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Forsch geforscht

28. August 2011

Ziemlich gescheit ohne Forschungsauftrag: Alter Mann (Euripides, 485/84-406 v. Chr.)

Meine Lieblings-Provinz-Postille, die liberal-katholische „Rheinische Post“, schätze ich für den in ihren Texten gelegentlich aufblitzenden staubtrockenen Humor. Beispiel? „Die klassische Entscheidungstheorie“, wird aus der Welt der Wissenschaften reportiert, „geht bislang davon aus, dass der Mensch ein höchst rationales Wesen ist – ein Zustand, der in der Realität so nicht nachgewiesen werden konnte.“ Ob wohl ich nur selten Berührung mit der Realität habe, ist mir der Verdacht auch schon gekommen, dass Rationalität etwas überschätzt wird. Ganz genau wissen kann mans freilich nicht, also untersuchen wir das sicherheitshalber mal wissenschaftlich. Gottlob haben wir eine „Arbeitsstelle Rationalität im Licht der experimentellen Wirtschaftsforschung“. Die untersucht in einem auf zehn Jahre (!) angelegten Projekt (Gesamtkosten 2,7 Mio.!), ob es eventuell sein könnte, dass Menschen nur „eingeschränkt rational“ handeln. Bis 2016 will man das herausgefunden haben.

Obschon, eigentlich weiß das der Altsprachlich-Humanistisch-Gebildete schon seit rund 2500 Jahren, wie die kürzlich bereits angeführten Euripides-Worte zeigen: „Einsicht fehlt /
den meisten nicht, ganz anders liegt der Grund:
/ Was recht ist, sehen wir und wissen wir
/ und tun es doch nicht, seis aus Lässigkeit,
/ seis weil die Lust des Augenblicks / das Werk
verdrängt, und mancherlei Verlockung gibt’s …“ Nicht wahr? Vernunft, das ist ein hohes Gut, nur fragt sich, wer besitzt davon genug? Na, ich jedenfalls nicht. Ich selber trinke, lese, esse, liebe, enthusiasmiere & bewundere mehr, als mir gut tut. Ich lebe praktisch ständig wider besseres Wissen! Das könnte auf meinem Grabstein stehen: „Er lebte wider die Einsicht“. Was ich mich sehr beschämt und mich meine Eitelkeit gewahr werden lässt: Ich habe nicht zu der unnachahmlichen Noblesse und Zurückhaltung von Loriot gefunden, dem einhellig zum ewigen Bundespräsidenten deutsch-humorigen Selbstverständnisses gekorenen großen verstorbenen Mannes, der, auf die Frage, was auf seinem Grabstein stehen solle, geantwortet hat:„Nun, es wäre wahrscheinlich zweckdienlich, wenn mein Name darauf stünde.“

Wenn ich in hohem Lebensalter noch einen Wunsch hätte, dann wäre es wohl der, ein solcher zu werden, wie der Herr von Bülow einer war: Geistvoll, bescheiden, nobel bis vornehm, unschlagbar in seinem göttlichen Understatement und unnachahmlich in seiner hoch-eleganten Selbstironie! Ich schaffe es nicht. Ich bin zwar auch preußischer Herkunft, aber eher pommersch-plebeisch-proletenmäßig, peinlich pöbelhaft um meine Reputation bedacht. Um jede Peinlichkeit, vor allem die der Eitelkeit zu vermeiden, muss man es wahrscheinlich genetisch-gebürtig „nicht nötig haben“. Im Zeitalter egozentrisch-selbstbewusster Ich-Ich-Brüllerei gebe ich gern zu: Ich wäre gern ein anderer. Für mediale Karrieren ist das schlecht. Jungen rational handelnden Menschen rate ich daher unbedingt, sich selber absolut und zweifelsdicht „echt toll“ zu finden. Das hilft! Sich selber peinlich und aller Zweifel wert zu finden, ist echt keine gute Voraussetzung, um öffentliche Aufstiegschancen zu befeuern!

