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Wider die Orthopädographie

15. Mai 2012

Korrektur-Programm im Alten Ägypten: Jedes zweite Wort unterkringelt!

Warumb nuhr, theuere Genoßsen, seyd Ier unter die be-schämickt Sklaverey der RechtSSchreibunck gerahten, Ier armen Thoren? Wass lasset Ier, zu Gnaden, Euch denne vom großmechtigen Leviathan vulgo Satan oder so genannter Staat, in Euere partes privatissimae was ist die hochmögende Orthographia hineyngrappschen und herrumm pfuschen? Sünd nicht die Herren Grafen von Dudenn eyne veritabul Pestilenßz und Lantplahk, eyn beßerwisserisch Volck und Heerbann von lauther verderbtenn ehrloßen Kannegießern, krumben Pedannten der scola unt vor die Freyheit böß gesatzten Lummppenpack? Iie! deß Schröckenn und fauliges Gyfft vorspreizenden Natterngezücht, wo muthwillig cujonieren thut, was Freyheit der Scribenten seyn mußs & seyn soll, vor immerdahr und vuon unsrem HErrn GOtt geben! Mir ist die aerwig Schulmeysterei der orthopädaeisch Schwetzer und Wortdrexler ein Gräuel und wahrchafft Eckel! Sie solln ablassen von denen ierer elennt Beßsrungswuth, Thugend-Terreur und Gängelband-Binden! Ich schrob von Geburth an nemlich nach dehm eygen Schnabel und fuhr gutt nach dem Gefüel und Geschmakk deß puren Odems in meyne Brust! Hab ich nicht ius, nach dero Sitten der ehrwürdigen Aeltern zu faren? Meyn Hertz ersehned zuweylen eyn ächte Schweyzer Gard zu miehten, dem Thun der forfluchten, führwitzigen Correctores eyn End zu settzen und seys mit Schrecken, Bluth und Brannt!

– Also, zur Erklärung, es war so: Heute im medientheoretischen Seminar über Schrift und Schriftlichkeit, kamen wir, einem Textchen von Roland Barthes folgend, methodisch, dialektisch und systematisch ordentlich vom Hölzchen aufs Stöckchen, will sagen am Ende auf den beinahe staatlichen orthopädographischen Terror der sog. Rechtschreibung bzw. die Diskriminierung der kreativen Heterographen. Kaum schreibt einer, von der Macht der Begeisterung hingerissen, in seiner Bewerbung z. B. bei der Fa. Fielmann, er hätte „fielerlei Interessen“, wird er schon aussortiert und kommt auf den Lehrlings-Kompost! Ist das gerecht? Ehre den Helden der kreativen Schreibung, wie zum Beispiel James Joyce und Arno Schmidt! Und den barocken Anarchen! Kürzlich entschuldigte sich eine werte Kollegin dafür, versehentlich „Liedschatten“ geschrieben zu haben. Dabei! was für ein herrliches Wort! „Ich bin im Liedschatten der Beatles aufgewachsen!“ – ist das denn unklar, missverständlich oder verwerflich? Nicht im mindesten! Das ist wahr, das ist gut, das ist schön. Was verschlägt denn die unmaßgebliche Meinung der Duden-Terroristen?

Ich weiß ja nicht, wie das zugeht, aber hinter jedem Word-Dokument, das ich öffne, sitzen heute hundert unsichtbare, anonyme kleine Chinesen und unterkringeln mir jedes zweite Wort, das ich schreibe, blutrot mit Droh-Verbesserungen. Bitte, ich möchte das nicht! Gezeugt, gestillt und genährt noch in der Griechischen Antike, wuchs ich gymnasial in der frühen Goethe-Zeit auf und das war eine herrlich freie (freye) Ära! Ein jeder, zuvörderst Goethen, schrieb, wie er’s sich dachte, wie er fühlte und klingen mochte, und kein absolutistischer Sprachpolizey-Kommandant namens Literalhauptkommissar Duden verwies ihm diese Freiheit des persönlichen Ausdrucks. Der Staat hatte andere Sorgen, als seynen Unterthanen vorzuschreiben, wo sie das Komma hinklecksen sollten. Kommata setzte man dort, wo man mal Luft holen musste, und gut wars! Wo bitte gibt es denn allgemeine Regeln zum Luftholen? Ein Engbrüstiger, ein Asthmatiker oder luftknapper Adept der Schwindsucht setzte viele dieser Beistriche, ein weitbrüstiger Rhapsode, Musikal-Kastrat oder Opern-Arier deren halt weniger. Ja, na und? Gab es deswegen etwa babylonische Verwirrung, gegenseitiges Missverständnis und Zungenverwirrung? I wo!

