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Im Stuhlkreis der Unbetroffenen

12. August 2011

Teile der britischen Gesellschaft sind krank, kriminell und moralisch verwahrlost!

Milde mit den Köpfen wackelnd sitzen wir Alt-Revoluzzer um den Fernseher und gucken schön Vandalenrandale. Manch einer von uns seufzt erinnerungsselig und knetet tatendurstig das Sofakissen. Wie lieben wir den Duft von Benzin und Tränengas am Abend! Traulich fassen wir einander an den Händen und summen die alten Lieder: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Streetfightin men“ oder „La-hasst doch der Juhu-gend ihren Lauf“. Sich zusammenrotten, brandschatzen, plündern, mit gefährlichen Sachen schmeißen, – das sind zweifellos uralt bewährte Kulturtechniken, mit denen seit dem Neolithikum junge Männer ihren Testosteronüberschuss abarbeiten. Auch in der Steinzeit war ja nicht alles schlecht! Seit Homers Epen gehört Raub und Brandschatzung zum europäischen Kulturerbe. Nebst Vergewaltigung und Mord liegt uns das Plündern als Erwerbszweig halt im Blut, und wegzuschleppen ist ja immer was. Heute sind wir uns einig: Der Kapitalismus muss weg! Aber wohin? Am besten trägt man ihn, etwa in Form von Flachbildfernsehern und Laptops, erstmal nach Hause, dann mal gucken, was man davon verticken kann.

Ein bisschen Kritik regt sich allerdings dann doch. Die britische Jugend scheint, vermutlich, weil man ihr geschichtliche Bildung vorenthält, sichtlich irregeleitet. Zwar ist es nur allzu selbstverständlich, dass man sich, als Opfer des Systems, wenn einem andere Wege zur Bereicherung verschlossen bleiben, auf gewaltsamen Raub verlegt, doch, wie man schon bei den alten Griechen lernen kann, der gute Sinn und die Logik des Plünderns liegt ja nun doch darin, dass man andere, fremde Nachbarn ausraubt – und nicht die eigenen Quartiere in Brand steckt und sich gegenseitig beklaut. Tut uns Leid, bildungsferne Schichten: Auch Plündern will gelernt sein!

Regierungschef Cameron hat festgestellt, Teile der britischen Gesellschaft seien krank, kriminell und moralisch verwahrlost. Das hatte man beim Anschauen der letzten englischen Fürstenhochzeit auch schon gedacht, aber natürlich meinte Cameron nicht diese Teile der Gesellschaft, die dem verwahrlosten lumpenproletarischen Mob, den sie Jahrzehnte lang herangezogen haben, jetzt fassungslos beim Marodieren zuschauen. – Einer in unserer Runde kramte dann noch seine alte Mao-Bibel heraus und rezitierte daraus die Anweisung: „Gebt Bekanntmachungen zur Beruhigung der Bevölkerung heraus!“ Pah, längst erledigt! Der deutsche Innenminister wurde zeitnah und, haha, proaktiv den Vandalen zugeschaltet und bewies väterliche Beruhigungskompetenz – bei uns könne so etwas wie die Londoner Krawalle nicht passieren. Wieso? Ganz einfach. Wir lassen den Mob aus England gar nicht erst herein.