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Ohne Bedeutung

20. März 2014
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Wer weiß, wie dieses Tier riecht?

Zuweilen spielen sich im Ganzkleinen, im mikroskopischen Mikrokosmos, piepsleise Tragödien ab, und keiner merkt es, es sei denn ich. So kommt etwa ein Wort zur Welt, ein hübsches, blitzsauberes, klangvolles Wörtchen, blickt aus blanken Augen voller Neugier in das irdische Realitätenkabinett und – Schock! findet sich als behindertes Waisenkind, ohne Auftrag, Nutzen und Frommen, will sagen, es ist ein Wort ohne verbürgte Bedeutung. Der Signifikant wurde ohne Signifikat geboren! Das ganze kam so: Ich entdeckte gestern auf der Terrasse ein wundersam schicklich gestaltetes, noch nie gesehenes Kerbtier, geometrisch geschmückt und irgendwie ganz gotisch-ritterlich anmutend gekleidet, und ich fotografierte es stracks, zu zoologischen Bestimmungszwecken. Es ist ja doch nun einmal so, dass Männer, die ein gewisses Alter überschritten haben, in dem man früher füglich und ordnungsgemäß längst gestorben wäre, heute einfach weiterleben und übersprungshalber anfangen, Allotria zu treiben vulgo allerhand unnützes Gemache und Gewese zu entfalten, sodass man sie in den Garten hinaus schickt: Käfer fotografieren.

Aber weiter mit der spannenden Geschichte! Unter Aufbietung gehöriger koleopterologischer Anstrengungen identifizierte ich den seltenen Gast als Amerikanische Kiefern- oder Zapfenwanze, leptoglossus occidentalis, und, wie es üblich ist bei uns um Volksbildung geflissentlich Bemühten, begoogelte ich das prächtige Geschöpf sogleich um- und eingehend. Natürlich, das Netz wusste Bescheid! und versah mich freigebig mit allerhand Wissenswerten und Denkwürdigen. Über das prachtvolle Neozoon, den weitgereisten Gast aus Amerika hieß es dort unter anderem: Fühle es sich angegiffen, sondere es ein Sekret ab, das „nach Limetten und Amselseife“ duftete. Was für liebes, zartes, mysteriöses Wort! Amselseife, Amselseife, Amselseife, summte ich den ganzen Tag über vor mich hin. Indes, es wollte sich mir einfach kein gehöriges Duftbild zu diesem Namen einstellen, sodass ich mich irgendwann doch der Frage stellen musste – was ist denn das, Amselseife?

Ein müßig herumlungerndes Amselpärchen im Garten verweigerte mir Auskunft, sondern flötete betont unbeteiligt, als hätte es meine Anfrage nicht gehört, sein Kannitverstan in die Abendluft. Nächste Station: Gattin. „Sag, Frau, jetzt du mal als Frau so, du wirst doch sicher wissen, was Amselseife ist, gell? Gewiss hat dir die Mume resp. knausrige Großmutter früher zum Namenstag immer gütigst ein Stückchen Amselseife zugesteckt, nicht ohne Mahnung, dass dies aber für ein ganzen Jahr hinreichen müsse?“ – „Hä? Wovon redest du denn ?“ – Wenn Madame mich für meschugge hält, macht sie ein ganz besonderes Gesicht. Oh, wie oft bekomme ich es zu sehen! Nun sitze ich hier, mit meinen Wort, auf der Bettkante. Wir lassen unsere Beine baumeln und warten beide auf unsere Bedeutung.

Zum Schluss zwei Menü-Vorschläge für Hartherzige: Giraffen-Spießchen mit Seepferdchen-Herzen und Affenbrotbaum-Salat; Eisbärenbabies im ganzen gebraten mit Amselrotkohl und paniertem Toast. Dazu passt eine Eiswasserschorle mit Schuß.

PS: Ob wohl vielleicht Apfelseife gemeint war? Schnöder Tippfehler? Egal, zu spät – das Wort ist in der Welt!

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Die Märchen-Muhme schnitt den Faden…

2. Juni 2010

Geliebte Gegenmutter: Louise Bourgeois (1912-2010)

Daß es seltene Menschen gibt, die rückwärts geboren und mit dem Alter immer jünger werden, ist ein Topos der Literatur und des Films. Manchmal existieren sie aber auch tatsächlich. Ich fand jedenfalls, zum Schluß wirkte sie schon fast gespenstisch in ihrer Vitalität und unermüdlichen, rumpelstilzchen-haften Schaffenskraft, wie ein in Unwirklichkeit gebadetes, sehr junges Mädchen aus einem Carollschen Wunderland, immer am Spinnrad der Kunst, der arachnoide weibliche Archetyp der Sinn- und Schicksalsspinnerin, immer wie leise kichernd, im klamm stummen Fingerspiel haspelnd und spinnend, versponnen verhäkelte Botschaften wispernd, gespenstisch, aber auf anheimelnde, vertraute Art gespenstisch, wie Frau Holle oder meinetwegen auch des Teufels Großmutter, als wäre sie, die alte Muhme Louise, eine zaubrische, als Greisin verkleidete Elfe: Verwundet, aber davongekommen, schweigsam, aber beredt: Ihre schüchtern-obzönen Schwellkörper, die dezent-grausamen Püppchen und Strickfiguren, ihre arachnoiden Monstermütter, ihre verstörenden „Zellen“ und verwunschenen, im kranken Licht fröstelnden Kram-Kammern kündeten, sozusagen in hundert Jahren Schlaflosigkeit zusammengeklöppelt, von einem rastlosen, arbeitsamen Geist, der hinter dem Gespinsten der Sprache und der Konventionen nach der ursprünglichen Wunde suchte, dem unhörbaren Schrei auf dem Grund der eigenen Existenz lauschte,  dem Untergrund der Dinge nachforschte, dem wurzelhaft-biotischen Wuchern und Wachsen des Unheimlichen, das uns trägt, der nie verwundenen Kindheit nachtrauernd. – Künstler wird, so sagte sie, wer es es nie schafft, erwachsen zu werden.

Louise, auch ein Idol: ein böses, verstoßenes, nicht gewolltes Kind, ein unverstandenes Kind, ein Kind mit einem bösen, glasklaren Blick. Immer draußen, immer am Rande, und immer im Bilde. Hexen, Parzen, Muhmen: „Weise Frauen“, Behüterinnen eines unerträglichen, aber doch unverzichtbaren Wissens – Louise Bourgeois war für mich eine von ihnen. Ihr Werk berührte mich, unangenehm intensiv wie ein schlimmer grippaler Infekt, ein erlkönighaftes Fieber, eine physische Beängstigung und Lockung zugleich, ganz unmittelbar, ohne Vermittlung durch Kunstlehrer und Interpreten. Sie machte Angst und in sich verliebt, wie sonst nur Kafka. Sie ging mir unter die Haut. Louise Bourgeois war meine (heilsame) Gegenmutter.  Außerdem, um sachlich zu bleiben, bewies sie, daß Feminismus nicht dumm, geistlos und ideologisch sein MUSS. Wenn ich je eine Frau jenseits des Geschlechtes rückhaltlos verehrt habe, dann sie: Weil sie Verehrung abstieß.

Halb und halb hatte ich schon gehofft, sie sei eventuell unsterblich, dezent-papiernen entrückt, zum Mythos sublimiert. Aber dazu war sie wohl zu bescheiden.

Nun starb sie also doch – am Montag, den 31. Mai 2010, im Alter von 98 Jahren, in New York an einem Herzinfarkt.  – Geliebte, verehrte Louise. – Endlich Schlaf!