Dass Werthern sich in Lotten verliebte, als er sie beim Brothschneiden beobachtete; dass er, da er sie nicht haben konnte, sich am Ende zwangsgerecht selbst entleibte – haben wir das etwa deshalben nicht verstanden, weil im Original Seyn statt sein, Muthwillen statt Mutwillen stand? Ob was mit „ß“ oder „sz“ oder „ss“ geschrieben wird – macht uns das das Ausgedrückte etwa undurchsichtig? Ach was! – Ich weiß, der staatliche Rechtsschreibungsterror wird nicht leicht zum ersten Motiv einer Revolution werden,  aber dennoch, wenn dereinst, nach den „Piraten“, den „Halunken“ und den „Ganoven“ endlich  als achte Partei die „Barbaren“ kommen – ich wünschte, sie gäben, im Zuge einer erweiterten Aufklärung, nicht nur frei, was man glauben, sondern auch, wie man schreiben dürfte! Das wäre ein Fest! Der grammatische und orthographische Frühling! Wir strömten auf die Straße, auf den Dudenplatz, unsere Fahnen schwingend, auf denen, als Logo und Freiheitsfanal, ein „y“ prangte, ein „ß“ und ein „th“, sowie das Symbol einer Gießkanne, andeutend, dass wir unsere Kommata nach anderen Prinzipien vergössen als die Pedanten. – Ah, Freyheit!

Wider den grausen Neckermann! Einladung zur Kaperfahrt

27. November 2011

Wie alles anfing: So weckte ich den NECKERMANN

Von Kindesbeinheit an hatte ich Piratenaffinität. Heimatliche Störtebecker-Legenden sog ich mit der Muttermilch und dem Vaterbier auf. Hätten sie mich auf der Marinade-Akademie in Mürvik genommen, führe ich heute mit Gorch Fock auf Kapernfahrt. Ich versagte jedoch im IQ-Test für Vollmatrosen, wegen seelischer Ressourcenknappheit und mangels räumlichen Vorstellungsvermögens, und fiel somit vorerst aus der Takelage bzw. rasselte durchs Schulschiff. Na gut, dann eben Lokführer.

Die Leidenschaft für maritime Abenteuertumsverwegenheit und libertäres Segeln indes blieb, schwelte und glomm weiter in mir, vor allem als noch Johnny Depp dazukam und diese aufpeitschende Seeräuber-Hymne von Hanns Zimmer („tadadim-tatadamda-damtata-dam-da!“). – Als die letzte Fußball-WM sich am Horizont abzeichnete, erschien es mir daher stylish und angemessen verwegen, über dem Geddo eine Totenkopfflagge zu hissen bzw. als Supplement zum bürgerlichen Schwarz-Rot-Gold aus dem Fenster zu hängen. Dem Türken wollt ich’s zeigen, und den Pfeffersäcken! Rasch warf ich das Internetz aus und bestellte mir so ein Ding, für ca. 5,85 Goldstücke. Pah, dachte ich, das bisschen Muschelgeld ist der Spaß ja wohl wert. – Ich wusste ja nicht, was ich tat!

Ich hatte damit nämlich das unaussprechlich widrig-schleimige Monster der Tiefsee, den Riesenkraken Neckermann geweckt! Wer es nicht weiß – und deswegen noch seine Seelenruhe besitzt! – der Neckermann ist eine Kraken-Monsterqualle mit Oktopustentakeln, ein grauses und schaudervolles Ungeheuer, ein moroser mittelalterlicher Schleimbeutel, miasmatisch, mysteriös und marode, und ein unsagbar fieses,  ekliges, miststückiges Miesmuschelmonstrum überdies, kalt, fischig, widerwärtig, eine gefräßige Muräne, die schnapp! schnapp! die Glieder zerreißt, die Nerven zerfetzt und eventuell oder generell keine Gnade kennt! Verloren, um wen das Untier seine Saugnäpfe schlingt. Niemand, auch der beherzteste Pirat nicht, nimmt es mit dem eklen Neckermann auf!

