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Penibilitätsprinzen und Inkompetenzkompensationskompetenz

7. Februar 2013
CarlSpitzwegGnomEisenbahnbetrachtend

Carl Spitzweg: Zwerg, den Fortschritt der Wissenschaft begutachtend

Ein Nachteil der weltumspannenden elektronisch-digitalen Müllaufbereitungsanlage, die sich “die Medien“ nennt, besteht in der atemberaubenden und sinnenbetörenden Geschwindigkeit, mit der sich auch noch das ätzendste Geschwätz verbreitet. Der sprichwörtliche Sack Reis ist noch gar nicht umgefallen, da plustern sich schon landesweit die Hühner und rucken vor Erregung mit den Köpfchen und picken wie aufgezogen ins Leere, wirbeln Staub und Kot auf und gackern, dass es in den Ohren gellt. – So harsch urteile ich unter anderem aus purem Neid, denn ich selbst bin analog, langsam und träge, und bis ich mir etwas gebildet habe, was wenigstens ansatzweise einer Meinung ähnelt, womöglich sogar einer eigenen, bebrütet das federführende Federvieh längst andere Themen und ich habe allenfalls das Nachsehen. Aber trotzdem!

Ausgerechnet die Journaille, die Tag für Tag nichts anderes tut, als geistlos und stumpfsinnig voneinander ultrageläufige Phrasen abzuschreiben oder nachzubeten, kaut jetzt wieder die Plagiatsgeschichte durch, das Heuchelschmalzbrot dick mit Schadenfreude gesalzen. Es rührt und schüttelt mich, zu erfahren, wie viele kompetente Menschen sich Sorgen um die Reputation der deutschen Geisteswissenschaften machen! Und das alles zu Ehren einer weitgehend verkommenen, hirnlosen Bürokratie verbeamteter Pedantenseelen und Gänsefüßchenzähler, die in ihrer gesamten Universitätskarriere noch nicht einen einzigen eigenen Gedanken zu fassen vermochten und demzufolge „korrekte Zitierweise“ für das Nonplusultra ihrer „Wissenschaftlichkeit“ halten! Die Standards! Ha!

Ich habe Annette Schavans Werk „Person und Gewissen“ nicht gelesen, zum einen, weil es mich nur mäßig fesselt, was eine knapp 25-jährige, kinderlose katholische Studentin ohne Hochschulabschluss zu moralphilosophischen Monumentalfragen der pädagogischen Gewissensbildung so denkt, zum anderen, weil dieses Opus in der Fachwelt kaum für Furore gesorgt hat, obwohl es hierzu 33 Jahre Zeit hatte. Womit ich zum Punkt komme: Mir altem Immoralisten ist es aufs Rücksichtsloseste und skandalös Wurstigste vollkommen und totaliter gleichgültig, ob Frau Schavan irgendwelche Zitate verschusselt oder Fußnoten vergessen hat – dies für wichtig zu halten mag unter erzdeutschen Bügelfaltern und Krawattenstutzern für intellektuell gelten – , sondern, obacht! ob sich in ihrem Elaborat anregende, interessante, nicht-langweilige, vielleicht sogar neue Gedanken tummeln oder verbergen oder was solche Gedanken sonst tun, wenn man ihnen freien Auslauf gewährt. Michel Foucault, ein Heros der französischen Postmoderne, hat mal einen üppigen und einigermaßen bahnbrechenden Aufsatz geschrieben, der zu ca. 80% ungekennzeichnete (!) Nietzsche-Zitate collagiert. Dieser Text hat die Geschichtswissenschaft revolutioniert. Noch nicht mal mehrfach sitzengebliebene Schulkinder kämen indes in Frankreich auf die Idee, dem Starphilosophen deshalb „betrügerische Absicht“ zu unterstellen.

Womit wir beim nächsten Merkpunkt ankommen: Nach ca. 50 Jahren Postmoderne sollte sich eigentlich beim letzten Dorfdeppen die Einsicht eingenistet haben, dass wir immer, immer zitieren. Niemand denkt als Originalgenie im Vakuum zwischen den eigenen tauben Ohren. Alles, was wir wissen, haben wir gelesen (oder, na ja, im Fernseh gesehen); alles, was wir denken, wurde so oder geringfügig anders schon einmal gedacht. Sowenig wir, um Strümpfe oder Nachtmützen zu stricken, hierzu Wolle verwenden, die auf dem eigenen Kopf gewachsen ist, so sehr sind wir auf bereits Gedachtes, Gesagtes und Geschriebenes angewiesen, an das wir anknüpfen. Wir collagieren, arrangieren, zitieren und re-zitieren, prinzipiell und unausweichlich. Die Frage ist, ob wir das auf eine inspirierende, innovative und originelle Weise tun. Eine weitere (bislang meines Wissens nie gestellte) Frage ist, ob  Frau Schavan das geschafft hat. Und noch eine abschließende Frage wäre, ob ihre damaligen Pädagogikprofessoren, die allesamt aus Johannes Raus upgegradeten Bildungsvolksturm der sozialdemokratischen 70er Jahre stammten, eine originelle Arbeit überhaupt erkennen würden, wenn sie die ernsthaft läsen, wozu diese universitären Karnevalsprinzen freilich selten die Zeit haben.

