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Arnold Winterseels Jour Fixe (IV): Zwei, drei Flaschen Wein gegen die Gottesferne

20. März 2009
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Maulana Dschelaleddin Rumi: Wein der Unsterblichkeit?

ÜBER GOTT NUR IN DER ICH-FORM!

Freund Fredy Asperger  tüftelte zuhause an einer kniffligen Fern-Mikado-Aufgabe und erklärte sich am Telefon „mit freundlichen Grüßen“ (!)  für „derzeit unabkömmlich“. Die charmante Miß Cutie indes war angeblich kellnern – sie trachtete seit Frühlingsausbruch das Geld zusammenzubekommen, um sich „endlich mal die Nase machen zu lassen“. Hauke und Hinrich, die Aquavitzwillinge, waren zur alljährlichen Windjammerparade nach Kiel, glaub ich, und Oma Hager ließ sich von Sven-Aaron Mangold, unserem Einserjuristen und Gelegenheitsgigolo, zum Frisör kutschieren, um sich eine frische silberfuchsblaue Haarhaube verpassen zu lassen. Ich machte mir also gewisse Hoffnungen auf ein Privatissimum bei meinem Traurigkeitslehrer Dr. Winterseel. 

Tatsächlich waren im Salon außer einigen mir unerheblich dünkenden Komparsen nur Nachbarschaftsmystiker Enver Konopke und Literaturpapst Blankenvers zugegen. Man diskutierte über die These des Sufi-Süffels, der tägliche Konsum „von etwa zwei, drei Fläschchen Wein“ sei in der Lage, die allenthalben beklagte und und ja auch durchaus  beklagenswerte moderne Gottesferne zu mindern. Er stütze sich, so Konopke, da im wesentlichen auf den mittelalterlichen Derwisch Maulana Dschelaleddin Rumi – die Aussprache des Namens meisterte er wie ein gefährliches Abenteuer sowie unter Aufbietung einiger entbehrlicher La-le-las –, und rezitierte dessen unsterblichen Vers: „Bevor es Garten, Weinstock oder Traube gab in dieser Welt / War unsere Seele bereits trunken vom Wein der Unsterblichkeit“.  – Die bereits pränatale Betrunkenheit Konopkes wollte Blankenvers nun zwar gern konzedieren, bezweifelte das mit der Unsterblichkeit aber energisch. Als Vertreter des medizinischen Materialismus, so der Magister, halte er Konopkes des öfteren vermeldete mystische Visionen eher für „Anzeichen eines handfesten Korsakow-Syndroms“, wie es für chronische Alkoholiker typisch sei; auch werde er, bevor er „Gott sähe“, es wohl erst einmal mit ekligen kleinen Tieren an der Krankenhauszimmerdecke zu tun bekommen, prophezeite er gallig. Weitere herzlose Gehässigkeiten des Magisters, Leberzirrhose und Delirium tremens u. ä. m. thematisierend, induzierten bei Enver Konopke ein derart vernichtend intensives, anfallartiges Erlebnis der Gottferne, ja untröstlichen Gottlosigkeit, daß er vor metaphysischer Erschütterung einen Weinkrampf (!) erlitt. Dieses Schauspiel erreichte bereits das Stadium der definitiven Unerfreulichkeit, als mir der wohlgefüllte silberne Flachmann in meiner Jackentasche einfiel, den ich dem in Tränen aufgelösten Gottsucher Konopke umgehend anbot. Er nahm einen tiefen, langen Schluck vom Scotch, stutzte kurz über den ungewohnt rauen Geschmack, entspannte sich dann aber, sah mich mit noch tränenblinden, aber glutvoll verliebten Augen an, stürzte auf mich zu und verabreichte mir unversehens einen nassen, durch den borstigen Schnauzbart in seinem Gesicht noch unausweichlicher ausfallenden Kuß auf den Mund, wandte sich dann um, mit ausgestrecktem Arm und vor Erregung zitterndem Finger auf den Lyrik-Lektor weisend, indem er mit fürchterlicher Stimme schrie: „Da sehen Sie es! Da sehen Sie es!“ Mit diesen Worten stürzte der kleine kugelige Mann – unter Mitnahme meines Flachmannes –  aus dem Zimmer, um, so vermute ich, die neu gewonnene Gottesverbindung nicht gleich wieder abreißen zu lassen.

