Posted tagged ‘MSV DUISBURG’

Inländer, heimatlos beim Weltuntergang

25. Mai 2011

"Da hörsse dich selpz deine eichne Sprache...!"

Samstag, 21. Mai. Wir hockten klamm beim Sportrentner Horst im dicke mit Schrankwand, Lederpolsterlandschaft und Flachbild vollgemachten Wohnzimmer und fremdelten. Seit Branko seine Kneipe an die bulgaro-türkische Mafia verscheuert hat, haben wir nämlich kein Heim mehr. Wir (zwei Griechisch-Orthodoxe, ein Russisch-Orthodoxer – glaubt er jedenfalls, weil er sich anders bekreuzigt als „die Griechen“ –, ein Atheist, ein Agnostiker und ein Quoten-Muslim, der aber „mit Religion nicht so viel am Hut hat“ – nuckelten am Diebels, guckten DFB-Pokalfinale und warteten auf den errechneten Weltuntergang. Von uns wurde natürlich niemand „entrückt“. Und untergegangen ist bloß der MSV Duisburg. Es war ganz furchtbar, obwohl Sportrentner Horst extra Buffet gemacht hatte mit Würstchen, Frikadellen und Nudelsalat, lecker Gürkchen auch dabei.

Es stand schon 5:0 für Schalke und wir waren eher ver-, als entrückt geworden, da schellte es und der verwitwete Ex-Hausbesorger Pitti schneite noch in die Runde (zwei Serben, ein Albaner, ein Mazedonier, ein Türke und zwei Deutsche), die gerade diskutierten, ob man nicht „alle Ausländer aus dem MSV rausschschmeißen“ sollte. Pitti sieht aus wie ein Trauer-Schlumpf, königsblaue Nase vom Kummer-Bier und schlohweißes Haupthaar vor Trauer; er ist der gegenwärtige Hauptvertreter der Duisburger Schule des Stoizismus (Maxime: „Watt willze machen? Da kannzze nix machen!“ – Was soll man zum Krebstod der Frau, mit der man 45 Jahre verheiratet war, auch weiter sagen?).

Speziell die Ausländer unter uns waren aus Frust extrem ausländerfeindlicher Stimmung. Als nach dem Spiel der Schalker Christoph Metzelder interviewt wurde und außer Atem etwas nuschelte, schollerte und bollerte, brüllte Vlado, der Mazedonier, der, obgleich seit 30 Jahren in Deutschland, die hiesige Landessprache nur rudimentär beherrscht, in den Fernseher: „Spreche maa deutsch, du Arscheloch!“, was unter den noch nicht-komatösen Stammtischlern für gewisse Erheiterung sorgte.

Pitti aber, durch bereits aushäusig stattgehabten Alkoholgenuss der vielleicht einzige „Entrückte“ unter uns, erzählte ein ums andere Mal, die lieben Knopfaugen weit aufgerissen, von dem Wunderding von Hörgerät, das „dem Arzt“ ihm verschrieben hätte. „Ey, datt glaubzze nich, da hörsse dich selpz deine eichne Sprache“, schwärmte er verträumt, „datt geht so per Funk von den einen Ohr an datt annere!“ Dass ich laut aufglucksen musste, verstand keiner, ebenso wenig wie meine kichernd hervorgebrachte Frage, ob der Funk jetzt um den Kopf herum oder quer hindurchginge, irgendeine Resonanz fand. Natürlich trägt Pitti das Hörgerät nicht, weil, bei 2000,00 Euro Selbstbeteiligung ist das einfach zu teuer, um benutzt zu werden.

