Posted tagged ‘Öffentlichkeit’

Schlafstoffbelastung, Quincke-Ödem, Öffentlichkeitsscheu

14. August 2012

In soziologischen oder kulturkritischen Kummerkästen wird oft beklagt, dass heute alle Welt ins grelle Licht der Öffentlichkeit drängelt, um sich dort mehr oder minder peinlich zu produzieren. Das Leben als Casting-Show undsoweiter. Alle Welt, das können ostdeutsche Pummelfeen mit Piepsestimme sein, gelernte Gurkenhobel-Propagandisten aus Westberlin, die jahrelang vor Karstadt standen und jetzt endlich mal Fernsehluft schnuppern möchten, oder auch frühere Sportaffen, die irgendwann mal irgendwas gewesen sind und jetzt unbedingt aus der Schmollecke der Anonymen Applaussüchtigen heraus und ins Scheinwerferlicht außerordentlicher Bedeutung wollen. Solche Menschen brauchen täglich literweise Aufmerksamkeit, sonst verdorren sie innerlich. „Sein heißt Wahrgenommenwerden“, so formulierte im 18. Jahrhundert Bischof Berkeley Lustmaxime und Lebensgefühl dieser Publikumslieblinge.

Von mir aus, sollen sie doch, obwohl ich diese Art Existenzstil persönlich nicht pflege. Wenn ich unversehens in der Öffentlichkeit stehe, fang ich an zu schwitzen, bekomme purpurrote Ohren und rudere übersprungshalber unelegant mit den Armen. Das will ja niemand sehen. Ich gehöre nicht zu denen, die, wenn sie bei H&M nichts gekauft, aber auch nichts gestohlen haben und trotzdem geht am Ausgang mit dissonantem Höllengezwitscher die elektronische Alarmanlage an, mit debilem Grinsen auf der Straße stehen bleiben, sich verbeugen und dankend die allgemeine Aufmerksamkeit genießen. Eine gewisse agoraphobe Menschenscheu bewahrt mich davor – es sei denn, modernste Technik spielt mal wieder verrückt, wie neulich in der Bibliothek. Die so genannte modernste Technik führt heute ja immer öfter ein undurchsichtiges Eigen- oder Doppelleben. Kürzlich meldete die Rheinische Post zum Beispiel: „S-Bahn mit zwei Kindern fährt ohne Vater ab“! Dem an familiären Werten orientierten Technik-Skeptiker gibt so etwas doch zu denken!

Jedenfalls, in der Stadtbibliothek wollte ich in 2. Stock hinauf, um mir ein, zwei Handvoll amerikanische Krimi-Schundliteratur der übelsten Sorte zu besorgen, da ich gegen die „gute Literatur“ der Jetztzeit, wie sie von extravagant bebrillten Kulturdamen in den Großraumwagen der Intercity-Züge zwischen Göttingen und Klagenfurt gelesen wird, leider eine Allergie entwickelt habe und davon Quincke-Ödeme bekomme. Diese interessante, völlig zurecht nach Heinrich Irenaeus Quincke (1842-1922) benannte Krankheit könnt ihr übrigens ruhig mal googeln, dann seht ihr, was man alles kriegen kann, wenn die Büchernahrung schlafstoffbelastet ist! Jedenfalls, da ich alt und kurzatmig bin und schon nach einem Stockwerk zu Fuß treppauf aussehen würde wie der dicke, schwitzende Mann mit dem Taschentuch in dieser einen Tuborg-Bier-Reklame früher, war mir nach Fahrstuhl. Der ist aber leider seit Monaten kommentar- und begründungslos „Außer Betrieb“, weil man in Duisburg so viel Geld verballert, verspekuliert, verschoben, verloren, verschwendet oder schlicht verbaselt hat, dass es jetzt noch nicht mal mehr dafür reicht, den Reparatur-Service der Fahrstuhlfirma zu bezahlen.

So blieb nur der Personalaufzug, der freilich seine Tücken besitzt und meines Erachtens technisch etwas over-featured ausgerüstet ist. Meinetwegen brauchte er wenigstens weder zu hektisch klingeln, wenn er sich in Bewegung setzt, noch benötige ich eigens eine metallisch scheppernde Damenstimme, die mir in allen drei Stockwerken jeweilen lauthals mitteilt, wo ich mich gerade befinde, denn bis drei kann ich erstens sogar im Kopf zählen, und wenn mal nicht, dann die fragliche Etage mühelos an den drei Anzeigelämpchen ablesen. Ich betrat also das mit modernster Technik hoch gerüstete Fahrgeschäft, drückte die „2“ und fieberte der Abfahrt entgegen. „Aufzug mit dickem Mann fährt ohne Mutter ab!“ dachte ich noch sinnloserweise, als es geschah – anstatt mich zu befördern, ruckte es, pingte, blinkte, ruckte noch ein weiteres Mal, dann öffneten sich unversehens sowohl Hinter- wie Vordertür des Fahrgastraumes, so dass ich plötzlich im Freien stand, und zugleich schrillte eine infernalische Signalsirene dermaßen entfesselt nervenzerfetzend los, dass ich mich urplötzlich, aus zwei Lesesälen, im Fokus von dreihundert entsetzten Augenpaaren wiederfand, die mich mit Angst und Abscheu fixierten, als sei ich ein Amokläufer, dem es um die Hinmetzelung harmlosen Ausleihpersonals und unschuldiger LeserInnen zu tun sei.