 Übrigens, gegen die eigene vernünftige Einsicht Mist zu bauen – was man eigentlich für unmöglich hielt! – nannte man in der Antike akrasia.  Vielleicht lag es daran, dass man damals leckere Zigarettchen nicht kannte. Sokrates zum Beispiel hätte sonst nicht verstanden, wie man trotz der Vernunfteinsicht, dass Rauchen schädlich ist, trotzdem seine Kippen durchzieht. Der Großphilosoph Platon und seine literarische Marionette Sokrates waren allen Ernstes der Meinung, wer auf dem Athener Markt 400 Drachmen für ein Stück Räucheraal ausgab, könne nur nicht ganz richtig im Kopf, vulgo von übellaunigen Göttern missleitet sein. Nobel gedacht, wenn auch unrealistisch

Ab 2016, wenn man dann wieder Kapazitäten frei hat, möchte ich anregen, könnte man ja mal experimentell erforschen, ob der Kapitalismus vielleicht gar nicht nur auf das soziale Wohl aus ist, sondern ein bissl auch auf Habgier beruht. Könnte ja doch sein!

Über die Sexualität alter Männer. Pinguine im Meerschweinchen-Becken

30. Juli 2010

Alter Sack, noch in Betrieb

Seine biologische, soziale und ökonomische Funktion hat er, na ja, schlecht und recht, erfüllt: undankbare Kinder gezeugt, mickrige Bäume gepflanzt, dickleibige Bücher geschrieben (oder zumindest Bausparverträge verkauft), ferner Alimente gezahlt, in den Grenzen seiner Möglichkeiten Karriere gemacht, Haus gebaut, Haus bei ebay wieder verkauft, um den Erlös auf dem Trümmergrundstück seiner trostlosen patch-work-Vergangenheit vertröpfeln zu lassen. So weit, so na gut. Anstatt sein Lebenswerk aber dann fristgerecht mit einem finalen Herzinfarkt zu krönen, trödelt er immer öfter unschlüssig in seinem überfälligen Leben herum und will par tout nicht abtreten. Gott, wie der anödet, der alte Herr! Er ist übergewichtig, hoffnungslos unattraktiv, ihm wachsen Haare aus Ohren und Nase, er quengelt, nörgelt und bietet an jeder windigen Straßenecke seine überholten Erfahrungen an wie rumänisches  Gammelfleisch. Niemand will ihn, den alten Sack, doch klebt er zäh am Dasein wie altes Kaugummi. Als hätte er noch eine Zukunft, rennt er panisch zu Vorsorgeuntersuchungen, macht alle zwei Wochen Belastungs-EKG und kauft heimlich Viagra® im Internet, wahrscheinlich mit Frührentner-Rabatt. Wofür, bleibt im Dunklen. Kurzum: Der ältere Mann ist ein Lästling! Zunehmend – wie auch sonst, mit dem Abnehmen will es ja doch nicht mehr klappen – wird er zum sozialen Problemfall oder Brennpunkt, im Klartext: zu einem Entsorgungsproblem.

Männer ab sechzig, sofern sie nicht durch irgendwelche dubiose Polit-Macht, gewesene Schlagerprominenz oder sonst eine zwielichtige Windbeutelei ihr verstaubtes Charisma in essigsaurer Tonerde mumifizieren konnten, sind, seien wir offen, eine Zumutung. Dieser Bodensatz der Gesellschaft – es sei denn, er hat talkshow-kompatible Eminenz  aufzuweisen oder steht unter polit-historischem Denkmalschutz –, besitzt nicht die geringste Existenzlizenz mehr! Ehrlich: Männer ab sechzig, an denen man vergessen hat, rechtzeitig den sog. „Vatermord“ (S. Freud) zu vollziehen, verzehren unsere Renten-Ressourcen, belästigen anderswo dringend benötigte Land-Ärzte mit ihren Wehwehchen und besserwissern ansonsten ziellos am Büdchen, in der Kneipe oder am Stammtisch herum. Viele sind dabei sinnlos (!) alkoholisiert, stehen unter Drogen (Beta-Blocker, Cholesterin-Senker) oder geben sich sonstwie als hemmungslose Spießgesellen der Spaßgesellschaft zu erkennen.

Das widerwärtigste an älteren Männern ist ihre sog. Sexualität! Ekelerregend und hart am Rand der Sittlichkeits-Kriminalität. Menschlichen Zeitbomben gleich, umschleichen ältere Männer unentwegt (sie haben ja Zeit ohne Ende, die fitten Vorruheständler!) Kinderspielplätze, obskure Erlebniskinos und miese Striptease-Schuppen. Entweder, unsagbar abgründig: denen ihre Impotenz! Alte Männer, das macht sie sympathisch wie Furzkissen, „kriegen keinen mehr hoch“, also praktisch latte fuccicato, – was sie mit Recht zum verächtlichsten macht, was der reproduktionsorientierte Menschenmarkt an Ladenhütern überhaupt zu bieten hat. Zum Abschuß freigegegeben: der notorische „alte Sack“ und Null-Testosterontoleranz-Zombie. Naturgemäß wird er nach Ersatzbefriedigungen suchen – Senioren-Tanz, regelmäßiger Besuch öffentlicher Gerichtsverhandlungen („da hab ich was Sinnvolles und bin der Frau aus dem Weg!“), sowie GPS-gestützte Fahrradtouren durch die Region. Lachhaft! – Man verzeihe mir meinen zivilcouragierten Mut zur waghalsigen political incorrectness, aber ich bin der Überzeugung: Alte Säcke brauchen wir wie Pinguine im Meerschweinchen-Becken!