Seit jenem unseligen Tag, den Neptun verfluchen möge, speit mir dieses Monstrum nun täglich, täglich, ach! elektronische Schleimbatzen in den Ausguck, trompetet markerschütternd „Herr Kraska, wir schenken Ihnen 20 Euro!“ oder säuselt sirenenhaft, ich hätte hier was gewonnen, dort einen versilberten Gutschein ergattert oder würde wenigstens mein Glück machen resp. ausgesorgt haben, wenn ich noch heute, unbedingt noch heute eine brandaktuelle Kittelschürze bestellte, einen sensationell günstigen Fleece-Pulli oder einen beigen Anorak. Lüstern nach meiner Seele zucken die Fangarme, schmatzt das geifernde Maul, rollen die blutunterlaufenen Augen: Neckermann, der Leviathan, die Ausgeburt der nassen Hölle, will mein Schiff auf das Kreditriff ziehen oder auf die Versandbank auflaufen lassen! Alle acht Glasen lasse ich das Deck schrubben, – und am nächsten Tag ist der Schleim wieder da!

Ich brauche Jack Black, ich brauch Captain Sparrow und ein Schiff mit fünf Segeln und pfümzig Kanonen an Bord, dann will ich gegen den Neckermann fahren! Ich werd ihm den Server aus dem Leib reißen, den Saugschlund verkleben, eine Ladung Pulver und Blei ins Spundloch rammen, ich werd Tod und Teufel nicht fürchten, hey-ho, jetzt gilts! Ich habe Männer mit Entenhaken, Säbelsägen und Rabumms-Musketen, und ich werde nicht ruhen, bis die Tinte des Kraken die Weltmeere schwärzt und er die größte Pizza des Königreichs belegt (frutti di mare).

Sollte ich freilich dem untoten Neckermann doch erliegen und bei voller Fahrt untergehen, die Segel streichen und in des Totenmanns Kiste springen, so werde ich noch am letzten Erdentag eine E-mail bekommen: „Herzlichen Glückwunsch, Herr Kraska! Die neue Herbstkollektion ist da!“

Alles geben. Die Wahl in NRW

9. Mai 2010

Als Schule noch bunt war... (Codex Manesse. Leher in Esslingen)

Eine neue (?) Blödsinnsphrase fällt mir in letzter Zeit verschärft auf den Wecker. Zwar leben wir in einer gnadenlosen Wettbewerbsgesellschaft, in der jeder Raffzahn vom Stamme Nimm so viel an sich zu reißen versucht, wie eben reingeht, aber alle betonen, sie hätten jedenfalls „alles gegeben“! Der VFL Bochum ist abgestiegen, weil, so der Trainer, die Mannschaft „im Endeffekt“ (!) eben nicht „alles gegeben“ hätte; dabei hieß es auf der letzten Pressekonferenz doch noch, für den Klassenerhalt wollen man auf jeden Fall unbedingt „alles geben“!

Im Früh-Radio gurren schon die von Heidi Klum säuberlich dressierten Disco-Mietzen, deren Sinnlichkeit, scheints, wohl nie schläft. Sie „geben alles“, zu jeder Zeit und rückhaltlos, um bei Viva oder wo ihr Schnütchen zu spitzen. Halsbrecherisch stöckelt das Leben stotternd auf Stöckel-Pumps: Vorzugsweise traumatisierte Traumfiguren in Spitzenspitzenunterwäsche! Ich möchte eigentlich gar nicht „alles“ von ihnen, mir reichte es schon hin, wenn sie mal etwas Ruhe gäben auf ihrem cat walk. Nicht auszuhalten, das Maunzen und Miauen!

