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Er hat „Hitler“ gesagt!

3. August 2011

Er hat "Hitler" gesagt!

Frühmorgens im Sommerloch. Bei einem Becher unfair gehandelten Kaffee begrüble ich gerade schlaftrunken das frisch aufgeschnappte Wort „Mitleidsmüdigkeit“ (die Spendenindustrie mault über Geldstromausfall), – da schlägt der Erregungsinfarkt zu: Huch! Huhah! Heiner Geißler hat „Hitler“ gesagt! Boah! Unfassbar! So spricht ja wohl der Ungeist des Rexechtstremstmismus! Antifaalarm!

Wie? Was? – Er hat gar nicht „Hitler“ gesagt?  Iwo, noch viel braungrausiger! Er hat „Wollt ihr den totalen Krieg?“ gesagt! Schockwellen durchrasen das Land. Gänsehaut pur! Die Journaille sprintet & springt  im angestammten Zweieck! Überall in den Redaktionen müssen die Praktikanten ’ran,  um den Geißler zu geißeln. Menno, man kannonnich „totaler Kriech“ sagen! Das ist doch astreiner Stürmerstil! Das ist so was von 40er! Menschenverachtend! Echt die unterste Schublade von Dr. Goebbels’ Giftküchenschrank!

Also, ich bin mir nicht sicher – sind das nun sommerloch-bedingte Arschbomben im Wasserglas oder ist die zerebrale Vollverklinkerung der Pawlow’schen Diskurspolizisten schon so weit gediehen, dass die rostige Hirnspieldose quasi vollautomatisch losrattert, sobald ein Reizwort klingelt? Könnte ja sein. Also flugs das Hetzmützchen auf den Brausekopf und ab in den antifaschistischen Kampf! Den Nazi-Geißler mal fix durch-googeln, vielleicht hat er ja auch noch „Autobahn“ gesagt oder „Heil“ oder gar „Winterhilfe“!

Nun kann man von einem knapp der Uni entlaufenen Mittdreissiger, der bei SPIEGEL, SZ oder taz online die Meinungsmühle drehen darf, nicht erwarten, dass er weiß, was eine Metapher ist. Sie haben halt am schiefen Elfenbeinturm von Pisa studiert und deswegen alle bloß Sudoku-Diplom. Und dass Geißler lediglich drastisch den hirnverbrannten Glaubenskrieg der Kopf- und Fußbahnhöfler ob deren totaler Bockigkeit anging, um diese verstockten Stuttgarter Bahnhofsnazis wegen ihrer verschmockten Verbohrtheit zur Räson zu bringen, das überfordert den Durchschnittshirni mit BA-(„Bloß-Angefangen“)-Abschluss natürlich empfindlich. Kommentieren geht eh vor kapieren. Und als diplomierter Zeithysteriker und geborener Antifaschist weiß man doch, wie der Hase läuft. Nämlich notorisch Hakenkreuze schlagend. Was möglichst meinungsführend und zeitnah anzuprangern, zu demaskieren und öffentlich zu bestrafen ist. Vernichten wir den Mann! Er hat „Hitler“ gesagt!

Die fest betonierte Zuverlässigkeit, mit der grenzdebile Fatzkes jederlei Geschlechts ihre schwer linksdrehende, joghurtgleiche Hirnerweichung in Stellung bringen, um, gedeckt durch die veröffentlichte Mehrheits“meinung“ bzw. den CvD (leitenden Quotenidioten), jedes Mal ihr unsägliches Politgekasper  abhaspeln, sobald ihr eingebautes Nazisuchwortprogramm „ping!“ macht, frappiert, deprimiert und isoliert – glaubt man sich doch von lauter kalt verschleimten, vollrohr blickdicht doofverschweißten Idioten umgeben! — Die berühmte Stimme der Vernunft ist grausam  heiser und kann nur noch so bisschen mäusepiepsen. Fast möchte man religiös werden und angesichts des kognitiven Elends der vermeintlichen „Eliten“ dem alten Denk-Nazi Heidegger zustimmen: Nur ein Gott kann uns noch retten! Nur, woher nehmen?

Sprachblondinen verursachen N400!

29. Mai 2009

ÜBER HYPNOTISCHE SÄTZE, DEN N400 UND DIE BLONDINEN VON RIGA

Kennt das noch jemand? Daß man von einem einzigen Satz hypnotisiert und gewissermaßen gekidnappt wird? Mir ging das heute so mit einem irgendwie mysteriösen Satzgefüge von Franz Kafka, das geht so:

Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.“

Ich weiß nicht genau, warum, aber diese beiden ominösen Sätze lähmen mich irgendwie, weil, einerseits stimmt meine Lebenserfahrung Kafkas seltsamer Diagnose eifrig nickend zu, andererseits bekomme ich bei jedem Durchlesen einen N400. – Jetzt habt Ihr auch einen N400, oder? N400 nennen die Neuropsychologen einen Ausschlag beim EEG, der immer dann erfolgt, wenn einem Probanden oder Patienten während der Hirnstrommessung ein Satz vorgelegt wird, der in sich semantisch unstimmig ist. „Langbeinige blonde Mädchen träumen von Model-Karrieren“ – das ergäbe im EEG nichts Auffälliges. „Langbeinige blonde Schäfchen träumen von Model-Karrieren“ dagegen gäbe einen Oops?, also einen N400. Was Kafkas Satz betrifft, so tapse ich irritiert in ihm im Kreis herum und zögere, aus ihm wieder herauszukommen. Er erzeugt, was er behauptet. Das ist merkwürdig und selten, vor allem in der Kürze.