Oder, noch monströser und superfieser als der „alte Sack“ – der als „widerlicher, alter geiler Bock“ berüchtigte Hormonkrüppel, der, wie ich gerade in einer elektronisch übermittelten Leserbriefzuschrift las, z. B. gern auf Schützenfesten (die Loveparade-Orgie des alten Sacks) jungen Hüpfern, Backfischen und kellnernden Saaltöchtern – und zwar häufig: glasigen Auges! – auf deren sekundären Geschlechtsmerkmale stiert. Und zwar je ansehnlicher die Jungfer und je hervorstechender besagte Merkmale, desto gieriger! Ein Alarmzeichen: der alte Bock ist zwar mausetot, weiß es aber noch nicht oder will es einfach nicht wahrhaben, denn unseligerweise ist sein Triebleben noch nicht erloschen. Es kaspert einfach immer weiter, das Ge-Triebe, obwohl das Verfallsdatum seines Herrchens längst überschritten ist. Wie beim altbekannten Pawlowschen Hund löst sein vertrocknetes Hirn noch immer automatische Sabber-Reflexe aus, sobald er ranker Weiblichkeit ansichtig wird. Wie widerlich ist DAS denn! Abscheulich! Warum schreitet der Gesetzgeber nicht ein? Der Sozialdienst? Die Pharmaindustrie? Was für Jungspunde absolut legitimerweise als „sexy“ gilt, ins Beuteschema passt und ordnungsgemäße Balz-Rituale initiiert, ist für den alten Sack resp. Bock selbstredend Tabu, verbotenes Früchtchen, no-go-area, Sperrgebiet mit Nato-Draht und Vergrämungsanlage. Der Senioren-Simpel hat seine Triebimpulse, evtl. gleich zusammen mit dem Führerschein, rechtzeitig bei den Behörden abzugeben. Und dann aber ab in die Selbsthilfegruppe!

Moralisch betrachtet, und das ist bei Sexualität der einzig denkbare Gesichtspunkt, hat sich der alte Sack, wenn er schon seine fiesen, unausgelebten Restsehnsüchte nicht gebändigt bekommt, gefälligst auf die inneren Werte gleichaltriger Damen zu fokussieren. Jedem das Seine und ihm, was übrig bleibt. Also alles Mutti – oder Neutrum. Angorapullis und Perlenketten, Stützstrümpfe,  Krampfadern und adrette Faltenröcke seien ihm jetzt erotischer Reiz genug! Verdient er, der bierbäuchige Grauhaar-Wackeldackel, denn etwa anderes? Er hatte seine Zeit, die er hoffentlich genutzt hat, der lüsterne Lackel, – jetzt aber hat er szypko szypko Platz zu machen. Mach Er Sitz, Dackel! Und laß Er das Hecheln! Unverschrumpelte Knackärsche, süß knospende Mädchen-Brüste und blank gleichschenklige Dreiecke (der wüste Traum des geilen alten Pythagoras-Sacks: Arsch-Quadrat mal Brust-Quadrat gleich…) haben ihn ab sofort rundweg kalt zu lassen. Reflektion statt Erektion. Das Gesetz der Euklidischen Geriartrie!