Ich stand also inmitten einer interessierten Öffentlichkeit und versuchte nonverbal-körpersprachlich sowie unbeholfen pantomimisch meine Unschuld an dem Aufruhralarm zu beteuern. Es gelang mir, so fürchte ich, nicht überzeugend. Geistesgegenwärtig begann ich zu schwitzen, als aus einem verborgenen Lautsprecher eine salbungsvolle Pastor-Fliege-Stimme zu mir sprach und sich fürsorglich erkundigte, ob bei mir alles in Ordnung sei. „Nein! Keineswegs! Ich stehe hier mitten in der Öffentlichkeit!“ wollte ich rufen, besann mich aber und stammelte bloß: „Ja! Nein! Oder doch. Das heißt, ich meine, äh, also ich war das nicht!“ Noch den ganzen Nachmittag war ich stolz auf meine Schlagfertigkeit. – „Du hast ja ne dicke Lippe“, konstatierte die Gattin, als ich nach Hause kam. „Hm. Quincke-Ödem“, murmelte ich, „musch mehr Treppen schteigen.“

 

 

Im Swingerclub stellt man sich nicht namentlich vor

16. August 2011

Abklatschen im Darkroom

Neueste Nachricht aus dem Geddo: Gerade wird es dunkel! Das ist keine Nachricht? Ist es wohl! Jedenfalls für meine vom Ramadan gebeutelten Nachbarn. Heftiges Tellerklappern und gieriges Geschirrgeklirr zeugen davon, dass Allah gnädig ist und es nicht übertreibt! Guten Appetit! Afiyet olsun, Nachbarn. Wie? Nein, vielen Dank, ich hab schon gegessen. Meinem Gott ist es ja egal, wann wir essen. Oder sogar ob überhaupt. Unser Gott ist gerade von einer Dienstreise aus Somalia zurück und es geht ihm gut. Er hat ein bisschen zugelegt und ordentlich Farbe bekommen. Wir sind ihm übrigens grundsätzlich eigentlich egal, lässt er ausrichten. – So, nach diesem eher funebren Tusch des Orchesters jetzt etwas leichtere Kammermusik.

Als Jugendlicher war ich etwas sperrig, weswegen mein Vater mich gern ins Heim gesteckt oder auf die Militärakademie geschickt hätte. Auf milderndes Drängen von Mutti wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt und ich musste bloß zur Tanzschule. Trotzdem: Traumatisiert bin ich davon! Aber das nebenbei. – Jedenfalls, aus diesem hier nur knapp angedeuteten Bedeutungsuniversum kenne ich „von früher“ das Verb „abklatschen“. Ein Lexikon für aufgeweckte Heranwachsende hätte es so definiert: Abklatschen ist, wenn du siehst, wie deine Flamme schon viel zu lange mit diesem affigen Schnösel aus der Parallelklasse tanzt; dann gehst du dahin und „klatscht“ die Braut „ab“, was günstigenfalls bedeutet, dass sie sich vom Lackaffen ab und dir, dem wahren Sternenprinzen, zuwendet. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Wenn du Pech hast, kriegst du was aufs Maul, was dem Begriff „abklatschen“ eine unangenehme Neben-Konnotation verleiht.

Alles ist im Wandel, warum nicht auch die Semantik. Heute klatscht andauernd jeder jeden ab, nicht nur im Sport. Abklatschen ist heute eine ubiquitär-universale Blöd-Geste, wenn ich das richtig sehe. Esoterische Poeten klatschen ihre Frau ab, wenn ihnen eine gute Zeile eingefallen ist; Koch-Show-Teilnehmer klatschen sich ab, wenn die Risotto-Pampe geriet; Plünderer tun es, wenn sie einen Flachbildfernseher ergattert haben und phänomenale Liebhaber reichen ihrer Bett-Gespielin die Hand zum Abklatschen, wenn diese einen furiosen Orgasmus gespielt hat; und ich, schon im Sarg, klatsche den Pfarrer ab, der mich beerdigt, weil mein Leben so irre gut gelungen ist.

„Abklatschen“ heißt heute, bzw. man tut es fortwährend deswegen, um sich gegenseitig zu beglückwünschen, wie toll man ist. Ist man denn toll? Daran nagt der Zweifel, und je mehr er nagt, desto öfter reckt man das Patschehändchen in die Luft und hofft, dass irgendein schlicht gehäkelter Mitbürger dagegen klatscht. Dann weiß man: Doch, doch, du bist ein Hecht. Sicher.

Apropos Klatsch. Die Dichterin Charlotte Roche, so dröhnt es mir vom SPIEGEL bis zur Bäckerblume werbefeucht entgegen, hat ein Buch verfasst, in dem sie ihre Erfahrungen mit Fellatio, Anal- und Trio-Sex aufarbeitet. Ganz schön mutig, finde ich! Als frühreifes und selbstaufgeklärtes Kind, wenn ich auf der Straße eine Schwangere sah, hab ich still bei mir immer gedacht: „Ha! Die hat bestimmt Sex gemacht!“ Jetzt weiß ich, dass Frau Roche auch Sex macht. Dieses Wissen wird mein Alltagsleben vielleicht nicht beträchtlich bereichern, aber es ermutigt mich, mein Privatleben ebenfalls öffentlich zu machen: Ich war mal in einem Swingerclub! Gern teile ich meine diesbezüglichen Erfahrungen mit dem bildungshungrigen Publikum: Es ist im Darkroom nicht nötig, sich namentlich vorzustellen – und Abklatschen ist dort weitgehend verpönt.