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Elegie eines missratenen Zwerges

21. Mai 2012

Mein mutmaßlicher Vorfahr, empörend diskriminiert!

Wenn ich den emsigen Ahnenforschungen meines Vaters Glauben schenken darf, der freilich nur ein kleiner jüdischer Pedanteriewarenhändler aus Berlin-Rixdorf war, welcher sich gleichermaßen vorbeugend wie rückwirkend 1932 kurzerhand selbst arisierte, dann stamme ich von einer seinerzeit hochberühmten Dynastie von Hofzwergen und Unterhaltungskrüppeln ab; in letzter Linie geht die Sprossenleiter unserer Vorfahren vielleicht sogar auf Signore Braccio di Bartolo gen. Nano Morgante zurück, den Hofzwerg Herzog Cosimos I. von Medici, dessen (des Zwerges!) Angedenken freilich durch einen gemalten Doppelakt aus dem Pinsel des vermaledeiten Dreckskerls und Barock-Schmierfinken Giovanni Bologna einen übel despektierlichen haut goût empfing, den ich heute, mit 400 Jahren Abstand, schon noch immer als schmerzhaft diskriminierend empfinde.

Derzeit gilt ja Herkunft nur noch wenig, Zukunft allein – die Zukunft, die man sich erhofft, einmal zu haben! – ist alles. Heutige Kinder, sei es durch bloße Fahrlässigkeit, sei es durch Mutwillen in die Welt gesetzt, kranken durchweg an Indolenz und überbordendem Narzissmus, sie ehren ihre Erzeuger nicht und schon gar nicht die ehrwürdigen altvorderen Unterhaltungskrüppel!

Meine hohe Abkunft, das gestehe ich, bedrückt mich oft nicht wenig, denn ich bin ein missratener Spross: Wohl an die sechseinhalb Fuß hoch, in der Schulter anderthalb Klafter breit – und mein Korpus enthält, um ein altes Maß für Flüssigkeiten zu beleben, ca. viereinhalb Hosen Wasser, wobei die Gattin, mir beim Schreiben über die Schultern schauend, spitz einwirft, ob es bloß Wasser sei, dürfe man ja wohl mit Fug noch bezweifeln. Gleichviel, für einen ansehnlichen Zwerg ist mein Volumen beschämend, ja indiskutabel, denn von einem Zwerg mit dem Umfang des Heidelberger Weinfasses ist eine ordnungsgemäße Erfüllung der Dienstpflicht füglich nicht zu erwarten. Mein obig erwähnter – und durchaus etwas würstchenhafter –  Vater wäre im Zweifelsfalle mit seinen knapp Eins-siebzich eventuell noch als „Riesenzwerg“ (Gisela Elsner) durchgegangen, dank seiner als Arisierung getarnten Selbstverkleinerung, ich aber stehe durch meine monströse Verunstaltung dem professionellen Zwergentum nur noch als Zaungast gegenüber bzw. nicht mal gegenüber, sondern bloß so seitlich am Rande, und ich bin schlicht nicht imstande, die Familientradition fortzusetzen. Was mich tröstet (aber ist das ein Trost?): die Nachfrage nach Hofzwergen hat in der Gegenwart auf furchterregende Weise nachgelassen.

„Königliche“ (Ha!) Höfe wie der in Monaco, Belgien, Tonga, England oder Dings, Dänemark, sind dermaßen verpöbelt und verbürgerlicht, dass sie heute glauben, sie könnten gänzlich ohne Zwerge auskommen! Wie dumm, denn Könige ohne kompensatorische Zwerge sind ja selber welche! – Dergestalt aber gebricht nun meine Existenz ihres Ziels: Nicht gebraucht, aber auch ohnehin nicht geeignet, zu groß, zu dick, zu ungeschlacht, ein Trumm und zoologisches Monstrum, eine Art Tumor oder ontologischer Pickel, will sagen eine nutzlose Wucherung des Seins! Dabei bin ich charakterlich doch ein wahrer Hofzwergenspross: Ich darf an dieser Stelle mich höflich durch hoch trainierte Verschlagenheit, ferner durch approbierten Unernst, unbändige Spottlust und herausragende Bosheit empfehlen, den Tugenden meines Stammes, der freilich durch den jüdisch-polnisch-italiänisch-germanisch-moriskischen Genpool zu überraschenden Mutationen bereit und übermäßig  in der Lage ist. Denjenigen Menschen, denen meine Probleme fremd bleiben, darf ich wenigstens so viel verraten: Aussterben ist keine Lebensperspektive!

Mein Leben lang erstrebte ich, ein Unikat zu werden, nur um am Ende festzustellen: Als vermeintlich splendide Singularität führt man ein einsames, unverstandenes und selten belobigtes Dasein. Ein zu groß und dick geratener Zwerg stellt keine Attraktion mehr da, er entbehrt des Sensationellen, und man glaubt ihm auch nicht: Meine Beteuerungen, ich sei im Grunde und der Abkunft nach eigentlich ein, wenn auch geistvoller, Minderwüchsiger, erntet nur Unglaube, ja, offenen Spott, Hohn und herzloses Gelächter. Ich erlaube mir huldvoll, dies als philosophische Einsicht zu präsentieren: Immer ist man, wie Alice, die dem weißen Kaninchen folgt, entweder zu klein oder zu groß. Dass man einmal so recht behaglich passt in den Zauber der Wirklichkeitstheatralik, bleibt eine dumme Sehnsucht, ein blasser Traum und, am Ende, eine törichte Narrheit des unbelehrten Begehrens. Unvergessen die Weisheit des armen Kaspar Hauser: „Ich möchte ein Reitersmann werden wie ein anderer auch!“ – Ja, das wäre ein Lebensplan! Zu spät nun, zu spät.