An diesem Abend, Blankenvers empfahl sich, von dem Zusammenstoß mit Konopke noch konsterniert, schon früh, sprach ich dann in der Tat lange allein mit Arnold Winterseel. Er sagte mir ungemein Kluges, Trostreiches und Beherzigenswertes über die Anmut des Scheiterns, die Blindheit der Gewinner und über die hellsichtigen Untergeher und Wandler am Abgrund; er sprach von den herrlichen Dichtern, die es verschmäht hätten, auch nur eine Zeile zu veröffentlichen, und erzählte von helläugigen Mystikern, die von Gott nur in der Ich-Form gesprochen hätten, weil „sowieso alles Eins“ wäre und Gott in der dritten Person zu nennen schon den Frevel des Dualismus heraufbeschwöre. 

Zum Schluß verriet er mir noch das gnostische Geheimnis, wie man es durch Autosuggestion und Atemkontrolle  vermeiden könne, zu wirken, als sei man von allen guten Geistern verlassen; leider, zu meiner nicht geringen Ernüchterung schloß Winterseel jedoch mit den Worten: „Aber, mein lieber Bruno, das bleibt unter uns, nicht wahr?“  – Tut mir leid, Freunde!

Arnold Winterseels Jour Fixe (III): Zwischen Ramadan und Remmidemmi

15. März 2009
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Achtung, Mode-Schnarchnasen: Die Schlafmaske wird heuer zum Fashion Accessoire!

SELBST-GEHEGELTES: DAS JA UND DAS NIX

Nach meinem ersten Eindruck war Enver Konopke ein Roßtäuscher, wie er im Buche stand. Der kleinwüchsige, monströs beleibte Glatzkopf in seinem unseriös schillernden Glenchek-Anzug und mit dem wenig überzeugenden Knebelbart eines Berufs-Catchers war mir erstmals aufgefallen, als er in Winterseels Salon lauthals von sich behauptete, er sei „der einzige muslimische Atheist seiner Nachbarschaft“, wenngleich aber zwar, wie er mit wichtigtuerische Miene hinzukrähte, „… ein stock-schiitischer!“ Dennoch hätten, so schwadronierte der „Privat-Mystiker“, wie er sich hochmögend nannte, weiter, ihn „sämtliche Mullahs auf dem Kieker“, weil er im Fasten-Monat Ramadan „mit dem Saufen donnich so abrupt aufhören“ könne („Menno, Schnaps issn Medikament, da mußte dir janz lannsam ausschleichen, wa?“); dafür stelle er doch dabei in der Fastenzeit tagsüber, solange er einen schwarzen von einem weißen Faden unterscheiden könne, „det Reden komplettmang“ ein, was für ihn ein weitaus größeres Opfer an Allah darstelle, zumal wenn man in Betracht zöge, daß man für dessen Existenz vor allem nach dem Hinscheiden seines angeblichen Profeten Muhammad H. jeden Beweis schuldig geblieben sei.

Oma Hager bekam hektische rote Flecken auf den Wagen und zischte mir mit theatralisch durchdringendem Bühnenflüstern zu, sie kenne „doch diesen Blender“ noch aus der Zeit, als er schwarz-blau-weiße Lackschuhe getragen und sich „Elvis“ genannt hätte; während eines „frivolen Techtelmechtels“ habe er ihr, seiner beträchtlichen geschlechtlichen Erregung Tribut zollend, sogar in einer Art Geständniszwang einmal offenbart, sein Taufname sei eigentlich Erwin, und er sei in Wahrheit der illegitime Sproß eines preussisch-protestantischen Pedanteriewarenhändlers aus Rixdorf gewesen, bevor er zum Islam konvertiert und an jenem dann wiederum zum Renegaten geworden sei. – „Enver Bey“, wie er sich gern rufen ließ, zwinkerte mir bei Oma Hagers unüberhörbar  konopke-kritischenen Einlassungen lediglich verschwörerisch zu und deutete mit vor den Augen absolvierten, energischen Wischbewegungen an, daß er die alte Dame für unrettbar dement (i. e. „völlig gaga und plem plem“) hielte.