Mangels Hörgerät hatte er aber auch wiederum gar nicht mitbekommen, dass das Spiel schon zu Ende und die Welt bereits untergegangen war. Mir aber, dem aus verschiedenen Gründen (MSV, Religion, Alltagsrassismus, Wein) melancholisch gewordenem Volksmagister wurde die Welt schon wieder zu Gleichnis. Man stelle sich vor, es gibt Funk, aber zwischen dem einen und dem anderen Ohr … ist nichts, geht keiner hin, ist bloß weißes Rauschen. Endlich kann man sich hören – und dann stellt man gerade deswegen fest, zwischen den eigenen Ohren herrscht Funkstille, Verstummung, Schweigen. Nobody at home. Das weiße Rauschen, das schwarze Loch, zu groß, um es mit Bier und Schnaps zu füllen. „Isch geh denn gezz ma“ beschied Pitti der Runde würdevoll, „ich krich noch’n Anruf“. Wir protestieren höflich und denken im Stillen: „Ja klar, sicher doch, Hauptsache, du hörst den dann auch….“

Na ja, egal, Fazit ist – in der Welt wie im Geddo: Wir sind es, die HIER BLEIBEN müssen! Scheiß Propheten… – Das Pokaldebakel war dann überraschend rasch vergessen. Milos und Nikolaj bemühten sich, mir komplett Ungläubigen beizubringen, wie man sich korrekt russisch- bzw. griechisch-orthodox bekreuzigt. „Proffesser“, wachte Bogdan, der chronisch übermüdete Bosnier, der es als Baupolier wissen muss, kurz auf, „Professerweißt du, warum euer Jesus bei die Bosnier nich gekreuzigt worden wär?“ Nö, wusste ich nicht. „No, überlech maa, Professer – Nägel aus Eisen! Wärn doch längs alle  geklaut!“  – Treuherzig, wenn auch unmotiviert, erklärt mir der Mazedonier Vlado, „…und deswegen hass ich die Griechen!“ – „Wieso“, frage ich, „das sind doch eure Nachbarn?“ — „Eben“, schmunzelt Vlado gütig, „eben!

Auf der Umlaufbahn (Metaebene 2)

24. April 2011

Die Welt schaut nach London

Irgendwo hab ich mal eine Anekdote gelesen über einen Astronomen, der, ich weiß nicht mehr wo, in Pressburg vielleicht oder im Wienerwald, jedenfalls öffentlich einen Vortrag über die Planeten unseres Sonnensystems hielt, Saturn, Pluto, Jupiter, Venus & Co., und hinterher sei aber ein Bäuerchen oder Schuster oder so aufgestanden, hätte zwar sein Gefallen an dem Gehörten bekundet, dann indes nachgefragt, wie man denn, wenn man auf  jenen Gestirnen doch noch nie gewesen sei, überhaupt wissen könne, wie die alle heißen? – Zwar muss ich darüber schmunzeln, doch bin ich auch so ein Depperl. Ich meine: Ständig werden irgendwelche Sachen gewusst, beispielsweise über die Sicherheit von AKWs, über die Zukunft der Renten oder die Stärke des Euro in fünf Jahren, und ich frage mich: Woher wissen die das denn?

 Gestern machte der regional zuständige Rundfunk mich mit der lapidaren Mitteilung staunen, am kommenden Dienstag, oder wann das jetzt ist, würden 4 Milliarden Menschen am Fernseher die Hochzeit des britischen Prinzen mit seiner Erbsenprinzessin verfolgen. Wie jetzt? Vier Milliarden Menschen gucken am gleichen Tag, wenn auch wg. Zeitverschiebung vielleicht nicht gänzlich synchron, neun Stunden lang zu, wie ein verschrobenes, für seine Exzentrizität berühmte Inselvölkchen sich selbst veralbert? Dreht sich die Erde dann überhaupt noch weiter? Nur, auch wenn das politisch vielleicht nicht korrekt ist, mal angenommen, diese satte Mehrheit der Weltbevölkerung wäre zugleich identisch mit deren weiblicher Hälfte – heißt das jetzt, an diesem schwarzen Tag bliebe rund um den Globus die Küche kalt, die Wäsche würde nicht gebügelt und Abermillionen von zu recht ungehaltenen Babies blieben ungewickelt? Hat man das, inklusive des weltwirtschaftlichen Gesamtschadens, irgendwie statistisch hochgerechnet, oder woher weiß man das?

