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Ein Dichterleben

16. Februar 2012

Kulturdamen verabscheuen Indezenz! (Quelle: http://www.allmystery.de/)

„Am 23. Jänner, im dritten Semester, war ich bereits dermaßen arm, dass ich erwog, mir die Fingerspitzen zu frittieren, um wenigstens einmal wieder etwas Warmes zu knabbern zu haben.“ – Auf einer Novelle, die dergestalt sinister begänne, läge kaum Segen. Mit Grausen beschlösse die jäh abgeneigte Leserin, immerhin Absolventin mehrerer Volkshochschulkurse zum Thema Gute Damen-Literatur, die Lektüre noch in der duftkerzenbeschienenen, von Vivaldi-Musik umschmeichelten Wellnessschaumbadewanne abzubrechen. „Ein entschiedenes ‚Igitt, nein!’ zu solchem sozialkritischen Autokannibalismus! Es sind ja noch nicht mal Rezepte drin!“ schleudert die vor Unzufriedenheit bebende Lesedame dem unbekannten Autor K. entgegen, der hungrig in seiner Dachmansarde im 5. Stock (ohne Aufzug) sitzt und den Kopf hängen lässt, nicht wegen der strengen Lektüre-Domina, die hat er ja zum Glück gar nicht hören können, sondern aus allgemeiner Geschmacksverbitterung und hirn-ekliptischer Gemütsokkultation.

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„SPUCKEN SIE BLUT BEIM ZÄHNEPUTZEN?“ – Mit dieser marktschreierisch-aufdringlichen, schamlos verhörerischen Erkundigung hatte den jungen Empfindling schon am Morgen eine Reklametafel für Zahnpasta angefallen und gründlich den Tag verdorben. Solche indezente Herumbohrerei in seiner oralen Intimzone hatte ihn nachhaltig verstört; in seinem Merkbuch für angehende Dichter hieß nämlich eine der ersten Maximen: „Merke, Dichter! / Blut und Eiter/ stimmen niemals heiter!“ – Unbedingte Körperdistanz und strikte Affektkontrolle! – so hatte es ihm einst sein alter, vor zwei Jahren auf einer Kreuzwallfahrt nach Detmold verschollene Traurigkeitslehrer Arnold Winterseel stets eingeschärft. Schon, dass er inwendig lauter Adern besaß, in denen es praktisch ständig blutete und, schlimmer noch, einen meterlangen rosa-bräunlichen Darm, in dem unentwegt Unaussprechliches vor sich ging, kränkte ihn aufs peinlichste und ließ ihn vor Selbstabscheu das Atmen vergessen. Seine fortschreitende Dezenz veranlasste ihn sogar, nachts seine Wortschatzkiste zu durchkramen und gemeine Wörter wie „schleimlösend“, „Brechdurchfall“ oder „Mukoviszidose“ auszusortieren und unter allen Anzeichen des Ekels in den Wäschekorb zu stopfen. – „K.“ ist übrigens natürlich nur ein Künstlerpseudonym, unser Autor heißt bürgerlich Fredi Asperger, eine Name, unter dem er indessen praktisch unbekannt ist.

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Wie mancher zumeist Ungelesene lebt Asperger häufig von frugaler Mangelernährung. Fettfreier Erbsbrei, Trockentoast und Teewurst alle Tage, an hohen Feiertagen vielleicht eine Dose plastinierte Ölsardinen, das ist das Brot der Dichter. Vitamine, Sprudelelemente und ungesättigte Mineralöle? Fehlanzeige! Eine gewisse Dünnhäutigkeit ist die Folge, was freilich der emsigen Verwandlung von Alltagszumutungen in schöne oder auch weniger schöne Literatur förderlich sein kann, in der Mansarde, nach Feierabend. Nur die Plapperkiste muss aus bleiben, denn da kommen zum Abendbrot schon wieder Nachrichten aus dem Verdauungstrakt.

