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Who let the dogs in?

21. Dezember 2010

Modisch, doof, aber mit Allbein-Getriebe: Franz. Bulldogge (Fotoquelle: Gemeinfrei, Wikipedia, Artikel: "Französische Bulldogge")

Manche Leute, z. b. aus dem mir so überaus unkorrekt perhorrreszierten (nachschlagen, wenn nötig!) „grün-linken juste milieu“, und nicht nur die am Prenzlauerberg, sondern auch in Stuttgart „20,5“ oder im grünkernig-kleinbourgeoisen Freiburg, können sich allen möglichen Luxus leisten! Zum Beispiel – Kinder. (Wer noch die Wahl hat: Ich rate ab! Kinder sind schlimmer als junk bonds und hedge fonds – todsichere Methoden, sich nicht nur wirtschaftlich zu ruinieren, sondern auch noch ein richtiges scheiß Gefühl dabei zu kriegen. Kinder zu zeugen und deren rechtzeitige Abtreibung zu versäumen zeugt nicht nur von „ruchlosem Optimismus“ (Dr. A. Schopenhauer), es führt auch zu emotionaler Deprivation, chronischer Depression und u. U. multiplen Persönlichkeitsstörungen. Kinder kommen gleich nach Meerschweinchen, Schildkröten und Kanarienvögeln: Undankbare, nervende, kostspielige, krankheitsbehaftete, doofe und verfressene Spezies, Parasiten der Evolution, supraviskose Überflüssigkeiten mit krebsauslösendem Nervfaktor! Zeig mir, was Du transportierst, und ich sage Dir, wer Du bist: SUVs und Allrad-Toyotas mit Maxicosi-Kindersitzen indizieren einen Fahrzeuginhaber, der seine Groschen nicht mehr zusammen hat; jedenfalls spätestens, wenn die „Kinder“ in die Schule kommen, zum Ballettunterricht chauffiert werden müssen und Reitstunden verlangen, dann sind die Groschen nämlich rasch alle!

Wer von Kindern nicht wirklich lassen kann, aber schon einen Hauch kognitiver Kompetenz sein eigen nennt, greift zum Surrogat. Ein respektables Kinder-Surrogat ist beispielsweise ein Hund. Hunde haben eine überschaubarte Lebenserwartung, sie wollen weder Markenklamotten von Dolce & Gabbana, G-String oder Lagerfeld, oder gar Nokia-Handys, und weder „erstmal die Welt kennenlernen“ noch studieren bzw. jetzt doch erstmal „noch mal was ganz anderes studieren“ (Theaterwissenschaft, Sanskritologie, Meeresarchäologie), sie sind also kostengünstig, und außerdem treuer, anhänglicher und dankbarer als jedes denkbare Kind.

Hier rate ich aber: Nehmt bitte nicht wahllos einen hysterischen Jack Russel, keinen Mode-Mops und nicht die beknackte, aber hoch-modische rortweingeschwenkte franz. Bulldogge (diese dicke, debile Leberwurst mit Fledermaus-Ohren und Allbein-Gebtriebe), sondern, wenn schon-denn schon, einen richtig großen, womöglich klops-riesigen und dazu total exotischen Hund, der schon auf der roten Artenschutz-Liste steht! Der Magister empfiehlt Mastiffs, südafrikanische Bluthunde, mallorquinische Schäfer oder portugiesische Wasserhunde, jedenfalls Tiere, die man immer erst googeln muss, um eine Vorstellung von ihnen zu gewinnen. Frauen, die weniger als 50Kg wiegen, lege ich gern eine Dänische Dogge (70Kg) ans Herz, die ihr Frauchen gern mal vor ein fahrendes Auto zerrt. Der sich dann anbahnende oder abspielende Unfall wird bevorzugt „tragisch“ genannt.

Guggssu hier:

https://6kraska6.wordpress.com/2009/09/16/winterseels-jour…

Ob Hunde allerdings wirklich die definitive Lösung darstellen, ist für mich durch die Erzählungen einer Freundin und bekannten Reise-Qualitätsbloggerin  fraglich geworden, die bis vor kurzem einen imponierenden Irischen Wolfshund besaß – ein in der Tat eindrucksvolles Tier, keine Schönheit, aber ausgestattet mit einem Organ (bellen Hunde „bass-bariton“? Ich glaub, dieser schon!), dass dieses Tier Schutzfunktionen übernehmen ließ, die ein Kind, selbst wenn es quengelt, stinkt und quiekt, niemals erfüllen könnte. Ein solches Ungeheuer „Freund“ und „Kumpel“ nennen zu dürfen, erschien mir Naivling lange Zeit als exquisites Daseins-Höhepunktsmerkmal. Manno, dachte ich, wär ich nicht definitiv zu faul, allmorgendlich um 7.00 Uhr mit der Töle um den See zu marschieren, ich hätte verdammt noch mal auch gern so ein ego-steigerndes Monstrum! –

Besagte Freundin ernüchterte mich freilich harsch: Geh mit so einem „Kumpel“ mal menschlichen Bedürfnissen nach: Reisen, Hotelbesuche, Restaurants, Saunen, Museen – wohin wohl dann mit Nero, Tyson, Caligula oder Rocky (III)? – Hunde, und zwar egal ob neurotische Malteser, komplett irre Jack Russels oder meschuggene Doggen, werden in kultivierten Menschenbezirken oft überhaupt nicht akzeptiert! Wer durfte mit seinem Hund schon mal in die Irische Dampfsauna? Wo wird es toleriert, dass vierbeinige Freunde Beuyssche Fettecken wegschlabbern? Selbst in Philosophievorträgen werden große Hunde nur bedingt willkommen geheißen. 