Der lächer-verächtliche „geile Alte“ (früher auch durchaus gern weiblichen Geschlechts –  heute unterbinden das in ihrer Regel die Frauenbeauftragten…) ist eine literarisch allseits beliebte Witzfigur seit zig tausend Jahren, ein Papp-Popanz und Pappenheimer, auf den auch der letzte Erz-Schmand, Dorfidiot oder Pickel-Grind noch, wenn nur unverdientermaßen zufällig etwas jünger, herzhaft draufschlagen durfte, von Aristophanes bis Loriot, in der attischen Komödie der alten Griechen wie in der Comedia dell’Arte und weiter bis zum Ohnesorg-Theater und der heutigen 0/8-15-Fernseh-Comedy. Der Typus des unzeitgemäß geilen Seniorendeppen ist entwicklungsgeschichtlich das erste hominide Rudelmitglied, auf das ausnahmslos alle Neandertaler straflos einkeulen durften, ohne Angst haben zu müssen, revanchehalber eins in die kinnlose Überbissfresse zu kriegen.  Alte Säcke haben seit jeher noch weniger Lobby als Kinderschänder – die sie ja schließlich potentiell auch immer sind, aus rein (geronto-) logischen Gründen. Sie stieren, starren, glotzen und sabbern (interessant, kaum ein Spachklischee kommt ohne dieses „Sabbern“ aus!). Am liebsten würden die Herren Drüsentrieb-Knechte selbstredend nicht nur „sabbern“, sondern vielmehr womöglich gern auch noch „antatschen“, „befummeln“, „begrapschen“. Das wär wohl noch schöner! Wie lange wollen wir das noch mit ansehen, ohne zum Knüppel zu greifen? Zum Elektroschocker oder Bolzenschußgerät?

Warum wir alle den „geilen alten Bock“ so ungemein einhellig verachten, hat zunächst archaisch-soziobiologische Gründe. Um zweierlei kämpft man(n) in der Urhorde: Um Fleisch-Ressourcen und dann um die Weiber, sprich: die Reproduktionsgelegenheit. Schon um des Gen-Pools und der evolutionär effizienten Zuchtwahl willen dürfen die Generationen nicht durcheinander kommen. Verbrauchte Säcke müssen von der Reproduktion ausgeschlossen werden, auch wenn sie noch „können“. Bzw. natürlich gerade dann! Neben dem Inzest-Verbot ist die sexuelle  Generationenbeschränkung eines der grundlegendsten kulturstiftenden Tabus. Die Anarchie des Biologisch-Natürlichen muß eingedämmt werden. Tut mir Leid, Freunde: Evolution is a harsh mistress.

Selbst ausgedörrte Yoga-Damen, verbitterte Spät-Punks, Alt-Rock’n’Roller oder postklimakterielle Besucherinnen des fair gehandelten Häkelkreises von Presbyter-Präses Dr. Schleierhaft, letztere eigentlich zur christl. Nächstenliebe verpflichtet, hassen und verachten schnaubend den „alten geilen Bock“. Widerspruch muß da niemand fürchten. Wer will schon so einen als Nächsten haben!  – Aber andererseits, wir haben heute natürlich auch Zivilisation, Aufklärung, Menschenschutz und alles, weswegen einfaches Lynchen und grobschlächtiger Totschlag (sog. „Keulen“) mit gewissem Recht geächtet sind und leider nicht mehr in Frage kommen.

Und hier komme ich mit meinem Plädoyer bzw. humanen Projekt der psycho-sozialen Entsorgungshilfe: Männer ab 60, über den Daumen, sollten einer – selbstverständlich humanen, also menschlich schon okayen, verständnisvollen und einfühlsamen – Einschläferung zugeführt werden. Entsorgung im Wohlfühlambiente: Ein sedierendes Schnäpschen vorweg, eine kleine blaue Spritze, dazu als Sterbe-Soundtrack Mozart-Sample oder Ennio Morricone, in würdigem, auf Wunsch auch erweitert patch-work-familiären Rahmen, pardauz! –  und allen wäre doch gedient! Im Anschluß, nach der besinnlich gestalteten Feuerbestattung, Kaffee und Käsekuchen, damit die Hinterbliebenen eine schöne Erinnerung gehabt haben werden und gut über den Verblichenen reden. „Ja, gut, vielleicht war er ein alter geiler Bock, aber nun ist er von dem Leiden erlöst, das er uns bereitete“. (Kleiner Tipp: Zuvor das Testament nicht vergessen!) – Und wieder ist die Welt ein bisschen schöner, sauberer, sicherer und bewohnbarer geworden!