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Zum Glück war der TV-Apparat ohnehin längst entzweigegangen und komplett hin, weil Asperger, von einem Koi-Aquarium bei seinem Eck-Chinesen inspiriert sowie durch eine halbe Flasche Schottenschnaps ein wenig übermütig geworden, einmal während einer öden Talk-Show eine Kanne Blumenwasser hineingefüllt hatte, um zu prüfen, ob die verzweifelt munteren Plaudertaschen im Studio wohl einmal das Plaudern vergäßen und zu schwimmen versuchten, wenn man sie dazu zwänge. Sie vermochten dies aber eher nicht, soweit Asperger dies beurteilen konnte, denn zu seiner schlagartigen Ernüchterung implodierte die Flimmerkiste mit einem unangenehm endgültigen Brizzel-Knall-Geräusch und verriet fortan nichts mehr über das weitere Leben ihrer internen Spaß-Figürchen. – Im Grunde ein Segen, denn Fernsehen verklebt, wie die Ölpest das Gefieder der Pelikane, die Flügel der Phantasie, – mit Ausnahme von Kulturfilmen aus Afrika, zum Beispiel über diesen einen Stamm in Äthiopien, wo sich die Frauen Essteller in die Unterlippe operieren, um attraktiver zu sein. Das lädt freilich endlos zum Träumen ein.

 

Löffel treuer als Socken. Was selbst bei IKEA nicht zusammengebaut werden muß

13. August 2009
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Unzertrennlich: Löffel verehrt Gabel

BESTECK IN DER BEZIEHUNGSKISTE

 Da gibt es nichts: Die sattsamst bekannteste Vergnügung der Welt (Sexualität. Ja, genau, gääähn!) ist immer noch der absolute Renner Nr. 1! Weil ich allergisch auf die höhnisch-fiesen Sprayer-Parolen reagiere, die auch bei uns an die Tunnel-Durchgänge geschmiert werden („Keiner liest deinen Blog!“), guck ich aus purer Eitelkeit alle paar Tage auf meine Blog-Statistik, um mir ein Bild über meine tatsächlich zahlenmäßig recht bescheiden ausfallende, aber nicht gänzlich gegen Null tendierende  Lesergemeinde zu machen. Dankenswerterweise wird einem ja angezeigt, wer von wo warum mit welchen Suchwörtern zu mir gelangt ist. Meine Statistik ist recht ansehnlich! Ich habe rund hundert Leser pro Tag. Immerhin!

Schau ich genauer, sinkt mein Triumpfgefühl wieder auf Normalnull. Irgendwann, bei einem Artikel über Sprache, Alltagssemiotik und Presse-Wahnsinn hab ich mal ein völlig sachfremdes Foto verwendet, das eine unbekleidete vollbusige Blondine zeigt (in Teilansicht!) und in Internet, wo ich’s her hab, den Titel „busted teen girlfriend“ trägt, also zu deutsch „mit Brüsten ausgestattetete Freundin zwischen Dreizehn und Neunzehn“. Wie sich zu meiner Beschämung herausstellt, ist diese Dame, die ich noch nicht mal zu kennen die Ehre habe, für den – relativ – passablen Leserdurchschnitt meines Blogs praktisch fast alleine verantwortlich! Zahllose Interessenten müssen im Netz von der Nachricht förmlich elektrisiert werden, daß es U-20-Frauen gibt, die a) blond, b) mit Brüsten ausgestattet sind, welche man sich c) bei  mir auf dem Blog zu zwei Dritteln ansehen kann! Sechs bis elf Männer (na, Frauen werdens wohl nicht sein, oder?) surfen pro Tag im Durchschnitt auf meine Seite, bloß weil ich vor zig Wochen mal die einladend ausladenden Möpse einer Anonyma in einen Text integriert habe! Ist das zu fassen? Meine Phantasie reicht so weit, daß ich mir ausmalen kann, wie man im Internet nach Anregungsbildchen sucht. Auf die Idee aber, zu diesem Zwecke die Suchwort-Kombi „busted teen girlfriend“ einzugeben, wäre ich wohl im Leben nicht gekommen.