 Na, ich will mal nicht den Naiven spielen: Die Medien, die so etwas herumposaunen, haben das natürlich aus den Medien, woher sonst? Die Söhne Luhmanns kennen das Fachwort dafür, es heißt Selbstreferentialität. Ein Wort wie ein vertrockneter, morscher Ast, aber es sprießen Blätter und Wunderblumen aus ihm. Ebenfalls gestern und auf selbigem Rundfunksender nämlich erfolgte endlich, worauf ich schon lange gewartet hatte: eine Sendung, die mit gebotener Fassungslosigkeit über den „Medienrummel“ berichtete, der um die fosssile Prunk- und Pompposse veranstaltet würde. Interessant ist ja, dass, wenn man sich darüber amüsiert, wie die Medien den von ihnen selber angerührten Quark bestaunen wie ein Kind, das erstmals A-A in sein Töpfchen gemacht hat und sein ureigenstes Produkt händeklatschend bejubelt, und man diese Erheiterung öffentlich und medial glossiert, man sich unversehens selber schon auf der zweiten Meta-Ebene der Selbstreferentialität befindet, also praktisch schon im Orbit planetarischer Unwirklichkeit. Die Luft wird dünn, Sinn und Substanz kommen nur noch in Spurenelementen vor.

 Leser, die das Vorangegangene für bemerkenswert halten, schlucken vielleicht auch die Meldung, das demnächst bevorstehende DFB-Pokal-Endspiel zwischen dem MSV Duisburg und Schalke 04 würde auch von ziemlich genau 44% aller außerirdischen Intelligenzen „am Schirm“ verfolgt. Woher ich das weiß? Steht doch im Internet. Nämlich keine drei Sätze vor diesem hier.

Wörter im Abstiegskampf

1. Mai 2009
150px-spas_vsederzhitel_sinay

Nicht Stil-, noch werbe-, noch Kabarett-, sondern echte Ikone (6. Jh.)

EINE KURZE BESINNUNG ÜBER IKONEN

Bloße Kulturchristen wie unsereins wissen es noch mit Ach und Krach: Der Psalmsonntag bezeichnet den ersten Tag der Karwoche, an dem Religionsstifter Rabbi Jeshua von Nazareth auf einem weißen Eselsfohlen in Jerusalem einritt, begrüßt von jubelnden Menschen, die ihm „Hosianna!“ (= „Hilf doch!“) zuriefen. Die Woche ging bekanntlich gar nicht gut aus, zunächst. Am Ende muß man dann immer dran glauben, so oder  so. – Wer weiß aber, bzw. glaubt, daß Jesus auch Briefe geschrieben und Bilder von sich hat machen lassen?

„Hilf doch!“ schrieb ihm nämlich der Kirchenlegende zufolge auch von weither ein gewisser König Abgar V. von Osrhoene aus Edessa (dem heutigen südtürkischen Urfa), denn Abgar war krank, jedenfalls krank genug, um zu glauben, er könne sich den Wunderheiler-Rebbe Jesus mal eben so mir nichts dir nichts nach Mesopotamien einfliegen lassen.

Um den Gottessohn zu ködern, bot Abgar ihm sogar Asyl an: „Daher wende ich mich in diesem Briefe an dich mit der Bitte, dich zu mir zu bemühen und mich von meinem Leiden zu heilen. Ich habe nämlich auch gehört, daß die Juden wider dich murren und dir Böses tun wollen. Ich habe eine sehr kleine, würdige Stadt, welche für uns beide ausreicht.“ –

Kirchenchronist Eusebius berichtet im Jahr 325, Jesus habe die Einladung wegen anderweitiger Verpflichtungen (Kreuzigung, Auferstehung, Welterlösung) damals nicht annehmen können, habe aber dem Eilboten Abgars, einem Manne namens Ananias, einen netten Brief für Abgar V. mitgegeben, worin er geschrieben habe: „Selig bist du, weil du an mich glaubst, ohne mich gesehen zu haben. Es ist nämlich über mich geschrieben, daß die, welche mich gesehen haben, nicht an mich glauben, und daß die, welche mich nicht gesehen haben, glauben und leben sollen. Bezüglich deiner schriftlichen Einladung, zu dir zu kommen, mußt du wissen: es ist notwendig, daß ich zuerst all das, wozu ich auf Erden gesandt worden bin, erfülle und dann, wenn es erfüllt ist, wieder zu dem zurückkehre, der mich gesandt hat. Nach der Himmelfahrt werde ich dir einen meiner Jünger senden, damit er dich von deinem Leiden heile und dir und den Deinigen das Leben verleihe.“ [Eusebius, Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica) 1.Buch Kapitel 13].