– In der nächsten Folge: „Wohin bloß mit Mutti? – Wenn Frauen ihre Jahre bekommen“

Prahlhans als Küchenmeister

21. Mai 2009
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Darauf wären wir nie gekommen: Wilmenrods "Gefüllte Erdbeere"

MUTTIS HEINZELKOCH: GIGOLO ALS KÜCHENMEISTER

Ey Kids, kommt mal kurz von der Tanzfläche! Daddy-O will wieder von früher erzählen! – Tscha, Kinners, wir wollen mal ein Jubiläum feiern. Vor ziemlich fast genau 45 Jahren war das, da ging eine Ära zu Ende, die wir heute als legendär, wenn nicht mythisch bezeichnen dürfen: Am 16. Mai 1964 hieß es im Fernsehen zum allerletzten Male „Ihr lieben, goldigen Menschen!“ bzw. „Verehrte Feinschmeckergemeinde!“ – der erste Fernsehkoch Deutschlands gab nach 11 sensationell, ja, epochal erfolgreichen und die Kultur der Bundesrepublik prägenden Jahren den Löffel ab. Nur drei Jahre später legte er auch Messer und Gabel nieder und brachte sich um, in der – möglicherweise irrigen – Annahme, er sei an Krebs erkrankt: Clemens Wilmenrod, Erfinder der „gefüllten Erdbeere“, des „Toast Hawaii“ und des „arabischen Reiterfleisches“ sowie permanenter Schrecken und Albtraum (nightmare in residence) meiner Kindheit. Während samstags bei Fernseh-Familie Kraska während der „Sportschau“ Sprechverbot herrschte, brach an jedem Freitag um 21.30 Uhr Muttis Ausnahmezustand aus: Da saß sie mit gespitztem Bleistift über einem zentimeterdicken alten Taschenkalender, um jedes heilige Rezeptwort mit zu stenographieren, wenn es wieder hieß: „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“.  Was der joviale, immer etwas ölig wirkende Mann auftischte, wurde regelmäßig, in der Interpretation meiner jungen, wg. Armut kulinarisch unerfahrenen Mutter, zur mittagstäglichen  Realität. Ich bin, so gesehen, gastro-ästhetisch durch eine harte Schule gegangen. Manchmal war es okay, aber manchmal auch das Grauen (Marlon Brando als Colonel Curtz in ‚Apocalypse now’: „The horror! The horror…!“).

Unser mit dem Charme eines geübten Heiratsschwindlers und Vorstadt-Strizzis ausgestattete Fernsehkoch gehörte zu einem Typus, der in gewisser Weise stilbildend für die junge Bundesrepublik wurde: Ein Windbeutel, Scharlatan und Schaumschläger, ein Durchmogler, Phantast und kreativer Taugenichts, ein roßstäuscherischer Autoverkäufer, wortverdreherischer Versicherungsvertreter oder Friseur, der gegen Aufpreis auf einer Glatze Locken drehen konnte. Es versteht sich, daß Wilmenrod vom Kochen im Prinzip kaum Ahnung hatte, denn er war gar nicht Koch, sondern bloß arbeitsloser Schauspieler, und er hieß noch nicht mal Wilmenrod, – Carl Clemens Hahn kam lediglich aus dem gleichnamigen Örtchen im Bergischen. Seine in schwarz-weiß ausgestrahlte Koch-Show bestritt er selbdritt: Zunächst war da der Maestro höchstselbst, der das Reden und Anekdoten-Drechseln besorgte und oft eine Schürze trug, auf der er selber, schmeichelhaft karikiert, abkonterfeit war; sodann Hahns Frau Erika, die das Schnibbeln, Putzen, Raspeln und Bruzzeln besorgte, ungenannt, anonym und im Hintergrund – nur ihre Hände kamen versehentlich mal ins Bild –, sowie schließlich der berühmte elektrische Infrarotgrill ‚Heinzelkoch’, der auch im Abspann immer erwähnt wurde und bei Loriot, leicht verfremdet als Kombi aus Haartrockenhaube und Staubsauger („Es bläst und saugt der ‚Heinzelmann’, wo Mutti sonst nur Blasen kann“) eine zotig-parodistische Widergeburt zeitigen sollte. Erika Hahns Hände waren freilich evtl. schon das unverzichtbar tragende Personal: Als Wilmenrod einmal vor laufender Kamera eigenhändig und ungedoubelt eine Pute tranchieren sollte, gab es ein Massaker, das das Grauen der damaligen Edgar-Wallace-Filme mühelos toppte!

