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Der Prophet und der Prinz-auf-der-Erbse. Kaviar aus Blockschokolade

9. Januar 2011

Stadtplan der Poularde: Dioxin wurde nicht gefunden

 

Heute erhielt ich per Post von der WBG endlich den dringend ersehnten fünften Band der Hadithe des Propheten Muhammad, der (also der Band!) u. a. schiitische Speisevorschriften enthält. Meine schiitischen Mitbürger mögen mir verzeihen, aber irgendwie bringt mich das auch nicht weiter. Ob über dem zu schlachtenden Tier nun korrekt der Name Allahs angerufen wurde oder dies, aus Schlampigkeit oder Unglauben, leider unterblieb, scheint mir weniger wichtig, als die Frage, mit was für einem satanischen Zeug das Schlachttier zuvor gefüttert wurde.

Dioxin, Asbest, Acrylamat oder selbst biologisch angebaute Salmonellen – das ganze Zeug, das anderen so gut schmeckt, vertrag ich nicht so richtig. Ich bin ein ausgemachter Öko-, ja sogar Ökotrophologie-Zimperling, ernährungstechnisch praktisch ein hypersensibler Prinz-auf-der-Erbse. Gegen die Hälfte aller Gifte bin ich allergisch, und der Rest tut mir irgendwie nicht gut. Eine von mir entwickelte Fasten-Diät, bei der man sich nur von Bio-Wein, Roggen-Whisky und Scotch, gebraut u. a. aus purem Hebriden-Quellwasser, ernährt, fand nicht uneingeschränkt die Billigung der Gattin. Sie, die journalistisch versierte Rechercheurin, fand bald heraus, dass selbst meine Lieblingsnahrungsmittel ein wenig bekanntes Gift enthalten (Alkohol!). Und sie findet, dieses Gift gehört ebenfalls auf die no-go- Liste. Mist! – Da ist guter Rat nun, was er immer ist: rar und teuer.

Eine echte Zwickmühle: Einerseits zwickt die notorisch anorektische Geld-Börse und rät (geldwerter Geld-Börsen-Tip!) dringend zu Einkäufen beim Discounter oder Gemüse-Türken. Andererseits verschmähe ich ethisch hoch-motiviert, grundsätzlich mit fiesem Gift aufgepäppeltes resp. herzlos zu Tode gemästetes Lebendmaterial aus Hühner-KZs und Puten-Gulags, sowie chemie-besudeltes, hoch-gespritztes und radioaktiv begastes Kunst-Gemüse. Der Anruf Allahs spielt da keine Rolle.

Sich am Wochenende das Material für exzessive Hobby-Koch-Orgien zusammenzuklauben, erfordert gewissenhafte Planung, strategische Intelligenz und ein Höchstmaß undogmatischer Flexibilität. Gelegentlich erfordert es daher sogar das zwiespältige Vergnügen, beim EDEKA im Duisburger Süden Einkäufe zu tätigen. Ein riesiger Lebensmittelmarkt für Leute, die bereit sind, für einen Salatkopf 2,99 und für ein Kilo Trauben 8,99 Euro auszugeben. Ist ja egal, wir zahlen eh mit Karte. Hier gibt es alles, was des Laien-Kochs verfettetes Herz höher hüpfen lässt, u. a. eine beeindruckende Auswahl des Überflüssigsten, was die Welt erfunden hat:Convenience-Food. Diese unvermeidbare Pest der bequemlichen Postmoderne wurde für Leute erfunden, die zu reich, zu blöd oder zu blasiert sind, sich eigenfingrig einen kleinen Salat zu schnippeln, und die daher lieber für 5.99 Euro einen kleinen Plexiglas-Container-Schneewittchensarg mit welkem Vorgeschnippelten kaufen, dem eine Plastik-Gabel (!) beigeklebt ist. – Dieses Geld-Gesindel ist ja definitiv unfähig, sich eine Scheibe Schinken und ein Salatblatt auf den Toast zu legen – sie müssen das FERTIG kaufen! Eingeschweißt!

