Posted tagged ‘Phobie’

Aus meinem Phobie-Album

4. August 2011

Wir Phobiker (Bild entliehen vom hübschen stempelfroschsblog.blogspot.com/ 2009/10)

Im Fernsehen habe ich heute eine Dame gesehen, die eine schlimme Phobie vor Knöpfen hatte (Koumpounophobie). Hier scheint mir eine zauberhaft zarte Seele vorzuliegen! Ich würde gern eine Art Salon aufmachen für Menschen mit seltenen Phobien. Ich stelle es mir ziemlich sensibilitätssteigernd und zumindest mild stimmungsaufhellend vor, bei anxiolytischen Getränken still beieinander zu sitzen und bizarre Ängste auszutauschen. Um ein wenig Selbstironie ins Spiel zu bringen, könnten wir uns ein spitzes, buntes Hütchen aufsetzen und verhalten schmunzeln, während Alektorophobiker (Angst vor Hühnern), Anophelophobiker (Angst, Frauen beim Sex zu verletzen), Autodysomophobiker (Angst vor Dingen, die abscheulich riechen) oder, besonders aufwühlend, Hellenologophobiker (Angst vor griechischen Fachausdrücken!) das Wort ergreifen und ihr Leiden schildern.

Es soll, den griechischen Fachausdruck habe ich grad nicht parat, auch die Phobie geben, von einer Ente beobachtet zu werden, – eine der wenigen Ängste, die mich noch nie befallen hat, aber es ist gut zu wissen, dass auch hier potentielle Gefahr lauert. Angst kann man ja nie genug haben. Andererseits könnte es sich als aufbauend fürs Selbstbewusstsein erweisen, zu wissen, dass man notfalls immerhin einer Ente furchtlos ins Auge blicken könnte.

Ein Psycho-Leiden, das, grad erst erfunden, derzeit für viel Furore sorgt, ist die sog. Islamophobie (Angst vor bescheuerten mittelalterlichen Beduinen-Religionen). So etwas kenne ich nicht. Ich habe keine Angst vor dem Islam, ich kann ihn bloß nicht ausstehen, und zwar, eh jetzt die üblichen hobby-theologischen Differenzierungsviolonisten mir einen ’reingeigen, in überhaupt keiner Version. Ein Misogyn-Schnabel, der meint, eine Frau sei halb so viel wert wie ein Mann, der ist m. E. noch gar nicht reif für eine ausgewachsene Religion, der ist schon in Hodschas Klippschule durchs Metaphysicum gefallen.

Das verbreitetste Leiden bei uns im Geddo ist die Xenophobie (Abscheu vor anderen). Wir hassen uns hier alle: Die Serben die Albaner, die Mazedonier die Griechen, die Griechen die Türken, die Weißen die Schwarzen, alle gemeinsam die Roma-Bulgaren und die Deutschen auch noch sich selbst. Wer hier xenophil ist, der ist entweder kommunaler Sozialarbeiter oder von den Grünen, aber, achso, die wohnen ja nicht hier. Die unerträgliche Atmosphäre menschenverachtenden Hasses hindert unsere multi-ethnische Kneipenrunde freilich nicht, einander fortwährend höflich Zigarettchen anzubieten, Bierchen und Kurze auszugeben und später in gelöster Stimmung Volkstänze unklarer Herkunft aufzuführen. Natürlich behandeln wir einander als Menschen zweiter Klasse, aber das liegt daran, dass wir halt alle bloß Menschen zweiter Klasse sind. Premium-Mitglieder der Spezies findet man im Geddo nicht.

Als persönlichen Luxus leiste ich mir eine meta-phobische Spezialanfertigung: die Allodoxophobie-Phobie. Das ist, wenn einen Menschen nerven, die Angst vor fremden Ansichten haben.

Als Durst-Phobiker in Diyarbakır

5. Januar 2010

Nichts für Durst-Phobiker: Diyarbakir (town with no cheer). - Foto: Wikipedia Open Source, Christian Koehnen (?), August 2001

Eine der psychischen Beeinträchtigungen, an denen ich ewig laboriere, besteht in einer ausgeprägten Durst-Phobie. Schon als Kind hatte ich das; in dem Rucksack mit vielfältigen Ängsten, der auf meinen zarten Schultern lastete, war dies geradezu ein Prachtstück von prospektiver Panik: Daß ich mal fürchterlichen Durst leiden könnte, und es wäre nichts zu trinken verfügbar! Entsetzlich! Keine Ahnung, woher diese Phobie stammte, vielleicht weil ich nicht gestillt wurde? Oder bereits im Leib meiner verehrten Frau Mutter einer pränatalen Dehydrierung anheimfiel? Heerscharen von graubärtigen Psychoanalytikern könnten an mir ihr Hermeneutik-Besteck wetzen – die Rätsel blieben, und das Leiden auch.

Einmal sah ich, allerdings – es war mir, ehrlich, versehentlich unterlaufen! –  bekifft und daher wie gelähmt, in einem winzigen Schwarzweißfernseher den gefühlte achtzehn Stunden langen Spielfilm „Lawrence von Arabien“, einen unter heißem Wüstenstaub fast schon verschütteten Streifen oder Schinken ohne nennenswerte Handlung, und ich erlitt geradezu höllische Durstqualen, weil mich das Haschisch fluchtunfähig auf dem Sofa festgeklebt hatte! Noch jahrelang konnte ich weder Peter O’Toole noch Omar Sharif sehen, ohne daß mir die Hände zitterten!