Das „man“ ist Präsident

5. Januar 2012

Tartuffe, Präsident

„Ihn jetzt noch schonen, wäre lächerlich! Zu lange mußte ich die Wut hinunterschlingen über des unverschämten Heuchlers Dreistigkeit, der alles hier im Hause durcheinanderbrachte.“

Jean-Baptiste Molière

 Aah, seht diesen Widerling! Wie er sich windet und wurmt, barmt und bramabasiert, schwankend zwischen schlecht geheuchelter Demut und kaum verhohlener Wut, schleimig und doch giftig aggressiv, sobald der Moment es erlaubt; ein ertappter Hypokrit und Erzschwindler, abgrundtief abgefeimt und doch armselig, ohne Eier, ohne Größe, ein feiger, mieser, kleiner Intrigant und Wichtelwicht, ein normaler, durchschnittlicher Korruptling auf 60cm-Gartenzwergformat; hört nur, wie er zwischen verzeihendem „man“ und anmaßendem „ich“ changiert, wie ein Schmierentragikomödiant chargiert und larviert, Ausflüchte macht, zu Kreuze kriecht, um gleich darauf frech und dreist zum Angriff überzugehen, ein grunddeutscher Gartengiftzwergling eben und Fundamentalheuchler, den Dackelblick geschürzt, die Doppelzunge gewetzt, ein verschlagener Clown, erwischt, ertappt, scheeläugig vor schlechtem Gewissen und dessen ungeachtet impertinent wie ein Straßenbettler mit ge-faktem Holzbein und … – wie? was? Aber nein! Wo denkt ihr denn hin! Ich rede doch nicht vom Bundespräsidenten, das verbietet ja wohl die Würde des Amtes, nein, von Molières genialem „Tartuffe“, dem Urbild des verlogenen Heuchelfrömmlers ist die Rede. Ich empfehle der geneigten Leserschaft, das Reclam-Heft mit Molières bitterer Komödie mal wieder herauszukramen: dreihundert Jahre alt, das Stück, und, wie sich zeigt, noch immer brandaktuell! Darin ist alles gesagt. Und die Idealbesetzung für den „Tartuffe“ wäre…

Aber wo ihr das Thema schon mal aufgebracht habt, Nachbarn: Ich hatte mit der Gattin einen Disput. Sie, die gute, sanfte, verlangt einen Präsidenten, der ethisch-moralisch ein Vorbild ist. Ich hingegen möchte das nicht! Ich hasse Tugendrepubliken! Als Erz-Macho wünsche mir einen Machthaber, einen Usurpator, einen skrupellos machiavellistischen Kulturheroen, der Verbrechen in großem Stil vollbringt, einen Medici, einen Sforza, einen Sarkozy oder wenigstens Berlusconi! Nicht aber ein windelweiches, beschämend defensives Weichei, der irgendwelche Kredit-Petitessen mit subalternen, frechen Journaille-Fritzen noch kleiner redet! Wie beschämend ist das denn!? Ich bin darin Nietzscheaner: Wenn schon Verbrechen, dann in großen Stil, mit emphatischer Geste und mit Aplomb! Hätte er gesagt: „Meine Geschäfte gehen Euch nichtige Schreiberwichte ja wohl einen Scheiß an, Kanaille!“ Ja, dann hätte ich ihn respektieren können!

Aber so? Da sagt aber dieses Mensch, hundeäugig in die Kameras blinzelnd, flehentlich um Liebe heischend: „Man (!) ist ja auch Mensch!“ Wirklich? Daran zweifele ich. Besser, der Windelmann hätte gleich gesagt: „Man ist ja auch nur man…“ – Das hätte dem alten Heidegger (vgl. „Sein und Zeit“, § 27) gefallen:

 „Das Man ist überall dabei, doch so, daß es sich auch schon immer davongeschlichen hat, wo das Dasein auf Entscheidung drängt. Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, daß »man« sich ständig auf es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten, weil keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das Man »war« es immer und doch kann gesagt werden, »keiner« ist es gewesen. In der Alltäglichkeit des Daseins wird das meiste durch das, von dem wir sagen müssen, keiner war es.“

 Man ist ja auch nur „man“! Wahrhaftig. Besser kann man seine Inferiorität, Imbezilität und Indolenz nicht zum Ausdruck bringen! Wäre ich eine tätowierte Frau, und mein Mann hätte nichts bessere zu melden als „man (!) hat ja auch eine Schutzfunktion (!) der Familie gegenüber“ – ich würde den Schwätzer von der präsidialen Luxusbettkante schubsen!

Nein, ich persönlich will keine Mutter Theresa als Präsidentin, und wenn der Mann günstige Kredite und Urlaube erschnorrt hat, ist mir das herzlich Wurst! Was hab ich denn mit dem lächerlichen Privilegien der Reichen zu schaffen! – Aber bitte, Stil! Stil muss er doch haben! Dichter und Maler soll er fördern, großartige Architekten beschäftigen, Prachtbauten initiieren, Atemberaubendes in die Welt setzen! Von den grundbösen, korrupten und gewalttätigen Medici spricht und schwärmt noch heute die Welt. Aber … der?

Dieser Reihenhaus-Zwerg soll uns repräsentieren? – Ich fürchte ja. Tartuffe ist unser Präsident. Besseres müssen wir uns erst verdienen.