Dabei lass ich mir, dies als wichtige Information über meine Persönlichkeitsstruktur, meine Verachtung keineswegs anmerken. Zwanzig Minuten meiner ablaufenden Lebenszeit widmete ich uneigennützig einer älteren Düsseldorfer Pelzmantel-Schlampe, um ihr zu erklären, was es mit Jakobs-Muscheln auf sich habe und das es für Gourmets beklagenswert sei, dass diese seit einiger Zeit grundsätzlich nur noch ohne den köstlichen Rogen erhältlich wären. Die blondierte Pelzdame versuchte, sich zu revanchieren, machte ein listiges Gesicht und erkärte mir verschwörerisch: „Isch glaub, isch weiß, wat die mit den Rogen machen!“ Ich: „???“ Sie. „Da machen die Kaviar draus!“ Ich: „Was? Kaviar?“ Sie: „Jahaa, diese kleinen, schwarzen Kügelchen!“Ich versicherte ihr, dies sei schon deshalb unwahrscheinlich, weil der Rogen von Jakobsmuscheln leuchtend orange-rot und keineswegs kugelförmig sei; ich verließ die Dame aber nicht, ohne ihr eine leicht verständliche Anweisung zu hinterlassen, wie man köstliche Coquilles-St.-Jacques zubereitet. Bin ich ein Gentleman!

Nein, im Ernst: Dieses Luxus-EDEKA hat schon ein beeindruckendes Angebot, und nicht nur für erzbrummdoofe Düsseldorfer Parvenues; als Geddo-Insasse, der in diesen Palast nur kommt, wenn die Gattin ihn mal mitnimmt, glühen einem ob der herrschenden Mond-Preise freilich kräftig die Ohren; ich war sogar kurzzeitig versucht, ein oder zwei Schnäpse direkt intravenös in mein Portemonnaie zu kippen, damit es betäubt für eine Weile Ruhe gäbe und zu quengeln aufhöre. Hektisch blätterte ich in den Hadithen: Hatte der Prophet nicht den Wucher untersagt? Hat er. Aber wer hört schon auf Propheten!

Immerhin habe ich hier eine adrette, schnuckelig-feiste „Schlemmer-Poularde“erstanden, die nicht nach Dioxin aussah. Ich werde sie „mexikanisch“, also mit Chili-Schokoladen-Sauce zubereiten. Fertig gab es das nicht. Ich werde also kochen müssen. Aus dem verbliebenen Rest Block-Schokolade mach ich Kaviar, zu dem ich, auch wenn es der Prophet gar nicht gern sieht, ein Gläschen Grauburgunder trinke, in den man, so hoffe ich vertrauensseliger Naivling, bitteschön nichts Artfremdes hineingepanscht hat. Andernfalls möge der Zorn Gottes über den Winzer kommen, und er sollte schon mal in den Hadithen nachblättern, was ihm an Höllenstrafen blüht.

Mit anderen Worten, und knapp zusammengefasst: Am Anfang des Monats kann man in diesem EDEKA schon mal gut einkaufen!

 

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Ökotrophologie in der Bierschwemme, Akropolis auf Gelsenkirchner Barock. Zuviel Salz ist auf eigene Gefahr

20. Juli 2009
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Eindeutig: Zuviel Salz!

I.

Wir odyssieren weiter durch die Welt der „Griechen“. Anführungsstrich-Griechen sind solche, die statt authentischem griechisches Essen nur “griechisches“ 08/15-Standard-Zeug anbieten, Gyros, Souvlaki, Mykonosplatte, fertich! Gemischter Einheitsbrei „Deutsch-Hellenische Freundschaft“  für zwei Personen mit extra viel Knobi und Überwürz-Turbo. Eine ganz besonders interessante Unterabteilung der Anführungsstrich-Griechen bilden dabei aber die sog. Kuriosen oder auch Skurrilen Griechen. Im Ruhrgebiet scheinen sie mir besonders verbreitet, weil Hybrid-Gastro hier ihre ersten improvisatorischen Triumpfe feierte.

 Hybrid-Gastro? Oh ja!  Z. B. mein früheres Lieblings“restaurant“ im Duisburger Norden, gleich hinterm Thyssen-Stahlwerk: In einer aufgelassenen amerikanischen Texaco-Tankstelle hatten zwei pakistanische, ein sri-lankesischer und ein indischer Desperado gemeinsam eine italienische Pizzeria eröffnet, um deutsche und türkische Proleten pronto zu verköstigen. Das war globalisierte Hybrid-Gastro der ersten Stunde! Hier als Incog(n)ito-Magister und anonymer Camouflage-Philosoph Sonntag nachmittags den Proletarier auss’m Viertel zu geben, im ärmellosen Feinripp-Unterhemd da zu sitzen, billigen Frascati-Wein zu trinken und den „Kollegen“ beim Austausch alkohosophischer Allerweltsweisheiten zuzuhören, DAS hatte Stil! Und alle halbe Stunde mal selber über den feinripp-bespannten Bierbauch streichen und ein ruhr-buddhistisches Mantra zum besten geben, wie etwa: „Watt willze da machen? (längere Pause, als würzze erssma drüber nachdenken, dann: –) … Da kannze nix machen…!“

 II.