Später verschob sich die Phobie von einer allgemeinen Dehydrierungsangst hin zu der spezialisierteren Furcht, plötzlich ohne alkoholische Getränke dazustehen. Ja, ja, geschenkt, ich weiß, was jetzt alle denken. Man diskriminiert mich wieder mal mit der Alkoholismus-Keule! Dabei ist es das gar nicht; es handelt sich um eine echte Phobie, weil, ich muß den Alkohol ja gar nicht unbedingt trinken, darum geht es nicht, ich werde nur nervös und unglücklich, wenn keiner da ist!  Noch verstörter erlebt man mich allerdings, wenn die entsprechenden Getränke zwar im Prinzip problemlos erhältlich wären, man mir ihren Ausschank aber vormundshalber oder pädagogischerweise verweigert. So etwas kann ich überhaupt nicht leiden! Da werde ich ungenießbar! Vielleicht deshalb hat man mich nie mit grimmigerem Blick erleben können als bei Reisen durch hard-core-islamische Länder.

Mit noch heute brennender Empörung (vom Durst gar nicht zu reden!) erinnere ich mich einer Rucksacktour durch Kurdistan. In der düster-brütenden, brüllaffenheißen, stickig-staubigen ost-türkischen Provinzhauptstadt Diyarbakır, deren freudlosen Gassen nach von schwarzen Schmeißfliegen bedeckten Hammelhälften rochen, Gassen, in denen ich recht erfolgreich mit türkischen Besatzer-Soldaten im Finsterumherschauen wetteiferte, in solchen hitzeflimmernden Gassen also schleppte ich mich, halb verdurstet, geschlagene fünf Stunden durchs urbane Häuserkampf-Gelände, ohne auch nur eine einzige Gelegenheit zu finden, wenigstens ein großes, dünnes, kühles Efes-Bier zu ergattern! Freilich hatte ich, die Situation verschärfend, nicht nur meine Phobie, sondern auch meine attraktive, damalig zukünftige Ex im Schlepptau, die – zwar bodenlang frommvermummt und zuchtbekopftucht – dennoch als weiblich erkennbar blieb; mit seiner eigenen Ehefrau am Nachmittag in Diyarbakır ein Bier trinken zu wollen, könnte man mal als Horror-Aufgabe im „Dschungelcamp“ stellen! (Wer wissen will, wie das endete: Nach schließlichem Verlust aller Contenance und Schüchternheit, und plötzlich fast fließend türkisch fluchend könnend, brach ich am Ende unter Getöse und Gewaltandrohung in ein von den Islamisten noch übersehenes Speakeasy ein und zwang den Wirt dort, uns aus herbeigeschleppten Stühlen und Tischen eine Art Separée zu basteln, indem wir je zwei halbe Liter eiskaltes Efes herunterstürzten, von den Blicken der anwesenden Schmuggler-Kurden durchbohrt wie der hübsche, sexy Heilige Sebastian von Römer-Pfeilen.)

Seit diesem Trauma-Urlaub machen mich hier, in Deutschland, in Duisburg, in der hood, die Klitschen, Imbisse, Schnell-Restaurants und Holzkohlegrill-Buden EXTREM GEREIZT, die aus lauter Angst vor dem herumspukenden Stadtteil-Imam oder Nachbarschafts-Hodscha und seinen spitzelnden Spießgesellen sich nicht mehr trauen, zum hochwürzigen Essen ein Bier, ein Glas Wein oder einen Rakı auszuschenken. Echt! In den sich dicht an dicht aneinander schmiegenden Holzkohlengrill-Läden meiner Nachbarschaft gibt es nur noch Ayran und Cola zum Essen! Keine Ausnahme?

Doch – EINE EINZIGE! Frau Gülsoy druckt es stolz und furchtlos in ihre Speisekarte: Hier gibt es, Wunder Allahs!, wenn der Gast denn möchte, noch Wein („weiss oder rot“!), Rakı und sogar „Whisky“ zum Essen dazu! Kein Wunder, daß ihr Schnellrestaurant, in dem man an gemütlich-folkloristisch eingedeckten Tischen durchaus auch langsam essen darf, „Beyoglu“ heißt – wie der allerwestlichste Stadtteil des europäischen Südwest-Istanbuls. Hier sagt der Hodscha „Guten Appetit“ („Afiyet olsun!“) oder hält gefälligst die Klappe!

Nicht, daß ich am hellen Mittag zum – übrigens leckeren – Döner-Teller Alkoholisches bestellt hätte – aber ich hätte KÖNNEN! DÜRFEN! DIE FREIHEIT GEHABT! Schon wegen dieses Alleinstellungsmerkmales werde ich das „Beyoglu“ jetzt öfter aufsuchen; außerdem gibt es dort die zartknusprigduftigsten selbstgemachten Brötchen in ganz Hochfeld, und das Essen ist gut, bzw. auch für Islam-Allergiker hervorragend geeignet.

Nun hoffe ich, mit diesem Lob Frau Gülsoy nicht etwa geschadet zu haben. Was mich beruhigt: Der hiesige Imam soll, von der türkischen Religionsbehörde geschickt, kein Deutsch können. Qype kennt der bestimmt auch nicht. Wir sind hier also auf der sicheren, europäischen Seite der Türkei. Şerefe! („Prost!“)