Wilemrods kulinarische Koch-Kreationen atmeten den unvoreingenommenen, konzentrierten Wahnsinn eines gebrannten, aber auch begabtem Kindes, das im Begriff ist, die Welt neu zu erfinden. Oder in die Luft zu sprengen, je nachdem, was an Zutaten zur Verfügung stände. In der späten Nachkriegszeit („Wir hatten ja nichts!“) war Wilmenrod „vor nichts fies“, wie wir im Ruhrgebiet sagen,und nichts war vor seiner Experimentierlust sicher – er kochte ungeniert mit Dosengemüse, Ketchup,Glutamat-strotzenden Saucenbindern oder Tüten-Suppen, wobei er das jeweils Zusammengerührte großzügig mit phantasievollen, auratisch nach weiter Welt schmeckenden Namen garnierte oder überbuk: Das „arabische Reiterfleisch“ erwies sich dabei als simples gebratenes Hack, der „gefüllte Erdbeere“ war lediglich eine Mandel appliziert und dem schlichten panierten Schnitzel verlieh er generös den hochmögenden Grafentitel „Venezianischer Weihnachtsschmaus“ (Ich glaube, Loriots legendärer „Kosakenzipfel“ und das „Schnitzel Florida“ waren auch von Wilmenrod inspiriert…). Auch eine noch heute gebräuchliche Gastro-Marotte verdankt Wilemenrod die Existenz: Fiel dem Koch ausnahmsweise nichts ein, wurde halt irgendwas, was gerade da war, auf eine Scheibe Weißbrot geworfen und mit Käse überbacken. So entstand u. a. der unsterbliche „Toast Hawaii“, den ich, ich gestehe das, heute noch, mit gewissen Abwandlungen, goutiere.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, der berühmte „Käse-Igel“, unverzichtbarer Party-Snack der Adenauer-Jahre, ging ebenfalls auf Wilmenrods Kreativität zurück. Was sich allerdings hinter Gerichten wie „Würstchen mit Austern“, „flambierte schwarze Banane“, „Zwiebelsuppe Renée“, „Tessiner Fischschnitzel“ oder „Päpstlichem Huhn“ verbarg, weiß ich nicht mehr, und da ich kein Steno beherrsche, kann ich die Notizen meiner Mutter (Lukullus habe sie selig!) nicht entziffern. Ich entsinne mich nur noch mit Entsetzen eines bei uns oft gegessenen Auflaufgerichtes, das Seelachs oder Kabeljau mit gekochten grünen Dosenbohnen kombinierte und beides im ‚Heinzelkoch’ mit einer derben Schicht gebutterten Paniermehls überkrustete. Es war, nun, … speziell.

Fairerweise muß man erwähnen, daß wir Deutschen heute noch immer über sauren Nierchen mit Pumpernickel brüten würden, hätte uns der Blender und geflunkerte Weltmann Wilmenrod nicht mit kulinarischem Fernweh infiziert. Er verwendete als erster den kurz  zuvor noch als „jüdisch“ verfemten Knoblauch, briet gern mit Olivenöl und schwärmte weltläufig von italienischer Pizza und Pasta. Daß die sog. „Fresswelle“ in Nachkriegsdeutschland bruchlos in die massentouristische „Reise-Welle“ überschwappte, war nicht zuletzt das Verdienst von Wilmenrods gefinkeltem Kosmopolitismus. Er hat den stabilsten, widerständigsten Hort deutscher Xenophobie geknackt – die Angst vor fremdem Essen! Ewiger Dank an Schwindelkönig Wilmenrod, nicht Schmalhans, sondern Breitmaul als Küchenmeister!

Die stilbildende Medienpräsenz des deutschen Hausfrauenlieblings zerbrach an der Geldgier des Maestros – oder an der Scheeläugigkeit der Neider beim WDR, je nachdem, von wo man guckt. Denn nachdem es mit dem ‚Heinzelkoch’ so gut geklappt hatte, hievte Wilmenrod immer unverfrorener und dreister Markenprodukte auf den Küchentisch, um lauthals Reklame zu machen. Der Erfinder des „Toast Hawaii“ ist, zumindest in Deutschland, auch der Erfinder der Schleichwerbung und des product placements gewesen, sowie, natürlich, der überflüssigsten aller Televisions-Genres nach dem Soft-Porno: der Koch-Show. Jedenfalls, die deutsche Hausfrau, damals noch vom Ehe-Vati vertreten, witterte Kommerz und Unredlichkeit, und da man Geldgier noch dumpf als Juden-Laster und undeutsch im Hinterkopf hatte, wurde Clemens Wilmenrod abserviert. – Bei mir bleibt der Mann dennoch unvergessen; er ist mir als Kind (also als ICH ein Kind war, nicht er!) derart auf die Nerven und den Magen gegangen, daß ich ihn quasi inkorporiert habe, wohl auch ins Herz geschlossen, wie alle, die sich an eine Kindheit in den 60ern erinnern.

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Unvergessen: der Prahlhans als Muttis Küchenmeister