Besagter Eilbote Ananias (alias „Hannan“) sei nun aber auch Maler gewesen, heißt es, der die Gelegenheit beim Schopfe griff und gleich mal eben den Gottessohn ratzfatz abkonterfeite und das Bild seinem König mitbrachte. Das ist ja zwar irgendwie nicht ganz logisch, weil es doch im Begleitbrief gerade heißt, „daß die, welche mich gesehen haben, NICHT an mich glauben“, aber Theologie und Logik stehen eh in einem gewissen Spannungsverhältnis. Ist ja nicht weiter schlimm. Noch weniger logisch scheint, daß dieses so entstandene Christus-Porträt als „nicht menschengeschaffen“ bis heute verehrt wird (heute hats der Papst in seiner Privatkapelle!) – und zwar als … erste wundertätige Ikone! Gott hatte sozusagen den Selbstauslöser benutzt, – was später zu weiteren theologischen Verwirrungen führte: Hieß es doch im Dekalog eindeutig: „Du sollst Dir kein Bildnis machen…!“ Ja, was denn nun noch?

Im 8.und 9. Jahrhundert kam es darüber in Byzanz sogar zum Bürgerkrieg zwischen Ikonoklasten (Bilderstürmern) und Ikonodulen (Bildverehrern). Letztere, z. B. Johannes von Damaskus, brachte pro Bilderlaubnis das theologische Argument vor, der unsichtbare Gott habe sich ja per Menschwerdung in Jesum Christum selbst sichtbar gemacht, – sei daher auch abbildbar geworden. So!

Jedenfalls, um die Sache abzukürzen: In den orthodoxen Ostkirchen sind Ikonen bildliche Darstellungen von Jesus, Maria und einigen Heiligen, welche eine erhebliche und bemerkenswerte Besonderheit aufweisen: Es handelt sich nicht einfach um irgendwelche Bilder, sondern in den flächig, zweidimensional und bewußt schlicht gehaltenen Bildnisssen ist das dargestellte Heilige selbst zugleich anwesend und aktiv. Weswegen solche Ikonen ja eben auch Wunder wirken, Krankheiten heilen, Krebs wegmachen, Kredite einlösen, flüchtige Bräute zurückholen können etc. Ikonen sind Hotlines zum Heiligen, Tag und Nacht besetzt. Wer dran glaubt, darf mit Wundern rechnen. Wer nicht, muß halt abwarten, was kommt.

Ich will über diesen Bildmagie-Glauben gar nicht aufklärerisch die Nase rümpfen. Ich hab als Kind auf dem Schulweg auch geglaubt, wenn ich nur auf jede zweite Gehwegplatte trete, schreiben wir Mathe erst nächste Woche. Der Mensch braucht sein bissel Magie. Wir sind so. Zum Beispiel ist der gegenwärtige Trainer des Zweitligisten MSV Duisburg zwölf Spiele lang nicht zum Friseur gegangen, in der abergläubischen Annahme, der Haarschnitt könne die Siegesserie des Vereins kappen. So ist der Mensch! Noch heute! – Ikonen also, halten wir das fest, sind magisch-spirituelle Dinge, in denen das Heilige selbst und persönlich anwesend ist, wohnt und wirkt. Ob in der Werbe-Ikone Verone Pooth geb. Feldbusch oder in der Stilinkone Madonna das Heilige anwest, bezweifele ich. Aber ich bin auch skeptisch, ob echte Ikonen Krebs wegzaubern. Damit beschließe ich diesen Besinnungsaufsatz. Glaube hin oder her – ich wünschte, das schöne alte Wort Ikone würde nicht zum Blödwort absteigen.  Wir machen ja Kirchen auch nicht zu Eventschuppen! Wie? Manche machen das? Dann Fluch über sie! Und jetzt Schluß damit.