Die aus der Bundeshauptstadt eingeflogenen, auf meiner Dachrinne aufgereihten Besserwisser haben jetzt ihren Song-Einsatz. Bitteschön, die Damen und Herren Schlaubeger: „Denn mach domma einfach det Jerät aus, Mann!“ Ja, danke, Spitzentipp, ditte, aber ich brauch doch Nachricht, wann in Griechenland die Revolution ausbricht! Benötige ich meine Euros noch, oder soll ich alles rechtzeitig verschleudern? Mir sagt doch keiner was! Ich hab schon den Mauerfall und die Wiedervereinigung verpeilt und verbaselt, weil ich da gerade Liebeskummer hatte. Nun möchte ich bei der gesamteuropäischen Revolution wenigstens nichts verpassen. Wenigstens einmal möchte ich Zeitzeuge eines historischen Ereignisses sein, anstatt im breiig-bleiernen Einerlei des Alltäglichen herumzuwaten.

Andererseits bin ich seit meinen maoistischen Steineschmeißerzeiten staatsbürgerlich gereift. Deswegen hab ich heute morgen auch schon „alles gegeben“, nämlich meine Erst- und meine Zweitstimme. Prinzipiell sympathisiere ich mit einem Staat, in dem man auch Piraten wählen darf. Als von fern her verschwägerter Schwipp-Nachkomme des entlaufenen Theologen Magister Wigbold, dem nachmaligen Strategen Klaus Störtebeckers, liebäugele ich nämlich schon mit einem kleinen weißen Totenschädel im schwarzen Feld unserer Nationalflagge! Das wär mal ein kleidsames Staatswappen, oder?

Trotzdem, Politik ist zwar heute weder „ernst“, noch auch nur „die wichtigste Nebensache der Welt“, nein, Politik ist heiter Spaß und Spiel und Narretei, aber trotzdem doch kompliziert wie Hallen-Halma und Hüpfburg-Husten. Zum Beispiel warnte unser liebenswürdig verschusselter, treuherzig verlogene, irgendwo aber auch wieder hochsympathische schwarz-gelbe Landesvater uns unmündig-übermütige Landeskinder heute morgen beim Frühstück noch einmal dringendst davor, mutwillig eine „rot-rot-grüne“ linke Diktatur zu wählen, denn diese bedeute „Schulchaos und Schulden“. Schulchaos und Schulden ist aber nun exaktemang genau das, was wir gerade haben. – Also wie jetzt? Den Wechsel wählen, um das Chaos zu bewahren? Oder mehr vom selben, damit sich was ändert? Als wankelmütig-windelweichem Wechselwähler bricht einem der Examensnotschweiß des intellektuell Überforderten aus: Was ist bloß die richtige Antwort? Und, wie immer, man darf noch nicht mal beim Nachbarn abgucken oder spicken!

Solchermaßen vorverwirrt, betrottet man sein „Wahllokal“ für die Bezirke 2808 und 2807, und steht unmittelbar, wie bei einer Geisterbahnfahrt, inmitten der beschworenen Schul- und Schuldenkrise. Hier wird sie erlebbar. Das Mercator-Gymnasium nämlich, in dessen kalten, grauen, angststarren und mittelmäßig verwahrlosten Wänden der Bürger zur Stimmabgabe schreitet, präsentiert sich als architektonischer Archetypus der Lieblosigkeit, Geldknappheit und klandestinen Jugendverachtung. Wer hier was lernen soll, lasse mal erstmal alle Hoffnung fahren. Von den neon-grau kränklich beleuchteten Wänden tropft das Kondenswasser des Schülerangstschweißes. Man meint, die schrill überschnappende Stimmen demotivierter Lehrerinnen widerhallen zu hören, das dumpfdumme Gelaber von Murat, Aaron und Basti, das müde Gekicher der Mädchen. Gott, können NRW-Gymnasien hässlich sein! Es riecht nach Mathe-Arbeit, nach Verzweiflung und nach Hormonen. Immerhin, am Horizont leuchtet es: Im Sekretariat gibt es schon Abiballkarten…

Draußen hingegen tirilieren Nachtigallen, Feldlerchen, Amseln und Sperlinge tschilpen, Maienluft fächelt kühlen Sonnenduft um frisch Ergrüntes! Warum, warum nur wählen wir denn nicht im Freien, in Parks, am Rheinufer auf den Wiesen und Auen, oder in den Wäldern? Weil da alles schon grün ist?

Leute, bitte, schimpft morgen nicht über die Bevölkerung von NRW: Ich jedenfalls hab bei dieser Wahl alles gegeben!