Während das menschliche Triebleben offenbar unausschöpfliche Aufmerksamkeit beansprucht, wird das Liebesleben der Dinge selten erörtert. Gut, es gibt ein paar Aufsätze zur Frage, warum bei der Spezies der Socken die Paare sich meist schon nach der ersten Wäsche trennen und nie wieder zusammenkommen, und der frühe Thomas Kapielski hat in Berlin, wenn ich richtig informiert bin, mal ein Werk namens „Sex mit Möbelstücke“ vorgelegt – das wars dann aber auch schon.

Was ist zum Beispiel mit Besteck? Anders als Socken bleiben Löffel und Gabel zumeist ein Leben lang unzertrennlich. Zwar gehen sie auch mal getrennte Wege, wenn etwa dem Löffel nach Suppe ist und der Gabel nach Pasta, aber sie wissen immer, daß sie letztlich in ein- und denselben Besteckkasten gehören. Zumindest in gehobenen Besteckläden sind Löffel und Gabel gar nicht getrennt erhältlich, immer nur als Paar. Ich besitze ein Besteckset aus Stahl (glaub ich jedenfalls, daß das Stahl ist, Tafelsilber brauch ich alltags nicht), daß ich vor zwanzig Jahren bei IKEA gekauft habe, und noch immer sind alle Teile zusammen, trotz mehrerer Umzüge! Ich bin also noch immer versorgt.

Wer aber erstmals aus dem Hotel Mama auszieht und eine preisgünstige Erstausstattung benötigt, kann sich sein Küchenzubehör ruhig bei IKEA kaufen, zumal Messer, Gabel und Löffel so ziemlich die einzigen Teile im IKEA-Angebot sind, die man NICHT nach diesen verdammt bescheuerten, piktographischen Bauanleitungen SELBER ZUSAMMENPFRIEMELN muß!

To have and have not…

29. März 2009
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Nicht nichts: Easy Rider mit Spar-Harley

DAS FUTUR ZWEI DES ENTBEHRENS

Wenn ich mich nicht irre, gehört es zu den derzeitig geläufigen Scherzüblichkeiten, in bestimmten Kontexten mit beleidigt-wehleidiger Stimme melodramatisch seufzend auszurufen: „Wir hatten ja damals nichts!“, womit jüngere Leute gern die selbstmystifizierende Privatmythologie ihrer Eltern ein wenig zu veralbern trachten. Die satirische Spitze ist ja auch berechtigt, wenn und sofern jemand angesichts der vergleichsweisen Ungesegnetheit seiner Kindheit mit materiellen Gütern es für ein besonders hervorhebenswertes Verdienst hält, daß er heute dennoch, dick und stark geworden, überregional viel Platz wegnimmt, vor Bedeutung platzt und sozialbeachtlich herumlärmt. (Daß „Nichts-Haben“ des weiteren natürlich äußerst relativ ist, wie man beim Besuch von Kindern, die in Manila auf Giftmüllhalden wohnen, ganz gut studieren kann, bedarf hier keiner weiteren Erörterung…)

Da ich zur „Generation Drehwählscheibe“ gehöre, bzw. zu denen, deren Kindheit noch auf vergilbenden Schwarz-Weiß-Photos mit gezacktem Rand dokumentiert wurde, könnte ich immerhin mit einigem Recht den Kids vorjammern: „Jedenfalls, also, Foto-Handys, Nintendos, Spielkonsolen, Computerspiele, CDs, MP3-Player, DVD-Player, Pay-TV,  Flachbild, Digitalcamera, Net-Community, MyFace und Spacebook.com, Baggy-Hosen und Baseball-Caps, Wodka-Redbull, Klassenfahrt nach Rom, Erlebnispädagogik, Koma-Saufen & Amok-Laufen – so etwas hatten wir alles nicht!“

Stimmt ja doch auch! Selbst meine Harley (vgl. Foto!) war eine extrem abgespeckte DrittWelt-Ausführung, statt Handy hatten wir Dosen-Telefon und anstelle der DVDs bloß Kopfkino mit zwei Kanälen (1. Abenteuer: Blondes Nachbarmädchen aus Schurkenhänden retten, 2. Erotik: Sex mit dankbarem blonden Nachbarmädchen). – Aber war das schlecht, oder vielleicht eher gut? (Rhetorische Frage. Bitte hier nicht antworten!)