Unser Einserjurist Mangold warf schneidend ein, nach den Regeln der Aussagenlogik mache es ja wohl, ob man sich nun jüdischer, christlicher oder muslimischer Atheist schimpfe, ungefähr so viel Unterschied wie die Frage, ob man John Cage’s Stück > 4′ 33“ <, das bekanntlich aus ca. viereinhalb Minuten Stillschweigen bestünde, nun für Piano (Fassung von 1952) oder für Orchester (London, 1982) aufführe. – Hauke und Hinrich Dittmers, die Aquavitzwillinge, protestierten unisono und furioso: Ihre friesische Ontologie der Negation besagte, um es zusammenzufassen, es sei „scha numah ein völlich anneres Gefühl“, ob man „kein Jubi mehr“ in Gefrierfach hätte oder „bloß ma das Jever aus“ sei! 

Unser Mentor und Traurigkeitslehrer, Dr. Arnold Winterseel, hatte, noch in der Tapetentür verweilend, dem sich anschließenden Disput über das Sein und das Nichts mit gütigem Schmunzeln beigewohnt, räusperte sich aber dann, um beiläufig zu bemerken:

„Liebe Freunde, es ist doch wohl ohne Zweifel folgendermaßen: … die Negation steht unmittelbar der Realität gegenüber: weiterhin, in der eigentlichen Sphäre der reflektierten Bestimmungen, wird sie dem Positiven entgegengesetzt, welches die auf die Negation reflektierende Realität ist, – die Realität, an der das Negative scheint, das in der Realität als solcher noch versteckt ist“!

„Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. I, Kap. II, Abschnitt A, Absatz b, Anmerkung1“ – murmelte Fredy Asperger neben mir traumverloren, während Miss Cutie plötzlich einem hysterischen Gickel-Krampfanfall zum Opfer fiel und wenig damenhaft, mit hochrotem Köpfchen losprustend und „ich mach mich gleich nass, ich mach mich gleich nass!“ quiekend schleunigst aufs Lavobo retirierte. 

Winterseel schien mir, seinem bekümmert eulenhaften Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ernsthaft konsterniert! –  Und hier war es nun doch ausgerechnet der bramarbasierende Barbaren-Brahmane und Sufi-Säufer Enver Konopke, der die Situation rettete, wenn auch mit einer unleugbar atemstockenden Vulgarität, die manche an Jonathan Swifts Erzählung erinnerte, wie Gulliver einst den Brand im kaiserlichen Palast von Liliput gelöscht hatte, in dem er ungescheut vollrohr draufschiffte: – Ein schnapsbedingstes schweres, saures Aufstoßen zerriss jedenfalls die betretene Stille, in die hinein Enver Bey Konopke seinem Rülpser mit einem artikulationsmäßig leicht verwaschenen, sonst aber formvollendeten Hegel-Zitat Gewicht und Vollendung verlieh:

Die Qua… Qua…Qualierung oder Inqualierung…, einer in die Tiefe, die Tiefe, aber, äh, in eine trübe Tiefe gehenden Philosophie, bedeutet die Bewegung einer Qualität (der sauren, herben, feurigen usf.)“ – hier stierte der Ex-Konvertit uns mit einem wehe wattigen Grinsen ins Gesicht, – „in ihr selbst, insofern sie in ihrer… ihrer negativen Natur (in ihrer Qual) sich aus anderem setzt und befestigt, überhaupt die Unruhe ihrer an ihr selbst ist…“

„…nach der sie nur im Kampfe sich hervorbringt und erhält“,  fielen wir alle erleichtert in jubilitatorischem Chore ein, uns an den Händen fassend und mit den Füßen sanft den Rhythmus in den Teppichboden stampfend. These und Anti-These, Realität und Negation lagen sich dialektisch in den Armen und des Schmatzens fraternisierender Wangenküsse wollte es kein Ende nehmen. Mit seiner Bravourleistung hatte sich Enver Konopke in unsere Herzen rezitiert und wir nahmen ihn, ungeachtet seines inzwischen erfolgten komatösen Zusammenbruchs, einstimmig in unsere Salon-Runde auf, wo er seither darauf pocht, die Rolle eines „Paradiesvogels“ zu spielen….