Ich habe mal eine Abiturientin betreut, die mir schluchzend ihr Aufsatzheft vorzeigte. Ihr ganz gescheiter Text (ich hatte ein bisschen mitgearbeitet) war förmlich blutübertrömt vor lauter kritischer Pädagoginnentinte. Jedesmal, wenn mein Schützling auch nur den Hauch eines halben eigenen Gedankens geäußert hatte, sah sich die Lehrerin bemüßigt, anklagend Beleg??? an den Rand zu schreiben, und zwar ungefähr 241 Mal. „Das vorliegende Werk ist ein Roman“ – „Beleg???“  Gut möglich, dass die betrreffende Lehrerin in Düsseldorf studiert hat.

Ich komme zum Schluss. Preisausschreiben! Wer kann mir schlüssig und plausibel erklären, was an Pädagogik „wissenschaftlich“ ist? In Pädagogik „promovieren“ kann jeder Gemeinplatzwart und Verfasser von Bauernkalendern. Was solls also? Wäre Pädagogik eine Wissenschaft, hätten wir doch brave, kluge, fleißge Kinder! –  Unter den Einsendungen verlose ich einen Text von mir, der nicht von mir ist. [Pädagogikprofessoren sind von der Teilnahme ausgeschlossen.]

 

PS: Dieser Text enthält keinen eigenen Gedanken. Jeder Satz wurde so oder ähnlich schon einmal geäußert, u. a. von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich „Fritz“ Schlegel, Friedrich Nietzsche, Karl Kraus, Odo Marquardt, Roland Barthes, Jacques Derrida und, hm, wie sagt, von Michel Foucault, sowie von meiner Kneipenbekanntschaft Klaus, dem Nörgelrentner Wolfgang Rombach und meiner Mutter.

 

Gez. Mag. Kraska

 

Allahs Wunder (hat untergeschrieben)

17. April 2011

SPRACHE ABER AUCH!

Wer wie ich noch in der frühen Goethe-Zeit aufgewachsen ist, muss sich, wenn er ins Ruhrgebiet zieht, eh auf einen gewissen Sprachabstieg einstellen; wer sich dann noch darauf kapriziert, im Geddo zu wohnen, lernt zudem, das Deutsche mit anderen Augen zu sehen. „Ich musste heute nich bei Schule gehen“, erzählt Nachhilfeschüler Milan. „Zu der …“ korrigiere ich milde. „Nee,–  zu is der nich…“,  druckst Milan, „war ich bloß Verwarnung, ein Tag, durft ich nich bei Schule“. „Wie jetzt? Heißt das, du bist vom Unterricht ausgeschlossen worden?“ Milan überdenkt die Frage gründlich und nickt dann betont vage. Ich ziehe die Brauen hoch und durchbohre ihn mit dem strengsten Blick, den ich über die Lesebrille schießen kann. „Mach nich so, Lehrer!“ jammert mein sensibles Erziehungsobjekt sofort los, „bitte! Nich wieder so Gesicht!“ 

Im Verhör macht der Beschuldigte dann folgende Angaben: Natürlich kann er, wie immer, „nix für“, ist „voll übel abgepetzt“ worden, und zwar „wegen bisschen Schubsn“. Ich unterdrücke den Gedanken, warum eigentlich ausgerechnet er immer so blöd ist, sich erwischen zu lassen und frage stattdessen ahnungsvoll: „Und das war alles, nur Schubsen?“ Milan schenkt mir seinen treuesten Dackelblick: „Schau, Lehrer… war auch noch … wegen Zettel, aber weiß ich auch nicht, ich schwör…“ Da ich mich mit der Trickser-Psychologie meines Wunderknaben schon auskenne, schließ ich messerscharf: „Du hast einen schriftlichen Verweis von der Schule bekommen und ihn mal wieder verschwinden lassen?“ –„War gar nicht verschwindet“, wehrt der Knabe, in seiner Ehre gekränkt, empört ab, „hab ich bei Schule beigehabt! In Tournister“ – „Ja und?“ – Hinter der kleinen, noch fast durchsichtigen Denkerstirn arbeitet es schwer. Wie soll man einem begriffsstutzigen Erwachsenen ein Wunder erklären? „Schau, Lehrer, war Verweisungszettel schon untergeschrieben… von meim Vater“. – „Aber dein Vater war doch die letzten Tage gar nicht da!?“ –  Stumm wartet er ab, bis bei mir der Groschen fällt.

„Nein!“, ich versuche nicht zu grinsen, sondern das Gesicht eines für Kapitalverbrechen zuständigen Hauptkommissars zu machen, „ – du hast doch nicht etwa?“ Milan errötet, zieht einen Flunsch und drückt sich doch tatsächlich ein paar dicke Tränchen in die Augen. Eigentlich will er später „Autorennenfahrer in Form eins“ oder aber, man höre und staune, „so Kunststeller“ werden „mit Buntstifte und so“, aber wahrscheinlich reüssiert er eher mal als Charakter-Schauspieler. Über sein grundehrliches Kindergesicht gespenstern in rascher Folge Verzweiflung, gelindes Staunen und perfekt gespielte Unschuld: „War Vater eben auf einmal untergeschrieben auf Zettel, weiß ich auch nich, wer da gemacht!“ Eines der seltenen Wunder Allahs, schätz ich. „Kann es sein, dass du es vielleicht selber warst, der da unterschrieben hat?“ frage ich sanft.