Irgendwie ist die „Taverna Olympus“ auch Hybrid-Gastro. Vor allem aber Kurioser Grieche! Die olympische Taverne residiert nämlich ausgerechnet in den eichenholzfurnierten, genre-typisch düsteren Räumlichkeiten des ehemaligen „Deutschen Vatter“, den es so lange gegeben hat, daß man den alten Namen heute noch in der Taverne RIECHEN kann: „Deutscher Vatter“ (aber selbzvaständlich mit ‚2 Bundeskegelbahnen’!) riecht unwiderruflich und bis zum Jüngsten Tag nach schalem Bier, billigen Zigarren-Stumpen, Kegler-Schweiß und diesem spezifisch muffigen Duft aus dem Fasskeller, wo die Leitungen zu lange nicht gereinigt wurden. Ein altdeutsches Odeur: Vatters Bierschwemme also. Die Einrichtung tut ihr übriges. Gelsenkirchner Kneipenbarock (frühe 70er Jahre!) mit allen Schikanen und Unvermeidlichkeiten, die man natürlich rigoros hätte herausreißen und im Renovierungsfuror hätte ausmerzen, übertünchen und vermauern können. Vielleicht auch sollen.

Aber der Patron der Taverne, ist, was man seiner Sancho-Pansa-Figur nicht zutraut, kulturell auf Feinsinn geeicht. Möglicherweise an der archäologischen Tradition der Hellenen daheim geschult, hat er das Weltkulturerbe-Monument „Deutscher Vatter“ nicht angetastet, sondern akkurat mit einer mehr oder weniger dünnen Schicht eigener Heimat-Mitbringsel und haufenweise Griechenkitsch-Nippes lediglich sanft überzogen. Das Ergebnis: gewissermaßen Sauerkraut-Eisbein mit Metaxa-Sauce.

Diesmal erhebt sich die kulinarische Akropolis auf den Ruinen deutscher Biertrinker-Kultur. Reizvoll. Bzw. gewöhnungsbedürftig, aber man hat eine Menge zu gucken. Ich glaub, so viel undefinierbaren Nippes hab ich nicht mehr auf einem Haufen gesehen, seit ich die Wohnung meiner verstorbenen Mutter (Ihr Gott habe sie selig!) aufgelöst habe. Angeln und Netze hängen von der mit Nordatlantik-Seesternen „mediterran“ (?) beklebten Decke, in der Vitrine ruhen einträchtig nebeneinander Fußball-Pokal, Sparvereins-Vase, Nikos-Kazantzakis-Büste sowie die katholische Jungfrau Maria. Auf piefig-deutscher Bierjemütlichkeit feiert hellenische Dekorationswut dionysische Orgien. Fast schon wieder gut, irgendwie! Multikulti von der ulkigen Sorte, Mischmasch, eklektische Stil-Libertinage. Egal!

 III.

 Egal, weil man hier nicht wegen des Ambientes herstiefelt, und übrigens auch nicht, weil die Speisekarte auch nur ein einziges Gericht aufführte, das man nicht von allen anderen Standard-Griechen auch kennen dürfte.   Für den Charme diese famosen Taverne sorgt vielmehr der ambitionierte Patron, Antonios Tsintsolis, der seine Kaschemme mit der Grandezza eines Chefkellners im Pariser Tour d’Argent führt. Blau geschürzt im folkloristischen Streifenhemd, gibt er alle Figuren zugleich: Den jovialen Chef, den eleganten Maitre d’Hotel, den kundigen Sommelier und den schelmischen Dessert-Garçon. Was auffällt, ist der bescheiden-selbstbewußte Stolz des kleinen Mannes mit den großen Gesten. Er dienert und schleimt nicht und läßt die gelegentlich etwas schmierige Devotheit balkanesisch-levantinischer Ausplünderungsgastronomie vollkommen vermissen. Mit einer staunenswerten Grazie balanziert er würdevoll zwischen homerischem Größenwahn und kritischer Selbstbescheidung. Wie das aussieht?

Nun, er kredenzt den empfohlenen Wein mit Schwung, kommentiert aber zugleich mit amüsantem Akzent und melancholisch umflorten Blick: „Isse vleich bissele zu kalt. Bukett kommt noch, später…!“ Dann zählt er, ganz comme il faut und professionell, mündlich die drei Gerichte des Tages auf. Frische Fisch ist dabei, was man angesichts der von der Decke baumelnden Deko-Angelruten noch eine Weile bedenkt; um faire Vergleichsmöglichkeiten zu haben, entscheiden wir uns aber wieder für Standard. Herr Tsintsolis trägts mit Gleichmut und gibt in rasselndem Stakkato-Griechisch die Bestellung an seine den Geschäftsbetrieb vom hintersten Tisch aus überwachende Gattin weiter, die es der Küche sagt.