Bei langen Texten geht das schon leichter. Ich erinnere mich, während des Studiums eine ungefähr hundertseitige Vorlesung über das Phänomen der Langeweile studiert zu haben; sie stammte vom berühmten Schwarzwälder Seins-Beschwörer Martin Heidegger und war stilistisch dermaßen fädenziehend langweilig, daß sie sich sozusagen gleich selbst zum Beispiel nehmen konnte. Lachtränen und Gähntränen mischten sich beim Augenreiben! Ich weiß nicht, ob der alte Fuchs das beabsichtigt hatte, für Humor war er eigentlich nicht bekannt. Aber unfreiwillige Komik erheitert ja oft mehr als krampfhaft gewollte, oder?

Außer Sätzen, die sich auf Leser-Hypnose verstehen, gibt es noch solche, die praktisch mit Zeitzünder arbeiten; sie bleiben nach der Lektüre erstmal wie tot im Kopf liegen und dämmern schon dem Vergessen entgegen, und dann explodieren sie plötzlich und aus ihnen regnet ein kleines oder größres Häufchen Blödsinnskonfetti. Beispiel gefällig? Hier habe ich eine Zeitungsmeldung von heute, die gleich einen zweistufigen Zeitzünder besitzt, bei mir jedenfalls:

Blondinen gegen Krise. Mit einer Pfingstparade durch Riga wollen hunderte blonde Frauen die durch die Wirtschaftskrise getrübte Stimmung in Lettlands Hauptstadt aufhellen. Mindestens 500 Teilnehmerinnen würden an der Parade am Sonntag teilnehmen, sagte die Chefin des Verbandes blonder Frauen, Marika Gidere.“

Zunächst überlas ich die beiden Sätze achselzuckend, um zum Sportteil überzugehen, denn die begehrte unfeiwillige Komik nistet gern im Stil der journalistischen Sportlyriker. Erst Minuten später setzte ein durch N400 verursachtes Kopfschütteln ein: Wieso, fragte es sich in irgendeinem meiner entlegeneren Hirnareale, soll eine „Parade“  ausgerechnet blonder Frauen etwas an einer Wirtschaftskrise ändern? Die Idee klingt ja wie vom Satiriker und Absurdisten Slawomir Mrozek erfunden! Was soll dieser Quatsch denn? So oder so ähnlich nörgelte es in meinem Kopf noch eine Weile weiter, bis ich dem Gemaule, wie meist, mit einem abschließenden „Die Welt ist eben voller Blödsinn“ ein Ende machte.

Ich ging zur Tagesordnung über. Der nächste Tagesordnungspunkt lautete: Einen zweiten Becher Kaffee trinken. Ich erledigte dies gerade gewissenhaft, als es in meinem Hirn leise „puff“ machte und ein aufgeregt blinkendes Fragezeichen einen neuen N400 ankündigte: Wieso, bitte, warum und zu welchem Behuf braucht es in Lettland einen „Verband blonder Frauen“??! Gibt es das etwa bei uns auch, oder ist das eine baltische Spezialität? Sind dort nicht eh alle Frauen blond? Oder doch etwa eine unterdrückte, wegen ihrer Haarfarbe verfolgte und inkommodierte Minorität? Ist Blondheit dort irgendwie bedroht?  Warum sollten blonde Frauen sich sonst überhaupt in einem Verband organisieren? Zur Weiterbildung? Und sind sie mit dem Verband der Brünetten verfeindet, oder ist das eine Schwesterpartei? – Lauter Fragen stoben auf im Synapsengewitter, und wäre ich in diesem Moment an ein EEG-Gerät angeschlossen gewesen, hätte dieses bestimmt verrückt gespielt! Schon begann meine Phantasie zu wuchern und sich in das Verbandsleben der Letten und speziell der weiblichen, blonden hineinzufräsen, da rief ich dem  davoneilenden Hirnschwurbel gerade noch rechtzeitig ein energisches „Platz! Sitz! Aus!“ zu, um meine Gedanken wieder bei Fuß zu bekommen.

Aber geschafft hatten sie es trotzdem, diese Zeitungstext- bzw. Sprachblondinen, und zwar etwas, was reale Frauen, zumindest allein aufgrund ihrer eventuell vorliegenden Blondheit, gar nicht vermögen: Ich war nachhaltig irritiert! –  Nun gilt es natürlich erst einmal, die weitere Entwicklung der lettischen Wirtschaftskrise zu verfolgen. Wie der Kafka-Franz lehrt: Möglichkeiten der Rettung gibt es wieder so viele wie Verstecke – wenn Riga also demnächst einen Aufschwung meldet, müssen wir wohl über Blondinen umdenken oder wenigstens, meine verehrten Freundinnen, auf jeden Fall mal nachblondieren!