Jetzt ist seine Verblüffung echt und grenzenlos: „Lehrer! Wie weißt du schon wieder?! War doch voll Geheimnis!

Ich überdenke still meine pädagogischen Qualifikationen. Als Charakter-Bildner bin ich offenbar ein Versager – aber wenn ein Achtjähriger, für den „6 x 6“ eisern „zwölf“ ergibt und der schreibt wie eine gesengte Sau, sich schon imstande sieht, die Unterschrift seines Vaters zu fälschen, kann die Nachhilfe ja auch nicht völlig umsonst gewesen sein. Vielleicht bewerb ich mich mal bei Schule.

Krise, stimmungsaufhellend (Humorkritik)

14. April 2011

Könnte bei Krise sein (Quelle: DieZeit-online-wissen)

Mal kurz Werbung, nur EIN Spot, bleibense dran! – Zu den Blogs, die ich praktisch beinahe allmorgendlich beim Kaffee anklicke – und enttäuscht bin, wenn da nichts Neues steht – gehört seit ein paar Wochen der von Frl. Krise (siehe meine Blog Roll). Obwohl sie fast täglich Haarsträubendes, Hirnschwurbelndes und Niederschmetterndes zu berichten weiß, ist die Wirkung seltsam stimmungsaufhellend. Ich weiß gar nicht genau, warum, denn Fräulein Krise hat einen der härtesten, Nerven aufreibendsten und mies krassesten Jobs, der hierzulande zu vergeben ist: Sie ist Lehrerin, ich glaub für Deutsch, Kunst, Biologie und noch allerhand Diverses, irgendwo in einer norddeutschen Geddo-Gesamtschule. Frl. Krise beherrscht, weil es in der Klasse auch zwei deutsch behintergründete Schüler gibt,  Hoch- und Geddo-Deutsch gleichermaßen fließend – vor allem aber beherrscht sie sich selbst, was angesichts ihrer Schülerschaft bereits eine Höchstleistung darstellt. Statt sich nämlich wegen burn-out mal recht rasch frühpensionieren zu lassen, radelt Frl. Krise tapfer Tag für Tag im Hamsterrad zur Schule, um stoisch und cool daran zu arbeiten, ganze Ozeane von Bildungsferne mit dem Teelöffel trocken zu legen.

Aber das Ungewöhnlichste an Frl. Krise – immerhin, wie gesagt, Lehrerin: Sie hat Humor, verfügt über staubtrockenen Witz, milden Sarkasmus und viel Selbstironie, von Charme und Herzensbildung ganz abgesehen. Mit dieser Ausrüstung begabt, gießt sie ihr täglich trocken Brot in kleine Förmchen, will sagen entzückende Petitessen, feingestrickte Miniaturen und erheiternde Stimmungssammelbildchen aus dem absurden Alltag eines Bildungssystem, das, wenn sonst schon nichts, dann immerhin zu wünschen übrig lässt. Ganz manchmal bekommt sie in ihrem Knochenjob sogar Anerkennung von ihren Schülern, das hört sich dann so an: „Frl. Krise, Sie sind voll unsere Ghettolehrerin, VOLL SÜSS, ich schwöre! Vallah!“ Man kann auch sagen: Frl. Krise ist das lebendige Beispiel dafür, das Thilo Sarrazin selbst da, wo er mal ein bisschen Recht hat, eigentlich immer noch völlig ahnungslos bleibt.

Ich bin elhamdulillah kein Lehrer, jedenfalls nicht für Kinder, aber als nebengewerblicher (ha! schön wär’s!) bzw. freiwilliger Integrationsmagister mit der mirakulösen Mentalität und dem sprachlichen Groove von  Kids im Geddo vertraut, daher weiß ich: Frl. Krise hats zu hundert Prozent drauf. Ihr im täglichen Straßen-, quatsch, Schulkampf gehärteter Stil ist dabei ökonomisch, d. h. lakonisch, sparsam, schnörkellos. Ihre Kurzprosa kann auch genießen, wer bei längeren Texten Probleme hat und wie ihr Schüler Emre sonst schnell sagt: „Lass ma Schluss machen, mein Gehirn wackelt schon!

Ich glaube, ihr Blog braucht im Grunde keine Werbung. Frl. Krise wird viel gelesen, nur, so scheint mir bei Durchsicht der Kommentare, vor allem von leidgenössischen Kolleginnen und Kollegen, denn die Bemerkungen zu ihren Texten sind zu ca. 85% humorfrei und ironieresistent. – Deshalb sollten auch mal nicht-pädagogische Freunde subtilen Humors bei Frl. Krise in der Klasse vorbeischauen. Ihre Schüler tun das ja auch, wenigstens gelegentlich.