 IV.

 Ich bin kein überaus strenger Restaurant-Kritiker, wenn ich in eine schlichte Taverne gehe. Ich bin schon angetan, wenn man mich, wie es Herr Tsintsolis tut, fragt, ob ich meinen Salat mit Essig & Öl oder mit Metro-Dressing möchte; als er ihn serviert, mustert der Patron seinen eigenen Salat noch ein Weilchen (wie ein Maler, der schweren Herzens ein Bild verkauft), und gibt skeptisch zu bedenken: „Isse vleich bissele viel Balsamico drauf…“ Och, es ging. Ich merke aber: Dieser Wirt nimmt seinen Beruf noch ernst! Als ich für meine (knusprigen, gut gemachten) Begleit-Pommes um ein Löffelchen Mayonnaise bitte, beäugt er mich ersteinmal aufmerksam, als wolle er meinen aktuellen Cholesterin-Spiegel abschätzen, befindet aber glücklicherweise nach einem gehörigen Weilchen: „Kein Problem.“ Schon eher ein Problem ist mein nächster Extra-Wunsch: Ich frage, ob ich vielleicht für Souvlaki und Pommes eine Prise Salz nachbestellen dürfe. Oh, oh.

Ich ernte einen schweigenden, nachdenklichen, leicht sorge-verdüsterten Blick. Herr Tsintsolis wiegt unmerklich den Kopf. Es arbeitet in ihm. Hab ich etwa seine Küchenkünste beleidigt? Nein, das ist es nicht. Er kommt mit einer Menage zurück, die er aber vorerst in der Hand behält, um sich vor mir aufzubauen und mit würdevollem Ernst einen Vortrag über Ökotrophologie (!!) zu halten, ungefähr des Inhalts, von ihm angebotene Speisen enthielten exakt gerade so viel Salz, wie a) nötig, und b) ökotrophologisch sowie ernährungsmedizinisch verantwortbar seien. Für etwaig exzessiven, gesundheitsschädigenden Salzmissbrauch lehne er jede Verantwortung ab; Nachsalzen sei somit ein Risiko, das der Gast selbst zu tragen habe. Abschließend besiegelt er sein Statement mit der Versicherung, dieses habe man ihm in zahlreichen einschlägigen Seminaren beigebracht und bestätigt!

Während meine Hand zögernd und etwas eingeschüchtert den Salzstreuer über den Teller führt ( – meine mündliche Versicherung, ich übernähme für alle Folgen die alleinige Verantwortung, hatte dem Patron ausgereicht), halte ich inne: Wo bin ich hier? Und wer ist dieser Mann? Ein einfacher Kaschemmen-Wirt, der Ökotrophologie-Seminare besucht? Ist das ein Film hier?

 V.

Die Speisen sind denn auch … anders. Nicht unbedingt authentischer griechisch, doch überraschend dezent, schmackhaft, ohne die brutalen Geschmacksverstärker-Exzesse der üblichen Gyros, Souvlaki & Co-Mafia. Das Fleisch darf hier artgerecht noch nach sich selber schmecken; die Vorspeisen sind sorgfältig, frisch und mit Liebe angerichtet, der Tsatsiki ist vom Tag, schmeckt nach Joghurt, Gurke und Kräutern und enthält gerade das nötige Minimum Knoblauch, nicht mehr. Vom Salz ganz zu schweigen.

VI.

Nach dem Mokka bedanken wir uns und sagen „Auf Wiedersehen“. Herr Tsintsolis schenkt uns dafür noch einen langen, nachdenklichen Blick, um schließlich gewichtig zu dem Resultat zu kommen: „Ja, das glaube ich. Sie werden wiederkommen! Ich weiß es nicht genau – aber ich glaube es!“ Er glaubt das mit Recht.

 VII.

 Etwas überwürzt ist höchstens die Flyer-werbung der Taverne, die mit vollmundigen Versprechungen und großzügig verteilten Ausrufezeichen nicht knausert. „Spitzen Küche! Solide Preise! Überzeugende Vielfalt! Top Service!“ Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Herr Tsintsolis das selbst geschrieben hat. Ein anderer Satz paßt freilich zu ihm: „Wir bürgen mit unserem Namen dafür…“ – Ist das nicht entzückend?