand denkt, Rombach sei ein normaler Querulant! Er führt seine Prozesse methodisch, systematisch und mit akribischer Besessenheit; zumeist haben die den Prozessen zugrunde liegenden Rechtshändel eine jahre-, manchmal jahrzehntelange Geschichte, so komplex und verwickelt, dass sich mehrbändige Kolportage-Romane von Alexandre Dumas oder Karl May daneben ausnehmen wie flache Short-Stories. In den Akten wimmelt es von verlorenen Töchtern, vertauschten Personen und defraudanten Ex-Geliebten, dito Mordanschlägen, Brunnenvergiftungen, Entführungen und Versicherungsskandalen. Doch, bevor das jemand annimmt: Diese Prozesse sind nicht etwa eingebildet, Rombach führt sie tatsächlich und dokumentiert sie penibel in deckenhohen Aktenregalen und meterbreiten Hängeregistraturen, er beschäftigt ein Heer von Anwälten, Gutachtern und Detektiven und gibt dafür Unsummen aus. Die Belege habe ich selbst gesehen! Dabei lebt Rombach – angeblich – von „zweinnertfuffzich Euro Rente“, speist täglich an der Armen-Tafel und leidet überdies, seit Jahren „im Endstadion“  an „beiderseitigem Lungenkrebs“, lässt sich aber Armut, Leid (und Wahnsinn) äußerlich nicht anmerken.

Mein Herz gewann Rombach durch seine Trauerkultur. Ich weiß nicht, ob er schon immer neben der Spur des Gewöhnlichen agierte, aber definitiv aus der Kurve getragen hat ihn wohl der Tod der geliebten Ehefrau vor einigen Jahren. Mitten in seinen Aktenbergen ragen seitdem zwei uralte amerikanische Kühlschränke auf, die vage grollend Unmengen von Strom fressen, aber einen Schatz bergen: etwa zweihundert Mahlzeiten, die ihm die Frau zu Lebzeiten gekocht und vorsorglich eingefroren hat. Selbstredend sind auch die Tupperdosen ordentlich beschriftet, datiert und archivarisch registriert. Jedes Mal, wenn ich auf dem wackligen Drehstühlchen vor den beiden eisigen Grabmonumenten sitze, um verwickelte Rechtsfragen zu diskutieren, beschleicht mich ein erlesenes Gefühlsgemisch aus Rührung und heimlichen Grauen. Aber so ist Rombach, der damit das exakte Gegenteil von mir darstellt – bei ihm kommt nichts weg!

Nun ja, eben außer ihm selbst. Zuletzt wusste ich ihn in einen geradezu haarsträubenden Kriminalfall involviert, der internationale Verwicklungen, auch diplomatischer Natur, bis nach Nordafrika und den Nahen Osten zeitigte. Ich darf mir schmeicheln, ihm als Berater in Sachen arabischer Mentalität und als Schriftführer im Verkehr mit div. Botschaften zur Seite gestanden zu haben. Und jetzt ist er weg, wie vom Erdboden verschluckt! Auch sein Auto, das er mit einer retrospektiven Ausstellung der Hüte seiner Frau dekoriert hatte, wird nicht mehr gesehen. Was soll ich tun? Ich kann nur auf Rombachs mythische Unverwüstlichkeit bauen und darauf, dass er wieder auftaucht, bevor unbezahlte Stromrechnungen den Tupper-Schatz dem Verderben preisgeben…