Um so erstaunlicher, wie zögerlich sich eine Markt-Idee durchsetzt, deren menschen- wie tierfreundliche Grundgesinnung sich doch auf Anhieb erschließt: Professionelles Hunde-Hotel, gepflegter Hunde-Parkplatz, Hunde-Wellness-Spa, Hunde-Ayurveda-Bespaßung, Betreuung, Unterhaltung und tiergerechte Aufbewahrung! Hasso, Rex und Attila genießen einen frauchenfreien Wohlfühltag! Das geliebte Vieh wird nonchalant geparkt, abgegeben, ruhig gestellt und wohlmeinend untergebracht, während sich Frauchen gepflegt mal einen Latte Macchiato genehmigt, die Sauna besucht und ein Museum besichtigt. Danach schließen sich schweifwedelnd Frauchen und Hund wieder in die freundschaftlichen Arme, hecheln beglückt und haben nicht die Spur eines schlechten Gewissens. Beide haben ihr Leckerchen bekommen; beide kamen auf ihre Kosten, für die Frauchen dann natürlich leider, aber nur allzu gerne aufkommen muss. Aber für den Liebling ist doch nichts zu teuer!

Eine Gesellschaft, die mit ihren Hunden menschenwürdig umgeht, kann nicht ganz schlecht sein! Sodermaßen bin ich durchaus stolz auf meine Stadt, dass sie so etwas neuerdings bietet: Hunde-Spass! Dächte ich wie ein Rüde, würde ich allenfalls anregen: Ein … Hunde-Puff wäre noch eine Spur mondäner. Aber das kann ja noch werden.

PS: In Ermangelung eines eigenen Hundes kann ich auf das Unternehmen nur werbend hinweisen – persönlich AUSPROBIERT habe ich es freilich nicht.


Meine Großtante und der senfgasgelbe Lautsprecher

24. März 2009
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In memoriam: Elisabeth Haneld † 1953

IN MEMORIAM: 

ELISABETH HANELD

Meine Groß- und Patentante Elisabeth ist schon lange tot, sie starb, von Krieg, Hunger und Nazi-Terror zermürbt und ausgezehrt, schon ein Jahr nach meiner Geburt. Ich kenne sie nur als Familienmythos: Die Malerin, Musikerin und engagierte Pädagogin, die entschiedene Antifaschistin, die 1935 oder 36 gemeinsam mit ihrer Freundin und Lebensgefährtin, einer Schulrektorin, den Staatsdienst in Berlin quittierte (wohl war nach dem Nazi-Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 1933 ihre Stellung unhaltbar geworden), aus der Stadt verschwand und untertauchte. Zehn Jahre hausten die beiden in einer Hütte oder Laube südöstlich von Berlin, zwischen Erkner und Buckow, dort, wo Bertolt Brecht seine „Buckower Elegien“ schrieb. Ohne Lebensmittelkarten, hungernd, vom Nazi-Apparat gesucht und verfolgt, unter den Feuerstürmen der alliierten Bomberflotten verbrachten sie ihre besten Jahre  mit dem Kampf ums nackte Überleben.

Uns blieben ein paar Bilder und Zeichnungen, einige Fotos und ihre Violine…

Jetzt, nach fünf Jahrzehnten, erreichen mich plötzlich zwei „Zeichen“ aus der Vergangenheit. Zum einen bin ich bei Internetrecherchen über eine Notiz im Fürstenwalder Amtsblatt auf den Namen der beiden Frauen gestoßen – und damit auf das Grundstück, auf dem versteckt sie das III. Reich überstanden!  Zum anderen tauchte ein kleines Skizzenbuch meiner Großtante wieder auf, das sie in den Untergrundjahren benutzt hatte. Elisabeth H. war in der Hauptsache Landschaftsmalerin, sie liebte die Märkische Schweiz mit ihren Wäldern, Hügeln und schilfbestandenen Seen, Gegenden, deren Stimmungen sie immer wieder aufs neue zu Papier brachte. Am Ende gibt es nur noch wenige Blätter mit Skizzen: Der strenge Katastrophenwinter 1944/45 schlägt sich nieder in toten, schneebedeckten und frosterstarrten Bäumen und Sträuchern. Dann ist Schluß. Es folgen nur noch leere Blätter.

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Winter 1944/45: Das Ende ist gekommen

Oder, nein, eines, ganz hinten, ist noch benutzt. Eine der seltenen Porträtskizzen Elisabeths: Auf Papier von der Farbe der senfgasfarbenen Nazi-Ausgehuniform hat sie die Fratze von Joseph Goebbels karikiert. Lakonisch steht unter Fanatikerfratze mit den brennenden Augen: „Der Lautsprecher„. – „Wollt ihr den totalen Krieg?“ hatte der gekreischt, und zigtausend Stimmen haben zur Antwort „Jaaa!!“ gebrüllt. Sie haben ihn dann ziemlich postwendend bekommen, ihren totalen Krieg, und ein Berlin, unbewohnbar wie der Mond. 

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Der senfgasgelbe "Lautsprecher"

Meine Mutter, selbst noch ein halbes Kind, von den Nazis zur Knochenarbeit bei der Straßenbahn gepreßt, mußte morgens auf dem Weg zum Depot über die zum Abtransport zurechtgelegten Leichenstrecken der Berliner Bombenopfer steigen. Die meisten waren im Feuersturm auf Kindergröße geschrumpft und verkohlt. Mit der Erinnerung hat sie noch 60 Jahre leben müssen, oder dürfen.

Meine Großtante hat das Nazi-Pack überlebt, immerhin. Die Erinnerung an Menschen, die sich vom „Lautsprecher“ weder einschüchtern noch verführen ließen und es wagten, „Nein!“ zu sagen, gehört zu den Dingen, die uns die Geschichte ertragen lassen.