Die Ergänzungsbedürftigkeit kindlicher Ausrüstung sowie allgemein das Zu-Wünschen-übrig-Lassen der Realität trainiert früh den seelischen Phantasiemuskel und sorgt für blühende innere Kopflandschaften! Außerdem „hatte“ ich durchaus einiges: Ein nahezu unverwüstliches, reparatur-unanfälliges Fahrzeug (vgl. abermals Foto!); einen besten und engsten Freund und Blutsbruder (nämlich Gudrun, allerdings nur bis 12 Jahre, dann waren ihr plötzlich unterm Pullover Brüste gewachsen, sie war heimlich „eine junge Frau“ geworden, der Verräter! und ließ mich als dummen Jungen in kurzen Hosen zurück); ich war bewaffnet (Flitzebogen, Weckgummi-Katapult, Silberbüchse); ich hatte genug zu essen (Lieblingsspeise: Milch mit vollfett viel Kakao-Pulver und reichlich Zucker) und nachts wachte der lb. Gott in Vertretung von Mutti darüber, daß ich wg. dem blonden Nachbarsmädchen nicht zu handgreiflich in Wallung geriet. Außerdem hatte ich auch noch Eltern, die mich nicht verstanden, und mehr braucht man als aufstrebendes Kind gar nicht.

Nur eines habe ich meinem Vater, dem Geld-Verdiener und mittagstischlichem Weltherrscher, lange verübelt. Es mochte für ein Kind meines Alters und Geschlechts ja ungewöhnlich sein, aber mein Herzenswunsch war halt, neben der Anschaffung eines Hundes, der Besitz eines Klaviers. Selbstverständich bekam ich nie eines. Mein Vater hegte wegen meiner Leserattenexistenz und seitdem ich mir zum 7. Geburtstag eine „Negerpuppe“ gewünscht hatte, den heimlichen Verdacht, ich sei auf dem besten Wege zur Homosexualität, und das wollte er nicht noch durch unnötige musische Impulse unterstützen. Außerdem hatten wir für ein Klavier weder Platz noch Geld. Wutschnaubend besorgte ich mir daraufhin Schuhkarton, alte schwarze Schulheftumschläge und Kleber und baute mir eine Piano-Tastatur aus Pappe. Darauf gedachte ich, während ich mal wieder leichtes Fieber und Knieschmerzen simulierte, zuhaus im Bett, beim Schulfunkhören, auf der Bettdecke schon einmal das Klavierspiel zu üben; den dazugehörigen Klang mußte wie so vieles die Imagination übernehmen. – 

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Vater Heinz Haneld: Selber Klavier spielen und mir Wandergitarre predigen!

Wie man sich denken kann, geriet diese Übung zwar zur impressionablen Demonstration rebellenhaften jugendlichen Eigen- und Unabhängigkeitssinns, mündete jedoch nicht in die ersehnte Pianistenlaufbahn… Aber jetzt kommt erst das Schärfste: Jahrzehnte später finde ich ein Photo meines Vater im Alter von achtzehn Jahren, und zwar – an seinem Klavier! Der Hund! Der Sausack, der knausrige! Selber Piano spielen und anderen Wandergitarre predigen! Gut, die war dann zum Trost immerhin „drin“, für 49 Mark vom Quelle-Versand.

Zum Dank bin ich dann doch nicht schwul geworden, sondern nur so polymorph-pervers vielseitig interessiert…

Muttis preußisch-protestantischem Überwachungsgott habe ich schon früh gekündigt, aber ich bin immerhin bereit, gewisse, nicht näher zu bezeichnende höhere Mächte anzuerkennen: Ob man etwas hat oder ob man’s entbehrt: Man weiß nie, wozu es ( – Futur Zwei! – ) gut gewesen sein wird!